Ich saß auf dem Rücksitz meines Wagens, meine Gedanken verschwammen mit den Lichtern der Stadt, die am Fenster vorbeizogen. Jason, mein Fahrer, steuerte den Wagen sicher durch die Straßen, während ich nach einem langen Tag in meinen Gedanken versunken war. Mein Zuhause lag in der West Avenue, direkt gegenüber vom South Beach, ein Penthouse in einer exklusiven Wohnanlage, die so viel Luxus ausstrahlte, wie ich es mir einst nur in meinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte. Doch jetzt war es mein Alltag, meine Burg.
Neben mir saß Mia Johnson, meine beste Freundin und zugleich meine rechte Hand. Ihr Blackberry klickte leise, während sie Termine koordinierte, Anfragen beantwortete und meine Welt im Gleichgewicht hielt. Ich nannte sie insgeheim meine kühnste Architektin, denn ohne sie wäre mein Leben ein Chaos. Als The Mistress war mein Job weitaus anspruchsvoller, als sich die meisten vorstellten. Ich war kein Klischee, keine einfache Fantasie. Ich war eine Marke, eine Macht, ein Mythos. Doch ohne Mia? Komplett verloren.
„Die Bewerbungen heute waren endlos,“ sagte sie und schob ihre Brille zurecht. Ihre roten Locken tanzten dabei auf ihren Schultern. „Ich habe dir die besten drei rausgesucht. Du kannst morgen aussuchen, wen du annimmst.“
Ich nickte, starrte auf die blinkenden Lichter, die in der Nacht verschwanden. Es war merkwürdig, wie sehr sich mein Leben in den letzten Jahren verändert hatte. Einst hatte ich in einer kleinen Wohnung mit rissigen Wänden und lauten Nachbarn gelebt. Jetzt war ich die Frau, von der Männer und Frauen gleichermaßen fantasierten, ohne je zu ahnen, wer ich wirklich war.
Mein Etablissement befand sich in Edgewater, mitten zwischen den Büros und Firmen, die Milliarden umsetzten. Es war diskret. Kein Schild, keine Vorhänge, kein rotes Neonlicht, das den Anschein erwecken könnte, dort wäre etwas Außergewöhnliches. Und doch war es genau das: ein Tempel der Sehnsüchte, verborgen vor den neugierigen Blicken der Welt. Verschwiegenheit war mein oberstes Gebot. Kein Wort drang nach außen, und diejenigen, die es wussten, hüllten sich in tiefstes Schweigen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, das ich mir hart erarbeitet hatte.
Jason fuhr in die Tiefgarage, und wir stiegen aus. Meine hohen Absätze klackten auf dem Betonboden, ein Rhythmus, der mir Sicherheit gab. „Steht morgen etwas Besonderes an?“ fragte ich Mia, während wir in den Aufzug traten. Der Spiegel im Inneren reflektierte unsere Müdigkeit, aber auch unseren Stolz.
„Eigentlich wollte ich dir einen freien Tag schenken, Amelia,“ antwortete sie mit einem kleinen Lächeln. „Du arbeitest jetzt seit drei Wochen durch. Brauchst du nicht mal eine Pause?“
Ich lehnte mich an die Wand, verschränkte die Arme und betrachtete sie. „Vielleicht hast du recht,“ sagte ich langsam. „Ein wenig Zeit für mich selbst könnte ich gebrauchen. Aber gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte?“
Der Aufzug hielt mit einem sanften Ruck. Ich betrat mein Penthouse, das mit einer Mischung aus Eleganz und Komfort eingerichtet war. Libusa, meine Haushälterin, stand im Foyer und begrüßte mich mit ihrer dunklen, beruhigenden Stimme. „Miss Amelia, willkommen zu Hause.“
Ich nickte ihr zu, kickte meine Schuhe ab und warf mich auf die Couch im Wohnzimmer, das einen atemberaubenden Blick auf den Strand bot. Die Wellen rollten leise an den Sand, und für einen Moment schien alles still zu stehen.
