„Sir? Gibt es ein Problem?“
Kevins Frage war klein und zögerlich, verschluckt von der gefährlichen Stille des Kontrollraums.
Er konnte unmöglich von dem drastischen Wandel in Ace wissen, von dem die Platten seiner gesamten Welt aneinander rieben. Der kalte, berechnende General war verschwunden, ersetzt durch ein rohes, ursprüngliches Wesen.
Aces Kopf schnellte hoch, seine sonst so gelassenen und analytischen Augen blickten nun rasend vor Energie. „Wie kann ich Raymond und Raphael erreichen? Jetzt!“
Der Wandel war so plötzlich, so heftig, dass Kevin und Jordan ruckartig aufsprangen. Das spielerische Geplänkel von vorhin war nur noch eine ferne Erinnerung. Das hier war todernst.
„S-Sir, wir können sie nicht erreichen“, sagte Kevin, und die Worte fühlten sich wie Verrat an.
„Wenn sie auf einem … Entsorgungseinsatz sind … schalten sie ab. Keine Kommunikation, keine Geräte. Sie müssen sich an das Protokoll halten.“ Er ließ die Worte wie Steine fallen, und jeder einzelne traf Ace mit der Wucht eines physischen Schlags.
Oh, Scheiße.
Der Fluch war ein kaum hörbares Atmen, ein stummer Schrei in den Tiefen seines eigenen Schädels.
Ace sagte nichts mehr, er bewegte sich nur. Sein Stuhl quietschte nach hinten, als er sich aus dem Kontrollraum stürzte. Seine Bewegungen waren rau, unkoordiniert und ein krasser Gegensatz zu seiner sonst so ruhigen Art.
Er war ein Sturm im Anzug, der ohne einen Blick zurück aus dem Kontrollraum stürmte.
„Was ist gerade passiert?“, hallte Jordans Stimme nur schwach im Flur wider.
„Woher zum Teufel soll ich das wissen?“, hörte er Kevin antworten, während ihre Verwirrung hinter ihm verflog, während er rannte.
Ace dachte nicht nach, er reagierte einfach.
Seine Schritte donnerten auf dem polierten Beton der Garage. Er suchte sich jetzt kein Auto aus, sondern schnappte sich das nächstgelegene, eine elegante schwarze Limousine.
Der Motor heulte auf, ein bösartiges Knurren, das dem in seiner Kehle entsprach. Er verließ das Gelände nicht langsam, sondern schoss durch das Tor, während die Reifen Kies aufwirbelten.
Die Lichter der Stadt verschwammen. Doch er ignorierte das rote Leuchten der Ampeln, das empörte Hupen anderer Autos, die Regeln, die er immer so peinlich genau befolgt hatte.
Sein Fokus war wie ein Laser, der auf ein Ziel gerichtet war: den Fluss. Er musste dort sein, bevor Raymond und Raphael die Operation durchführen konnten.
Seine Hände waren um das Lenkrad geklammert, die Knöchel weiß, als er sich diese Worte sagte.
Er musste dort sein, er musste sie aufhalten.
Er musste seine Schwester retten.
Ein Leben voller Planung, die Kultivierung eines kalten, rachsüchtigen Hasses, der Aufbau eines Imperiums auf den Gräbern seiner Familie – all das zerfiel augenblicklich zu Staub.
Der abstrakte Gedanke an Rache wurde plötzlich, auf schreckliche Weise, Wirklichkeit.
Cailey lebte?
Und er hätte beinahe … beinahe wäre er der Architekt ihres Todes gewesen. Der Gedanke löste Übelkeit in ihm aus, ein Säurebrand in seinem Magen.
Nein. Unmöglich!
Das Wort war ein Mantra, ein Gebet.
Er trat fester aufs Gaspedal, das Gaspedal drückte bis zum Boden, als der Wagen nach vorne schoss und die dunkle, kurvenreiche Straße verschlang, die zum Strand führte. Das Mondlicht konnte den Baumtunnel kaum erhellen; es war nur ein schwacher silberner Wegweiser, doch er drang tiefer vor.
Die kalte Nachtluft, die durch das offene Fenster strich, konnte das Inferno aus Panik und Wut, das in ihm brodelte, nicht abkühlen.
Es war ein Lebewesen, das sich an seinen Rippen festklammerte und nach Erlösung verlangte. Wenn er zu spät kam … wenn sie sie bereits getötet hatten …
Nein!
Er verdrängte den Gedanken, bevor er sich richtig formen konnte. Er würde sich nie verzeihen. Die Last dieses Versagens würde ewig sein.
Endlich wichen die Bäume dem offenen Himmel, der salzige Geruch des Meeres stieg ihm in die Nase. Der Wagen kam schlitternd im losen Sand eines Aussichtspunkts zum Stehen, die Scheinwerfer erloschen abrupt und tauchten die Szene in fast völlige Dunkelheit. Er war ausgestiegen, bevor der Motor ausging, und seine Schuhe versanken bei jedem hektischen Schritt im Sand.
Dann sah er sie …
Silhouetten vor der schimmernden schwarzen Oberfläche des Flusses.
Ihm stockte der Atem.
Cailey kniete, ein dunkler Sack bedeckte noch immer ihren Kopf, ihr Körper war angespannt von einem Kampf, den er nicht hören konnte.
