10.Kapitel Ein Erbe für Rohan

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10.Kapitel Ein Erbe für Rohan 17. März, Jahr 67 V.Z Im Leben einer Königin war nichts Privat. Das war mir jetzt mehr bewusst als je zuvor. Der Raum war zum bersten voll.  Nicht nur mit den Hebammen und diversen Bediensteten, sondern auch mit Mitgliedern des Kronrats.  Die Geburt des Thronfolgers von Rohan und Arnor musste vor Zeugen stattfinden. Was für eine Ironie es doch war! Den ganzen letzten Monat hatte ich gemäss Protokoll strenge Bettruhe in einem stickigen, abgedunkeltem Raum einhalten müssen. Nur meinen vier Zofen hatte man den Eintritt gewährt. Und jetzt, wo ich entblösst und schwitzend in meinem Bett lag und unvorstellbare Schmerzen erlitt, war der halbe Hofstaat um mich versammelt. Wie lange ging das schon? Eine Stunde? Fünf Stunden? Ich wusste es nicht. Schliesslich presste ich auf Anweisung der Geburtshelferin noch einmal mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte. Der Schmerz schien viel stärker zu sein als alles, was mein Körper aushalten konnte.  Ich schrie und war mir sicher, dass ich gleich sterben würde. Dann endlich war mein Kind da. Ein Raunen ging durch die Menge. Die Hebammen machten sich eilig daran, das Neugeborene zu säubern. Einen fürchterlich langen Moment war es still. Gerade als mich die Angst erfasste, wurde diese Stille aber durch den unverkennbaren Schrei eines Neugeborenen durchbrochen. Ich liess mich erschöpft in mein Kissen fallen. Es war geschafft! Die Hebamme wickelte das Kind in ein besticktes Tuch mit dem Wappen Rohans und reichte mir das kleine Bündel. Ich wusste, was jetzt von mir erwartet wurde. Ich sollte der Welt meinen Sohn zeigen, den Thronfolger. Aber die Welt konnte warten. Einen langen Moment hatte ich nur Augen für meinen Sohn. Er war wunderschön. Er hatte gleichen dunkelbraunen Augen wie Théodred, mit denen er mich neugierig ansah. „Halò, a balach.“, sagte ich liebevoll und berührte seine winzige Hand mit meiner. Dann riss ich meinen Blick von ihm los und schaute die versammelte Menge stolz an. “Dhia glèidh prionnsa Alaisdair!“ (Gott schütze Prinz Alasdair) 18. April, Jahr 67 V.Z Als ich in das helle Licht der Sonne trat, waren die zwei Monate, die ich in dem finsteren Raum verbracht hatte, beinahe vergessen. Ich hatte in den frühen Morgenstunden den mütterlichen Segen empfangen und war somit wieder in der Gesellschaft aufgenommen. Théodred war der erste, der mich begrüsste.  „Mo bean, mo banrigh! A dhia glèidh a' Bhanrig!“  (Meine Frau, meine Königin! Gott schütze die Königin) Es wurde ein Fest, wie es Rohan seit dem Ende des Ringkriegs nicht mehr gesehen hatte. Mich aber interessierten die ganzen Würdenträger und anderen Gäste an diesem Tag nicht. Sollte sich der Kronrat darum kümmern.  Ich verbrachte jede freie Minute in der Kinderstube bei meinem Sohn. Ich war überzeugt davon, dass er schon jetzt Théodred sehr ähnlich sah. Nur seine hellen Haare schimmerten rötlich, genau wie meine. Ich hatte ihn seit der Geburt nicht mehr sehen dürfen und verfluchte das Protokoll einmal mehr für seine ganzen Regeln. „Mylady?“ Eine Zofe reichte mir einen Brief mit dem unverkennbaren Siegel meiner Mutter. Ich entliess sie mit einem Wink und setzte mich auf eine Bank, um zu lesen.  „Meine geliebte Tochter! Ich kann kaum in Worte fassen, wie glücklich mich deine Nachricht gemacht hat. Ein Prinz war genau das, was Rohan gebraucht hat. Auf diese Leistung kannst du stolz sein. Aber ich warne dich, wähne dich jetzt nicht in falscher Sicherheit! Bete täglich zu Eru für die Gesundheit von Prinz Alasdair. Und lass deinen Gemahlen dich so bald wie möglich wieder in dein Bett. Mit diesem Sohn beginnt es erst. Du musst auch an Arnor denken, dein zweitgeborener wird über das Land deiner Geburt herrschen wenn ich nicht mehr bin. Es braucht einen Erben und einen Ersatz, für beide Königreiche. Ich weiss, das ist viel verlangt. Aber Arnor muss ein eigenständiges Königreich bleiben, egal wie hoch der Preis auch sein mag. Vergiss das nie, mein teures Kind. PS: Der Tratsch an deine Krönung war mehr als nur etwas Unterhaltung. Als König Eldarion noch jünger war, hat er viel Zeit mit einer Elbin verbracht. Sie reist oft durch Mittelerde und bald werde ich sie in Fornost empfangen. Und wer weiss, vielleicht auch du in Meduseld?“ Ich las den Brief sicher fünf Mal durch, und mit jedem Mal wurde ich wütender. Schliesslich zerknüllte ich das Papier, schmiss es in den Kamin und sah mit einer gewissen Befriedigung zu, wie das Schriftstück verbrannte. Das war so typisch für meine Mutter! Mein Sohn und Erbe war gerade erst einen Monat alt und schon rügte sie mich, ich solle Kinder bekommen. Was bildete sie sich ein? Dass Kinder auf Bäumen wachsen? Strenggenommen war sie an dem jetzigen Dilemma auch mitschuldig. Wenn sie und mein Vater nicht so viele Jahre getrennt verbracht hätten, gäbe es neben mir vielleicht immerhin eine Schwester, die die Thronfolge in Arnor sichern könnte. Allerdings änderte meine Wut nichts daran, dass meine Mutter recht hatte. Mit einem einzigen Sohn war meine Aufgabe noch nicht erfüllt. Niemand wusste, ob er seine ersten Jahre überleben würde, oder später einen tödlichen Unfall haben würde. Daran konnten alle Gebete der Welt nichts ändern. Ich würde also meinem Mann noch eine sehr lange Zeit in meinem Bett empfangen müssen, dachte ich seufzend. Der Akt an sich war nicht unangenehm oder gar schmerzhaft, ich störte mich lediglich daran, was für eine Sauerei es jedes mal war. Ich hasste das klebrige Zeug auf dem Bettlaken und zwischen meinen Beinen.  Trotzdem empfing ich meinen Ehemann diesen Abend wieder in meinem Bett, denn ich hatte eine Pflicht zu erfüllen…
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