"Das ist ein beeindruckender Lebenslauf, Doktor Linné. Abgeschlossenes Medizinstudium an der Oxford University und danach jahrelange Erfahrung in verschiedensten medizinischen Einrichtungen auf der ganzen Welt. Sie waren sogar einige Zeit als freiwilliger Arzt in dritter Welt Länder. Ich bin beeindruckt, Sie sehen viel jünger aus als Sie sind." Cassian lächelte die Frau charmant an. "Das höre ich öfters." Die Oberärztin strich sich eine Haarsträhne zurück. "Nun, Sie wären eine Bereicherung für unser Krankenhaus. Bei Ihrem weitreichenden Wissen, an welche Station hätten Sie gedacht? Chirurgie? Kardiologie? Neurologie?" Verdammt, er hatte keine Ahnung in welcher Station Angeline arbeitet. "Notaufnahme." Die Frau sah ihn überrascht an. "Nun, wir brauchen dort unten immer fähige Ärzte.", murmelte sie, ehe ein Lächeln auf ihren Lippen erschien. "Dort wäre sogar eine Stelle als Oberarzt frei, der Ihnen gehören würde, wenn Sie möchten.", bot sie ihm lächelnd an. "Klingt wunderbar.", antwortete er, während er innerlich wütend über sich selbst war, dass er sich nicht besser vorbereitet hatte. Er hätte Angeline Fragen sollen, wo genau sie Krankenschwester war. Doch nun war es zu spät, denn die Frau stand bereits auf und streckte ihm die Hand entgegen. Schnell beeilte sich Cassian, ebenfalls aufzustehen und ihre Hand zu ergreifen. "Na dann, herzliche Willkommen in der Notaufnahme, Oberarzt Linné."
"Das war ein verdammter Fehler.", knurrte Cassian, während er einer Horde Krankenschwestern nacheilte, welche auf einer Liege einen ohnmächtigen Mann transportierten, dessen Arm bloß noch ein nutzloser blutiger Stumpf war. Er winkte einen Arzt zu sich und befahl ihm kurzangebunden zu übernehmen, während er zurück zur Aufnahmestation eilte. Es musste einen größeren Verkehrsunfall gegeben haben, denn im Moment quollen sie über vor lauter Patienten. Er schickte gerade einen weiteren Verletzten, eine junge Frau mit Kopfwunde, in einen der wenigen Operationssäle, als er plötzlich eine bekannte Stimme vernahm. "Wir brauchen hier sofort einen Arzt!" Er wandte sich von der Frau ab und sah da zwischen all den schreienden und blutenden Menschen Angeline, die gerade dabei war, die Blutung eines Kindes zu stillen. Er fing den nächstbesten Arzt ab der ihm in die Finger kam und deutete auf die Frau die er gerade notdürftig behandelt hatte. "OP, Ihre Verantwortung." Ohne auf eine Antwort zu warten eilte er zu Angeline. "Was haben wir hier?", fragte er geschäftig, ehe er so tat als würde er erst jetzt realisieren wen er vor sich hatte. "Angeline? Du hier?", fragte er gespielt überrascht während Angeline ihn sprachlos ansah. "Cassian, ich wusste gar nicht, dass du Arzt bist.", rief sie aus, und Cassian winkte lässig ab. "Muss ich wohl vergessen haben zu erwähnen." "Nur gut, dass du hier bist.", meinte Angeline erleichtert. "Nun, es freut mich auch hier zu sein.", antwortete Cassian mit einem charmanten Lächeln. "Ähm Doktor! Der Junge verblutet hier gerade!", riss ihn einer der Assistenzärzte aus den Gedanken. Cassians Blick schoss zu ihm und dann zu dem immer noch blutenden Jungen. "Was? Oh, ja natürlich! OP!", rief er, doch der Assistenzarzt schüttelte hilflos den Kopf. "Die sind alle besetzt." Cassian sah ihn etwas überrumpelt an. "Besetzt alle?", fragte er überrascht nach und der Assistenzarzt sowie die Krankenschwestern nickten. "Sie müssen ihm sofort helfen, sonst schafft er es nicht!", rief eine der Schwestern und sah ihn hektisch an. Cassian fluchte innerlich. Er war ja nicht einmal richtiger Arzt, jedenfalls nicht in diesem Jahrhundert. Er hatte zwar mal irgendwann im 18. Jahrhundert als Feldarzt ausgeholfen, doch die damaligen Methoden waren doch schon längst überholt. "Doktor!", rief der Assistenzarzt eindringlich und riss Cassian aus seiner Gedankenwelt. "Was solls, ich kanns ja nicht noch schlimmer machen.", flüsterte er leise, ehe er damit begann, Befehle zu brüllen.
"Für einen Moment dachte ich wir würden ihn verlieren. Aber deine Methoden sind anscheinend ebenso unkonventionell wie effektiv.", meinte Angeline leise als sie nach Schichtende in der Personalkantine saßen und einen Kaffee tranken. "Ich bin ehrlich gesagt überrascht das es wirklich geklappt hat.", murmelte Cassian mehr zu sich selbst. "So, und jetzt raus mit der Sprache, warum hast du nie erwähnt das du Arzt bist? Und dann auch noch so renommiert das du sofort zum Oberarzt ernannt wirst." Cassian erzählte Angeline seine erfundene Lebensgeschichte, die er sich vor all dem hier zusammengereimt hatte. Angeline hörte mit großen Augen zu und hakte immer wieder nach. Besonders interessant schien sie seine freiwillige Zeit in dritter Welt Länder zu finden. Also ging Cassian insbesondere darauf ein, und scheute nicht davor zurück, schön d**k aufzutragen, was seine Heldentaten dort anbelangt. Während er so dasaß und seine Geschichten erzählte, traf sein Blick auf den von Angeline, und sofort verlor er sich in ihren Augen, die außer ehrlicher Neugier auch Ehrfurcht zeigten. Und dann war da noch etwas, etwas, dass Cassian schon lange nicht mehr im Blick einer Frau gesehen hatte. Es war nicht diese blinde Liebe oder dieses ungezügelte Verlangen, wie in den Blicken seiner letzten Liebschaften, nein, es war ehrliche und reine Zuneigung. Nun musste er nur noch dafür sorgen, dass aus dieser Zuneigung Liebe wurde, ohne die Schrecken des Fluches loszutreten, die meist Hand in Hand mit der Liebe einhergingen.
Liebe, von allen Emotionen, die diese erbärmlichen Menschen fesselt, ist Liebe für wahr die schlimmste von allen. Sie frisst dich auf, verzehrt dich, macht dich willenlos. Es gab wahrlich kein tückischeres Gefühl als die Liebe, wahrlich nichts was dich verletzlicher macht. Liebe war weitaus gefährlicher als Hass oder Wut, denn nichts kann dich schneller brechen als die Liebe. Ihm ist das schon vor vielen Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten klar geworden. Schon lange ehe dieser Fluch auf ihn gelegt wurde. Ein Fluch, der für ihn doch vielmehr ein Segen war. Ein Segen, der ihn zu das gemacht hat, was er nun war, unsterblich, unbesiegbar. Er war besser als diese Menschen, die so vergänglich waren. Er war frei. Frei von Angst, frei vom Tod und das Wichtigste: Frei von der Liebe.