Kapitel 1Seite 6

2353 Worte
"Du hast das Haus also behalten?" Eine gewisse Nostalgie kam in ihr hoch, und sie schaute sich sofort um, um zu sehen, ob noch alles an seinem Platz war, als er die Tür öffnete. Sie war erstaunt, denn er hatte wirklich nichts verändert. Im Schlafzimmer lag immer noch das Buch auf dem Nachttisch, das sie angefangen hatte zu lesen, als sie noch mit ihm hier wohnte. "Ich wollte es mal lesen, aber du kennst mich. Ich bin nicht so ein Bücherwurm wie du", sagte er, als sie darin herumblätterte. "Wo kann ich auspacken?" Maria wurde langsam ungeduldig und interessierte sich nicht für die Unterhaltung, die die beiden gerade führten. Sie sprachen hauptsächlich darüber, warum er nichts in der Wohnung verändert hatte und wie sehr sie sich gewünscht hatte, wieder hier zu sein. Schon am Busbahnhof war Maria klar geworden, dass zwischen den beiden mehr war, als Christine zugegeben hatte. Und obwohl sie sich freute, die Gelegenheit zu bekommen, nach Amerika zu reisen, fragte sie sich doch, warum sie jetzt hier war. Sie wollte nicht das dritte Rad am Wagen sein, aber sie hatte ihrem Vater versprochen, mitzufahren. Da musste sie jetzt durch und nur darauf hoffen, dass die beiden nicht ewig nur herumturteln würden. "Maria, entschuldige. Du kannst deine Sachen hier in meinem Büro ablegen. Auf den letzten Drücker habe ich noch ein Schlafsofa besorgt, das habe ich dir dort reingestellt. Ich hoffe, das ist in Ordnung?" "Gracias, das ist sehr freundlich!" Das Zimmer war schlicht eingerichtet und könnte sicherlich eine Auffrischung gebrauchen. Die Schlafcouch hatte schon bessere Tage gesehen. Aber was sollte sie schon von ihm erwarten? Er war schließlich nur ein Mann, und sie war nur eine Begleitung für die Mitarbeiterin ihres Vaters und gleichzeitig, wie es schien, auch Michaels Freundin. Immerhin hatte sie einen Schlafplatz, und wenn sie ehrlich war, hätte es schlimmer kommen können. Zumindest waren sie nicht mehr im Bus. Sie versuchte, ihren Frust über das Zimmer, das eher wie eine Abstellkammer aussah als ein Büro, herunterzuschlucken und redete sich ein, dass sie nur übermüdet sei. Schließlich hatte sie im Bus zwar gelegentlich ein Nickerchen gemacht, aber in einem übelriechenden Bus konnte man nicht wirklich gut schlafen. "Es ist so schön, dich wieder lachen zu sehen. Das habe ich wirklich vermisst!" Christine saß mit Michael im Wohnzimmer und schwelgte in alten Erinnerungen. Wie viel Spaß hatte sie doch immer mit Michael gehabt. Ja, der Anfang war holprig und nicht immer einfach gewesen, aber es gab auch sehr schöne Zeiten und viele lustige Geschichten. "Erinnerst du dich daran, als wir aus der Bar kamen und ein Taxi uns beim Vorbeifahren von oben bis unten nass spritzte? Wir waren klatschnass, so sehr hat es geregnet an diesem Tag!" Er sah sie vergnügt an und genoss es, ihr zuzuhören, besonders wenn sie voller Begeisterung von ihrer gemeinsamen Zeit sprach. Er hatte sich diesen Moment so sehr gewünscht, den Moment, in dem sie wieder bei ihm sein würde, und jetzt, da er sie endlich wieder hier hatte, konnte er nichts anderes tun, als sie anzustarren. Sie war wunderschön, selbst nach der langen Fahrt, ungepflegt und ungeschminkt, und mit ihrem kleinen Bauch sah sie immer noch perfekt aus. "Michael, hörst du überhaupt zu?", fragte sie. "Em - ja, natürlich. Entschuldige, ich war gerade ... in Gedanken", antwortete er. Langsam rutschte er näher zu ihr und strich mit seiner Hand über ihr Gesicht, während er tief in ihre Augen blickte. Ihre Blicke trafen sich kurz, und Christine begann sichtlich nervös zu werden. