Kapitel Sieben

1921 Worte
Essen soll einfach sein. Zumindest sollte es das. Aber wenn eine Waffe auf dich gerichtet ist und dir gegenüber ein Mann sitzt, kälter als der Marmorboden unter deinen Füßen… wird jeder Bissen zum Krieg. Andromedas Hand zitterte, als sie nach dem Brot griff. Ihre Finger schlossen sich kaum darum, als hätte sie Angst vor der eigenen Bewegung. Die Butter schmolz langsam auf der warmen Oberfläche, und trotzdem stieg ihr der Duft in die Nase. Ihr Magen knurrte. Reflexartig. Nicht aus Verlangen nach Sättigung, sondern aus Hungerschmerz. Lucian sagte nichts. Er beobachtete nur. Sein Blick schnitt in sie wie das Radar einer Predator-Drohne. Präzise, kalt, auf jedes Zucken reagierend. Andromeda wollte nicht essen. Jeder Nerv schrie nein. Sie fühlte es bis in die Zellen—dass dies keine Nahrung war. Es war Unterwerfung. Ein stilles Einverständnis mit Regeln, die sie nie akzeptiert hatte. Aber sie bewegte sich. Sie biss ab. Das Brot schmeckte fad, neutral, doch das Schlucken tat weh. Ihre Kehle schnürte sich zu, als wüsste ihr Körper: Du solltest das nicht tun. Aber es war schon zu spät. Lucian beobachtete immer noch. Ihn interessierte nicht das Brot, nicht einmal ihre Reaktion. Er beobachtete sie. Wie jeder Bissen Spuren in ihrem Gesicht hinterließ. Wie ihre Hand zitterte und sich dennoch bewegte. Wie sich die Muskeln in ihrem Hals bei jedem Schluck anspannten. Andy versuchte, ihn nicht anzusehen. Ihn auszusperren. Aber selbst ihr Magen verriet sie. Der zweite Bissen war schwerer. Der dritte schmerzhaft. Dann kam die Suppe. Sie löffelte sie langsam, wie jemand, der die letzten Augenblicke seiner Freiheit herunterzählt. Die Suppe war salzig, warm, beruhigend… oder sie hätte es sein sollen. Doch mit jedem Schluck fühlte es sich an, als würde die Wärme ihr die Kehle versengen. Als würde Dampf sie von innen austrocknen. Es war nicht mehr Lucians Drohung, die sie weitermachen ließ. Nicht einmal die Waffe. Es war etwas anderes. Ein Instinkt. Eine sture kleine Stimme, die flüsterte: Wenn du schon hier bist, nimm wenigstens, was du kannst. Deinen Körper. Deinen Hunger. Deine Kontrolle. Wenigstens einen Bissen davon. Der Apfel kam zuletzt. Das Schwerste. Das Knacken ihres Bisses klang zu laut, schnitt durch den Raum. Lucians Blick flackerte einen Moment. Andy konnte nicht deuten, was sie darin sah. Vielleicht Wiedererkennen. Vielleicht Neugier. Aber es spielte keine Rolle. Sie schluckte. Den letzten Bissen. Und dann… kam das Wasser. Die Flasche war kalt unter ihren Fingern, der Deckel leistete Widerstand, und das Zischen beim Öffnen war ohrenbetäubend in der Stille. Andy hob das Glas, nahm einen Schluck. Dann noch einen. Das kühle Wasser glitt die Kehle hinab, beruhigte die Stelle, an der eben noch Feuer gebrannt hatte. Einen Moment dachte sie, es wirkte. Aber nein. Etwas regte sich. In ihrem Magen. Tief unten. Als hätte ihr Körper plötzlich begriffen, dass er nichts davon gewollt hatte. Es gab keinen Hunger mehr. Nur Gewicht. Schwere. Übelkeit. Zuerst kam es wie eine Welle. Wie ein dunkler Gedanke, der vorbeizieht. Dann kehrt er zurück. Größer, tiefer. Ihre Hände krallten sich in die Armlehnen. Lucian bewegte sich. Vielleicht instinktiv. Vielleicht nur, weil er die Veränderung in ihrem Gesicht sah. Aber er sagte nichts. Er fragte nicht. Er starrte nur. Andromeda versuchte, tief zu atmen. Doch ihr Magen gehorchte nicht mehr. Essen und Wasser verschmolzen zu einer einzigen pulsierenden, brennenden Masse in ihr. Jeder Nerv schrie: Raus damit. Denn wenn nicht… hier, jetzt, jede Sekunde— Der Stuhl kreischte, als sie ihn zurückschob. Die Metallbeine schrubberten über den Boden, ein scharfer, hässlicher Ton. Im nächsten Moment stand sie schon. Der Raum drehte sich. Der Boden wellte sich unter ihr. Der Geschmack im Mund war metallisch, Schweiß stand ihr schon auf der Stirn. Die Tür… wo? Da. Lauf. Jetzt. Lucian erhob sich. Langsam. Er versperrte