Eins

1190 Worte
Isabella saß an ihrem Schreibtisch und tippte mit den Fingern leicht auf die kühle Oberfläche ihres Bürotisches, während sie versuchte, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Ihr Kopf war leicht nach hinten geneigt, und die Welle der Übelkeit, die sie an diesem Morgen begrüßt hatte, war noch nicht vollständig abgeklungen. Sie warf einen Blick auf die Uhr – es war fast Mittag. Die Minuten schienen sich endlos hinzuziehen und zerrten an ihren Nerven. Zunächst hatte sie es als Stress abgetan. Die Arbeit war hektisch gewesen, und ihr Körper hatte den Preis dafür gezahlt. Doch heute war es anders. Der Schwindel, die leichte Übelkeit, die merkwürdige Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen, die sie früher nie gestört hatten – all das schien sich zu verstärken. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und versuchte, das Unbehagen abzuschütteln. Das kann es nicht sein, sagte sie sich selbst und weigerte sich, der Möglichkeit, die ihr im Hinterkopf lauerte, überhaupt einen Namen zu geben. Fast drei Jahre waren vergangen, seit sie und Alexander begonnen hatten, es mit einem Baby zu versuchen. Drei lange Jahre voller Enttäuschungen, in denen die Linien auf den Schwangerschaftstests hartnäckig bei einer geblieben waren, voller Arzttermine und Ratschläge, die ins Leere führten. Die emotionale Belastung war erdrückend gewesen, und jeder Monat hatte eine neue Welle der Hoffnung mit sich gebracht, nur um von einem vernichtenden Gefühl der Niederlage abgelöst zu werden, wenn die Tests wieder negativ ausfielen. Irgendwann hatte sie aufgehört, sich zu erlauben zu glauben, dass es jemals passieren könnte. „Alles okay?“ Isabella fuhr zusammen, erschrocken von der Stimme. Es war Mia, ihre Kollegin, die mit besorgtem Blick an ihrem Schreibtisch stand. Isabella zwang sich zu einem Lächeln und hoffte, es wirkte überzeugender, als es sich anfühlte. „Ja, mir geht’s gut“, log sie. „Ich bin nur ein bisschen müde.“ Mia ließ sich nicht täuschen. „Du siehst nicht gut aus. Seit Tagen bist du schon irgendwie neben dir. Was ist los?“ Isabella zögerte. Sie wollte nicht darüber reden, aber Mia war nicht der Typ Mensch, der so leicht lockerließ. Sie waren lange genug befreundet, dass Isabella wusste, Mia würde sie durchschauen, wenn sie auszuweichen versuchte. „Ich fühle mich einfach ein bisschen … komisch. Schwindelig, übel. Aber das ist wahrscheinlich nichts.“ Mias Augenbrauen hoben sich, ein Erkennen huschte über ihr Gesicht. „Bist du sicher, dass es nichts ist?“ „Mia, nein“, unterbrach Isabella sie hastig und schüttelte den Kopf. „Es sind fast drei Jahre, okay? Ich mache mir wegen ein bisschen Übelkeit keine Hoffnungen mehr.“ Mia legte den Kopf schief, ihre Stimme sanft, aber eindringlich. „Ich verstehe dich, Isa. Aber was, wenn es doch etwas ist? Was schadet es, nachzusehen?“ Isabella seufzte und umklammerte die Kante ihres Schreibtisches. „Weil ich das nicht noch einmal kann. Ich kann nicht schon wieder auf einen negativen Test starren und diese Enttäuschung von vorn fühlen. Ich kann einfach nicht.“ Mia kniete sich neben ihren Stuhl, ihr Blick wurde weich. „Ich weiß, dass du viel durchgemacht hast. Aber du hast es verdient, es zu wissen. Du kannst nicht einfach ignorieren, was dein Körper dir sagt.“ Sie hielt kurz inne und fügte dann hinzu: „Mach es in der Mittagspause. Geh in den Laden, hol einen Test und sieh selbst nach. Wenn er negativ ist, muss es niemand wissen. Aber wenn er positiv ist … na ja, dann weißt du es wenigstens, oder?