Kierans Sicht
Ich bemerkte einen roten Wolf, der durch den Wald rannte. Ich hatte das Gebiet abgesucht, bereit zu jagen, als sie vorbeilief.
Ich spürte, dass sie weiblich war, und folgte ihr. Ihr Fell war ungewöhnlich, und ich war fasziniert. Laute Brüller und Heulen drangen an meine Ohren. Verschiedene Motorräder fuhren zusammen mit den Wölfen.
Sie jagten sie. Ich spürte ihre Erschöpfung und verwandelte mich in meine Wolfsform.
Im Gegensatz zu den anderen bewegte ich mich leise, obwohl ich schnell war. Ich war auch größer und sah staunend zu, wie sie ihnen leicht entkam, sie dazu brachte, ineinander zu krachen.
Ich stand oben auf einem Hügel, versteckt im Schatten, und bemerkte einen Mann in Kleidung, der das zerstörte Rudelhaus betrat. Er sah genauso aus wie die Attentäter, die sie verfolgten, also wartete ich.
Kurz darauf rannte sie hinein, und ich hörte sie mit einem Stöhnen fallen. Ich rannte auf das Gebäude zu und knurrte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Der Mann hatte sie bereits zu Boden gedrückt, seine Krallen erhoben, um ihr die Kehle aufzuschlitzen.
Ich trat vor, bereit, mich auf ihn zu stürzen, als ein starker Wind ihn von ihr wegzog und gegen den morschen Tisch schleuderte.
Er stöhnte, und ich blieb stehen. Mein Blick wanderte zwischen ihnen hin und her. Sie sah auf ihre Hände. Ich spürte einen Energiestoß, der von ihr ausging.
Was zum Teufel war das?
Sie setzte sich auf, und ich sah ihr Gesicht.
Sienna
Mein Kopf drehte sich, als ich in ihre Augen sah. Sie sah verängstigt aus, und im nächsten Moment, als sie mich bemerkte und aufstand, zitterten ihre Beine. Bevor ich verstand, was sie vorhatte, rannte sie los.
Ich richtete meinen Blick auf den stöhnenden Mann, der sich wieder erholte. Er war schließlich ein Werwolf und fletschte die Zähne.
Ich hatte keine Verwendung für ihn und ignorierte ihn, während ich der jungen Frau nachjagte. Sie hielt nicht an und rannte weiter.
Ich konnte sie einholen und erhöhte mein Tempo. Sie schien es zu bemerken und verwandelte sich wieder in ihren roten Wolf.
Ich knurrte und jagte ihr nach. Sie war schnell, viel schneller, als ich erwartet hatte. Sie erreichte den Rand einer Klippe und blieb plötzlich stehen.
Ich stellte sie, versuchte mich ihr zu nähern, aber sie war zu verängstigt, um es zu bemerken. Ich trat näher, und sie wich ein Stück zurück, fast über den Rand der Klippe.
Ich musste schnell handeln und sprang auf sie zu, um sie vom Rand wegzustoßen. Sie prallte gegen einen Baum und verlor das Bewusstsein.
Hatte ich sie zu hart getroffen?
*
„Du hättest sie töten sollen, sobald du gesehen hast, was sie ist.“
Darius’ Stimme durchschnitt die schwere Stille wie ein Messer - scharf und gereizt.
Er richtete seine dunklen Augen auf das bewusstlose Mädchen, das in der Zelle lag. Ich zuckte nicht. Stattdessen lehnte ich mich gegen die kalte Steinwand, verschränkte die Arme und beobachtete das Mädchen, das das gesamte Rudel ins Chaos gestürzt hatte.
„Ich habe kein Interesse daran, Blut zu vergießen“, antwortete ich.
Ich sagte ihm nicht, wer sie wirklich war.
Sienna.
Die letzte Rubynwölfin.
Ihre Handgelenke waren angekettet, silberne Fesseln fraßen sich in die Haut.
Selbst im Schlaf zuckte ihr menschlicher Körper unruhig. Verfilzte, dunkle Strähnen klebten an der schweißnassen Haut, und ihr flacher Atem hob und senkte die Brust. Sie war viel zu dünn. Zu zerbrechlich - wie ein Wolf, der kurz davor war zu brechen.
Und doch - sie hatte Macht.
Macht, die ich nicht erwartet hatte. Macht, die ich nicht ignorieren konnte.
Darius trat einen Schritt näher, seine Stimme gedämpft. „Du zögerst.“
Er hatte recht.
Ich hätte sie längst töten sollen. Das ist das Gesetz des Shadowfang-Rudels: Keine Fragen, nur Töten. Aber etwas an ihr ließ mich zweifeln.
Der Midnight-Syndikat tötete seine Feinde erst nach einem Verhör. Wenn sie ihr Feind wäre, wäre sie längst tot. Und wenn nicht - dann wusste nur der Teufel, was sie wirklich war.
Ich stieß mich von der Wand ab und trat näher an die Zelle. Schatten fielen durch das Gitter auf ihr Gesicht. „Ich kümmere mich darum“, knurrte ich.
Darius schnaubte. „Das solltest du besser.“
„Wer ist hier der Anführer?“ fragte ich und sah ihn an. Er wich zurück und hob beschwichtigend die Hände.
„Du bist es, Alpha. Sei einfach vorsichtig, ja? Du bist zu gutmütig“, fügte er hinzu und ging.
Das Geräusch seiner Schritte hallte durch die dunklen Gänge der unterirdischen Zellen.
