Sie musste hier raus. Er war doch verrückt. Sie hatte in ihrem jungen leben schon genug mit ihm durchmachen müssen. Es war ihr egal, wie viele schöne Sachen er ihr kaufte und wie schön doch dieses Anwesen war, sie konnte und wollte dies alles nicht mehr mitmachen. Und doch wollte sie auch wissen, warum er so handelte. Etwas muss ihm doch zu dem gemacht haben, was er jetzt war, aber was oder wer hat ihn so weit getrieben, dass er jemanden, den er liebte, so behandelte. Sie wollte der Sache auf den Grund gehen, auch wenn sie wusste, dass die Frage nach dem Warum ihr Leiden nicht verschwinden lassen würde, war es ihr wichtig, um damit auch abschließen zu können.
Sie überlegte, wie sie auf ihre Fragen Antworten bekommen würde und spielte mit den Gedanken, Denise zu fragen. Doch die würde da bestimmt keine Hilfe sein. Schließlich war sie der Grund, warum es oftmals zu Auseinandersetzungen zwischen ihr und Joshua gab. Nein, Denise wäre hier keine große Hilfe. Sie musste also allein der Sache auf den Grund gehen.
Plötzlich klingelte das Telefon. Sie schaute sich kurz um, es war niemand in Sichtweite, also hob sie ab.
„Ich hole dich da raus", sagte eine Stimme, die sie sofort wiedererkannte. Es war Michael.
„Du sollst hier nicht anrufen, das ist viel zu gefährlich. Aber du musst mir helfen. Bitte hilf mir, Michael. Er hat mir Tabletten gegeben um mich ruhiger zu machen. Er ist ein Monster. Ich muss hier weg", flüsterte sie. Noch bevor er etwas sagen konnte, legte sie auf.
Ihr Herz raste aus Angst, dass man sie gehört hätte. Warum war er so unvorsichtig? Aber sie hoffte, dass er ihr helfen würde, denn allein wollte sie da nicht durch.
Die nächsten Tage hatte Joshua sehr viel gearbeitet. Sie verbrachte also ihre Zeit damit, nach irgendetwas zu suchen, was ihr verraten würde, warum Joshua so aggressiv und besitzergreifend war. Sie wusste zwar noch nicht, nach was sie suchte, aber irgendetwas müsste sie doch finden.
Immer wieder klingelte morgens das Telefon und immer wieder war es Michael, der anrief. Sie war froh darüber, auch wenn sie ihm jedes Mal sagte, dass er nicht mehr anrufen sollte, da es eine Gefahr für sie und für ihn wäre. Sie wusste ja, wie unberechenbar Joshua sein konnte und sie wollte Michael nicht in Gefahr bringen. Auch wenn er es nicht selbst herausfinden würde, gab es doch überall Angestellte und sie traute hier niemanden.
Michael nahm es hin und somit hörten die morgendlichen Anrufe auch bald wieder auf, noch bevor Joshua wieder zurück war.
Sie suchte immer wieder nach Hinweisen um herauszufinden, wer Joshua wirklich war. Ja, sie kannte ihn seit Jahren und er hatte ihr schon etwas von ihm erzählt, und doch hatte sie das Gefühl, dass er ihr etwas verheimlichte. Etwas, das sie vielleicht verstehen ließ, warum er so war. Doch sie fand nichts. Es gab weder ein Familienalbum noch gab es irgendwo Bilder oder etwas anderes, das über sein Leben oder seine Herkunft etwas aussagte. Fast wollte sie die Suche schon aufgeben. Doch sie beschloss, eine Pause zu machen und etwas zu schlafen. Es war schon spät und die Angestellten waren gegangen. Morgen sollte Joshua wiederkommen.
Am nächsten Morgen wollte sie nach dem Frühstück etwas auf den Anwesen Spazierengehen um einen klaren Kopf zu bekommen. Sie wollte nicht mehr an die Telefonate mit Michael denken, wenn Joshua wiederkam.
Als sie zu dem Gebäude mit dem Kino kam, bekam sie Hunger und suchte nach der großen Schublade in der die Süßigkeiten waren. Doch die Schublade klemmte, sie schüttelte daran und als die Schublade sich endlich öffnete, fand sie darin einen kleinen Karton. Er war sehr hübsch, rot mit einer Schleife, sah aus wie eine Geschenkverpackung. Sie zögerte, doch dann nahm sie das Päckchen und öffnete es.
