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1552 Worte
Min Schwarzes, figurbetontes Kleid? Check. Haare offen und glatt? Check. Make-up? Check. Schwarze, durchsichtige Strümpfe und High Heels? Check. Absolut kein Schlaf und komplett ausgelaugt? Check, check und noch mal check. Ich stieß einen frustrierten Seufzer aus. Die Schranke ging nicht hoch. Ich zog die Handbremse an und stieg aus dem Auto. Meine Karte hatte die erste Schranke passiert, aber hier stoppte sie mich. Ein Blick auf die Uhr: 6:45 Uhr. Schon spät. Natürlich. Ich drückte den kleinen roten Hilfeknopf und wartete, während das Telefon läutete. „Hallo, kann ich Ihnen helfen?“ Eine männliche Stimme ertönte aus dem Lautsprecher. „Hi… ich bin durch die erste Schranke gekommen, aber die zweite lässt mich nicht durch.“ „Haben Sie die Karte schon einmal benutzt?“ „Nein, ich bin neu. Ich bin Ärztin im Praktikum.“ „Die Karte muss defekt sein. Sie müssen auf Ebene zwei im Parkhaus kommen und sie dort durchziehen lassen.“ Ich runzelte die Stirn und sah erneut auf die Uhr. Keine Zeit für diesen Mist. „Es tut mir leid, ich habe keine Zeit. Ich muss zur Arbeit. Können Sie die Schranke einfach hochmachen? Ich erledige das später.“ „Nein. Das ist gegen die Vorschriften.“ „Sie machen Witze? Ich blockiere hier den Verkehr. Wenn jemand hinter mir reinkommen will, steckt der auch fest.“ „Die meisten Mitarbeiter parken im B-Block“, entgegnete er sarkastisch. Ich verengte die Augen. „Nicht diese Mitarbeiterin. Also, können Sie die Schranke öffnen?“ fauchte ich. Noch ein Blick auf die Uhr. Scheiße, 6:50 Uhr. „Nein, kommen Sie auf Ebene zwei.“ „Wie komme ich dahin?“ „Auto stehen lassen, Treppe runter, am anderen Ende ist ein Büro.“ „Ich… ich werde zu spät kommen…“ stammelte ich panisch. „Sieht so aus“, sagte er sarkastisch. Scheiße! Ich legte auf, schloss das Auto ab und rannte die Treppe hinunter, zwei Stufen auf einmal. Auf Ebene zwei zog ich die High Heels aus und rannte über den Parkplatz, die Schuhe in der Hand, während nur meine Strümpfe über den blanken Beton schrammten. Keuchend erreichte ich einen dünnen Typen, der offenbar absolut null Interesse hatte, aufzusehen. „Ah, Sie sind die Dame mit dem kaputten Parkticket?“ „Ja… das… wäre ich“, keuchte ich. Ich reichte ihm das Ticket. Er scannte es und öffnete die Schranke per Knopfdruck. Ich beobachtete über seine Überwachungskamera, wie sie sich hob. „Könnten Sie das nicht gemacht haben, als ich noch oben war?“ fauchte ich. „Nein. Ich will keinen Ärger.“ Er lächelte sarkastisch, während er mir die Karte zurückgab. Ich riss sie ihm aus der Hand und rannte zurück zur Treppe, hoch zu meiner Ebene und dann quer zu meinem Auto. Atemlos sah ich auf die Uhr: 6:58 Uhr. Oh Mann. Ich bin zu spät! Ich raste wie eine Verrückte ins Parkhaus, sprang raus, schloss das Auto ab und rannte los. Ich wusste nicht einmal, wo ich im Krankenhaus rauskommen würde, hoffte aber, dass es in der Nähe war. Eine schwere Tür aufgestoßen, trat ich in einen mir unbekannten Bereich. Wo zum Teufel bin ich? Panisch sah ich mich um. Ich entdeckte einen Hausmeister. „Entschuldigung… wo… ist… die Kardiologie?“ keuchte ich. Schön aussehen heute? Fehlanzeige. Ich sah aus wie ein Wrack. Er runzelte die Stirn. „Am anderen Ende des Krankenhauses, zwei Ebenen hoch.“ Mein Gesicht sackte zusammen. „Was?“ Ich rannte los, erwischte gerade noch den Aufzug. Keuchend versuchte ich im Spiegel, die Haare zu richten, und dann, kurz bevor sich die Türen öffneten, sah ich hinunter. Eine riesige Laufmasche zog sich über mein ganzes Bein. Strümpfe ruiniert. „Ah, scheiß drauf!“ fauchte ich. Die Türen öffneten sich, ich stolperte hinaus. Ich brauchte dringend ein Badezimmer, um die Strümpfe loszuwerden. Blick auf die Uhr: 7:10 Uhr. Oh mein Gott. Ich bin nie zu spät. Endlich sah ich ein WC-Schild und stürzte hinein. Ich schmiss die Strümpfe wie eine Verrückte ab. Dieser Tag fing ja großartig an. Ab in den Mülleimer damit und raus. Endlich erreichte ich die Kardiologie. Ich schwang die Doppeltüren auf – und blieb wie angewurzelt stehen. Alle Assistenzärzte standen ordentlich in einer Gruppe mit Dr. Reich. Und da stand ich – keuchend, die Haare wild. Alle drehten sich gleichzeitig zu mir. Oh Mist. „Entschuldigung, dass ich zu spät bin“, flüsterte ich verlegen und schob mich in die Gruppe. Dr. Reichs dunkle Augen fixierten mich. Ich fühlte mich unter diesem Blick schrumpfen. „Schön, dass Sie endlich da sind“, höhnte er. Mein Gesicht sank. „Es tut mir leid, Dr. Reich. Ich hatte ein Problem mit dem Parken.