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und stand schnell auf. "Entschuldige, ich denke, ich sollte mich hinlegen. Es war eine lange Fahrt, und es hat mich doch etwas mitgenommen." Er hielt ihr die Hand entgegen, als würde er hoffen, sie aufhalten zu können, zog sie jedoch schnell wieder zurück. "Was habe ich mir nur gedacht?", dachte er immer wieder, als er ihr hinterher schaute, als sie ins Schlafzimmer ging. Er beschloss, noch zu warten, bis sie einschlief, bevor er sich dazu legte. Er wollte nicht den Eindruck erwecken, dass er die Situation ausnutzen wollte, obwohl er sehr gerne jetzt ihre Nähe gespürt hätte. Immer wieder schaute er zum Schlafzimmer rüber – er war einfach nur froh, dass sie wieder da war. "Guten Morgen. Ich habe Frühstück besorgt!", rief Michael am nächsten Morgen Christine zu, die noch im Bett lag. "Danke, Michael, du bist ein Engel. Aber ich bin noch nicht ganz wach!" "Komm schon, weck Maria auf!" "Musst du nicht arbeiten?", fragte sie noch ganz verschlafen. "Ich habe mir freigenommen. Ich werde bei dir sein, solange du mich hier brauchst." Endlich hob sie ihren Kopf vom Kissen und lächelte ihm zu. "Das ist nicht dein Ernst! Das hast du wirklich für mich getan?" Er zwinkerte ihr zu, und da war es wieder, dieses wunderschöne Lächeln, das sie so mochte, und das er ihr schenkte, als er den Raum verließ. "Ja, ich habe mir Urlaub genommen. Ich kann dich doch nicht einfach alles allein machen lassen. Das ist doch alles viel zu viel für dich gerade." "Dann stehe ich jetzt mal auf, und dann können wir alles Weitere besprechen, okay?" "Michael, perdón. Wo ist ein Internetcafé?", fragte Maria. "Maria, guten Morgen. Du kannst auch gerne meinen PC benutzen." "Nein, das ist zu viel, und ich muss an meiner E-Mail arbeiten. Da brauche ich etwas Ruhe, okay?" "Okay, es gibt eins die Straße runter. Wir gehen da nachher hin, dann weißt du, wo es ist." "Es ist okay, ich finde das schon. Ich gehe nach dem Frühstück, gracias." Etwas irritiert schaute Michael Christine an. Christine zuckte nur mit den Schultern und biss genüsslich in ihren Toast. Michael hatte noch Pancakes von einer Bäckerei mitgebracht und verschlang eins nach dem anderen. Nur Maria hielt sich etwas zurück und wollte nur ihren Kaffee. Als Maria ging, holte Christine den Brief aus ihrer Tasche. "Schau, Michael, das ist der Brief, von dem ich gesprochen habe. Viel sagt er nicht gerade aus, aber ich weiß, dass sie Elisabeth Ryder heißt und in Idaho ist. Zumindest war sie da noch gemeldet, als sie mich abgegeben hatte." "Da hast du aber Glück. Nicht jeder muss sich in Idaho anmelden, da muss schon ein Grund dafür sein. Vielleicht ist sie ja berühmt oder so?" "Michael, spinn nicht rum! Sie wird zwar bestimmt ihren Grund gehabt haben, mich abzugeben, aber berühmt - nein, das glaube ich nicht. Vielleicht ist sie ja nur Anwältin oder so." "Aber sag mal, Christine, was ist mit Maria? Hat sie etwas gegen mich oder warum habe ich das Gefühl, dass sie mir aus dem Weg geht?" "Lass ihr etwas Zeit. Wir sind doch gerade erst eine Nacht hier. Sie kennt dich ja nicht. Ich denke, das wird sich legen, glaub mir." Christine setzte sich an Michaels PC. Er war wohl etwas teurer gewesen, denn so ein Modell hatte sie noch nicht gesehen, aber er brauchte es bestimmt für seine Arbeit. Schließlich hatte er die verschiedenen Tonprogramme als Floppy Discs herumliegen, und ein paar Kritzeleien lagen verstreut auf dem Schreibtisch. Vielleicht hatte er eine neue Idee oder einen Auftrag zu erledigen. Was auch immer es war, es sah wichtig aus. Sie