Camillas Sicht
Ich hatte kaum Zeit zu reagieren, bevor grobe Hände mich packten und über den kalten, harten Boden zerrten. Meine Füße schleiften über den Stein, meine Handgelenke waren in eiserne Fesseln gelegt, die sich schmerzhaft in meine Haut bohrten. Mein Herz hämmerte in meiner Brust, während ich gegen ihren Griff ankämpfte – vergeblich.
Die schweren Türen zum Thronsaal schwangen auf, und ich wurde hineingezogen. Der Anblick vor mir ließ mir den Magen umdrehen.
Der Ältestenrat saß in einer langen Reihe, ihre Mienen ernst. Ihre Augen, voller stummem Urteil, bohrten sich in mich, während ich gezwungen wurde, in der Mitte des Raumes auf die Knie zu sinken. Doch was wirklich eine Welle der Panik in mir auslöste, war Malakai.
Er saß zusammengesunken auf seinem Thron, seine Haut hatte einen kränklichen Grauton angenommen, sein einst kräftiger Körper war nun schwach und zitternd. Schweißperlen klebten auf seiner Stirn, während er mühsam versuchte, die Augen offen zu halten. Er sah aus, als würde der Tod bereits nach ihm greifen.
„Was geht hier vor?“ fragte ich mit zitternder Stimme.
Schweigen erfüllte den Raum, bis schließlich Ältester Bastian aufstand. „Camilla vom Crescent Moon Rudel, du wirst des versuchten Mordes beschuldigt.“
Mir stockte der Atem. „Was?“
„Du hast Alpha Malakai vergiftet“, erklärte ein anderer Ältester, seine Stimme voller Überzeugung.
Die Worte ließen eisige Kälte durch meine Adern strömen. Mein Mund öffnete und schloss sich wieder, unfähig, Worte zu formen. Das musste ein Albtraum sein.
„Nein“, keuchte ich schließlich. „Das ist nicht wahr! Ich habe nichts getan!“
„Du bist die Einzige, die einen Grund hatte, ihn tot zu sehen.“
„Ich wollte ihn tot sehen? Warum sollte ich…“
Ich verstummte mitten im Satz, als ich mich an das erinnerte, was gestern passiert war.
„Du warst die Letzte, die mit ihm gesehen wurde, bevor er zusammenbrach“, fuhr Ältester Bastian kalt fort. „Und du hattest allen Grund, ihn zu töten.“
Ich schüttelte heftig den Kopf. „Das ist eine Lüge!“
„Wo warst du letzte Nacht nach der Feier?“
„Ich war die ganze Nacht bei Hilda. Fragt sie!“
Schweigen legte sich wie eine schwere Decke über den Raum. Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren, während mir eine kalte Angst den Rücken hinaufkroch.
„Hilda ist verschwunden“, sagte schließlich jemand.
Mein Körper erstarrte.
Nein.
Nein, nein, nein. Das konnte nicht wahr sein.
„Sie… sie war bei mir! Ich schwöre es!“ Meine Stimme zitterte, Verzweiflung schnürte mir die Kehle zu. „Ihr müsst mir glauben. Ich habe das nicht getan!“
Die Ältesten tauschten Blicke aus, und dann stieß Malakai einen schwachen Husten aus. Seine Augen trafen kaum meine, als er heiser flüsterte: „Sperrt sie ein.“
Mir rutschte der Boden unter den Füßen weg.
„NEIN!“ schrie ich, als die Wachen mich erneut packten und in Richtung Kerker zerrten. Ich trat um mich, kämpfte, aber es war zwecklos. Sie waren zu stark, und meine Panik machte mich nur noch schwächer.
Das ist nicht real. Das kann nicht passieren.
Doch die kalte, feuchte Luft im Kerker sagte etwas anderes.
Die Wachen stießen mich in eine dunkle, muffige Zelle. Ich stolperte vorwärts, meine Knie trafen den Steinboden.