Darin waren Briefe, jede Menge Briefe und Fotos, sehr intime Fotos. Doch als sie sah, wer auf diesen Fotos war, stockte ihr der Atem. Es war Joshua mit ... Denise.
Sie war geschockt. In was war sie hier hineingeraten? War es wirklich, wonach es auf den Fotos aussah oder war sie einfach nur eine liebevolle große Schwester?
Sie hielt die Briefe für einen kurzen Augenblick in ihren Händen, zögerte jedoch sie zu lesen. Nach einigen Augenblicken legte sie die Briefe wieder in die Schachtel, zurück in die Schublade und verließ den Ort. Sie lief noch eine Weile umher bevor sie wieder ins Haus ging. Sie versuchte an etwas anders zu denken und griff nach einem Buch. Joshua sollte bald kommen und sie wollte nicht, dass er etwas bemerkte. Doch je mehr sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, desto mehr gingen ihre Gedanken zurück zu der Schachtel. Und obwohl ihr etwas unbehaglich war bei dem Gedanken an die Briefe hatte sie sich entschlossen, sie bei der nächsten Gelegenheit zu lesen. Vielleicht waren darin die Antworten, die sie suchte.
Kurz vor der Mittagszeit kam Joshua zurück.
„Wie geht es dir, meine Liebe, hast du mich vermisst?", sagte Joshua, als er durch die Tür kam.
Sie begrüßte ihn kurz, danach gingen sie zum Esstisch um das Mittagessen einzunehmen.
Während des Essens sprach er über seine Arbeit und was er in den vergangenen Tagen erlebt hatte, doch er bemerkte schnell, dass Amy etwas abwesend war.
„Amy, geht's dir wieder nicht gut? Hast du deine Tabletten genommen? Du siehst wieder so ein bisschen abwesend aus."
„Joshua, es ist alles in Ordnung. Es waren nur die drei Tage, die du weg warst. Ich habe dich vermisst. Es war immer sehr ruhig hier."
Natürlich hatte sie ihn nicht vermisst. Aber sie musste ihm irgendwas erzählen, damit er Ruhe geben würde. Ansonsten wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass sie etwas gemacht hatte, das ihn wieder wütend machen würde. Und das wollte Amy unbedingt verhindern.
„Alles ist gut Amy, ich bin ja wieder hier. Ich passe jetzt auf dich auf, die Arbeit ist zu Ende, zumindest für heute, ich bleibe den ganzen Tag zu Hause. Vielleicht unternehmen wir was, vielleicht können wir heute Abend noch mal Essen gehen, würdest du das mögen?, fragte er, als er ihre Hand hielt.
Amy nickte nur und versuchte ein Lächeln hervorzubringen. Alles schien perfekt zu sein als er nicht da gewesen war, doch nun war wieder zurück. Sie sehnte sich danach, sich normal mit jemand unterhalten zu können. Wie sehr hatte sie dieses Gefühl genossen als sie noch in Freiheit war, doch nun saß sie hier und musste Joshua täglich in die Augen schauen, dem Mann, der ihr all diese Schmerzen zugefügt hatte und es immer noch tun würde. Ihm schien diese Situation vollkommen kalt zu lassen, ihm war es egal ob sie glücklich war oder nicht. Glaubte er ihr wirklich wenn sie ihm ins Gesicht log, dass sie ihn vermisste? Oder wusste er es und lebte einfach damit, vielleicht mochte er es auch so? Es schien ihn förmlich anzumachen diese Macht über sie haben.
Joshua ging mittags noch mit ihr in einem Restaurant und überraschte Amy mit einem neuen Kleid.
„Schau mal, Liebes. Das habe ich dir mitgebracht!”, sagte er, als er es ihr überreichte.
„Das war bestimmt teuer, Joshua. Das sollst du doch nicht. Aber ich danke dir! „Es war ein wunderschönes Kleid und Amy war wirklich dankbar, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder zu dem Kästchen, das die am Tag vorher gefunden hatte. Die Fotos sah sie immer wieder vor sich. Hatte sie vielleicht etwas missinterpretiert oder waren Denise und Joshua sich wirklich SEHR nahe gekommen? Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie die Briefe unbedingt lesen musste. Dazu musste sie nur noch warten bis Joshua morgen arbeiten ging. Aber der Tag zog sich unheimlich in die Länge. Sie musste geduldig sein.
Später am Nachmittag klingelte das Telefon und Joshua verschwand in seinem Büro. Amy ging in ihr Zimmer und griff nach dem Buch, welches sie zu lesen angefangen hatte als Joshua die Tage fort war.