Kapitel 4: Ein Schlag ins Gesicht

1662 Worte
Die Morgensonne schien durch die hohen Fenster der WG in Berlin-Mitte und tauchte den Wohnbereich in ein warmes, goldenes Licht. Lukas Teufel lag ausgestreckt auf dem schwarzen Ledersofa, ein Bein über die Lehne gehängt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er hatte schlecht geschlafen – das Bett in seinem neuen Zimmer war zu weich, und die Geräusche der Stadt hatten ihn wachgehalten. Jetzt döste er vor sich hin, während der Duft von frisch gebrühtem Kaffee durch die Luft zog. Sein Magen knurrte leise, aber er war zu faul, um aufzustehen. Die Ruhe hielt genau fünf Minuten. Die Küchentür flog auf, und Hanna Sturm marschierte heraus, in voller Uniform, die Haare zu einem strengen Zopf gebunden. Sie trug eine Tasse Kaffee in der einen Hand und eine Zeitung in der anderen, die sie mit einem lauten Knall auf den Glastisch vor Lukas warf. „Aufstehen, Faulpelz“, knurrte sie. „Du bist hier nicht im Urlaub.“ Lukas öffnete ein Auge, blinzelte sie an und grinste. „Guten Morgen, Sonnenschein. Wie geht’s deinem Kater?“„Halt die Klappe“, fauchte sie und nahm einen Schluck Kaffee. „Und hör auf, hier rumzuhängen wie ein Penner. Wenn du schon hier wohnst, mach dich nützlich.“„Nützlich?“ Er setzte sich langsam auf, streckte sich und ließ die Gelenke knacken. „Was willst du denn? Dass ich dir die Schuhe poliere, Frau Kommissarin?“„Träum weiter“, sagte sie und verschränkte die Arme. „Aber du könntest den Müll rausbringen. Der stinkt schon bis in mein Zimmer.“ Bevor Lukas antworten konnte, schwebte Mia Sommer in den Raum, barfuß und in einem oversized T-Shirt, das kaum ihre Oberschenkel bedeckte. Ihre blonden Locken waren ein wildes Chaos, und sie hielt eine Schüssel Müsli in den Händen. „Morgen, ihr zwei“, sagte sie fröhlich und ließ sich neben Lukas aufs Sofa plumpsen. „Streitet ihr schon wieder?“„Wir streiten nicht“, sagte Hanna scharf. „Ich versuch nur, diesem Idioten Manieren beizubringen.“„Manieren?“ Lukas lachte leise. „Die hab ich in Hamburg gelassen, zusammen mit meinem letzten Gegner auf der Matte.“„Oh, ein Boxer mit Humor“, sagte Mia grinsend und schob sich einen Löffel Müsli in den Mund. „Das wird hier nie langweilig.“ Hanna verdrehte die Augen, schnappte sich die Zeitung und ließ sich in den Sessel gegenüber fallen. „Ihr zwei seid echt ein Traumpaar. Chaos und Dummheit in Perfektion.“„Danke“, sagte Lukas und zwinkerte ihr zu. „Ich nehm das als Kompliment.“„Das war keins“, zischte sie, aber ihre Mundwinkel zuckten wieder – ein winziger Riss in ihrer harten Fassade. Die nächsten Minuten verliefen in einer Art angespannter Stille. Mia mampfte ihr Müsli, Lukas starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Autos, und Hanna blätterte lautstark in der Zeitung, als wollte sie mit jedem Umblättern ihre Gereiztheit unterstreichen. Schließlich legte sie die Zeitung weg, stand auf und zeigte auf Lukas. „Müll. Jetzt.“„Aye, aye, Captain“, sagte er salutierend und erhob sich gemächlich. Er schlenderte in die Küche, fand den überquellenden Mülleimer und zog den Beutel heraus. Der Gestank traf ihn wie ein Faustschlag – eine Mischung aus altem Pizzakarton und irgendwas, das schon halb verrottet war. „Heilige Scheiße“, murmelte er und hielt den Beutel auf Armeslänge von sich weg. Als er zurück ins Wohnzimmer kam, war Hanna verschwunden – wahrscheinlich auf dem Weg zur Arbeit –, aber Mia saß noch da, die Beine auf dem Sofa hochgelegt. „Sie mag dich“, sagte sie mit einem schelmischen Grinsen.„Mich mögen?“ Lukas schnaubte. „Sie sieht mich an, als wär ich ein Punchingball.“„Genau das meine ich“, sagte Mia und lachte. „Hanna zeigt Zuneigung durch Sarkasmus. Wenn sie dich wirklich hassen würde, wärst du schon weg.“„Na toll“, sagte er trocken. „Dann bin ich ja quasi ihr Liebling.“ Er trug den Müll zur Tür hinaus und die Treppe hinunter, wo die Tonnen im Hinterhof standen. Die Berliner Luft war kühl und frisch, ein Kontrast zum stickigen Chaos der WG. Er warf den Beutel in die schwarze Tonne, klappte den Deckel zu und wollte gerade zurückgehen, als er Schritte hinter sich hörte. „Hey, du!“ Eine tiefe Stimme donnerte durch den Hof. Lukas drehte sich um und sah einen bulligen Typen auf sich zukommen – groß, breite Schultern, ein Gesicht wie ein Bulldozer. Er trug eine Lederjacke und hatte eine Zigarette zwischen den Lippen, die er mit einem verächtlichen Schnippen auf den Boden warf. „Bist du der Neue hier?“„Jepp“, sagte Lukas und verschränkte die Arme. „Und du bist?