Der Countdown hatte begonnen

1075 Worte
Ihre Stimme brach beim letzten Wort, roh und gebrochen. Ich hörte das Geräusch von etwas Zerspringendem – wahrscheinlich der Stylus, den sie gehalten hatte, traf den Boden. Ich drehte mich nicht um. Ich ertrug es nicht, die Zerstörung auf ihrem Gesicht zu sehen, den Verrat in ihren Nebelaugen. Der Stein in meiner Tasche fühlte sich wie ein Brandmal an. Ich trat durch den Türrahmen. "ASBEEL! GEH NICHT! BITTE! ES IST SELBSTMORD!" Ihr Schrei verfolgte mich den Korridor hinunter, hallte von den leuchtenden Wänden wider, eine verzweifelte, letzte Bitte. Ich spürte, wie ihre Worte in meinem Brustkorb wie scharfe Splitter wirken, aber ich wagte nicht, sie anzusehen. Jede Fiber in mir schrie, zurückzukehren, ihre Hand zu halten – doch ich schloss die Tür leise hinter mir, schloss den Lärm aus. Der Korridor war nun leer, die anderen Kadetten und Lehrkräfte verschwunden, vielleicht versteckt, vielleicht schon dabei, die Nachrichten zu sehen. Die Stille war schwer, bedrückend. Ich richtete den Riemen meines Rucksacks, fühlte das kühle Gewicht des Flusssteins gegen meine Brust. Ein tiefer Atemzug, zog die sterile, ozonduftende Luft der Akademie ein. Dann ging ich. Nicht zu den Strategie-Sälen, nicht zur Waffenkammer. Zum Transporthub. Zu den Aschenfeldern. Der dritte Kasernenring war nicht für die Elite. Nicht einmal für die Standard-Linienlegionen. Es war der Abladeplatz. Gelegen auf den versengten, trostlosen Ebenen, wo das Umgebungslicht der Silbernen Stadt dünn wurde und manchmal die Echos des fernen Fegefeuers zu hören waren, war es ein Ort von Schutt, Ausdauer und vergessenen Hoffnungen. Die Luft hier schmeckte nach Staub und Ozon und hielt eine permanente Kälte, die in die Knochen kroch. Die Transportscheibe setzte mich am Rand einer weiten, deprimierenden Weite ab – den Aschenfeldern. Wie ihr Name versprach, war der Boden eine einheitliche, stumpfe Graufärbung, wie der Rückstand einer längst erloschenen himmlischen Schmiede. Kein üppiges himmlisches Gras, keine schimmernde Flora. Nur Staub, hart gepackte Erde und die skeletthaften Überreste uralter, außer Dienst gestellter Kriegsmaschinen, halb vergraben wie die Knochen von Leviathanen. Ich stieg langsam von der Transportscheibe ab, mein Stiefel sinkt leicht in den staubigen Boden der Aschenfelder. Zuerst hörte ich nichts außer dem leisen Wind, der über die öde Ebene wehte, und dem fernen Dröhnen, das vielleicht von den ruinierten Kriegsmaschinen kam. Dann, als ich meinen Blick weiter über die Grauheit richtete, entdeckte ich sie – kleine, hübsche Figuren, die über die Fläche verstreut standen, wie verlorene Steine in einem leeren Feld. Mein Herz sank ein wenig, als ich realisierte, dass dies die Einheit war, mit der ich die nächste Mission meistern sollte. Und vor mir, in lockeren, müden Formationen über die graue Ödnis verteilt, war die Dümmlicht-Kohorte. Zehntausend stark? Der Herold war optimistisch gewesen. Sie standen, saßen oder lehnten an Waffen, vielleicht achttausend Seelen höchstens. Ihre Rüstung war nicht das gleißende Platin von Michaels Seraphim, noch das polierte Silber der Standardheere. Sie war Flickwerk – vernarbte himmlische Stahlplatten, auf abgenutztes Leder genietet, Teile, die von älteren Modellen zusammengeklaubt waren, einige Teile eindeutig repariert mit gewöhnlichen Metallen, denen das innere Licht fehlte. Es war Rüstung, die Dinge gesehen hatte. Rüstung, die versagt hatte. Ihre Flügel, einst wahrscheinlich hell, waren stumpf, Federn fehlten, Spitzen gebrochen oder versengt. Viele trugen sichtbare Narben – wütende Male auf Gesichtern, fehlende Gliedmaßen ersetzt durch klobige, funktionale Prothesen aus dunklem