Ich atmete langsam aus, um die Anspannung in meinem Nacken zu lösen. Dieses Mädchen war keine gewöhnliche Gefangene. Wie sie sich gewehrt hatte, die Art, wie ihre Energie aufblitzte - das war kein Zufall.
Es war gefährlich.
Ich schloss die Zellentür auf und trat ein. Der Geruch von Blut und altem Stein lag schwer in der Luft.
Ich löste die Fesseln an ihren Handgelenken und Knöcheln.
Sienna regte sich. Sie schnappte nach Luft, die Hände zu schwachen Fäusten geballt.
Ich hockte mich neben sie und wartete, bis sie die Augen öffnete.
Und das tat sie. Ihre bernsteinfarbenen Augen trafen meine. Wild und unnachgiebig.
Dann griff sie mich an.
Ich packte ihr Handgelenk, drückte sie zu Boden. Sie bewegte sich wieder, und ich hielt sie fest, eine Hand an ihrer Kehle. Nicht fest genug, um sie zu würgen – nur um sie stillzuhalten.
Sie keuchte, wich meinem Blick nicht aus und bettelte nicht.
Interessant. Stur und hitzköpfig.
Sie fletschte die Zähne. „Töte mich oder lass mich gehen.“
Ich hob eine Augenbraue. Warum sollte ich sie töten?
„Mutig für jemanden, der gerade eine Abreibung bekommen hat“, spottete ich.
Ihr Puls pochte unter meinem Griff. Sie zuckte nicht.
Faszinierend.
Ich ließ sie los, und sie trat vor, wankte kurz, fing sich wieder. Sie wischte sich über den Mundwinkel und sah mich an wie eine gefangene Wölfin. „Was willst du?“
„Wer sagt, dass ich etwas will?“ fragte ich.
„Du hast mich nicht getötet. Also willst du offensichtlich etwas“, entgegnete sie.
Ich hätte vieles sagen können. Antworten. Loyalität. Unterwerfung.
Aber stattdessen lächelte ich. „Dich.“
Ihr Atem stockte kurz, doch sie verbarg es schnell hinter einem Spott. „Du bist verrückt.“
Ich lehnte mich näher, so nah, dass mein Atem ihre Haut streifte. „Nein, kleine Wölfin. Ich bin der Einzige hier, der klar denkt.“
Sie kämpfte, funkelte mich wütend an. „Wenn du mich nicht töten willst, was dann? Ich spiele deine Spiele nicht mit.“
„Ich habe kein Interesse, dich zu töten - noch nicht“, sagte ich leise. „Ich will, dass du meine Gefährtin wirst.“
Die Worte hingen wie glühende Drähte zwischen uns.
Ihre Lippen öffneten sich, ihr Gesichtsausdruck wechselte von Unglauben zu Abwehr. „Was? Nein! Fahr zur Hölle.“
„Scheint, als wärst du schon da, Liebling“, höhnte ich.
Ich lachte, als sie versuchte, mir eine zu verpassen. Sie war schnell, aber ungeschickt und nicht stark genug.
Ich fing ihr Handgelenk leicht ab, hielt es fest.
Dann spürte ich es.
Einen Schlag. Eine Explosion aus Hitze und Energie, die durch meine Adern raste, als sich unsere Haut berührte.
Die Blutwut in mir erwachte. Der Fluch, der mir vor Jahren auferlegt wurde, begann zu kochen.
Nein, verdammt. Nicht jetzt. Bleib zurück. Sie hat nichts getan. Reiß dich zusammen.
Das Tier in mir kratzte an der Oberfläche, kämpfte um Kontrolle.
Nur für einen Moment - bis ich verstand, was das bedeutete.
Ihre Lippen öffneten sich, ihre Brauen zogen sich zusammen. Sie fühlte dieselbe Energie, aber nur ich verlor die Kontrolle.
Ich verstärkte meinen Griff, ignorierte das Biest in mir.
Die Blutwut ließ nach.
Siennas Augen weiteten sich, sie wand sich, wollte sich befreien, aber ich rührte mich nicht.
„Was zum Teufel hast du vor?“ fragte sie entsetzt.
Ich sah sie an und zwang die Blutwut zurück in die Hölle. „Ich werde dir das Schicksal zeigen.“
„Hä?“ hauchte sie und lachte atemlos. „Du bist verrückt.“
Ich lockerte meinen Griff leicht. „Wenn du überleben willst“, sagte ich ruhig, „dann bleibst du hier. Bei mir.“
Ihre Brust hob und senkte sich. „Ich hab dir schon gesagt, ich lehne dein Angebot ab.“
Ich grinste. „Dann bleibt mir keine Wahl.“
Ich ließ ihr Handgelenk los und sah, wie sie zusammenzuckte, es schützend an sich zog, als wäre es verbrannt. „Du wirst dieses Rudelhaus nicht lebend verlassen, es sei denn, ich sage es.“
Ihr Blick huschte zur Tür, ihre Gedanken rasten. „Ich nehme keine Befehle von dir an.“
„Versuch’s“, warnte ich.
Die Stille lag schwer und drohend in der Luft. Ich spürte den Kampf in ihren Augen, den Teil von ihr, der mir am liebsten die Kehle aufgerissen hätte - aber sie bekam keine Gelegenheit dazu.
Ich drehte mich um, ging zur Zellentür, hielt inne und sah über die Schulter.
„Du hast bis zum Morgen Zeit, dich zu entscheiden“, sagte ich ruhig, aber bestimmt. „Du kannst hierbleiben – als meine Gefährtin … oder du verlässt diesen Ort - als meine Gefangene.“
Sie reagierte nicht. Ich ließ sie allein und schloss die Tür hinter mir.