Kapitel zwei – Evelyns POV
Der Arzt fixierte mich mit durchdringendem Blick, seine Augen musterten mich intensiv.
„Das ist ungewöhnlich“, sagte er, während er auf das Klemmbrett blickte, sein Ton klang selbstbewusst. „Sie haben sich zwar am Kopf gestoßen, aber die Untersuchungen zeigen keinen Gedächtnisverlust. Fälle wie dieser sind extrem selten, fast beispiellos.“
Ich blieb stumm und presste die Bettdecke fest gegen mich. Mein Herz hämmerte, während er mich weiter musterte, in der Hoffnung, er würde mein Geheimnis nicht entdecken.
Sein Blick wanderte zu meinem Ehemann – nein, zu Ethan, der neben der Tür stand. Seine Haltung war steif, sein Gesichtsausdruck undurchschaubar. Schon der Anblick jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken.
„Wenn es Ihnen recht ist“, sagte der Arzt, „würde ich gerne kurz allein mit meiner Patientin sprechen.“
Ethan rührte sich zunächst nicht, doch seine Finger zuckten, sein Kiefer spannte sich an. Nach kurzem Zögern nickte er jedoch.
Seine Augen verweilten einen Moment zu lange auf mir, bevor er sich abwandte, den Raum verließ und die Tür hinter sich schloss.
Kaum war er draußen, ließ ich den Atem los, den ich unbewusst zurückgehalten hatte. Der Arzt neigte den Kopf.
„Nun, sagen Sie mir die Wahrheit. Was ist hier los?“ Er hob eine Augenbraue.
Mein Hals fühlte sich eng an, meine Fingernägel gruben sich in meine Handflächen. Ich sollte schweigen, so tun, als wüsste ich nichts – aber das konnte ich nicht. Der Arzt würde es irgendwann herausfinden.
Ich sah ihm in die Augen. „Ich habe gelogen“, wisperte ich, meine Stimme kaum hörbar.
„Entschuldigung?“ Er blinzelte, sichtlich überrascht. Ich schluckte schwer und zwang mich, weiterzusprechen.
„Ich habe mein Gedächtnis nicht verloren“, sagte ich, während meine Stimme zitterte. Ich atmete tief durch. „Ich erinnere mich an alles.“
Er zog die Stirn in Falten und machte einen Schritt auf mich zu. „Warum dann?“
„Weil mein Ehemann versucht hat, mich umzubringen.“
Die Augen des Arztes weiteten sich, seine Hand umklammerte das Klemmbrett fester.
„Das ist eine schwere Anschuldigung“, sagte er vorsichtig, „sind Sie sich da ganz sicher …“
Ich erzählte dem Arzt alles – vom Anruf bis zum Versagen des Autos. Und dass, selbst wenn es nicht mein Ehemann war, doch jemand da draußen mein Leben beenden wollte und ich diesen Weg gehen musste, um das herauszufinden.
„Bitte helfen Sie mir“, flehte ich.
Doch er lehnte ab und erklärte, sein Arzttitel und seine Zulassung stünden auf dem Spiel. Meine Verzweiflung wuchs, ich packte sein Hemd, meine Stimme bebte. Ich versprach, alles geheim zu halten, und zahlte ihm, wenn nötig.
Nach langem Bitten stimmte er schließlich zu.
Erleichterung durchflutete mich. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür und Ethan kam herein. Seine Augen musterten den Raum.
„Alles in Ordnung?“ fragte er und hob fragend eine Augenbraue.
Ich hielt den Atem an und sah zu dem Arzt.
„Sie wird Zeit brauchen, um sich zu erholen, aber im Moment ist sie stabil“, erwiderte er ruhig.
Ethan nickte und wandte sich an mich mit einem falschen Lächeln.
„Ich hole dir etwas zu essen.“ In meiner Magengegend verkrampfte sich alles.
Der Gedanke, dass er mir Essen brachte, ließ mir die Galle hochkommen. Ich misstraute ihm zutiefst. Was, wenn er mich vergiften wollte?
Kaum war er weg, stand ich auf und begann, nervös auf und ab zu gehen. Ich brauchte Hilfe. Ich musste hier raus, egal wie schwer es war.
Und es gab nur eine Person, die mir jetzt helfen konnte: meine beste Freundin Olivia, meine Schwester im Geiste.
Ich griff nach Ethans Handy, das auf dem Stuhl lag, meine Finger zitterten beim Versuch, es zu entsperren.
Ich tippte das Passwort ein – „Falsches Passwort“ erschien auf dem Bildschirm. Meine Brust zog sich zusammen. Ich versuchte es erneut – dasselbe Ergebnis.
Verdammt! Er hatte das Passwort geändert.
Panik stieg in mir auf. Doch dann entdeckte ich das Krankenhaus-Telefon an der Pflegestation. Meine einzige Chance: Olivia anzurufen. Wenn sie es hierher schaffte, wäre ich in Sicherheit.
Ich ignorierte den Schwindel, schlich hinaus zum Apparat, nahm den Hörer ab und wählte Olivias Nummer. Es klingelte einmal, zweimal – dann war die Verbindung weg. Mein Kopf pochte, aber ich versuchte es nochmal. Wieder brach der Anruf ab.
Meine Lippe presste ich zwischen die Zähne, unter der ruhigen Fassade brodelte wütende Energie.
Dann durchfuhr mich Erleichterung, als ich Olivia hereinkommen sah. Ich wollte rufen – doch dann sah ich Ethan bei ihr. Nah bei ihr, lächelnd im Gespräch.
Komisch, denn Ethan und Olivia konnten sich nicht leiden. Vielleicht hatte er sie hergerufen, um nach mir zu sehen. Vielleicht …
Doch plötzlich beugte er sich zu ihr – und küsste sie. Mein Herz blieb für einen Moment stehen.
Das kann nicht wahr sein. Ich muss träumen.
Ethan, mein Ehemann seit fünf Jahren, und Olivia, meine beste Freundin seit Kindertagen. Die beiden küssten sich leidenschaftlich.
Meine Knie sanken fast weg, aber ich klammerte mich an den Bettrand, um nicht zusammenzubrechen. Ein Druck schnürte meine Brust zusammen, mein Atem kam in kurzen, abgehackten Zügen.
Ich wollte wegsehen, wegrennen, so tun, als hätte ich das nie gesehen. Aber meine Augen schienen festgenagelt.
Ich beobachtete, wie er Olivia auf den runden Bauch küsste.
Da traf es mich: Olivia hatte nie gesagt, wer der Vater ihres Kindes war. Ich hielt es für Verlegenheit, für Scham – aber jetzt ergab alles einen Sinn.
Das Kind ist Ethans.
Ein brennender Schmerz stieg in meiner Brust, aber ich zwang mich, ihn zu unterdrücken. Mein Körper bebte, meine Finger waren taub vor Schock.
Wie konnten sie mich so verraten?
Ich gab Ethan alles – meine Liebe, meine Loyalität, mein Vertrauen. Und so zahlt er es mir heim? Mit Lügen? Mit Olivia, meiner Schwester ohne Blut. Sie hat mich hintergangen.
Doch wollte Ethan mich wirklich töten, nur weil er sie wollte? Warum dann nicht einfach die Scheidung?
Nein, da steckt mehr dahinter.
Es gibt etwas, das ich nicht weiß. Etwas, das er vor
mir verbirgt. Ich muss die Wahrheit herausfinden – ehe er erneut versucht, mich für immer loszuwerden.