Verwirrt sehe ich ihn an. Es scheint, als ob seine Augen hier noch grüner leuchten und ich versuche zu verstehen, was er damit sagen will.
Seine Augen bannen sich in meine und seine Lippen sind fest aufeinander gepresst. Er meint es ernst, keine Frage.
Diese Nähe bringt mich um.
"Kein Mensch ist alleine glücklich", flüstere ich, während er seine Augen von meinen nimmt und nun meine Lippen ansieht. Ich zähle die Sekunden, in denen meine Beine gleich nachgeben.
"Da muss ich dich leider enttäuschen."
Sein warmer Atem prallt auf meine Lippen und meine Hand verkrampft sich fester um das Buch.
"Denn ich schon."
Und mit dieser Aussage stützt er sich ab und dreht sich um, um seinen Weg fortzusetzen. Für einen Moment stehe ich noch an Ort und Stelle, bis meine Beine wieder auf meine Befehle reagieren und folge ihm.
"Harvey, warte!"
Er überhört mich einfach und läuft weiter. Ich frage mich echt, wann er damit aufhören wird, sich immer so sehr zu distanzieren oder mich zu ignorieren.
"Har-"
"Was?!"
Er dreht sich abrupt um und sofort verstumme ich.
"Was verdammt nochmal verstehst du an dem nicht, was ich sage? Ich will alleine sein. Das heißt, f*****g nochmal ohne dich, also hör auf, wie ein f*****g Kaugummi unter einem Schuh, an mir zu kleben!"
Wütend sieht er mich an, weswegen ich einen Schritt zurückmache und das Buch an meine Brust presse. Ich verspühre einen Stich in meiner linken Brust und plötzlich ist mir das peinlich.
Was habe ich mir auch dabei gedacht? Verfolge jemanden, den ich nicht mal kenne und der mir auch noch ausdrücklich klar macht, dass er alleine sein will.
Wahrscheinlich denkt er, ich bin so eine gestörte Stalkerin.
Ich senke meinen Blick, weil ich mich schäme und ihm nicht in diese wütend funkelnden Augen sehen möchte. Es ist schon dunkel und ich kann nicht leugnen, dass wenn ich nicht wüsste, dass die Person vor mir Harvey ist, ich mega Angst hätte.
"Es tut m-mir Leid. I-ich weiß auch nicht-"
"Hör auf dich ständig für jede Scheiße zu entschuldigen", brummt er nur und will sich wieder umdrehen, als plötzlich ein Donnern durch den Wald ertönt und er, genauso wie ich, kurz zusammenzuckt.
Erst jetzt bemerke ich, wie dunkel es geworden ist.
Das strahlende Grün der Büsche und Bäume sehen nun ganz schwarz aus und dieses angenehme und sichere Gefühl ist mit einem Mal verschwunden.
Ich fühle mich unwohl und merke schon, wie sich durch die Angst mein Brustkorb schneller auf- und absinkt. Der einzige Grund, warum ich noch nicht ganz in Panik ausgebrochen bin, ist dieser Junge vor mir.
Und der will mich nicht in seiner Nähe haben.
Es donnert nocheinmal, weswegen ich schon wieder zusammenzucke und kurz werden die Bäume und Büsche dank dem Blitz erhellt.
"Harvey?", flüstere ich und mache einen Schritt auf ihn zu. Normalerweise bin ich nicht so schreckhaft, was Gewitter angeht, da es in Ketchikan oft regnet und ich es gewohnt bin. Aber dann bin ich auch niemals im Wald gewesen.
Und wie auf's Kommando fallen die ersten Regentropfen, die sich auf die Sekunde vermehren und ich verfluche mich selbst dafür, den Regenschirm nicht mitgenommen zu haben.
In nur sekundenschnelle sind meine ganzen Klamotten nass und die Wollmütze auf meinem Kopf hilft nicht gerade, meine Haare trocken zu halten. Harvey scheint es nicht anders zu gehen.
"Fuck."
Ein Blitz erhellt für einen kurzen Moment den Wald und lässt ihn noch gruseliger aussehen. Ich folge Harvey, der in schnellen Schritten durch den Wald marschiert. Auch in der Dunkelheit kommt er porblemlos voran, als würde er den Weg in- und auswendig kennen.
So etwas wie Angst scheint dieser Junge nicht zu kennen, während ich ihm hinterherlaufe und mein Herz vor Panik fast rauszuspringen droht.
Was ist wenn ein Baum auf uns kracht?
Es donnert nocheinmal und vor Schreck fasse ich nach Harvey's Hand. Ich weiß auch nicht, woher ich diesen Mut bekomme, vorallem da er mich eben noch zurückgewiesen hat, aber ich habe einfach zu große Angst.