„Du bekommst immer mehr Anfragen,“ sagte Mia, während sie mir ein Glas Rotwein reichte. „Ich verliere langsam den Überblick, wie lange deine Kunden warten müssen. Und ehrlich gesagt, Amelia, ich verstehe nicht, wie du dich noch nie verliebt hast. Du hattest so viele heiße Männer… kribbelt es da nicht irgendwann bei dir?“
Ich lachte leise, nahm einen Schluck von dem Wein und lehnte mich zurück. „Nein, Mia. Bis jetzt war keiner dabei, der mich wirklich berührt hat. Immer fehlt das gewisse Etwas. Aber ich werde es merken, wenn es so weit ist.“
Mia seufzte dramatisch, ihre typische Art. „Du bist unglaublich. Ich bewundere dich, wirklich. Aber manchmal frage ich mich, ob du dir nicht selbst etwas vormachst.“
Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen blickte ich auf das Meer hinaus. Es war nicht so, dass ich nicht wüsste, wovon sie sprach. Manchmal fragte ich mich selbst, ob ich die Einsamkeit in meinem Herzen wirklich spürte oder ob ich sie einfach ignorierte. Doch dann schob ich die Gedanken beiseite. Ich war Amelia, die erfolgreichste Frau in einer Welt, die mich nicht verstehen wollte. Ich war frei.
Am nächsten Morgen erwachte ich spät. Die Sonne schien durch die bodentiefen Fenster, und das Rauschen der Wellen war wie eine beruhigende Melodie. Ich zog meinen Morgenmantel an und trat auf die Terrasse, wo ein Frühstückstisch mit frischen Croissants, Obst und Kaffee gedeckt war. Mia saß bereits dort, in einen Stapel Papiere vertieft.
„Guten Morgen,“ sagte sie, ohne aufzublicken. „Ich habe die Termine für nächste Woche durchgesehen. Du wirst ausgebucht sein.“
Ich nahm einen Schluck Kaffee und setzte mich ihr gegenüber. „Warum überrascht mich das nicht?“
Sie sah auf, ihre Augen blitzten herausfordernd. „Weil du die Beste bist. Aber sag mir, Amelia, wie lange willst du dieses Leben noch führen? Du bist reich, erfolgreich und unabhängig. Willst du das alles bis zum Ende deiner Tage machen?“
Die Frage hing in der Luft wie ein unerwarteter Sturm. Ich wusste, dass Mia es gut meinte, aber ich konnte nicht anders, als ihre Worte wie eine Herausforderung zu spüren. „Ich lebe mein Leben so, wie ich es will. Und wenn ich eines Tages etwas anderes möchte, dann werde ich es mir nehmen. Und nein, ich werde das hier nicht bis zum bitteren Ende machen. Igitt. Sobald ich merke, dass das, was ich hier mache, ab einem gewissen Alter lächerlich ist, lasse ich es. Geld habe ich genug. Dann kauf ich mir irgendwo eine einsame Insel und lass die Welt meinen Allerwertesten lecken.“ Sie schwieg, nickte dann langsam und konzentrierte sich wieder auf ihre Papiere. Ich wusste, dass sie nicht zufrieden war, aber sie respektierte meine Entscheidungen. Das war eine der vielen Dinge, die ich an ihr liebte.
Der Tag verlief ruhig. Ich genoss die Freiheit, die ich mir selten erlaubte, und verbrachte Stunden am Strand, las ein Buch und ließ die Sonne meine Haut wärmen. Doch in den ruhigen Momenten schlichen sich Gedanken ein, die ich normalerweise wegschob. War ich wirklich glücklich? Oder hatte ich mich so sehr in meiner Rolle als Mistress verloren, dass ich vergessen hatte, wer Amelia wirklich war?
Am Abend, als ich wieder in meinem Penthouse war, beschloss ich, diesen Gedanken nicht auszuweichen. Ich trat vor den Spiegel in meinem Schlafzimmer und betrachtete mich selbst und um mich für den Abend fertig zu machen. Ich war schon lange in keinem Club mehr gewesen. Mal schauen, ob ich es noch drauf hatte. Ach, was für eine Frage…