Kapitel 8

1627 Worte
Als ich schließlich die Personalkantine erreichte, war ich mehr als erleichtert. Die Kantine war ein simpler, aber gemütlicher Ort, der eine willkommene Abwechslung zu den glamourösen Bereichen des Hotels bot. Das helle, freundliche Ambiente und die einfache, aber schmackhafte Kost waren genau das, was ich brauchte. Ich stellte die Gestecke auf einem freien Tisch ab und reichte den Blumen eine kurze, dankbare Aufmerksamkeit, bevor ich mich in die Schlange einreiht. Die Auswahl in der Kantine war überschaubar, aber ich wusste, dass ich etwas Nahrhaftes benötigte. Während ich meine Portion Gemüse und Reis nahm, überlegte ich, wie mein Tag weitergehen würde. Es gab noch so viele Aufgaben auf meiner Liste, und ich konnte kaum erwarten, mich den nächsten Herausforderungen zu stellen. Dennoch war es ein beruhigendes Gefühl, eine kurze Auszeit zu haben und einfach nur zu essen, während ich durch die Fenster der Kantine die friedliche Aussicht auf den Hotelgarten genoss. Mit jedem Bissen wurde ich ruhiger. „Hey, darf ich mich zu dir setzen? Die übrigen Tische sind alle belegt“, riss mich eine Stimme aus den Gedanken und vor mir stand ein strohblonder junger Mann mit Kochschürze und einem strahlenden Lächeln. Die Haare waren definitiv gefärbt, denn ich sah einen dunklen Haaransatz. Aber er sah gut aus. Seine Arme waren voller Tattoos und auch an seinem Hals konnte ich etwas erkennen. Auch ein Piercing zierte seine Nase. „Klar, setz dich.“ „Ich hab dich hier noch nie gesehen. Ich bin David Marino, Sous-Chef und gerade mal dankbar und froh um eine kleine Pause“, stellte er sich freundlich vor und gab mir die Hand. „Ich bin Olivia Wood, die neue Hausdamenassistentin. Heute ist mein erster Tag“, ich nahm ebenfalls seine Hand und sofort hatte ich ein ganz entspanntes Gefühl. „Erster Tag, Oweia. Ich hoffe alle sind freundlich zu dir. Der Laden ist ziemlich heftig, aber wenn du es hier mal eine Zeitlang aushältst, dann kannst du in jedes andere Hotel weltweit gehen. Man wird dich überall mit Kusshand empfangen“, meinte David und machte sich über ein Steck mit Pommes her. „So etwas in der Art habe ich mir auch schon gedacht. Gibt es etwas auf was ich hier achten sollte?“, fragte ich neugierig und aß entspannt meine Suppe mit Baguette. „Am besten du passt auf, dass du dich hier mit niemandem einlässt. Affären am Arbeitsplatz sind immer eine heikle Sache“, zwinkerte mir David zu und ich verschluckte mich fast. „Ähm…das meinte ich nun nicht direkt und hatte ich auch in keinsterweise vor. Ich trenne strikt Arbeit und Privates.“ „Die meisten Beziehungen sind durch die Arbeit entstanden. Du wirst hier mehr Zeit verbringen als woanders. Da ist es nur ganz natürlich. Ich muss gleich wieder in die Küche und will davor noch eine Zigarette rauchen…“, meinte David und stand auf. Ich sah ebenfalls auf die Uhr. „Oh, ich muss auch los. Ich kann dich ja noch kurz begleiten“, meinte ich und wir räumten unser Tablett weg. Gemeinsam stand ich mit David im Lieferanteneingang, hier stank es wie in einer Mülldeponie, da hier auch die großen Container standen. Doch daran musste man sich gewöhnen und zart besaitet war ich definitiv nicht. Wir scherzten herum und ich mochte David sofort. Er war frisch, offen und wahnsinnig ehrlich. Einfach cool. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie eine schwere Brandschutztür aufging, durch welche auch wir mussten, wenn wir ins Hotel zurück wollten und er, Alessandro Venturi mit zwei seiner Bodyguards herauskam. Er telefonierte mal wieder, trug eine Sonnenbrille und ging mit schnellen Schritten auf uns zu. „Guten Morgen Mr. Venturi,“ begrüßte ihn David sofort. „Guten Morgen Mr. Venturi,“ sagte ich ebenfalls schnell und nickte ihm zu, als er an uns vorbeikam. Alessandro beendete das Gespräch und blieb bei uns stehen. Er nahm seine Sonnenbrille ab und wieder scannte er mich von oben bis unten. Sein After Shave drang mir in die Nase und ich bekam weiche Knie. Gott was war nur mit mir los? „Mr. Marino, Miss Wood – wie schön sie hier zu sehen. Miss Wood, wie verläuft ihr erster Tag in meinem Hause bis jetzt?“, fragte er mich ganz direkt und trat einen Schritt auf mich zu. „Sehr gut, danke. Wahnsinnig viel zu tun, aber es bringt mir Spaß“, meinte ich etwas zerknirscht und sah aus dem Augenwinkel David, der ungläubig zwischen uns hin und her sah. „Freut mich zu hören. Dann noch einen schönen restlichen Arbeitstag. Ciao,“ verabschiedete er sich, schmunzelte kurz und ging dann zu einer dunklen Limousine, die am Ende des Lieferanteneingangs auf ihn zu warten schien. „Sag mal kennt ihr euch?“, fragte David der ganz vergessen hatte an seiner Zigarette zu ziehen. „Normalerweise spricht Mr. Venturi kaum uns Angestellte an. Viel zu beschäftig der Mann und immer auf Achse.