“ Die Logik war nicht zu leugnen, aber das machte es nicht leichter. Dennoch, als Mias Worte sanken, wurde Isabella klar, dass ein kleiner Teil von ihr es wissen wollte. Sie hatte so lange versucht, diesen Hoffnungsschimmer zu unterdrücken – aber was, wenn Mia recht hatte? Was, wenn …? Sie atmete tief ein und presste die Lippen zusammen. „In Ordnung. Ich mache es in der Mittagspause.“ Mia drückte ihren Arm, ihr Lächeln aufmunternd. „So ist es richtig.“ Als die Mittagspause näher rückte, waren Isabellas Nerven bis zum Zerreißen gespannt. Sie saß in ihrem Auto vor der Apotheke, ihr Herz raste, während sie auf den Eingang starrte. Es fühlte sich absurd an, diese Angst vor etwas so Einfachem wie dem Kauf eines Schwangerschaftstests. Sie hatte es schon unzählige Male getan – aber heute … heute fühlte es sich anders an. Was, wenn er wieder negativ ist? Was, wenn ihr Körper ihr nur grausame Streiche spielt? Der Gedanke ließ ihr den Magen umdrehen. Und doch flüsterte eine leise, kaum wahrnehmbare Stimme in ihr: Was, wenn nicht? Bevor sie es sich anders überlegen konnte, stieß sie die Autotür auf und ging in den Laden. Das grelle Neonlicht war hell – zu hell –, und der Geruch von Desinfektionsmittel schien in der Luft zu hängen. Als sie den Gang mit den Schwangerschaftstests ansteuerte, spürte sie ihren Herzschlag bis in den Hals, ein gleichmäßiger, unangenehmer Rhythmus. Da waren sie. Dutzende kleiner Schachteln reihten sich im Regal aneinander, jede versprach Antworten, von denen sie nicht sicher war, ob sie sie wollte. Sie griff hastig nach einer, wollte nicht länger als nötig bleiben, und ging zur Kasse. Die Kassiererin sagte nichts, schenkte ihr nicht einmal einen zweiten Blick, während sie den Test scannte. Doch Isabella hatte das Gefühl, als wüsste jeder im Laden, was sie tat, als könnte jeder die Spannung spüren, die in ihr brodelte. Sie bezahlte schnell, stopfte den Test in ihre Tasche und eilte zur Toilette im hinteren Teil des Geschäfts. Drinnen schloss sie sich in einer Kabine ein und atmete tief durch. Die kühlen Fliesen und das harte Neonlicht halfen nicht im Geringsten, ihre Nerven zu beruhigen. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die Schachtel öffnete, ihr Atem stockte, als sie die Anleitung auseinanderfaltete – obwohl sie sie nicht brauchte. Sie hatte das schon so oft getan. Auf dem geschlossenen Toilettendeckel sitzend starrte sie auf den Teststreifen in ihrer Hand, ihr Herz hämmerte in ihren Ohren. Das war es. Sie hatte alles getan, was sie tun konnte, und jetzt blieb nur noch das Warten. Diese Minuten fühlten sich an wie eine Ewigkeit, jede Sekunde zog sich endlos hin, während ihre Gedanken um unzählige Möglichkeiten kreisten. Nicht hoffen. Nicht hoffen, wiederholte sie wie ein Mantra und schloss fest die Augen. Doch tief in ihr flackerte dieser winzige, zerbrechliche Funke Hoffnung – und weigerte sich, zu erlöschen. Als sie schließlich die Augen öffnete und auf den Test hinabblickte, stockte ihr der Atem. Zwei Linien. Sehr dunkel, obwohl ihre Periode erst einen Tag überfällig war. Ihre Sicht verschwamm, Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie schlug sich eine Hand vor den Mund, während ihr Körper zu zittern begann. War das real? Nach all dieser Zeit … war es wirklich real? Der Test rutschte ihr beinahe aus den Händen, als ein Schluchzen ihre Lippen verließ. Sie lehnte die Stirn gegen das kühle Metall der Kabinentür, ihr Herz erfüllt von Unglauben, Freude und überwältigenden Gefühlen. Sie wusste nicht, wie lange sie dort saß, Tränen liefen ihr über die Wangen, ihr ganzer Körper bebte. „Es ist real“, flüsterte sie sich selbst zu. „Ich werde Mutter“, murmelte sie leise.
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