legte alles auf einen Stapel zur Seite und fuhr den PC hoch. "Wir müssen schauen, wie ich nach Idaho komme, okay? Das kann man doch bestimmt im Internet herausfinden, oder?" "Wir schauen mal, warte. Ich muss erst das Modem starten – ich benötige es selten, bin ja kaum zuhause." "Was sind das hier für Papiere, planst du etwas Neues?" "Es ist für ein Musical, ich fummle immer noch an der perfekten technischen Einstellung für den besten Sound herum, verstehst du?" Er erzählte noch etwas von seinem Vorhaben und als das Internet endlich verfügbar war, suchten sie nach einem Weg, nach Idaho zu gelangen. Etwas später kam auch Maria wieder. Sie hatte etwas Ausgedrucktes in der Hand. "Hast du alles gut gefunden? Du warst ja ziemlich lange weg." "Si, alles war gut. War nicht weit weg!" sagte sie und ließ das Stück Papier in ihrer Tasche verschwinden. Sie nickte nur und huschte sehr schnell vorbei. "Verstehst du, was ich jetzt gerade meinte?" "Ja, das ist wirklich etwas seltsam. Aber wer weiß, vielleicht ist es hier alles nur etwas ungewohnt", meinte Christine. "Ach, Christine, hör auf. Wie lange kennst du sie? Vielleicht sollte sie hierherkommen, um etwas zu tun, von dem du nichts wissen sollst. Drogen oder so, verstehst du?", erwiderte Michael besorgt. In diesem Moment betrat Maria wieder das Zimmer. "Perdón, ich hatte gerade meine Bluse mit Kaffee verschüttet. Ich musste mich umziehen." "Wirklich? Wo denn, das habe ich dann wohl übersehen", bemerkte Michael in einem schnippischen Ton und schaute sie kopfschüttelnd an. „Wollen wir etwas die Stadt erkunden? Ich dachte, wir wollen Spaß haben, bevor es weitergeht?“, schlug Christine vor, ging, um ihre Tasche zu holen, und flüsterte dabei im Vorbeigehen "Jetzt ist aber mal gut, Michael." Er schaute zu ihr rüber und bemerkte ihren strengen Blick. Michael wollte sie nicht verärgern und beschloss, das Thema vorerst nicht mehr anzusprechen, obwohl er sich doch fragte, wer diese Maria war, die er in sein Haus gelassen hatte und warum sie sich seit ihrer Ankunft so seltsam verhielt. Was verbarg sie? Sollte er wirklich recht haben und sie handelte möglicherweise mit Drogen oder war ein Mittelsmann für irgendeine kriminelle Sache? Auf jeden Fall würde er sie im Auge behalten. Er war überzeugt, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte. Aber vorerst würde er einfach Ruhe bewahren. Früher oder später würde er sicherlich mehr herausfinden. Das Erste, was Christine Maria zeigen wollte, war das Caesars Palace. Es befand sich direkt am Las Vegas Boulevard, und der Weg dorthin war für sie bereits ein beeindruckendes Erlebnis. Sie war fasziniert von den zahlreichen Gebäuden, den bunten Lichtern und vor allem von der Vielzahl der Menschen, die sich auf der Straße aufhielten. Hier gab es Menschen aller Art, von Obdachlosen bis zu Leuten, die so aussahen, als müssten sie sich nie Sorgen um Geld machen. An nahezu jeder Ecke gab es Straßenkünstler. Je dunkler es in den Straßenecken wurde, desto heller und lebendiger waren die Straßen. Die Beleuchtung in der Stadt war schlichtweg atemberaubend, und so etwas hatte sie in Mexiko noch nie gesehen. Das Caesars Palace war ein Anblick, den sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hatte vorstellen können. Es war schlichtweg wunderschön. Bereits im Foyer konnte sie ihr Staunen nicht zurückhalten. Alles war in cremefarbenen und goldenen Tönen gehalten, was dem gesamten Ambiente einen sehr noblen Touch verlieh. Die gewundenen Treppen führten zu einer Etage mit zahlreichen Geschäften, von denen jedoch alle außerhalb ihres Budgets