Ich weiss nicht, was ich will

1278 Worte
Ich hatte Ethan stehen gelassen. Als ich ins La Chispa eintrat, fühlte es sich immer noch nicht so an, als sei dies die richtige Entscheidung gewesen. Doch ich war so zufrieden im Moment mit den tollen Dingen, die sich in meinem Leben ergaben, dass ich Angst hatte, ich würde sie verlieren. In diesem Moment erblickte ich Meggie in der hintersten Ecke des Lokals, die mich zu sich winkte. Mit schweren Schritten ging ich auf sie zu und setzte mich hin. "Du siehst beschissen aus", sagte sie und ich lachte laut auf. "Ein Schatz, wie immer", bemerkte ich und versuchte ein Lächeln aufzusetzen. Nervös spielte ich mit meinen Fingern und versuchte mein Herz zu beruhigen, welches wie verrückt schlug. "Ich meins Ernst, ist alles in Ordnung? Du siehst aus, als wäre dir ein Geist begegnet." Ihre Augenbrauen zogen sich besorgt zusammen und sie griff nach meiner Hand. Eigentlich wollte ich ihr nicht einmal erzählen, dass mir soeben Ethan erneut über den Weg gelaufen war, doch das Universum zwang mich förmlich dazu. "Hailey!" Unsere Köpfe schnellten beide in die Richtung aus der die Stimme kam und ich drehte meinen Kopf wieder so schnell zurück zu Meggie, als hätte ich in eine Leitung gefasst. Ihr Profil legte sie schief und sie öffnete langsam den Mund, um etwas zu sagen. Doch es kamen keine Worte raus. Langsam drehte sie sich wieder zu mir um und hob den Daumen Richtung Ethan. Ich konnte ihre stumme Frage verstehen und seufzte. "Ich hab ihn draussen getroffen. Naja, nicht wirklich, da es zufällig passiert war. Ich hab ihm eigentlich gesagt, dass er gehen soll, weil ich mit dir hier bin, aber-" Sie schüttelte unverständlich den Kopf und ich wagte es gar nicht zu blinzeln. "Hailey", versuchte es Ethan noch einmal, er traute sich nicht dem Tisch zu nähern. Ich wollte nicht aufstehen. Ich wollte diese Freundschaft. Ich hab mich mein Leben lang nach einer solchen Freundschaft gesehnt, mit jemanden der mir ehrlich ins Gesicht sagt, wie Blöd ich aussehe und mich in allem unterstützt, was ich mache und bin. Ich wollte diese Freundschaft nicht gefährden, besonders weil wir uns nicht auf den rechten Fuss kennengelernt haben. "Ethan, lass es, bitte." Ich traute mich nicht, ihn anzusehen und schaute deshalb nur Meggie an. "Hailey, bitte." Er machte einige Schritte auf uns zu, doch ich hielt ihn mit einem warnenden Blick davon ab, näher zu kommen. "Hailey", hörte ich nochmals und dann spürte ich einen Druck auf meiner Hand. "Meggie?" Ich sah sie fragend an und mein Herz schwoll an, als sie mich lächelnd ansah. "Geh, ich warte hier." Mein Mund war ganz trocken und ich brachte kein Wort heraus. "Schliesslich wird Lucinda auch in Kürze eintreten und dann werden wir solange herumrätseln, wie das Gespräch gelaufen ist, bist du wieder zurückkommst und uns hoffentlich alles erzählst." Sie drückte nochmals ermutigend meine Hand und nickte mit ihrem Kopf in Ethans Richtung, um mich aufzufordern aufzustehen. Ich sah wieder zu Ethan der immer noch dort stand und zu uns herüber sah. Es kam mir vor, als würde sich die ganze Situation wiederholen, die sich an seinem Auftritt hier im La Chispa abgespielt hat. Seine Augen hatten mich wieder in ihren Bann gezogen und irgendwie vergass ich, wie sauer ich das letzte Mal hier rausgestürmt war. Ich vergas, wie sauer ich auf der armen Tastatur meines Laptops herumgetippt hatte und ich vergas all die Worte, mit denen ich ihn verflucht hatte. Doch es schien mir, als könnte ich ihn nicht vergessen, egal wie sehr ich es versuchte. Als ich die Schritte auf ihn zu wag, prellte es so über mich herein, dass ich zur Erkenntnis kam, dass ich in der Tat nicht wusste, was ich wollte. Ich wusste nicht, was mich glücklich machte. Ich glaubte, es zu wissen, doch ich tat es nicht. In der Theorie hätte ich allen davon abgeraten wieder zu dem Mann zurückzugehen, der einen verletzt hat. In