ihr nicht den Weg. Andy stürzte ins Bad. Die Tür schlug hinter ihr zu, und sie brach auf die Knie. Der kalte Boden unter ihr ächzte unter dem Gewicht der Welt. Ihr Körper fragte nicht mehr. Er warf es hinaus. Alles kam hoch. Das Brot. Die Suppe. Der Apfel. Das Wasser. Aber es war nicht nur das Essen. Es war alles. Die Scham. Die Wut. Die Angst. Das Versagen. Ihre Knie bebten. Ihre Arme trugen sie kaum. Ihr Haar klebte an den Schultern, ihre Tränen mischten sich mit der Galle, und in ihrer Kehle blieb nichts als Leere. Und irgendwo tief drinnen… eine Stimme. Nie wieder. Sie rutschte an die Fliesen zurück, die Wirbelsäule an der Wand. Ihr Brustkorb hob und senkte sich. Sie hechelte. Zitterte immer noch. Nichts mehr im Magen. Zu viel im Herzen. Draußen, im Zimmer, wartete Lucian. Aber Andy war nicht mehr dieselbe Frau, die hineingegangen war. Dieser Bissen… er hatte nicht nur ihren Magen geleert. Er hatte ihr etwas anderes genommen. Etwas Endgültiges. Erst kam das Geräusch, leise. Lucian wusste nicht einmal, wann es ihn traf. Vielleicht als der Stuhl kreischte. Vielleicht, als die Tür zuschlug. Vielleicht erst, als die Stille plötzlich… zu groß wurde. Oder zu klein. Dann kam das Geräusch des Erbrechens. Abgerissen. Gedämpft. Vertraut. Lucian erstarrte auf seinem Stuhl. Die Desert Eagle lag noch in seiner Hand, doch jetzt… fühlte sie sich gewichtslos an. Der Moment, auf den er gewartet haben sollte—das erste Zeichen ihres Zusammenbruchs—fühlte sich überhaupt nicht wie ein Sieg an. Er stand auf. Nicht abrupt. Nicht theatralisch. Einfach… aus Instinkt. Er überquerte den Raum, so leise wie immer. Die Tür stand einen Spalt offen. Licht schnitt eine dünne Linie über die Badezimmerfliesen. Aber die Geräusche darin ließen keinen Zweifel. Er war die Ursache. Lucian stieß die Tür auf. Der stechend saure Geruch traf ihn sofort. Der kalte Glanz der Fliesen spiegelte ihre Gestalt: Sie kauerte am WC, das Haar wirr über dem Gesicht, die Schultern bebend. Sie weinte nicht laut, doch ihr ganzer Körper schüttelte sich bei jedem Atemzug. Lucian blieb stehen. Stand im Türrahmen und sah sie an. Und seine Stirn legte sich in Falten. Nein, es war kein Mitleid. Keine Schuld. So funktionierte er nicht. Eine schwache Frau auf dem Boden konnte nicht Jahrzehnte an Drill und Brutalität auslöschen. Aber… das hier war anders. Das war kein Drama. Kein Spiel. Das war roher, unkontrollierbarer Zusammenbruch. Und irgendwie… verstörte es ihn. Nicht, weil er es nicht erwartet hatte. Sondern weil er es nicht sehen wollte. Nicht so. Er trat ein. Langsame, bedachte Schritte. Wie ein Schatten, der in einen Kopf hineingleitet und sich weigert zu gehen. Seine Schuhe flüsterten über die Fliesen, während er die Waffe zurück ins Holster schob. Sie gehörte nicht hierher. Nicht jetzt. Er blieb vor ihr stehen. Andromeda sah nicht auf. Ihre Hände lagen auf dem Boden, noch immer zitternd. Ihr Atem war scharf, als kämpfe sie innen noch gegen etwas. Lucian hockte sich neben sie. Die Brauen weiterhin zusammengezogen. Die Augen dunkel, unbeweglich. Doch in ihm spannte sich etwas. Ein Aufflackern von etwas, das er nicht benennen konnte. Denn das hier… sah nicht nach „gebrochen“ aus. Es sah aus wie ein Körper, der einfach nicht mehr konnte. „Was zum Teufel tust du dir an?“ fragte er leise. In seinem Ton lag kein Spott. Keine Drohung. Nur eine dunkle, tiefe Frage, die eine seltsame Mischung aus Schock und… Selbstvorwurf trug. Andromeda sah auf. Nur einen Moment. Da sah Lucian ihre Augen wirklich. Rot, nass, und doch brennend mit etwas Trotzigerem als je zuvor. Sie war nicht gebrochen. Erschüttert, ja. Zusammengesackt? Vielleicht. Aber noch immer saß etwas in ihr, das jede Silbe bedeutend machte. Und das—trieb ihn in den Wahnsinn. Lucian erhob sich. Er bot ihr nicht die Hand. Half nicht. Er trat nur zurück. Seine Fäuste ballten sich. Sein Brustkorb hob und senkte sich, wie bei jemandem, der einen Gedanken zu lange zurückhält. Den Gedanken, dass dies nicht mehr dasselbe Spiel war. Dass es nicht um Elliot Carter ging. Nicht nur um Schulden, Macht oder Vergeltung. Diese Frau… ließ sich nicht mit einer Waffe brechen. Und vielleicht… sollte sie es auch nicht. Aber er sprach es nicht aus. Er sah sie nur an, zusammengekauert auf dem Badezimmerboden, und zwischen ihnen spannte sich ein schweres Schweigen. Dann sprach er. „Wasch dir das Gesicht. Reiß dich zusammen. In zehn Minuten setzt du dich wieder hin. Und dann reden wir. Wirklich.