lagen. Wie gerne hätte sie hier etwas gekauft – schließlich handelte es sich um die angesagtesten Geschäfte. Um sich jedoch hier etwas leisten zu können, hätte sie wohl die Kreditkarte ihres Vaters benötigt. Ihr Vater war jedoch recht sparsam, wenn es um das Ausgeben seines hart verdienten Geldes ging, vor allem, wenn es um Kleidung ging. Ihre Mutter, Lupita, war arm aufgewachsen und hatte nur ein besseres Leben, weil sie einen Mann geheiratet hatte, der aus einer Familie stammte, die mehrere Hotels besaß. Genau das wollte Maria auch erreichen. Sie wollte jemanden finden, wie es ihre Mutter getan hatte, der ihr alles bieten konnte, was sie sich wünschte. Allerdings war sie bei Weitem nicht so bescheiden wie ihre Mutter. Maria liebte den Luxus und fühlte sich hier wohl. Hier war alles luxuriös. Hier gehörte sie hin. Michael und Christine begaben sich zum Buffet, und Maria folgte ihnen, während sie sich Zeit zum Essen nahmen. „Denkst du, wir haben vielleicht noch Zeit, ins Casino zu gehen? Schließlich sind wir gerade hier, was hältst du davon, Michael?“, fragte Christine. „Christine, es ist deine Zeit, du musst entscheiden, wie du sie nutzen möchtest!“, erwiderte er und lächelte sie an, als ob er denselben Gedanken gehabt hätte. „Maria, warst du schon mal in einem Casino?“, fragte Christine. „Nein, mein Vater sagt immer, dass ich mein Geld zusammenhalten und es nicht in solche Teufelssachen stecken sollte!“, antwortete Maria. „Dann möchtest du es nicht einmal ausprobieren?“, fragte Christine mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich denke, es wird nicht so schlimm sein, oder? Mein Papa ist ja nicht hier, und es sieht wirklich gut aus!“, gab Maria zu. Zwei Stunden später verließen sie das Casino und machten sich auf den Weg in die Innenstadt. Christine wollte unbedingt noch einige Hygieneartikel für die weitere Reise besorgen. „Ich muss nochmal weg, ist das in Ordnung, oder? Es wird nicht lange dauern“, erklärte Maria. Christine schaute Maria ziemlich verdutzt an. „Wohin willst du denn, Maria? Ich dachte, wir wollten noch zusammen in den Park gehen.“ „Ich komme einfach später wieder zu Michaels Apartment, okay? Es ist wirklich wichtig!“, erklärte Maria. „Aber ...“, begann Christine, doch Maria ging bereits in die entgegengesetzte Richtung. „Was denkst du darüber?“, fragte Christine. „Du kennst meine Meinung, Christine. Es ist ziemlich eindeutig, dass sie Dreck am Stecken hat. Sieh es endlich ein“, erwiderte Michael. „Ich weiß nicht, Michael. Vielleicht ist es auch etwas ganz anderes“, gab Christine zurück. Michael verstand sie nicht. Wollte sie es wirklich nicht einsehen? War sie tatsächlich so naiv? Es war doch eindeutig, wie sich Maria verhielt. Er musste es beweisen können, irgendwann würde sie sich schon verraten. Je mehr er Maria betrachtete, desto mehr wurde er verunsichert. Und es wäre wirklich schade, wenn er recht haben sollte und sie Drogen nahm, denn sie war eine bemerkenswert hübsche Frau. Sie hatte langes Haar und eine beeindruckende Figur, die sie durch ihren eleganten Kleidungsstil gut zur Geltung brachte. Wenn er keine Art Beziehung zu Christine hätte, wäre sie genau sein Typ. Michael besorgte sich etwas zu essen von einem nahegelegenen Imbisswagen, und sie setzten sich auf eine Bank in einem schattigen Bereich. Die Mittagssonne strahlte bereits intensiv, und es war ziemlich warm. Der De Long Pré Park war wunderschön. Christine hatte fast vergessen, wie schön er war. Sie genoss den Anblick grüner Wiesen und spielender Kinder.
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