Eisen, Augen, die den hohlen Blick derer hielten, die zu viel gesehen hatten und unvollständig zurückgekommen waren. Es gab keine einheitliche Heraldik, keine stolzen Banner, die im nicht vorhandenen Wind knatterten. Nur eine allgegenwärtige Aura grimmiger Resignation, die müde Stoizismus von Soldaten, die die nächste Katastrophe erwarteten. Sie sahen mich nicht mit Hoffnung, oder Ehrfurcht, oder auch nur Neugier an. Sie sahen mich, eine einzelne Gestalt in der einfachen grauen Kluft eines Kadetten, einen Studentenrucksack tragend, mit Ausdrücken, die von völligem Unglauben bis zu tiefgründiger, müder Verachtung reichten. Ein Murmeln ging durch die Reihen, leise und sarkastisch. "Das ist es?" spuckte ein ergrauter Veteran mit einer Augenklappe und einer hydraulischen Klaue statt einer Hand auf den grauen Staub. "Die große Hoffnung? Der Feuerkopf, der seinen Kopf verwettet hat? Sieht aus, als müsste er sich kaum müsieren." "Dümmlicht," murmelte ein anderer, seine Stimme wie Kies. Der Name wurde nicht mit Stolz ausgesprochen; es war ein Fluch, eine bittere Anerkennung ihres Schicksals. "Zum Sterben geschickt. Schon wieder. Nur diesmal ist der Punchline in einer Schuluniform." "Drei Tage," sagte eine Engelin mit einer Narbe, die ihre Lippe durchschnitt, und einem Scharfschützengewehr über dem Rücken, flach, ihre Augen bar jeden Funkens. "Drei Tage, um in die Hölle zu marschieren und einen Dämonenfürsten zu brechen, der Seraphim zum Frühstück verspeist. Mit uns. Der Morgenstern hat einen grausamen Sinn für Humor." Ich ging vorwärts, auf die Aschenfelder, auf das Meer aus beschädigter Rüstung, müden Augen und zynischer Verzweiflung zu. Der Staub wirbelte um meine Stiefel. Der Flussstein fühlte sich kalt gegen meine Haut an, ein winziger Punkt von Wärme und Vernunft von einer Welt, die sich bereits zurückzog. Das Lauffeuer in mir wankte nicht. Es erkannte den Zunder vor sich – nicht trockenes Anmachholz, sondern feuchtes, hartnäckiges Holz, das ein heftiges, unerbittliches Feuer brauchen würde, um zu entzünden. Mit jedem Schritt, der mich näher an sie brachte, wurde die Realität schärfer – die Risse in ihren Rüstungen, die matschigen Federn auf ihren Flügeln, die leeren Blicke in ihren Augen. Ich hörte noch immer das Murmeln hinter mir, sarkastisch und voller Resignation, aber ich lies es nicht mich beeinflussen. Ich blieb vor ihnen stehen, den achttausend stillen, verächtlichen Zeugen meines potenziellen Ablebens. Ich blickte über die mitgenommene Reihen, die narbigen Gesichter, die zusammengewürfelte Ausrüstung. Dies war nicht die glorreiche Legion, die ich mir vielleicht erträumt hatte zu kommandieren. Dies war der Abschaum, die Vergessenen, die wandelnden Toten. Das unmögliche Instrument, gewährt für eine unmögliche Aufgabe. Ich erhob meine Stimme, schnitt durch das leise Murmeln bitterer Kommentare. Es war kein Gebrüll, keine große Rede. Es war eine Feststellung, kalt, klar, und trug über die trostlose Ebene mit derselben Präzision, die das Mondbastion zum Schweigen gebracht hatte. "Ich bin Asbeel. Euer Kommandant. Wir brechen bei Tagesanbruch auf." Ein hartes, humorloses Lachen hallte aus den hinteren Reihen. Der Veteran mit der Klaue schüttelte den Kopf, ein grimmiges Lächeln verzog seine Lippen. "Willkommen bei der Dümmlicht, Kommandant. Genieß die Aussicht. Es ist die letzte hübsche, die du sehen wirst." Ich traf seinen Blick, und den Blick jedes narbigen, zynischen Engels vor mir. Das Unmögliche lag vor uns, grau und trostlos wie die Aschenfelder selbst. Drei Tage. Zehntausend mitgenommene Seelen gegen eine aufsteigende Dunkelheit. Der Countdown hatte begonnen.
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