2.

1330 Worte
Kapitel 2: Die Nacht, die alles verändert Ich bin draußen auf dem Deck, die kühle Brise weht mir durchs Haar. Das Rauschen des Meeres ist beruhigend, aber in meinem Kopf herrscht Chaos. Die Lichter des Kreuzfahrtschiffs werfen lange Schatten auf das Deck, und die Musik aus der Cocktailparty hallt leise durch die Nacht. Aber ich höre nichts davon, nur das Schlagen meines eigenen Herzens. „Lena?“ Ich drehe mich erschrocken um und sehe eine dunkle Gestalt hinter mir auftauchen. Ich erstarre für einen Moment, bevor ich den Kopf hebe und die Umrisse eines Mannes erkenne. Es ist niemand, den ich kenne, zumindest nicht wirklich. Ein Fremder. „Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken“, sagt er mit einem schiefen Lächeln. Seine Stimme ist tief und klingt angenehm in der Nachtluft. „Ich habe dich hier alleine stehen sehen. Alles in Ordnung?“ „Ja“, antworte ich schnell, aber die Unsicherheit in meiner Stimme verrät mehr, als ich will. „Es ist nur… viel los drinnen.“ „Das kenne ich“, sagt er und tritt einen Schritt näher. „Manchmal ist es besser, sich eine kleine Auszeit zu gönnen.“ Ich nicke, aber es fühlt sich seltsam an, mit einem Fremden zu sprechen. Der Blick in seinen Augen ist interessant – er sieht mich nicht mit diesem prüfenden, neugierigen Blick an, wie es die meisten tun, sondern eher mit einer Art Verständnis, als ob er meine Gedanken lesen könnte. „Bist du hier mit jemandem?“, fragt er und verschränkt die Arme vor der Brust, während er mich mit einem interessierten Blick mustert. „Ja, mit meinem Freund“, antworte ich, und für einen Moment fühlt es sich an, als würde der Name „Jonas“ schwer in meinem Mund liegen. „Er ist drinnen.“ „Ach so“, sagt der Fremde, und es klingt fast, als würde er es abwägen. „Dann will ich dich nicht länger stören.“ Doch bevor er sich umdreht, bleibt er stehen und sieht mich erneut an, als würde er sich etwas überlegen. „Ich bin Finn“, fügt er hinzu und streckt mir die Hand entgegen. Ich nehme seine Hand, unsicher, ob ich das wirklich tun soll. Es fühlt sich unpassend an, mit einem Fremden zu sprechen, während Jonas drinnen ist. Aber irgendwie finde ich, dass es sich richtig anfühlt. Vielleicht ist es einfach die Luft, die Unruhe in mir, die mich für einen Moment alles andere vergessen lässt. „Lena“, sage ich und lächle ihm zögerlich zu. „Es freut mich, dich kennenzulernen“, sagt Finn und lässt meine Hand wieder los. „Hoffentlich findest du noch ein bisschen Ruhe hier draußen. Wenn du willst, kann ich dich ein Stück begleiten.“ Ich nicke, und für einen Moment stehen wir einfach nebeneinander, beide in Gedanken versunken. Das Meer rauscht leise, und das Schiff schaukelt sanft unter unseren Füßen. „Ich wollte eigentlich ein bisschen Ruhe haben“, sage ich schließlich und binde meine Haare zu einem lockeren Knoten. „Aber irgendwie scheint es, als wäre alles lauter als sonst.“ Finn lacht leise. „Ich verstehe. Manchmal ist es schwer, sich dem Lärm zu entziehen, vor allem, wenn man ihn selbst nicht machen kann.“ „Das trifft es ziemlich genau“, sage ich und beobachte, wie er sich gegen das Geländer lehnt. Ein Moment lang starrt er ins Dunkel des Meeres. Es ist eine seltsame, aber beruhigende Stille zwischen uns. „Was hat dich hierher geführt?“, frage ich dann, neugierig. Finn dreht sich leicht zu mir. „Ein bisschen Zufall. Ich brauchte einen Tapetenwechsel, wusste aber nicht genau, wohin. Also habe ich dieses Schiff hier genommen. Eigentlich bin ich kein Kreuzfahrt-Typ“, fügt er grinsend hinzu. „Aber man sagt ja, dass Neujahr die Zeit für Veränderungen ist.“ „Das stimmt“, sage ich nachdenklich. „Vielleicht ist es genau die richtige Zeit, um herauszufinden, was man wirklich will.