Und Raymond stand über ihr, der kalte, matte Schimmer einer Pistole in seiner Hand, er hob sie und richtete sie auf ihren Hinterkopf.
Die Zeit verlangsamte sich nicht mehr, sie kristallisierte sich heraus.
Aces Körper bewegte sich instinktiv, älter als gedacht, als er seine eigene Pistole aus der Tasche holte, das Gewicht vertraut und kalt. Er zielte nicht auf Raymond, sondern auf die Waffe. Sein Arm war wie Stein, sein Atem hielt an. Er atmete aus, und sein Finger spannte sich an.
Knack.
Das Geräusch war obszön laut und zerriss das ruhige Flüstern der Wellen. Raymonds Waffe wurde ihm gewaltsam aus der Hand gerissen und schepperte in die Dunkelheit. Die beiden Gestalten unten richteten sich ruckartig auf, ihre Köpfe schnellten herum und suchten die bedrückende Dunkelheit ab.
„Wer ist da?“ Raphaels Stimme, rau und alarmiert, durchschnitt die Nacht. „Zeig dein verdammtes Gesicht!“
Ace ignorierte den Befehl, da er sich bereits in Bewegung setzte, die Distanz verringerte und das Echo des Schusses als Deckung nutzte. Sein Herz trommelte gegen seine Rippen, doch seine Stimme, als er schließlich rief, war ein kalter, stählerner Klotz an Autorität, der keinen Widerspruch duldete.
„Ich bin’s. Feuer nicht.“
„Zweiter Capo?“ Raymonds Überraschung war deutlich zu spüren. Unwillkürlich trat er einen Schritt von Cailey zurück. „Was … was machst du hier? Wir wollten die Mission gerade beenden.“
Raphael nickte in Richtung der knienden Gestalt. „Das Paket ist zur Entsorgung bereit.“
Aces Blick wanderte zu ihr, zu Cailey. Der Lappen über ihrem Kopf, die rauen Seile, die sich in ihre Hand- und Fußgelenke schnitten. Er konnte das schwache, wilde Zittern sehen, das ihren Körper durchfuhr, die gedämpften, verzweifelten Geräusche unter der Kapuze.
Eine beschützende Wut, so heftig, dass es schwindelig machte, durchströmte ihn. Er unterdrückte sie und verbarg sie hinter einer Maske eisiger Gelassenheit.
Er richtete seinen Blick wieder auf die beiden Männer, sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar. „Sie haben hervorragende Arbeit geleistet. Ab hier übernehme ich.“
Raymond und Raphael tauschten einen Blick, ein stummes Gespräch purer Skepsis fand zwischen ihnen statt. Ace konnte es an ihren leicht zusammengekniffenen Augen und der Anspannung ihrer breiten Schultern erkennen.
Sie waren Instrumente der Gewalt, des kalten, harten Protokolls, und plötzlich schrieb er ihre Programmierung um. Doch er verstand nichts davon; das Einzige, was er verstehen konnte, war das schützende Trommeln seines eigenen Herzens.
„Sir … wovon reden Sie?“ Raymonds Stimme war leise, von einer Verwirrung durchzogen, die an Misstrauen grenzte.
Ace warf ihm einen Blick zu, der die Hölle gefrieren lassen hätte. „Welchen Teil meiner Worte hast du nicht verstanden?“, presste er hervor, jede Silbe scharf und eisig. „Ich sagte, ich übernehme ab hier. Geht beide zurück ins Penthouse. Sofort.“
Der Befehl war absolut, eine Welle purer Autorität, die sie überkam.
Raphael verlagerte sein Gewicht, seine dunklen, grüblerischen Gesichtszüge angespannt. „Und wenn der Capo nach der Mission fragt?“
Ace spottete, ein trockener, humorloser Laut. „Du sagst ihm die Wahrheit. Du sagst ihm, ich habe die Mission übernommen, weil ich es wollte.“ Seine Stimme ließ keinen Raum für Zweifel, keinen Raum für Widerspruch. Es war der Ton eines Mannes, dem der Boden gehörte, auf dem sie standen.
Das war es, das letzte Wort.
Mit einem letzten, unsicheren Blick auf die Frau am Boden drehten sich die beiden Männer um. Ihre Schritte knirschten auf dem Kies und verklangen, als sie sich zu ihrem Wagen zurückzogen. Ace stand wie eine Statue da, bis er sah, wie das Licht ihrer Scheinwerfer auf der dunklen Straße verschwand und das Motorengeräusch von der Nacht verschluckt wurde.
Erst dann erlaubte er sich zu atmen. Die Stille, die sie hinterließen, war überwältigend, nur unterbrochen vom sanften Plätschern des Wassers am Ufer und dem unregelmäßigen, gedämpften Atem der Frau zu seinen Füßen.
Ihm knickten fast die Knie ein, als er sich schließlich neben sie kniete. Seine Hände, sonst so ruhig und sicher, zitterten leicht, als er nach dem rauen, dunklen Sack griff, der ihren Kopf bedeckte. Der grobe Stoff kratzte an seinen Fingern. Langsam, mit fast ehrfürchtiger Bewegung, zog er ihn weg.
Und da war sie.