Kapitel 4: Der goldene Käfig

971 Worte
Der Klick der schweren Eichentür hallte durch das weitläufige Esszimmer und ließ Ava allein mit den abkühlenden Resten eines Frühstücks zurück, das sie nicht hinunterbekam. Sie starrte auf die Stelle, an der Ethan gestanden hatte, seine Worte über die Kameras dröhnten noch immer wie ein körperlicher Schlag in ihren Ohren. Er war nicht nur ein Ehemann auf Vertragsbasis; er war ein Gefängniswärter, der sich nicht einmal die Mühe machte, die Gitterstäbe zu verbergen. „Der Tee wird kalt, Miss Ava.“ Victor erschien an ihrem Ellbogen mit der lautlosen Effizienz eines Schattens. Er sah weder auf ihre zitternden Hände noch auf die Art, wie sie die Ecken der Decke musterte und nach den Glaslinsen suchte, die mit Sicherheit in der kunstvollen Verzierung verborgen waren. „Beobachtet er alles, Victor?“ Avas Stimme war ein brüchiges Flüstern. „Beobachtet er dich auch?“ Victors Hände blieben ruhig, als er einen frischen Strom Earl Grey in eine Tasse aus feinem Porzellan goss. „Mr. Marshall legt großen Wert auf Sicherheit. In seiner Welt ist Information die einzige Währung, die nicht an Wert verliert. Er beobachtet Sie nicht aus Grausamkeit; er beobachtet, um zu sehen, ob Sie eine Investition oder ein Risiko sind.“ „Ich bin ein Mensch“, fuhr sie ihn an und sah endlich auf. „In diesem Haus“, sagte Victor und stellte die Tasse vor sie, „sind Sie eine Marshall. Und eine Marshall ist niemals nur eine Sache.“ Er trat zurück, sein Schatten zog sich lang über den weißen Marmor. „Sie haben zwölf Minuten bis zu Ihrem ersten Briefing in der Bibliothek. Ich schlage vor, Sie trinken Ihren Tee aus. Das Rechtsteam trifft um zehn ein, und es ist deutlich weniger geduldig als der Hausherr.“ Ava trank den Tee nicht aus. Sie verbrachte diese zwölf Minuten in ihrem Zimmer, starrte in den Schminkspiegel und übte ein Gesicht, das nicht schuldig aussah. Wenn Ethan eine Vorstellung wollte, würde sie ihm eine liefern, doch das Gewicht des Diamanten an ihrem Finger fühlte sich wie ein Bleigewicht an, das sie nach unten zog. Der Rest des Vormittags verschwamm in Tinte und Papier. Drei Männer in messerscharfen Anzügen warteten in der Bibliothek auf sie. Sie boten keine Namen an, nur Titel. Drei Stunden lang zerlegten sie ihr Leben bis auf die Knochen. Sie fragten nach ihren Mitbewohnerinnen aus dem Studium, nach ihren Kontoständen und nach dem genauen Aufenthaltsort des Eherings ihrer Mutter. Jede Frage war ein Sondieren, auf der Suche nach einer Schwachstelle, die Ethan ausnutzen konnte, oder nach einem Geheimnis, das bei der Fusion zurückschlagen könnte. Gegen Mittag fühlte Ava sich ausgehöhlt. Sie blickte auf die Liste ihrer „Vermögenswerte“ auf dem Tabletbildschirm – sie wirkte erbärmlich im Vergleich zu dem Raum, in dem sie saß. Ein bescheidenes Sparkonto, ein fünf Jahre altes Auto und ein Abschluss in Kunstgeschichte, der sich gerade so nützlich anfühlte wie ein Papierschild in einem Gewitter. „Und schließlich“, sagte der leitende Anwalt und beugte sich vor. „Ihr Telefon.“ Ava zog es aus ihrer Tasche, das Display an einer Ecke gesprungen. „Was ist damit?“ „Es wird durch ein verschlüsseltes Gerät ersetzt. Alle Fotos oder Nachrichten, die Sie behalten möchten, müssen zuvor von der Sicherheitsabteilung geprüft werden. Wir können keine unüberwachten Kommunikationswege zulassen, die das Anwesen verlassen.“ „Sie nehmen mir meine Erinnerungen?“ Avas Stimme hob sich, der erste Funke echten Zorns flackerte in ihrer Brust. „Wir sichern die Interessen der Marshalls“, erwiderte der Anwalt glatt und schob ihr ein brandneues, schlankes schwarzes Gerät zu. Es wirkte so kalt und kostspielig wie der Mann, der es angeordnet hatte. Um 14:00 Uhr wurden die Anwälte durch eine Stylistin namens Sofia ersetzt, die sich mit klinischer Distanz bewegte. Sie verbrachte den Nachmittag damit, Ava zu umkreisen und Stoffe in Anthrazit, Elfenbein und Mitternachtsblau an ihrem Körper festzustecken. Die „Marshall-Ästhetik“ war ein anspruchsvoller Gott; sie verlangte, dass Ava wie eine Frau aussah, die niemals nach dem Preis von irgendetwas fragen musste. Als die Sonne zu sinken begann und lange orangefarbene Schatten durch die bodentiefen Glasflächen warf, betrachtete Ava sich im dreiteiligen Spiegel. Sie trug einen hochgeschlossenen anthrazitfarbenen Anzug, der wie eine zweite Haut saß. Ihr Haar war zu einem tief sitzenden, perfekten Knoten zurückgestrichen. Das Mädchen, das früher in übergroßen T-Shirts gemalt hatte, war verschwunden. An ihrer Stelle stand eine Fremde – ein polierter, kostspieliger Geist. Plötzlich öffnete sich die Tür. Ethan stand dort, die Krawatte gelockert, den Mantel über dem Arm. Er sah müde aus, doch seine Augen leuchteten mit dunkler Zufriedenheit auf, als sie auf sie fielen. Er trat näher, stellte sich hinter sie, sodass ihre Spiegelbilder im Glas miteinander verschmolzen. Er berührte sie nicht, aber seine Wärme strahlte durch die dünne Wolle ihrer Jacke. „Besser“, murmelte er, sein Blick folgte der scharfen Linie ihrer neuen Silhouette. „Ich sehe aus, als würde ich zu einer Beerdigung gehen“, flüsterte Ava ihrem Spiegelbild zu. Ethan beugte sich hinunter, seine Lippen nur wenige Zentimeter von ihrem Ohr entfernt. „In gewisser Weise tust du das. Verabschiede dich von dem Mädchen, das diesen Vertrag unterschrieben hat, Ava. Sie hätte die Sterling-Gala nicht überlebt.“ Er griff nach dem Revers ihres Anzugs und richtete es, seine Finger verharrten einen Moment zu lange an der Stelle, wo ihr Puls an ihrem Hals schlug. „Die Anwälte haben mir gesagt, dass du wegen des Telefons Widerstand geleistet hast. Tu das nicht. Von jetzt an musst du nur mit der Person sprechen, die ich dir nenne.“ Er wandte sich zum Gehen, blieb jedoch an der Tür stehen. „Das Abendessen ist um acht. Trag die schwarze Seide. Wir bekommen Gäste.“ „Wer?“ „Die Leute, die du anlügen wirst“, sagte er und schloss die Tür.
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