ZWEI
THE ELDORADO, SHREVEPORT, LOUISIANA
14. März 2012
Eine Viertelstunde später hatte ich eine Flasche Wein aus der Minibar befreit. Ich hielt mein iPhone umklammert in der Absicht, einen Text zu tippen. Besoffen zu texten ist nie eine gute Idee. Ich wünschte, ein Bulle hätte mir Handschellen angelegt – das hätte mich davor bewahrt, was als nächstes passierte.
An Nick: „Du hast mich wegen Tim sitzenlassen. Ich bin einsam.“ Ich hätte genauso gut dazuschreiben können: „In Liebe, deine durchgeknallte Stalkerin.“
Keine Antwort. Ich wartete fünf Minuten, während ich ein Glas Wein leerte. Ich schenkte mir nach. Ich scrollte durch Emilys dreihundert Texte, in denen sie fragte, wo ich sei und antwortete ihr: „Nick!!! Tut mir so leid. Wir reden später.“
Ich schickte noch einen Text an Nick. „Bist du da? Tim noch da?“
„Hallo“, war seine Antwort.
Sekunden später kam noch ein Text von Nick. „Wir müssen reden.“
Reden im guten oder schlechten Sinn, fragte ich mich. Reden als Umschreibung für nicht reden?
Ich antwortete Nick: „Ok. Wo, wann?“
„Montag, Büro.“
Schlag in die Magengrube. Konzentrier dich, Katie, konzentrier dich. Noch hast du eine Chance. „Unfair. Jetzt? Sag wo.“
„Dumme Idee. Hab getrunken.”
„Passt schon. Z 632.“
Keine Antwort. Grübel, grübel, grübel grübel, grübel, grübel. Nein hat er nicht gesagt. Er hat auch nicht ja gesagt. Ich könnte zurücktexten und um klare Antwort bitten, aber es könnte die falsche sein. Nimm einfach an, es ist ein Ja, jetzt reiß dich zusammen, Frau.
Ich inspizierte das spartanische Hotelzimmer: eine trostlose hellbraune Steppdecke mit Grauschleier von zu vielen Waschdurchgängen, hellbraune Vorhänge, verfärbt von Jahren im „Raucherzimmer“, ein gerahmter Druck mit einem Flussboot Marke Massenproduktion an der Wand mit Metalltapete. Es war wenig vielversprechend für ein romantisches Intermezzo. Ich brachte es trotzdem so gut wie möglich Ordnung und mich gleich dazu und versuchte, mich zum Zweck nüchternen Denkens und Handelns in den Griff zu bekommen.
Kein Nick. Ich tigerte auf und ab. Ich sah nach, ob er einen Text geschickt hatte. Und dann, ganz plötzlich, mit meiner übersinnlichen Nick-Wahrnehmung, wusste ich, dass er da war.
Ich spähte durch den Spion. Ja, da stand er und tat dasselbe wie ich auf der anderen Seite der dicken Holzplatte. Ich konnte aber die Tür nicht öffnen, sonst würde er wissen, wo ich gerade stand.
Er hob die Hand, um anzuklopfen. Er ließ sie wieder sinken. Er drehte sich um, wollte weggehen, kam wieder zurück. Er vergrub seine Hand in den Haaren, wühlte darin und schloss die Augen.
Er klopfte. Ich hielt die Luft an und sprach ein kleines Gebet: „Lieber Gott, bitte lass mich das jetzt nicht versauen.“ Wahrscheinlich nicht das durchdachteste oder gelungenste Gebet, das ich je von mir gegeben hatte. Ich öffnete die Tür.
Keiner von uns sagte etwas. Ich trat zurück und er kam herein, in der linken Hand hielt er eine zusammengeknüllte Serviette von der Bar. Mit der rechten Hand fuhr er sich wieder durch die Haare, ein nervöser Tick, den ich schon vor dem heutigen Abend beobachtet hatte.
Ich setzte mich aufs Bett. Er setzte sich auf einen Stuhl am Fenster.
„Du hast gesagt, wir müssen reden“, forderte ich ihn auf.
Er konzentrierte sich lange auf die zerknautschte Serviette. Als er aufsah, deutete er abwechselnd auf sich und mich und sagte: „Mein Leben ist gerade viel zu kompliziert. Tut mir leid, aber das geht einfach nicht.“
Das waren nicht die Worte, auf die ich gehofft hatte. Vielleicht war es in etwa das, was ich erwartet hatte, aber ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, bis er es aussprach. Mein Gesicht brannte. Countdown bis zum Ausrasten lief.
„Mit ‚das‘ nehme ich an, dass du dich auf irgendein ‚Ding‘ beziehst, das zwischen dir und mir läuft? Klar geht das nicht. Ich bin Partnerin in der Firma.“ Ich hörte meine eigene Stimme wie von weit weg. Überheblich. Distanziert. „Ich weiß, dass das wie Flirten ausgesehen hat, aber das mache ich mit jedem, Nick. Denk dir nichts dabei. Ich baggere dich nicht an.“
Ich konnte den Handabdruck meiner verbalen Ohrfeige förmlich auf seinem Gesicht sehen.
