Eleanor summte vor sich hin, während sie Dateien auf den neuen Computer kopierte. Die letzte Woche kam ihr wie ein Traum vor, und sie wollte nicht aufwachen. Trotz der harten Arbeit fühlte sie sich ruhig.
Als Eleanor vorschlug, einen Aktenvernichter und einen Computer anzuschaffen, war Nailah sofort einverstanden. Die Rettungsstation hatte jetzt einen erstklassigen Laptop und Drucker sowie einen Aktenvernichter, sodass Eleanor die Akten der Rettungsstation modernisieren und veraltete Akten entsorgen konnte. Sie nahm sich einen Moment Zeit, um mit einem Lächeln das jetzt saubere, aufgeräumte Büro zu betrachten. Nie zuvor hatte sie dieses Gefühl der Zufriedenheit verspürt, obwohl sie einst Millionen-Dollar-Konten verwaltet hatte.
Bear nutzte ihre Untätigkeit, stand von seinem Kissenbett auf und ging zu ihr hinüber. Er legte seinen Kopf in ihren Schoß und sie belohnte ihn mit Streicheleinheiten und Liebkosungen. Nicht nur das Büro hatte sich verändert. In der vergangenen Woche war der Rottweiler aus sich herausgekommen und wartete jeden Morgen vor seinem Zwinger auf sie. Nachdem er sich ausgetobt hatte und gefüttert worden war, verbrachte er den größten Teil des Tages mit ihr im Büro und wurde zu ihrem Bürokollegen.
Nailah hatte das vorgeschlagen und gesagt, dass es Bear helfen würde, aus seiner Depression rauszukommen, wenn er mal aus dem Zwinger rauskäme. Eleanor war einverstanden, das mal auszuprobieren, und fand, dass sie seine Anwesenheit genauso genoss wie er ihre. Oft saß er neben ihr und legte seinen Kopf auf ihren Schoß, während sie am Computer arbeitete, sodass sie ihn streicheln konnte, während sie arbeitete. Es war wahrscheinlich die entspannteste Büroumgebung, die sie je hatte.
Nailah war definitiv die netteste Chefin gewesen, die sie je gehabt hatte, sogar netter als ihr Vater. Nailah hatte jeden Vorschlag von Eleanor ohne zu zögern umgesetzt, sodass Eleanor die Arbeit modernisieren und die Effizienz um ein Vielfaches steigern konnte. Mit den richtigen Tabellen hatte Eleanor nun einen genauen Überblick über die Finanzen der Rettungsstation in den vergangenen Jahren, und es zeigte sich ein klarer Trend.
Vor fünf oder sechs Jahren konnte sie sehen, wie Nailah darum kämpfte, die kleine Rettungsstation am Laufen zu halten und die Tiere zu versorgen, bis sie adoptiert wurden. Das änderte sich jedoch vor genau drei Jahren. Plötzlich waren alle Konten auf dem neuesten Stand und alle Rechnungen wurden pünktlich bezahlt. Hinzu kam, dass Nailah sich nicht scheute, neue Aktenschränke und sogar einen Computer anzuschaffen, was deutlich machte, dass sich ihre finanzielle Situation drastisch verbessert hatte.
Eleanor zögerte, nach der Situation zu fragen, da sie glaubte, dass es wahrscheinlich etwas mit Nailahs Ehemann zu tun hatte. Aus ihren Gesprächen wusste sie, dass Nailah Gus vor drei Jahren kennengelernt hatte, also passte der Zeitpunkt. Obwohl Eleanor ihn mehrmals gesehen hatte, wenn er Nailah morgens absetzte und gelegentlich, wenn er sie abholte, war sie ihm noch nicht vorgestellt worden. Er war wie ein Gespenst, nur dass er ein freundlicher Geist war und kein Poltergeist wie ihr Ex.
Gleichzeitig fragte sich Eleanor unweigerlich, wer er wirklich war. Was genau machte er, dass er so viel Geld zur Verfügung hatte?
„Klopf, klopf.“
Eleanor blickte auf und sah Nailah an der Tür stehen. Ohne ein Wort zu sagen, trat sie ein, ließ sich dankbar in einen Stuhl sinken und legte ihre Füße auf den anderen. Eleanor grinste: „Langer Tag?“
„Dieses Baby macht es mir definitiv nicht leicht“, seufzte Nailah und streichelte ihren Bauch. Bear verließ Eleanor, um Nailah zu begrüßen und neugierig an ihrem runden Bauch zu schnüffeln. „Und ich habe noch zwei Monate vor mir. Es wird nur noch schlimmer werden.“
„Weißt du, ich glaube, es ist an der Zeit, dass du ernsthaft darüber nachdenkst, dir mehr Hilfe zu holen“, schlug Eleanor vor. „Zumindest bis nach der Geburt und wahrscheinlich auch danach.“
„Ja, Gus hat das Gleiche gesagt“, nickte Nailah. „Wenn es nach ihm ginge, wäre ich natürlich eine Hausfrau und Mutter. Ich hätte nichts gegen eine Pause, aber ich bin auch nicht jemand, der den ganzen Tag nur herumsitzen kann.“
„Ich weiß, was du meinst“, stimmte Eleanor zu. Auch sie war gerne beschäftigt.
„Aber wem könnte ich die Hunde und die Adoptionen anvertrauen?“
„Ich habe fast alle Akten aktualisiert, also solltest du von außerhalb arbeiten können. Du brauchst nur jemanden, der die schwere Arbeit übernimmt und sich um die Hunde kümmert.“
„Aber was würdest du dann machen?“, fragte Nailah.
Sicherlich war ohne die überall herumliegenden Akten mehr Platz im Büro, aber es war nicht groß genug, damit zwei Personen bequem arbeiten konnten. Sie würden sich gegenseitig auf die Füße treten.
