Der Morgen des vorletzten Tages begann nicht mit einem Klopfen, sondern mit dem Geräusch eines schweren Umschlags, der unter Avas Tür hindurchgeschoben wurde.
Sie rollte aus dem Bett, ihre Füße berührten den kalten Holzboden, und schnappte sich das Pergamentpäckchen. Darin befand sich eine Akte. Sie enthielt den Sitzplan für die Sterling-Gala, drei Seiten mit Gesprächspunkten und eine Liste „unangenehmer Themen“ – eine höfliche Umschreibung für die Skandale aller Anwesenden. Daneben lag das neue verschlüsselte Handy, dessen Bildschirm mit einem einzigen vorinstallierten Kontakt leuchtete: E.M.
Ava ignorierte die Akte. Sie setzte sich auf die Bettkante und drehte das Handy in ihren Händen. Es war ein schlankes, schwarzes Gewicht, das ihre Isolation symbolisierte. Sie musste den Anwalt ihres Vaters, Mr. Aris, erreichen. Sie musste wissen, ob die erste Rate der Marshall-Gelder tatsächlich eingegangen war oder ob sie sich für ein Versprechen verkaufte, das mit verschwindender Tinte geschrieben war.
Sie wusste, dass sie beobachtet wurde, also bewegte sie sich mit demonstrativer Langeweile. Sie nahm eine Modezeitschrift vom Nachttisch und zog sich ins Badezimmer zurück, den einzigen Ort, an dem die Sicherheitsleute von Marshall hoffentlich die Anständigkeit besaßen, die Kameras fernzuhalten.
Sie schloss die Tür, drehte die Dusche auf und ließ den Dampf den Raum füllen und das Rauschen des Wassers alle herumliegenden Mikrofone übertönen. Sie zog sich nicht aus. Stattdessen setzte sie sich auf den Wannenrand und zog einen zerknitterten Zettel aus der Tasche ihres Seidenmorgenmantels, den sie am Abend zuvor getragen hatte. Es war eine Serviette vom Abendessen, auf die sie mit einem Kajalstift eine Reihe von Nummern gekritzelt hatte – die private Telefonnummer ihres Vaters.
Sie wählte. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, ein rasender Rhythmus, der ihre Hände zittern ließ.
Besetzt.
Sie versuchte es erneut. Die Leitung klickte, dann ertönte eine ihr unbekannte Computerstimme: „Dieses Gerät ist nicht für ausgehende Anrufe autorisiert. Bitte wenden Sie sich an Ihren Administrator.“
Ava ließ beinahe das Telefon fallen. Ethan hatte die Leitung nicht nur gesichert, er hatte sie lahmgelegt. Sie überkam ein so heftiges Gefühl der Klaustrophobie, dass sie sich an die kühle Fliesenwand lehnen musste. Sie fühlte sich wie ein Geist in einem Palast, der in ein totes Telefon schrie.
„Miss Ava?“
Victors Stimme durch die Badezimmertür ließ sie zusammenzucken. Sie stopfte das Telefon in ihren Morgenmantel und stand auf, ihr Atem ging flach und stoßweise.
„Ja?“
„Der Schneider ist da, um das Galakleid ein letztes Mal anzuprobieren. Und Mr. Marshall hat Sie gebeten, in zwanzig Minuten mit ihm ins Solarium zu kommen. Er meint, Ihre ‚Geschichte‘ müsse noch überarbeitet werden. Sie haben gezögert, als Elena gestern Abend nach der Galerie fragte.“
„Ich bin unter der Dusche, Victor“, rief sie zurück, ihre Stimme zitterte vor Wut und Angst.
„Dann rate ich Ihnen, sich schnell abzutrocknen“, erwiderte Victor mit todernster Stimme. „Effizienz ist die zweite Regel dieses Hauses.“
Zwanzig Minuten später betrat Ava das Solarium. Der Raum war ein Käfig aus Glas und Eisen, gefüllt mit exotischen Farnen, die zu perfekt aussahen, um echt zu sein. Ethan stand an einem Zeichentisch und studierte Architekturpläne. Er blickte nicht auf, als sie eintrat.
„Du hast versucht, mich zu rufen“, sagte er.
Ava wurde kreidebleich. „Ich wollte nach meinem Vater sehen.“
„Dein Vater ist in einer Privatklinik in der Schweiz“, sagte Ethan und richtete sich endlich auf. Er ging auf sie zu, seine Schritte hallten lautlos auf dem Steinboden wider. „Er erhält die beste Behandlung, die man für Geld kaufen kann. Mein Geld. Wenn du mit ihm sprechen willst, fragst du mich. Du versuchst nicht, meine Sicherheitsvorkehrungen mit so einer Mentalität zu umgehen, Ava. Das ist unter deinem Niveau.“
„Er ist mein Vater, Ethan! Kein Geschäftswert.“
„Er ist der Grund, warum du hier bist“, entgegnete Ethan mit tiefer, gefährlicher Stimme. Er drang in ihren persönlichen Bereich ein und zwang sie, aufzusehen. „Wenn Sie gegen die Vertragsregeln verstoßen, werden die Gelder eingestellt. Die Ärzte kommen nicht mehr. Die Maschinen stehen still. Ist Ihnen die Tragweite bewusst, oder muss ich es Ihnen noch deutlicher machen?“
Ava spürte, wie ihr eine Träne in die Augen stieg, doch sie weigerte sich, sie fließen zu lassen. Sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben, dass sie nachgab. „Ich verstehe. Ich bin eine Gefangene mit einer besseren Garderobe.“
„Sie sind eine Partnerin, die noch nicht gelernt hat, ihrer Führung zu vertrauen“, korrigierte Ethan. Er streckte die Hand aus, verweilte kurz vor ihrer Taille, bevor er sie zurückzog, als wolle er sich der Distanz bewusst werden. „Der Schneider wartet. Das Kleid für morgen Abend ist nicht nur Stoff, Ava. Es ist das letzte Puzzleteil. Wenn Sie zu dieser Gala kommen, sollen alle eine Frau sehen, die den Raum beherrscht, keine, die nach dem Ausgang sucht.“
Er wandte sich wieder seinen Bauplänen zu und entließ sie wortlos.
Als Ava auf die Umkleidekabine zuging, kam sie an einem Spiegel im Flur vorbei. Sie sah den hohen Kragen ihres Kleides, die strenge Linie ihrer Frisur und die Kälte, die sich in ihren Augen ausbreitete. Sie begann, ihm ähnlich zu sehen. Und als sie das Gewicht des verschlüsselten Handys in ihrer Tasche spürte, wurde ihr klar, dass sie nicht nur die Regeln seines Spiels lernte.
Sie lernte, wie man betrügt.