„Ich habe gehört, wie du am Handy mit Emily geredet hast, als du heute Nachmittag angekommen bist.“
Das klang unheilschwanger. „Wovon redest du?“
„Ich bin an deinem Zimmer vorbeigegangen. Deine Tür stand offen. Ich habe dich gesehen. Gehört.“
Ich protestierte: „Woher weißt du überhaupt, dass ich das war?“
„Ich kenne deine Stimme. Du hast über mich geredet. Ich habe meinen Namen gehört. Tut mir leid, dass ich gelauscht habe, aber ich konnte nicht anders. Ich bin stehengeblieben und habe zugehört.“
Ich wollte ihn unterbrechen, aber er redete weiter.
„Du hast gesagt“, oh je, ich wünschte mir inständig, das Folgende nicht hören zu müssen, „dass du es nicht fassen kannst, wie sehr du auf mich stehst. Dass du dich schuldig fühlst, weil du mehr an mich denkst als an die Arbeit oder was mit deinen Eltern passiert ist …“ Nick stolperte über seine eigenen Worte und kämpfte darum, weiterzureden. „Du hast zu Emily gesagt, dass du einfach nichts dafürkannst, dass du in mich verliebt bist.“
Du lieber Gott. Oh je. Mein erhitztes Gesicht wurde blutleer. Das hatte ich am Handy zu Emily gesagt. Sie hatte angerufen, um sicherzugehen, dass ich direkt zur Sitzung herunterkäme und ich hatte das Gespräch auf Nick gebracht. Es war eine so normale Sache gewesen, dass ich es ganz vergessen hatte. Verflucht, es war so normal, dass sie wahrscheinlich gar nicht zugehört hatte. Plötzlich spürte ich, wie betrunken ich war, das Zimmer schwankte.
Ich zwang mich zu einem klirrenden Gelächter. „Stimmt, ich habe deinen Namen erwähnt, aber das habe ich nicht gesagt.“
„Doch“, unterbrach er. „Ich bin kein Idiot. Ich weiß, was ich gehört habe.“
„Naja, du hast das falsch verstanden“, beharrte ich. „Ich bin nicht hinter dir her, Nick. Soweit ich weiß, bist du noch verheiratet. Und wir arbeiten zusammen. Tut mir leid, wenn du wegen mir ein ungutes Gefühl hast. Ich werde mich bemühen, dass es nicht mehr vorkommt.“
„Ich hatte wegen dir kein ungutes Gefühl.“ Er unterbrach sich, fuhr ein drittes Mal mit der Hand durch seine Haare und starrte wieder nach unten auf die Serviette. Auf dem verdammten Ding stand etwas geschrieben. „Es ist nur …“ Er seufzte und sprach nicht weiter.
„Nur was?“
Keine Antwort. Ich wünschte mir, der folgende Sarkasmus, den ich auf ihn abfeuerte, wäre nur dem Alkohol zuzuschreiben, aber dem war nicht so.
„Warum fragst du nicht deine magische Serviette um Rat, damit du auch siehst, was du sagen sollst?“
Sein Gesicht lief dunkel an. „Das war primitiv.“
Jetzt kam ich erst richtig in Fahrt. „Na, du hast dir ja scheinbar deine ganze Rede aufgeschrieben, bevor du gekommen bist. ‚Armer, liebeskranker Katie einen Dämpfer versetzen‘.“ Ich holte tief Luft und zischte: „Ich fass es nicht, dass du dir Notizen auf einer Serviette von der Bar machst.“
„Ich bin nicht so wortgewandt wie du, Frau Rechtsanwältin. Ich wollte es auf die richtige Art sagen. Mach dich nicht über mich lustig, nur, weil ich das ernstnehme.“
„Tut mir leid, dass du dir wegen mir so viel Mühe machen musstest.“ In dem Moment tat es mir nicht leid und ich vermute, dass mein Ton das ziemlich klarmachte. „Lies auf jeden Fall deine Serviette zu Ende.“
Er stand auf. „Auf meiner Serviette steht nichts mehr, worüber wir reden müssten.“
Zu spät merkte ich, wie ekelhaft ich mich aufführte. „Nick, entschuldige. Vergiss, was ich gesagt habe. Ich habe zu viel getrunken. Scheiße, ich trinke in letzter Zeit immer zu viel und ich werde echt damit aufhören. Ich hoffe, dass das unsere Freundschaft nicht kaputtmacht und dass wir in der Arbeit normal miteinander umgehen können. Du weißt doch, wie ich bin. Ich bin viel zu vorlaut, ich reiße immer die Klappe zu weit auf.“ Ich stellte mein sinnloses Geschwätz ein, verstummte und bemühte mich, zu ihm Augenkontakt zu halten.
Meine Gedanken wirbelten durcheinander. Wie hatte ich ihn so missverstehen können? Ich hatte immer geglaubt, dass er sich im Grund genauso zu mir hingezogen fühlte – und nicht nur auf körperlicher Ebene – wie ich zu ihm. Dass er, wenn ich ihm den rechten Auftakt und Anstoß lieferte, mich im Sturm erobern und in seiner Zauberkutsche entführen würde in ein glückliches Leben bis ans Ende unserer Tage.
Wie lächerlich das war. Ich war nicht Aschenbrödel. Ich war Glenn Close in ‚Eine verhängnisvolle Affäre‘ mit dem gekochten Kaninchen. Und er war Micheal Douglas, der nach einem Fluchtweg suchte.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich das wieder richten sollte. Sein Blick wurde zunehmend feindseliger. Ohne ein weiteres Wort stampfte er mit dieser verdammten, zusammengeknüllten Serviette aus dem Zimmer.