„Nun.“ Eleanor zögerte, das Thema anzusprechen. „Ich habe so ziemlich alles so eingerichtet, dass ich nicht mehr hier sein muss. Ich meine, ich kann immer noch vorbeikommen und alles auf dem neuesten Stand halten, damit es nicht wieder so wird wie früher, aber du würdest mich nicht jeden Tag brauchen.“
Nailah runzelte enttäuscht die Stirn, aber sie schien nicht allzu verärgert zu sein, was Eleanors Sorgen milderte. Mit einem Seufzer sagte Nailah schließlich: „Ich wusste, dass es nicht ewig so bleiben kann.“
„Was meinst du damit?“
„Ich meine, du bist einfach zu gut“, lächelte Nailah. „Deine Talente sind zu groß für eine kleine Rettungsstation. Du verdienst etwas Größeres.“
Eleanor verdrehte die Augen und wollte protestieren, aber Nailah gab ihr keine Chance.
„Deshalb habe ich mir überlegt, ob du vielleicht für Gus arbeiten möchtest?“
Eleanor blinzelte: „W-was?“
„Gus braucht einen neuen Buchhalter“, erklärte Nailah. „Der letzte wurde wegen Unterschlagung gefeuert. Anscheinend hat er ein ziemliches Chaos hinterlassen. Gus hat die Buchhaltung selbst aufgeräumt, aber es ist nicht einfach, noch einen anderen Job zu übernehmen, wenn er gleichzeitig den Rest des Geschäfts führen muss. Deshalb habe ich ihm vorgeschlagen, dich einzustellen.“
„Wirklich? Aber ich kenne ihn doch gar nicht. Ich meine, er kennt mich auch nicht.“
„Deshalb habe ich ihm gesagt, er solle heute Abend etwas früher kommen, um dich kennenzulernen, sozusagen als informelles Vorstellungsgespräch“, nickte Nailah.
„Ähm, es ist nicht so, dass ich das nicht zu schätzen weiß, aber ich weiß noch nicht einmal, wie lange ich bleiben werde, und ich möchte mich nicht aufdrängen.“
„Elle, willst du wirklich gehen? Oder hast du einfach zu viel Angst, zu bleiben?“
Eleanor zögerte. In der letzten Woche hatte sie sich wohlgefühlt und sich Nailah gegenüber mehr geöffnet. Sie hatte ihr immer noch nicht alles erzählt, aber Nailah konnte gut zwischen den Zeilen lesen und schien einen sechsten Sinn für Dinge zu haben, über die Eleanor nicht sprechen wollte.
„Vergiss alles andere, vergiss deine Vergangenheit, vergiss, was dich hierher gebracht hat. Vergiss die Zukunft. Atme tief durch und sei ehrlich-was willst du wirklich?“
Eleanor seufzte und hörte Nailahs sanften Worten zu. Wenn sie so redete, klang alles immer so einfach, aber Eleanor konnte ihre Ängste nie wirklich loslassen. Was, wenn...Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war, kannte sie die Antwort auf die Frage.
„Ich will bleiben“, gab Eleanor schließlich zu. „Mir gefällt es hier wirklich gut. Die Leute, die Stadt, einfach alles. Ich fühle mich sicher und willkommen.“
Nailah lächelte: „Ich hatte gehofft, dass das deine Antwort sein würde.“
„Aber wenn ich bleibe und er mich findet...“
„Dann muss er sich mit Gus auseinandersetzen“, sagte Nailah. „Und glaub mir, wenn ich sage, dass Gus mit solchen Leuten umgehen kann.“
Eleanor warf ihr einen verwirrten Blick zu, aber ausnahmsweise schien Nailah nicht in der Stimmung zu sein, etwas zu erklären, auch wenn die Glocke sie auf einen neuen Besucher aufmerksam machte. Sie stand auf und watschelte zur Tür. Dort blieb sie stehen und sah Eleanor an, die immer noch saß und neugierig war.
„Es ist okay, Wurzeln zu schlagen, Elle“, sagte Nailah. „Bäume leben schließlich Hunderte von Jahren durch Sonne und Sturm. Und es ist okay, zu vertrauen. Es gibt Menschen, die dich lieben. Du bist nicht allein.“
Eleanor starrte noch lange auf die Tür, nachdem Nailah gegangen war. Ein Winseln lenkte ihre Aufmerksamkeit auf Bear, der zu ihr zurückgekehrt war. Vielleicht konnte sie Wurzeln schlagen. Vielleicht könnte dieser Ort ihr Zuhause werden und sie müsste nicht mehr nur zu Besuch sein. Noch unsicher griff sie nach ihrem Handy und schaute sich die Ergebnisse ihrer letzten Suche nach Mietwohnungen in der Nähe an.
Sie war noch nicht bereit, sich zum Kauf eines Hauses zu verpflichten, aber sie hatte das Gefühl, dass sie ihren eigenen Raum haben wollte. Als sie den Rottweiler ansah, kam ihr ein anderer Gedanke. Es wäre schön, einen vierbeinigen Begleiter zu haben, der ihren Raum mit ihr teilt.
„Was meinst du, Bear?“, fragte Eleanor. „Willst du mein Mitbewohner sein?“
Der Rottweiler bewegte sich, sein ganzer Hinterteil wackelte zusammen mit seinem Stummelschwanz. Eleanor hielt es für sicher, das als Ja zu deuten. Natürlich waren alle Häuser, die sie sich ansah, weiter vom Tierheim entfernt als das B&B, was bedeutete, dass sie auch ein Auto brauchte.
Vielleicht sollte sie sich zuerst ein Auto zulegen?