“ Seine Stimme war fest. Noch immer befehlend. Aber zum ersten Mal… nicht darauf angelegt, zu verletzen. Es war etwas anderes. Etwas, das er selbst nicht benennen konnte. Das kalte Wasser war scharf. Wie eine Ohrfeige, die sie sich selbst verpasste. Andromeda beugte sich über das Waschbecken, spülte den Mund, schöpfte dann Wasser in die Hände und spritzte es ins Gesicht. Die Tropfen zeichneten Wege über den Hals und tränkten den dünnen Stoff ihres Shirts. Der Spiegel zeigte zu viel. Blutunterlaufene Augen, zerzaustes Haar, blasse Haut. Aber ihr Blick… war ungebrochen. Noch nicht. Sie seufzte. Ihr Magen war leer, verlangte aber nichts. Er wühlte nur. Hohl. Wie ein Schatten, der nicht weichen wollte. Sie kehrte zurück. Lucian saß nicht mehr auf dem Stuhl. Er saß auf der Bettkante, ein Bein über das andere geschlagen, drehte ein schwarzes Taschentuch zwischen den Fingern. Als Andromeda eintrat, hob er den Blick. Er sagte nichts. Bewegte sich nicht. Andromeda setzte sich langsam wieder. Rücken gerade, unbeweglich. Die Arme wie eine Rüstung über der Brust verschränkt. Ihr Blick trotzig, kalt, alles andere als freundlich. Lucian musterte sie einen Moment. Seine Braue hob sich leicht, als wöge er etwas ab. Dann legte er das Taschentuch zur Seite. Er seufzte. Nicht tief, nicht dramatisch. Nur leise, kaum hörbar. Wie jemand, der zu viel gesehen hat und diesen Moment dennoch nicht anders behandeln kann. „Gut“, sagte er schließlich. Seine Stimme war noch hart, aber nicht mehr metallisch. Eher… schwer. „Sag mir. Was kannst du essen, das nicht gleich wieder herauskommt?“ Andromeda antwortete nicht. Starrte nur. Das Kinn leicht gehoben, die Augen scharf wie Klingen. Die Arme blieben verschränkt, wie bei einem starrköpfigen Kind, das lieber hungert als nachgibt. Lucian ließ nicht locker. Sein Blick blieb auf ihr—nicht analysierend, sondern… ungeduldig. „Du hast seit zwei Tagen nichts gegessen“, sagte er, fast als spräche er nicht zu ihr. „Und irgendetwas… irgendetwas muss drinbleiben. So einfach ist das.“ „Ach, jetzt liegt dir was an mir?“ fragte Andromeda leise, mit sarkastischem Beiklang. Lucians Augen flackerten. „Nein, tut es nicht. Ich will nur nicht, dass du mir in den Armen verreckst, bevor du mir sagst, was ich wissen muss.“ „Wie romantisch“, murmelte sie, doch ihre Stimme zitterte. Lucian beugte sich vor. Stützte die Ellbogen auf die Knie, und zum ersten Mal war er nicht nur kalt. Er war roh. Echt. „Antworte mir, Andromeda. Ein Wort. Ein Lebensmittel. Irgendetwas, das in deinem Magen bleibt, damit ich nicht den Arzt wieder herschleifen und dich unter eine weitere verdammte Dusche stellen muss.“ Andromedas Blick trübte sich einen Moment, dann klärte er wieder. „Toast.“ Das Wort war fast ein Flüstern. Lucian nickte. Eine einfache Bewegung, nicht mehr. „Gut. Du bekommst Toast. Ohne Butter, ohne Milch. Nur Brot, geröstet. Mit Wasser. Und wenn das drinbleibt… reden wir.“ Andromeda dankte ihm nicht. Nickte nicht. Sie saß einfach da, die Arme verschränkt wie eine eingekerkerte Königin—jemand, der nichts besitzt und dessen Blick dennoch eine Krone trägt. Und Lucian sah sie an. Er sah sie an wie ein Mann, der gerade begriffen hat: Das ist nicht nur eine Gefangene. Das ist jemand, der auf eine Weise kämpfen wird, wie es noch niemand getan hat. Und vielleicht… jemand, der weit gefährlicher ist.
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