der Theorie war es für mich klar, dass wenn's einmal nicht klappt, dann ist es ein Zeichen. Doch das Leben war keine Theorie. Es war ein Experiment und ich musste anfangen endlich zu experimentieren ohne Reue zu empfinden. Meggie hatte mir das gezeigt. Ich musste mir keine Sorgen machen, um unsere Freundschaft. Sie hatte mit Ethan abgeschlossen und das wahrscheinlich schon bevor ich überhaupt ins Bild sprang und Ethan, Ethan war halt Ethan. Unperfekt. "Hey", sagte er, als ich vor ihm stand. Seine Augen hatten wieder dieses Funkeln, dass mich so sehr verzaubert hatte. Die Haare kräuselten sich, in der Wärme des La Chispas, die sie zum trocknen brachten und ich musste grinsen. Er sah so witzig aus. Ich strich meine Hand über sein Haar, um es zu bändigen und daraufhin zuckte ich, als durchströme mich ein Blitzschlag. Ethan hatte den blick nicht von mir abgewandt und ich konnte sehen, wie er seinen Atem anhielt. Vom einen Moment auf den Anderen hatte er schon meine Hand in seine genommen und mich hinter die Bühne gezogen. Die Vorhänge hingen noch runter und schirmten uns so vom vorderen Bereich des La Chispas ab und ehe ich mich versah, drückte er seine Lippen auf meine. Mein Herz machte einen ganzen Sprung und meine Gedanken verschwammen. Seine Hände wanderten über meinen ganzen Körper und es kam mir vor, als würde er nach Luft rangen. Doch er hielt für keine Sekunde inne. Er wollte keinen Augenblick verpassen und mich einfach nur spüren. Mein Gehirn schaltete sich erst dann wieder an, als wir uns kurz von einander trennten. "Ethan", sagte ich ausser Atem und er wollte gerade wieder ansetzen, doch ich drehte meinen Kopf zur Seite. "Hailey", atmete er schwer ein und aus. Seine Hände heilte mein Gesicht und er strich mit den Daumen behutsam meine Wangen. Seine Augen wanderten über mein ganzes Gesicht und konnten sich nicht entscheiden, worauf sie sich fixieren sollten. Dann sah er wieder auf meine Lippen. Ich biss mir ungewollt auf die Unterlippe, als ich erkannte, wie geschwollen seine Waren und schloss kurz die Augen. "Du weisst, dass das nicht funktionieren wird", schaltete sich mein Gewissen ein und er zog mich näher an sich heran. Ich spürte seinen ganzen Körper an meinen und musste schwer schlucken. "Es wird funktionieren", versicherte er mir und unsere Nasen berührten sich. Ich spürte seinen Atem auf meinen Lippen und mir wurde ganz schwindlig. "Wir werden das hinkriegen", betonte er nochmals und streifte meine Lippen mit den seinen. "Ethan", atmete ich nochmals schwer aus. Er brachte mich noch ganz um den Verstand. Bevor er wieder ansetzen konnte, etwas zu sagen, ging das Bühnenlicht plötzlich an. Der Vorhang blieb zum Glück noch unten, doch hinter uns stand plötzlich die Ladeninhaberin, gefolgt von Monté, Marco und Leo. Die Jungs hatten plötzlich einen Schritt nach hinten gemacht, während die Ladeninhaberin sich ruckartig wegdrehte, als sie uns dort festumschlungen stehen sah. "Ihr habt doch noch eure Klamotten an, nicht wahr?", wollte sie wissen und ich wollte einen grossen Satz nach hinten machen, um abstand zwischen mir und Ethan zu erlangen, doch er hatte seinen Griff um meine Tallie verstärkt. "Ja, keine Sorge. Wir sind angezogen", lachte er und ich sah ihn von der Seite an. "Hallo Jungs", sagte er an seine Bandmitglieder gerichtet und kurz darauf waren Meggie und Lucinda auch hinter den Vorhang gekommen. Monté wollte schon das Wort ergreifen, als er Meggie sah und hatte mit den Händen zwischen uns dreien gesitkuliert, als Ethan und Meggie ihm warnende Blicke zuwarfen. "Das ist meine Freundin, feste Freundin. Hailey", sagte Ethan und Monté hob unschuldig die Hände. Meggie grinste wissend und Lucinda schlug sie die Hand vor den Mund. "Wieso wusste ich nichts davon", flüsterte sich Meggie zu und diese versprach ihr, dass ich es ihnen noch erklären würde.
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