Ruckartig bleibt er stehen, doch zu meinem Erstaunen, zieht er seine nicht weg, aber sieht mich mit zusammengezogenen Augenbrauen an.
"Harvey, ich habe Angst", flüstere ich und fühle mich wie eine Fünfjährige, die einen schlechten Traum hatte und nicht schlafen kann.
Für einen Moment denke ich, dass Harvey seine Hand wegzieht und schon wieder eine gemeine Bemerkung machen wird. Doch als ein Blitz sein Gesicht erhellt, glaube ich zu sehen, wie Harvey's Blick weicher wird und mich ansieht, als würde er sich an etwas erinnern.
Doch vielleicht habe ich mich auch nur getäuscht.
Er sagt nichts, dreht sich einfach wieder um, aber lässt mich seine Hand halten. Verwundert, aber auch unheimlich froh, folge ich ihm und danke dem lieben Gott, dass Harvey hier ist, da ich in der Dunkelheit und durch den Regen kaum was sehe.
Wie kann es sein, dass er diesen Wald so gut kennt?
Ich drücke seine Hand noch fester, als wieder ein Grollen über den Wald ertönt und vor Schreck passe ich nicht auf, wohin ich trete, weswegen sich mein Rock an einem Ast verhedert.
Da Harvey mich weiterzieht, bemerkt er auch nicht, wie mein Rock, dank dem Ast, mit einem Mal reißt und ich deswegen mein Gleichgewicht nicht halten kann und auf den Boden falle, genau auf meine Knie.
Ich spühre ein schreckliches Brennen und kann jetzt schon voraussagen, dass sie aufgeschürft sind. Harvey stöhnt, da ich mich hingesetzt habe, doch ich schenke ihm im Moment keine Beachtung und versuche wieder aufzustehen, was ich auch schaffe.
Harvey sieht mir einfach nur zu und kennt wohl so etwas, wie helfen nicht.
Als ich wieder auf den Beinen bin, geht Harvey wieder vor und ich versuche ihm zu folgen, doch ich bin langsamer, da mein Knie, dank der nassen Strumpfhose, die daraufklebt, höllisch brennt. Während ich gerade mal zwei Schritte mache, macht Harvey fünf.
Als er bemerkt, dass ich nicht so schnell bin, schnaubt er auf und dreht sich um, um wieder zu mir zu kommen. Ich weiß nicht, was er da vor sich hinmurmelt, doch ich hätte eher erwartet, dass er einfach weitergeht und mich zurücklässt.
Und ohne irendetwas zu sagen, kommt er immer näher und bevor ich mich versehe, werde ich nach hinten gekippt, da er mit seinem einen Arm hinter meinen Rücken und dem anderen Arm unter meine Knie greift und mich somit im Brautstyle in den Armen hält.
Verwirrt und verwundert sehe ich zu ihm auf und habe Angst, dass er mein Herz hört, dass mir gleich aus der Brust zu springen droht. Meine Atmung verdoppelt sich.
Sogar von hier oben sieht er wunderschön aus. Wie die Regentropfen von seinen Locken tropfen und manche seinen Kinn hinunterfahren. Wie gern würde ich diesen Hals jetzt küssen.
Ich blinzele mit den Augen.
Was passiert hier?
"Hör auf mich so anzustarren. Ich tue das nur, da wir sonst in zehn Jahren erst ankommen würden", motzt er wieder rum und zerstört wie immer diesen Moment.
Es war doch eh klar, dass er das nur deswegen macht.
Plötzlich weite ich meine Augen.
"Harvey! Mein Buch!"
Ich habe gar nicht bemerkt, wie es mir aus der Hand gefallen ist.
"Ich werde nicht umdrehen."
"Aber-"
"Ein Wort und du landest auf dem Boden."
Ich höre die Drohung und die Entschlossenheit, dass er das durchziehen würde, weswegen ich nur seufze. Still trägt er mich weiter und scheint sich überhaupt nicht anzustrengen. Kein Wunder, bei diesen Armen.
Es regnet immernoch und ich schließe meine Augen. Hier in seinen Armen fühle ich mich sicher.
Egal, wie stur und verletzend er ist.
Daher kuschele ich mich an seine nasse Brust und merke plötzlich, wie er sich anspannt. Oder mir kommt es nur so vor.
Wir kommen am Ende des Waldes an und ich sehe Harvey's Jeep am Straßenrand parken. Er setzt mich, diesmal sanfter vor der Beifahrertür ab und joggt kurz zum Kofferraum, um eine Decke herauszuholen, die er dann auf den Sitz des Beifahrersitzes stülpst.