“ Finn sieht mich scharf an. „Das klingt, als ob du auch eine Veränderung bräuchtest.“ Ich schaue ihn überrascht an. „Was meinst du?“ „Du siehst aus, als ob du hier draußen auf der Suche nach etwas bist. Etwas, das du drinnen nicht finden kannst“, erklärt er ruhig. Ich will antworten, will ihm sagen, dass er sich täuscht, aber in mir regt sich etwas. Etwas, das ich selbst nicht ganz begreifen kann. Vielleicht hat er recht. Vielleicht suche ich wirklich nach einer Veränderung. Oder nach etwas, das mich davon ablenkt, an das zu denken, was ich gerade in meinem Leben durchmache. „Vielleicht hast du recht“, sage ich leise und sehe zurück auf das Meer. „Ich weiß es nicht.“ Für einen Moment herrscht wieder Stille zwischen uns. Ich kann hören, wie die Musik von drinnen ein Stück lauter wird, dann aber wieder leiser klingt, als jemand die Tür hinter sich schließt. „Es tut mir leid, dass du hier draußen ganz allein bist“, sagt Finn schließlich. „Es ist nicht immer einfach, in einer Menschenmenge zu sein und trotzdem das Gefühl zu haben, niemanden zu erreichen.“ „Du hast wohl recht“, sage ich. „Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich in einer Welt, in der ich einfach nicht hingehöre.“ Finn schaut mich an, seine Miene bleibt ruhig, aber ich sehe ein Verständnis in seinen Augen, das mich für einen Moment sprachlos macht. „Ich weiß, wie das ist“, sagt er. „Du bist hier, aber irgendwie nicht ganz. Es ist, als ob du auf der Suche nach etwas bist, aber noch nicht weißt, was.“ „Vielleicht ist es das“, antworte ich, und ein kleines Lächeln breitet sich auf meinen Lippen aus. „Vielleicht suche ich wirklich nach etwas.“ Finn tritt einen Schritt näher, und seine Präsenz fühlt sich plötzlich viel intensiver an. „Es gibt Dinge im Leben, die uns weiterbringen, auch wenn wir es nicht merken“, sagt er, seine Stimme ist leise und nachdenklich. „Manchmal muss man einfach den ersten Schritt tun, um den Rest zu finden.“ Ich sehe ihn an, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühle ich mich verstanden. Aber gleichzeitig ist da auch eine gewisse Unsicherheit. Was bedeutet das, was er sagt? Und warum fühlt es sich so an, als ob er mehr über mich weiß, als ich selbst? „Du hast recht“, sage ich und binde meine Hände hinter dem Rücken zusammen. „Vielleicht ist es Zeit, dass ich herausfinde, was ich wirklich will.“ Finn lächelt leicht und sieht dann auf die Uhr an seinem Handgelenk. „Es wird spät. Vielleicht solltest du wieder rein gehen. Dein Freund wird sich Sorgen machen.“ Ich nicke, obwohl ein Teil von mir nicht wirklich zurück will. „Ja, du hast recht. Ich muss zurück.“ „Ich wünsche dir einen guten Abend, Lena“, sagt Finn und dreht sich um. „Vielleicht sehen wir uns später noch mal.“ „Vielleicht“, antworte ich, obwohl ich nicht sicher bin, ob ich es wirklich will. Aber ich kann es nicht leugnen – seine Worte haben etwas in mir bewegt. Als ich zurück in den Partybereich gehe, sehe ich Jonas an einem Tisch sitzen, zusammen mit Marlene und ihrer Freundin. Er schaut auf, als er mich bemerkt. Ich versuche zu lächeln, aber es fühlt sich nicht richtig an. Ich bin nicht sicher, ob er das bemerkt, aber ich kann nicht anders, als das Gefühl zu haben, dass er es tut. Ich setze mich wieder zu ihm und versuche, mich in das Gespräch einzufügen, aber mein Kopf ist noch bei dem Gespräch mit Finn. Was hat es zu bedeuten? Warum fühle ich mich plötzlich so… verwirrt? Aber was mich wirklich erschreckt, ist die Frage, ob ich überhaupt noch sicher bin, was ich in meiner Beziehung zu Jonas will.
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