“ „Nein, nicht direkt. Wir haben uns erst zweimal zufällig gesehen“, ich zuckte mit den Schultern und wir gingen wieder ins Hotel zurück. Als ich mich von David verabschiedete, machte ich mich wieder auf den Weg zur Lobby. Die Blumengestecke mussten noch an die Suiten verteilt werden, und ich wollte sicherstellen, dass ich alles rechtzeitig erledigte. Der Weg zurück zur Lobby war nun ein wenig leichter, und ich konnte die Müdigkeit in meinen Füßen ein Stück weit ignorieren. Während ich durch die Korridore eilte, versuchte ich, mich auf die positiven Aspekte meines Jobs zu konzentrieren. Die Arbeit mit Blumen, das Treffen neuer Menschen und die Herausforderung, mich in einem so großen Hotel zurechtzufinden, waren allesamt aufregende Aspekte meines neuen Berufs. Ja, es war anstrengend, aber es gab mir auch das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Als ich die Suiten erreichte und die Gestecke platzierte, war es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass ich einen kleinen Beitrag zum Wohlbefinden der Gäste leisten konnte. Die Strahlen der Blumen, die sich in den Zimmern verteilten, waren wie kleine Farben in einem großen, bunten Bild, und ich hoffte, dass die Gäste diese kleinen Details zu schätzen wussten. Am Abend kam ich völlig erschöpft nach Hause. Die Arbeit war anstrengend gewesen, und ich war so müde, dass ich kaum noch die Augen offenhalten konnte. Kimberly, meine Mitbewohnerin, war anscheinend noch nicht zurück, also nutzte ich die Gelegenheit, um mir ein ausgiebiges Bad zu gönnen. Ich ließ das Wasser ein, stellte die Temperatur genau so ein, wie ich es mochte, und ließ mich in die Wanne sinken. Das warme Wasser umschloss mich wie eine Umarmung, und ich schloss meine Augen, um mich zu entspannen. Aber statt Ruhe fand ich in diesem Moment nur Unruhe. Wie schon so oft in den letzten Tagen tauchten Alessandros’ Augen vor meinem inneren Auge auf. Die Erinnerung an sein Gesicht, seinen Körper, ließ mich nicht los. Es war verrückt, wie ein einzelner Mann meine Gedanken so beherrschen konnte. Ich hatte ihn erst vor kurzem kennengelernt, und doch schien er mich bereits in seinen Bann gezogen zu haben. Was tat dieser Mann nur mit mir? Noch nie hatte mich jemand so aus der Fassung gebracht. Das plötzliche Klopfen an der Badezimmer-Tür riss mich aus meinen Gedanken. „Olivia? Bist du da?“ Kimberly war endlich angekommen. Ihre Stimme klang besorgt, und ich konnte mir vorstellen, wie sie sich fragte, warum ich so lange im Bad verweilte. „Ja, ich bin hier“, rief ich zurück, versuchte, meine Stimme möglichst normal klingen zu lassen. „Komm ruhig rein.“ Kimberly öffnete die Tür und trat ein. „Wow, du machst es dir ja richtig gemütlich hier. Hoffentlich hast du dir keinen Platz für ein Nickerchen reserviert.“ Sie lächelte, aber ich konnte sehen, dass sie mir einen neugierigen Blick zuwarf. „Ach, es war einfach ein langer Tag“, antwortete ich und versuchte, meine Müdigkeit nicht zu sehr durchscheinen zu lassen. „Ich dachte, ich gönne mir ein bisschen Entspannung.“ Kimberly nickte verständnisvoll. „Das kann ich gut nachvollziehen. Arbeit kann wirklich zermürbend sein. Hast du schon von unserem geplanten Abendessen gehört und danach ein wenig Clubbing?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, was für ein Abendessen?“ „Nun, ich dachte, wir könnten heute Abend etwas gemeinsam machen. Ein kleines Treffen mit ein paar Freunden, um den Tag ausklingen zu lassen. Was meinst du?“ Die Vorstellung eines gemütlichen Abends mit Freunden war verlockend. Ein kleiner Ausbruch aus der hektischen Realität konnte nicht schaden. Aber selbst als ich mir vorstellte, wie ich mich mit Kimberly und unseren Freunden entspannen würde, konnte ich Alessandros’ Bild nicht aus meinem Kopf bekommen. Dieser Mann schien wie ein unsichtbarer Schatten, der über meinem Leben schwebte. „Das klingt eigentlich ganz gut“, sagte ich schließlich. „Ich würde gerne mitkommen. Aber Clubbing danach? Ich muss morgen früh raus.“ Kimberly strahlte mich an. „Reiß dich mal zusammen. Schlafen kannst du, wenn du tot bist. Dann mache ich mich schnell fertig, und wir können los. Und du, raus aus der Wanne.“ Als Kimberly die Tür hinter sich schloss, sank ich wieder in die Wanne zurück und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Ich musste einen klaren Kopf behalten. Schließlich war Alessandros mein Boss, und ich hatte gerade erst meinen Traumjob bekommen. Ich musste mich zusammenreißen, egal wie sehr mein Herz auch gegen die Vernunft ankämpfte. „Finger weg, Olivia“, tadelte ich mich leise. „Du hast deinen Traumjob bekommen, also reiß dich gefälligst zusammen.“ Mit diesen Worten versuchte ich, mich zu beruhigen, bevor ich mich aus der Wanne schälte, mich abtrocknete und mich für den Abend fertig machte. Egal, wie stark Alessandros’ Präsenz in meinen Gedanken war, ich wollte nicht zulassen, dass er mein Leben außerhalb der Arbeit beeinflusste.
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