“„Jonas Berg“, sagte der Typ und trat näher, bis er nur noch einen Meter entfernt war. „Ich wohne zwei Straßen weiter. Und ich hab gehört, du ziehst bei Hanna und Mia ein.“„Stimmt“, sagte Lukas, seine Stimme ruhig, aber wachsam. Er spürte die Spannung in der Luft – dieser Kerl war nicht hier, um Smalltalk zu halten.„Dann hör gut zu“, sagte Jonas und zeigte mit einem dicken Finger auf Lukas’ Brust. „Hanna gehört mir. Halt dich von ihr fern, oder ich mach dich platt.“ Lukas hob eine Augenbraue, ein Lächeln spielte um seine Lippen. „Hanna gehört dir? Hat sie dir das gesagt, oder träumst du nur?“„Werd nicht frech, Kleiner“, knurrte Jonas und ballte die Fäuste. „Ich hab sie zuerst gesehen. Sie ist meine.“„Interessant“, sagte Lukas lässig. „Aber ich glaub, Hanna kann selbst entscheiden, wem sie gehört. Und ich wette, du stehst nicht mal auf ihrer Liste.“ Jonas’ Gesicht wurde rot vor Wut, seine Augen funkelten gefährlich. „Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst“, zischte er. „Ich war Boxer, genau wie du. Aber ich hab echte Kämpfe gewonnen – keine Amateur-Spielchen.“„Ach ja?“ Lukas trat einen Schritt näher, sein Grinsen wurde breiter. „Dann lass mal sehen, was du draufhast.“ Das war der Funke, den Jonas brauchte. Mit einem Brüllen stürzte er sich auf Lukas, seine Faust schoss wie ein Hammer auf dessen Gesicht zu. Doch Lukas war schneller – Jahre im Ring hatten seine Reflexe geschärft. Er duckte sich unter dem Schlag weg, trat zur Seite und landete einen kurzen, harten Haken in Jonas’ Rippen. Der bullige Typ keuchte, stolperte einen Schritt zurück, aber fing sich schnell wieder. „Netter Versuch“, sagte Lukas und hob die Fäuste. „Aber du musst schon mehr bringen.“„Du bist tot!“ Jonas stürzte erneut vor, diesmal mit einer wilden Kombination aus Schlägen. Lukas blockte den ersten mit dem Unterarm, wich dem zweiten aus und konterte mit einem Uppercut, der Jonas’ Kinn traf. Ein dumpfes Knacken hallte durch den Hof, und Jonas taumelte zurück, Blut tropfte von seiner Lippe. Für einen Moment dachte Lukas, der Kampf wäre vorbei. Doch Jonas schüttelte den Kopf, spuckte auf den Boden und grinste – ein fieses, blutiges Grinsen. „Nicht schlecht“, sagte er. „Aber ich bin noch nicht fertig.“ Er griff in seine Jacke und zog ein Klappmesser hervor, die Klinge blitzte im Sonnenlicht. Lukas’ Augen wurden schmal. „Ein Messer? Ernsthaft? Was bist du, ein Boxer oder ein Gangster?“„Beides“, knurrte Jonas und sprang vor, die Klinge zielte auf Lukas’ Bauch. Lukas reagierte instinktiv. Er drehte sich zur Seite, packte Jonas’ Handgelenk und verdrehte es mit einem schnellen Ruck. Das Messer fiel klirrend zu Boden, und bevor Jonas reagieren konnte, rammte Lukas ihm das Knie in den Magen. Jonas klappte zusammen, keuchend und hustend, und sank auf die Knie. „Bleib unten“, sagte Lukas kalt und trat einen Schritt zurück. „Und komm mir nicht nochmal in die Quere.“ Jonas hob den Kopf, seine Augen brannten vor Hass, aber er blieb am Boden. Lukas drehte sich um, kickte das Messer in einen Gulli und ging zurück zum Haus. Sein Herz hämmerte, Adrenalin pumpte durch seine Adern – genau wie damals im Ring. Als er die WG wieder betrat, saß Mia immer noch auf dem Sofa, jetzt mit einem Kaffee in der Hand. „Was war das für ein Krach da draußen?“ fragte sie neugierig.„Nichts geht über einen guten Morgenkampf“, sagte Lukas und ließ sich neben sie fallen.„Kampf?“ Mia’s Augen wurden groß. „Mit wem?“„Irgend so ein Typ namens Jonas“, sagte er schulterzuckend. „Scheint ein Fan von Hanna zu sein.“„Jonas Berg?“ Mia lachte laut. „Oh, der ist harmlos. Er rennt Hanna schon ewig hinterher, aber sie kann ihn nicht ausstehen.“„Harmlos?“ Lukas rieb sich die Knöchel, die leicht schmerzten. „Er hat ein Messer gezogen.“„Ein Messer?“ Mia starrte ihn an, dann prustete sie los. „Okay, vielleicht nicht so harmlos. Aber du hast ihn fertiggemacht, oder?“„Jepp“, sagte Lukas grinsend. „War ein gutes Warm-up.“ In dem Moment kam Hanna zurück in den Raum, jetzt in Zivilkleidung – Jeans und ein enges schwarzes Shirt. Sie blieb stehen, sah Lukas und Mia auf dem Sofa und runzelte die Stirn. „Was ist hier los?“„Dein Freund Jonas hat mich begrüßt“, sagte Lukas lässig.„Jonas?“ Hanna’s Gesicht verfinsterte sich. „Was hat der Idiot jetzt wieder angestellt?“„Nichts, womit ich nicht fertiggeworden bin“, sagte Lukas und lehnte sich zurück. Hanna starrte ihn an, dann schüttelte sie den Kopf. „Du bist echt ein Magnet für Ärger“, murmelte sie und verschwand wieder in die Küche. Lukas grinste. Das Leben in Berlin wurde immer interessanter.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN