Amy konnte nicht fassen was sie dort las. Sie war sprachlos. Dieser Brief war kein gewöhnlicher Brief, den man seinem Bruder schreibt. Dieser Brief war ein Liebesbrief. Es waren noch mehr dort in der Schachtel, Briefe und jede Menge Fotos. Sie hatte zwar die oberen Fotos gesehen, doch wollte sie nun alles erfahren.
Zwischen ihm und Denise war mehr zu als nur ein Geschwister-Verhältnis. Oder war Denise gar nicht seine Schwester, sondern eine verflossene Freundin, die er noch immer nicht vergessen konnte?
Amy wollte wissen, ob ihre Gedanken der Wahrheit entsprachen und öffnete den nächsten Brief.
Mein geliebter Joshua
Die Nacht mit dir war wieder wundervoll. Du hast meinen Körper zum Erbeben gebracht. Ich liebe dich so sehr und hoffe, dass wir eines Tages unsere Liebe auch öffentlich zeigen können.
Aber du darfst nie jemanden von uns erzählen, bis ich dir sage, dass es okay ist. Vor allem jetzt, nach dem Tod unserer Eltern. Wenn man herausfindet, dass wir uns lieben, werden sie dich mir wegnehmen und uns für immer trennen. Das dürfen wir nie zulassen, mein Liebster.
Sei achtsam und passe stets auf, wem du etwas erzählst.
Ich liebe dich - vergiss das nicht.
Denise
Sie hatte es geahnt, schon als sie das erste Foto gesehen hatte, dass da weit mehr war als nur eine Schwesternliebe. Diese Briefe ergaben für sie einen merkwürdigen Sinn, denn nun verstand sie auch, warum Joshua nie über seine Schwester reden wollte und auch ihre Streitereien, seit sie bei ihm war. Er wollte nicht, dass sie erfährt, dass Denise mehr als nur eine Schwester war. Sie war diejenige, die ihn großgezogen hatte, nachdem die Eltern starben. Sie war seine Schulter zum Anlehnen, als er allein und traurig war und gleichzeitig auch seine Geliebte.
Amy konnte es immer noch nicht fassen. Denise war doch seine Schwester, und es war falsch, eine Liebesaffäre mit seinem Bruder zu haben. Doch genau das tat sie.
Sie musste hier raus, sie wollte einfach nur die Schachtel weglegen und alles vergessen. Doch konnte nicht vergessen, was sie gelesen hatte. Sie verstand das alles einfach nicht - sie wollte es nicht verstehen. Nein, sie konnte es einfach nicht verstehen.
Joshua würde bald nach Hause kommen und sie musste ihre Gedanken wieder ordnen, bevor er sie so sehen würde. Er würde es merken und sie danach fragen. Was sollte sie dann sagen? Sie musste sich wieder fangen. Sie brauchte jetzt etwas Luft oder vielleicht ein Bad. Sie ging etwas im Park spazieren um dann wieder ins Haus zu gehen. Ihre Gedanken wurden langsam klarer, auch wenn sie an die Briefe dachte, versuchte sie doch immer wieder, an etwas anderes zu denken.
Als Joshua nach Hause kam, fand er sie in der Badewanne mit einem Buch.
„Was für ein Anblick!“, sagte er mit einem lüsternen Blick, als er sie dort nackt liegen sah.
Sie schaute ihn an und versuchte zu lächeln, aber es war merkwürdig, sie fragte sich, ob er genau dasselbe seiner Schwester gesagt hatte, als die beiden noch ein Paar waren.
Sie wollte eigentlich gar nicht daran denken, doch ließ es sie nicht mehr los. Sie hatte tagelang darüber nachgedacht, ob sie wirklich die Wahrheit wissen wollte, denn sie hatte ein ungutes Gefühl gehabt, dass sie etwas herausfinden würde, dass ihr nicht guttat. Nun hatte sie die ganze Wahrheit erfahren und wusste nicht, ob sie es schaffen würde, damit umzugehen. Wie sollte sie sich nun verhalten? Was sollte sie von dem allen halten? Doch eins wusste sie jetzt ganz genau. Sie musste hier raus, er war krank. Denise war krank. Wie könnten die beiden nur ... ? Allein schon der Gedanke daran löste bei ihrem Entsetzen und Ekel aus.
Aber sie hatte die Antwort gefunden, die sie gesucht hatte. Nicht nur wusste sie, warum er nie etwas aus der Vergangenheit erzählte, nein, sie glaubte auch zu wissen, warum er so war. Er wollte nicht mehr verlassen werden. Seine Eltern waren verstorben und Denise verließ ihn, als sie ihren jetzigen Mann kennenlernte. Aber sein Verhalten war krank. Er wollte sie um alles in der Welt bei sich behalten, koste es, was es wolle.