„Bitte, hört mir zu!“ flehte ich. „Ich bin unschuldig!“
Die eisernen Gitterstäbe knallten zu.
Die Angst, die Hilflosigkeit – es war zu viel. Mein Atem wurde flach, meine Sicht verschwamm, und bevor ich dagegen ankämpfen konnte, verschlang mich die Dunkelheit.
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Als ich wieder aufwachte, fühlte sich alles seltsam und anders an.
Mir wurde sofort klar, dass ich nicht mehr im dunklen, kalten Kerker war. Mein Kopf pochte wie ein Trommelschlag, und ich öffnete langsam die Augen – über mir eine helle, weiße Decke. Ein starker Geruch nach Desinfektionsmittel erfüllte die Luft und machte mir übel.
Ich war im Rudel-Krankenhaus.
Einen Moment lang lag ich still und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Mein Körper fühlte sich schwer und fremd an, als würde etwas Unsichtbares mich festhalten. Langsam drehte ich den Kopf zur Seite – und da sah ich sie.
Hilda.
Sie saß da, auf einem Stuhl nahe an meinem Bett, doch ihre Augen waren rot und geschwollen vom Weinen. Sie so zu sehen, ließ mein Herz schmerzen.
„Hilda?“ krächzte ich, meine Stimme rau und schwach.
Ich wartete auf eine Antwort, aber sie sagte nichts. Keine Bewegung, kein Zeichen der Reaktion.
„Wo warst du? Ich habe dich wirklich gebraucht, du hättest für mich sprechen müssen“, sagte ich, bemüht, meine Sorge zu verbergen. „Aber ist schon gut. Wir können jetzt zum Rat gehen.“
Noch immer Stille.
„Hilda?“ Ich versuchte es erneut, nun ängstlicher.
Ich streckte die Hand nach ihr aus, wollte sie trösten – doch meine Finger glitten durch ihre Hand hindurch. Eine eisige Kälte durchfuhr mich.
Was passiert hier?
Panik stieg in mir auf, als ich sie ungläubig anstarrte. „Hilda, was ist los?“
Sie antwortete nicht. Stattdessen begann sie nur noch heftiger zu weinen.
Ich versuchte erneut, sie zu berühren, auf irgendeine Weise für sie da zu sein – doch meine Hand glitt durch ihre Schulter. Mein Herz raste, mir wurde schwindlig.
„Nein“, flüsterte ich, während die Angst sich wie eine Kralle um meine Brust legte.
In Panik drehte ich meinen Kopf hektisch, versuchte zu begreifen, was geschah. Der Anblick, der mich erwartete, traf mich wie ein Schock.
Dort, auf dem Krankenhausbett, lag mein eigener Körper – still und leblos.
Alles in mir zerbrach wie Glas. Ich fühlte mich verloren, allein, unfähig zu begreifen, was ich da sah. Ich wusste nicht, wie ich hierhergekommen war, und ich hatte entsetzliche Angst.
„Das… das bin ich“, würgte ich hervor. „Wie ist das möglich? Ich kann nicht… Nein, nein, nein! Das muss ein Traum sein!“
Eine erdrückende Panik packte mich. Mein Atem ging stoßweise, hektisch. Ich versuchte aufzustehen, mich zu bewegen, doch meine Beine fühlten sich schwerelos an – losgelöst von der Realität.
Die Tür flog auf.
Malakai trat ein, noch immer bleich, aber mit wachsamen Augen. Der Rudelarzt folgte ihm, seine Miene ernst.
„Sie hat Glück, dass sie noch lebt“, murmelte der Arzt. „Der Eisenhut in ihrem System hätte sie töten müssen.“
Eisenhut.
Es war, als würde mir die Luft zum Atmen fehlen.
Jemand hatte versucht, mich zu töten.
Aber statt zu sterben, war ich gefangen – ein Geist in meiner eigenen Welt.