Verwirrt sehe ich ihn an.
Macht er das jetzt für mich?
"Setz dich. Das ist nur, damit der Satz nicht durchnässt wird. Nicht, dass du auf andere Gedanken kommst."
Natürlich.
Ich setze mich rein, muss aber aufzischen, da der nasse Stoff meiner Strumpfhose an meinem Knie klebt. Harvey bemerkt es und genau, als ich denke, dass er einfach so die Tür schließt, zückt er sein Taschenmesser aus seiner Hosentasche und kniet sich vor mich hin.
Ich verziehe mein Gesicht, als er meine Strumpfhose festhält und hochzieht, um es mit seinem Messer abzuschneiden, sodass mein Knie durch ein offenes Loch hervorlukt. Dasselbe macht er auch mit der anderen Seite.
Ich glaube, ich träume.
Ich meine, Harvey sitzt vor mir, draußen im Regen, während ich im Wagen sitze und ihm einfach nur fasziniert zuschaue.
Er ist genauso, wie ich völlig durchnässt und es scheint ihm überhaupt nichts auszumachen. Während ich vor Kälte zittere, sieht man ihm überhaupt nichts an.
Ich hätte niemals daran gedacht, dass Harvey sich um mich kümmern würde, doch er tut es. Ich wusste, dass er nicht so böse und gefühlskalt ist, wie er immer tut.
Und das zaubert mir ein Lächeln auf's Gesicht.
Doch dies verschwindet schnell, als er ein Desinfezierungsmittel aus seinem Handschuhfach herausholt und es auf die aufgeschürfte, blutende Wunde spritzt.
Ich verziehe mein Gesicht.
"Kommt davon, wenn du immernoch diese scheiß Röcke trägst."
Ich sage nichts und beobachte ihn nur. Was hat er bloß gegen Röcke?
Konzentriert sucht er wahrscheinlich nach einer Taschentuchpackung und seine Augenbrauen sind wie immer krausgezogen.
Wie gerne, würde ich mal darüber streicheln, damit er sie nicht zusammenzieht.
Er legt die Taschentücher auf die Wunde und steckt die Ecken in den Stoff meiner Strumpfhose, sodass sie nicht hinausfallen können.
"D-danke", bringe ich heraus und als Antwort brummt er nur. Er schließt die Tür und joggt wieder um den Wagen, um sich auf den Fahrersitz zu werfen.
Er ist komplett nass und er schnappt sich vom Hintersitz einen Handtuch und durchwuschelt damit seine Haare, nachdem er die Kapuze hinuntergezogen hat.
Er fährt sich ein paar Mal durch die Haare und ich sehe ihm mit offenem Mund zu.
Wie kann man nur so schön sein?
Nach dem ganzen Regen?
Ich sehe bestimmt aus, wie ein Monster. Während er, wie ein Gott persönlich aussieht, bin ich nur ein hässliches Entlein, dass so tollpatschig ist, als würde es zum ersten Mal laufen lernen.
Ich zittere, was Harvey bemerkt und er schaltet den Motor an, um die Heizung anzustellen. Er will losfahren, doch es blitzt und noch ein Donnern ist zu hören, weswegen ich nach seiner Hand greife, mit der er das Lenkrad festhält.
"Nicht!"
Ein Stromschlag durchfährt meinen Körper und auch Harvey sieht stirnrunzelnd auf seine Hand, weswegen ich sie sofort loslasse.
"Es ist zu gefährlich jetzt zu fahren. Bitte fahr nicht."
Mit klappernden Zähnen, sehe ich ihn an, während er immernoch auf seine Hand schaut und das Lenkrad langsam loslässt. Er lässt den Motor laufen, damit die Heizung nicht ausgeht und ich bin ihm mehr als dankbar.
"Harvey? Dan-"
"Hör auf, dich f*****g nochmal schon wieder zu bedanken. Das geht mir tierisch auf den Zeiger. Sei einfach leise, verdammt."
Er kramt im Handschuhfach herum und holt eine Zigarette hervor, die er dann anzündet und an seine Lippe führt. Er fährt die Fensterscheibe etwas herunter, um den Rauch auszublasen.
Ich seufze und bin einfach nur still. Ich bin zu müde und mir ist zu kalt, um jetzt irgendetwas zu sagen und außerdem will Harvey eh nicht mit mir sprechen.
Wiedermal.
Und still sitzen wir im Wagen und beobachten die Regentropfen, die auf die Motorhaube des Wagens, fallen.