Sie musste hier raus. Sie konnte das alles nicht mehr ertragen. Jahrelang hatte sie seine Art ertragen müssen, sie hatte ja wissen wollen, was hinter seinem Verhalten steckte, hätte auch mit allem gerechnet, doch eine Inzestfamilie war ihr zu viel. In was für eine skurrile Geschichte war sie hier hineingeraten? Wie sollte sie damit umgehen?
Nur eine kleine Weile noch, dann musste sie einen Weg finden, hier rauszukommen. Jeder weitere Tag, den sie hier verbrachte, würde sie ihn noch mehr verabscheuen. Sie musste sich etwas überlegen, einen Plan haben, wie sie es schaffen würde, ihm zu entkommen. Es müsste doch einen Weg geben, wie sie aus dieser Hölle rauskam.
Sie musste nur schnell sein, mit dem was sie vorhatte, denn die Hochzeit war schon in voller Planung und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis der Termin gemacht werden würde.
Der Tag ging dem Ende zu und Amy wollte nur noch schlafen. Doch das Geschehene ging ihr nicht aus dem Sinn zu gehen, ihre Gedanken kreisten um einen Weg, von hier zu entkommen. Immer wieder ging ihr durch den Kopf, was Joshua ihr sagte, “Wir bleiben immer zusammen. Wir leben zusammen und sterben zusammen!” Sie bekam Angst, aber diesmal nicht nur vor ihm, sondern davor, dass er mit seinen Worten recht behielt und dass sie bis zum Ende ihres Lebens bei ihm bleiben müsste. Das würde sie nicht ertragen. Sie musste schnell handeln, sonst gab es keinen Ausweg mehr für sie. Schon recht bald sollte sie seine Frau werden und dann würde es rechtlich nicht mehr so leicht sein, sich aus seinen Fängen zu befreien.
Joshua kam diesen Abend wieder zu ihr. Er war sehr zärtlich. Sie versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass ihr sehr viel durch den Kopf ging. Er legte sich neben sie und fing an, ihren Körper zu streicheln. Sie schloss die Augen und versuchte an etwas Anderes zu denken, doch bei jeder Berührung von ihm verspürte sie nicht nur Abscheu, auch Ekel, der so groß war, dass sie ständig das Gefühl hatte, sich übergeben zu müssen. Immer wieder sah sie Bilder von ihm mit seiner Schwester.
“Oh Amy, du gehörst mir.“, flüsterte er ihr ins Ohr während er sich mit ihr vergnügte. Sie stellte sich vor, wie sie schrie und ihn wegstoßen und versuchen würde, ihm zu entkommen, doch wie immer blieb sie ruhig und ließ es einfach mit sich geschehen, dass es bald vorüber wäre.
Als er endlich fertig war, verließ er das Zimmer. Sie lag allein auf dem Bett. Sie musste sich zurückhalten und warten, aber als er die Tür hinter sich verschloss, brachen die Tränen einfach nur aus ihr heraus, so dass sie ihren Kopf in dem Kissen vergrub um zu schreien. „Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr!“ Ihre Stimme zitterte und sie verspürte nur noch Hass sich selbst gegenüber, denn warum ließ sie das immer wieder zu? Warum ließ sie sich immer wieder so behandeln? Was stimmte mit ihr nicht? Ein normaler Mensch würde sich das doch nicht bieten lassen und hätte dem ganzen schon vor langer Zeit ein Ende gemacht. War sie wirklich so schwach?
Am nächsten Morgen wartete sie, bis Joshua nach dem Frühstück zur Arbeit fuhr und ging in sein Büro. Sie musste unbedingt das Protokoll der Telefongesellschaft finden, da war bestimmt die Nummer von Michael noch zu finden. Sie musste noch einmal mit ihm reden. Sie musste diese Nummer finden. Eine ganze Weile suchte sie danach und fand nichts. Sie wollte schon fast aufgeben, als sie in einer Schublade das Gesuchte fand. „Ja!”, sie stieß sie einen kleinen Freudenschrei raus. Schnell faltete sie das Stück Papier, stopfte es in ihre Tasche und ging verließ das Büro. Sie hoffte nur, dass sie niemand gesehen oder gehört hatte.
Sie war sich nicht mehr ganz sicher, welche Nummer die von Joshua war, aber sie musste es herausfinden.