“ „Die Begründung ist irrelevant.“ Sein wütender Blick blieb starr. „Sie sind zu spät.“ Die anderen Assistenzärzte sahen weg. Unangenehm. „Ich… ich weiß“, stammelte ich. „Es tut mir leid.“ Ich senkte den Kopf beschämt. „Ich dulde keine Verspätungen. Sie müssen sich zusammenreißen, sonst halten Sie hier keine zwei Minuten“, knurrte er. „Ich arbeite nicht mit inkompetenten Leuten.“ „Es tut mir leid. Es wird nicht wieder vorkommen.“ „Ihre lahmen Ausreden können Sie jemand anderem erzählen“, murmelte er und verschwand den Flur entlang. Die Assistenzärzte und ich standen wie angewurzelt da. Was zum Teufel war das gerade? Er drehte sich um. „Kommen Sie?“ schnauzte er. Alle rannten ihm nach in ein Patientenzimmer, ich trottete hinten hinterher, das Herz klopfend. „Minna, lassen Sie uns nicht länger warten“, rief er von drinnen. Für einen Moment stellte ich es mir nur vor. Meine Hand ballte sich. Diesmal war es nicht nur Vorstellung. Ich spürte den phantomhaften Aufprall in den Knöcheln. Ein Schlag. Mehr bräuchte es nicht. „Ich komme, Sie arrogantes Arschloch“, flüsterte ich. „Wohin sollen diese, Doktor?“ schnurrte Luise, ein Ton, der mir die Zähne schmerzen ließ. Ernsthaft? Versuchte sie, Dr. Reich für sich zu gewinnen? Viel Glück dabei. Seine Augen glitten zu den Kartons in unseren Händen. „Luise, dein Karton geht ins Archiv, Ebene eins. Minna, deiner kommt in mein Büro.“ Luise runzelte die Stirn. „Also… bringe ich den einfach runter?“ Abgelenkt bemerkte ich kaum, dass sein Blick auf mir ruhte. „Ja. Einfach runtergehen, die Rezeption zeigt Ihnen den Weg.“ Dann streckte er die Hand aus. „Kommen Sie in mein Büro, Minna.“ Mein Magen machte einen Purzelbaum. Kann ein Mann beim Sprechen über Akten so verführerisch klingen? Ich trat ein, die Tür klickte hinter mir zu. Ich erstarrte, den Rücken zu ihm, zu verängstigt, um zu schauen. Sicher konnte er meine Gedanken lesen. Ich wirbelte herum. „Wohin soll ich?“ Mein Hirn streikte. „Äh… ich meine—wohin soll ich den Karton bringen?“ korrigierte ich mich. Er trat auf mich zu, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Ich weiß, was Sie meinten, Minna.“ Oh, wie er meinen Namen sagte… Er nahm den Karton aus meinen Händen, stellte ihn auf seinen Schreibtisch und wandte sich wieder mir zu. Der zarte Duft seines Aftershaves hüllte mich ein. Noch nie hatte ich einen Mann getroffen, der so verdammt gut roch. Wir standen da, nur einen Meter auseinander, die Luft knisterte. Die Chemie war noch da. Seine Augen glitten über mein Gesicht, dann zu meinen Lippen. Ich konnte kaum atmen. Wahnsinn. Ich sah, wie er langsam über die Unterlippe leckte. Ich erinnerte mich an diese Zunge. Mein Blick fiel auf seinen Schreibtisch, ich erinnerte mich an Ingrids Worte von gestern Nacht: „Hab s*x auf dem Schreibtisch des Doktors.“ Genau das wollte ich gerade. Ich fing mich und grinste. „Etwas Lustiges?“ runzelte er die Stirn. „Wohin soll ich die Akten bringen, Doktor?“ fragte ich unschuldig. Spürt er es? Er beruhigte sich und nickte. „Die müssen unten in die Schublade, bitte.“ „Soll ich es jetzt machen?“ flüsterte ich, ein heißes Pochen durchströmte mich. „Ja.“ Mein Atem stockte. „Sie müssen sich hinknien.“ Seine Augen verdunkelten sich. Moment mal? Reden wir von derselben Sache? „Klar“, antwortete ich ohne zu zögern. Er reizte mich. Er wollte sehen, ob ich es wollte, und verdammt ja, tat ich. Unwillkürlich ging ich zum Aktenschrank und kniete mich auf den Teppich. Er stand über mir, die Hände geballt, als wollte er sich selbst zurückhalten. „Geben Sie es mir?“ hauchte ich. Er stand aufrecht, sah auf mich herab, klar erregt und dominant. Wir sprachen über Akten, aber in meinem Kopf ging es um seine teuren Anzughosen. „Sie wollen alles?“ hob er eine Augenbraue. Ich nickte. „Ja.“ Er drehte sich, nahm den Karton und stellte ihn neben mich auf den Boden, unsere Gesichter nur wenige Zentimeter auseinander. So nah, dass ich ihn fast schmecken konnte. Scheiße, es war viel zu lange her. Klopf, klopf. Das Klopfen an der Tür ließ die Luft sofort entweichen. Dr. Reichs Kiefer spannte sich, als er mich anstarrte. „Dr. Reich, sind Sie da drin?“ Mir wurde eiskalt. Ich versuchte mich wegzuziehen, doch er packte meine Haare und hielt mich fest. „Kommen Sie später wieder“, senkte er die Stimme, „ich bin beschäftigt.“
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