Mir ist wieder kalt. So kalt, dass ich zittere. Ich weiß, das muss der Stress sein, weil die Temperatur bei etwa siebenundzwanzig Grad liegt.
Ich gehe in meinem Zimmer auf und ab, mache manchmal eine Pause, um aus dem Fenster zu schauen.
Jedes Mal, wenn ich das mache, ist es wie ein Schlag in den Magen.
Ich weiß nicht, was ich gehofft hatte. Ehrlich gesagt hatte ich noch gar keine Gelegenheit, mir über meinen Aufenthaltsort Gedanken zu machen. Ich hatte einfach angenommen, er würde mich irgendwo in der weiteren Umgebung gefangen halten, vielleicht in der Nähe von Chicago, wo wir uns das erste Mal begegneten. Ich hatte gedacht, alles, was ich tun müsste, um zu flüchten, sei, einen Weg aus dem Haus zu finden.
Jetzt wird mir klar, dass es viel komplizierter ist.
Ich kontrolliere noch einmal die Tür. Sie ist verschlossen.
Vor einigen Minuten habe ich ein kleines Bad entdeckt, welches an das Zimmer angeschlossen ist. Ich benutze es, um meine Grundbedürfnisse zu befriedigen und meine Zähne zu putzen. Es war eine nette Abwechslung.
Jetzt gehe ich wieder wie ein eingesperrtes Tier hin und her, werde mit jeder Minute, die vergeht, ängstlicher und wütender.
Endlich öffnet sich die Tür. und eine Frau kommt herein.
Ich bin so überrascht, dass ich sie einfach nur anstarre. Sie ist ziemlich jung – vielleicht Anfang dreißig – und hübsch.
Sie trägt ein Tablett mit Essen und lächelt mich an. Sie hat rote, lockige Haare und sanfte, braune Augen. Sie ist größer als ich, wahrscheinlich mindestens zwölf Zentimeter, und hat einen durchtrainierten Körper. Sie ist sehr leger angezogen, trägt ein Paar Jeansshorts, ein weißes Tanktop und an den Füßen Flipflops.
Ich denke darüber nach, sie anzugreifen. Sie ist eine Frau, und ich habe eine kleine Chance, einen Kampf gegen sie zu gewinnen. Ich habe keine Chance gegen Julian.
Ihr Lächeln verstärkt sich, so als würde sie meine Gedanken lesen. »Bitte, fall mich nicht an«, sagt sie zu mir und ich kann die Belustigung in ihrer Stimme hören. »Das hat keinen Sinn, glaub’ mir. Ich weiß, du möchtest fliehen, aber du kannst wirklich nirgendwohin gehen. Wir befinden uns auf einer Privatinsel mitten im Pazifischen Ozean.«
Das schlechte Gefühl in meiner Magengegend verschlimmert sich. »Wessen Privatinsel?«, frage ich, obwohl ich die Antwort schon kenne.
»Natürlich Julians.«
»Wer ist er? Wer seid ihr alle?« Meine Stimme ist ziemlich stabil, als ich zu ihr spreche. Sie macht mich nicht so nervös wie Julian.
Sie stellt das Tablett ab. »Du wirst alles zu gegebener Zeit erfahren. Ich bin hier, um mich um dich und das Anwesen zu kümmern. Mein Name ist übrigens Beth.«
Ich hole tief Luft. »Warum bin ich hier, Beth?«
»Du bist hier, weil Julian dich will.«
»Und du kannst daran nichts Falsches erkennen?« Ich kann die leichte Hysterie in meiner Stimme hören. Ich verstehe nicht, wie diese Frau mit diesem Verrückten zurechtkommt, wie sie sich so verhalten kann, als sei das alles normal.
Sie zuckt mit den Schultern. »Julian macht, was er möchte. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen.«
»Warum nicht?«
»Weil ich ihm mein Leben verdanke«, sagt sie ernst und geht aus dem Zimmer.