FÜNF JAHRE SPÄTER
Der geschäftige Flughafenterminal war erfüllt vom Klang von Durchsagen, über den Boden rollenden Koffern und dem Geschwätz der Reisenden. Amelia schritt anmutig und majestätisch durch die Menge, mit einem ruhigen, aber zurückhaltenden Gesichtsausdruck. Sie trug einen rosa Mantel über einer weichen weißen Bluse, dazu dunkle Jeans, einen Minirock und Stiefeletten. Ihr langes, glänzendes blondes Haar fiel in lockeren Wellen über ihre Schultern, ihre blassen smaragdgrünen Augen waren zwar jetzt sanfter, strahlten aber dennoch Entschlossenheit aus. Sie war schöner, weiblicher und anmutiger geworden.
Neben ihr ging ein kleiner Junge mit widerspenstigem dunklem Haar und auffälligen ozeanblauen Augen, eine perfekte Kopie von Matteo Lior, der sich fest an ihrer Hand festhielt.
„Mama, ich möchte ein Eis, kann ich eins haben, wenn wir hier weg sind?“, fragte der Junge mit charmanter und fröhlicher Stimme, während er neugierig durch den riesigen Terminal blickte.
Amelia sah auf ihn herab und ihr Blick wurde weicher: „Ja, klar, ich hole dir eins, aber nur, wenn du dich benimmst. Zuerst müssen wir unsere Koffer holen und Oma Celia treffen.“
Leo grinste und zeigte seine kleinen, funkelnden Zähne. „Natürlich benehme ich mich!“
Amelia lachte leise und strich ihm mit der Hand durch die Haare. Trotz allem, was sie durchgemacht hatte, nachdem sie aus dem Anwesen der Harpers geworfen worden war, floh sie ins Ausland, um ihr Leben neu zu beginnen. Sie nahm jeden Gelegenheitsjob an, der sich ihr bot, nur um sich und ihr ungeborenes Kind zu versorgen. Er war ihr Licht, ihr Grund, weiterzumachen, und das tat sie auch, bis sich die Gelegenheit ergab, bei einer international renommierten Organisation zu arbeiten. Sie ergriff sie, da sie wusste, dass dies der beste Weg war, um Leo eine gute Zukunft zu sichern, auch wenn sie dafür in die Stadt zurückkehren musste, die unangenehme Erinnerungen in ihr wachrief.
Nachdem sie ihre Taschen gepackt hatten und gerade gehen wollten, entdeckte Leo eine Eisdiele. „Hey, Mama, schau mal! Ein Eis, kauf mir eins!“, sagte er und zog an seiner Mutter, während er in die Richtung zeigte.
Amelia lächelte: „Ja, ich sehe es auch. Bleib hier, ich gehe es kaufen, okay?“
„Okay, Mama!“, nickte Leo glücklich, dass er ein Eis bekommen würde.
Am anderen Ende stand ein Mann in der Nähe des Flughafenausgangs und hörte mit ausdruckslosem Gesicht den Ausführungen seines Assistenten über ein Geschäft zu. Er sah aus wie ein mächtiger Tycoon, wie er es auch war, gekleidet in einen maßgeschneiderten Anzug. Seine scharfen, markanten Gesichtszüge zeigten denselben stoischen Ausdruck wie immer, diesmal jedoch gemischt mit Neugier.
Er hatte kürzlich einen Vertrag mit einer großen internationalen Organisation abgeschlossen, der zu den größten seiner Karriere gehörte. Teil der Vereinbarung war, dass sie einen ihrer engagierten und vertrauenswürdigen Assistenten schicken würden, um direkt mit ihm zusammenzuarbeiten und eine reibungslose Zusammenarbeit zu gewährleisten.
Asad warf Matteo einen Blick zu und räusperte sich: „Sir, Sie sollten ins Büro zurückkehren. Ich kümmere mich um ihre Ankunft und begleite sie zum Büro. Sie stehen jetzt schon sehr lange hier.“
„Nicht nötig“, Matteo schüttelte den Kopf und sprach mit fester Stimme. „Ich werde sie persönlich empfangen.“
Asad hob überrascht eine Augenbraue. Sein Chef kümmerte sich selten um solche Formalitäten.
„Ich möchte sicherstellen, dass sie versteht, worum es bei dieser Partnerschaft geht“, fügte er ruhig hinzu, obwohl er sich nicht ganz sicher war, warum er diese Assistentin selbst treffen wollte.
Amelia war am Flughafen fertig und machte sich auf den Weg zu dem Kunden, dem sie zugewiesen worden war, bevor sie zu ihrer Großmutter fuhr. Leo war gerade damit beschäftigt, sein Eis zu genießen, als er mit jemandem zusammenstieß und sein Eis auf den Boden fiel und den Schuh des Mannes beschmutzte.
„Oh mein Gott, Leo? Ist alles in Ordnung?“, fragte Amelia besorgt und half ihrem Sohn auf die Beine. Dann wandte sie ihren Blick dem Mann zu, dessen Schuh mit Leos Eis beschmiert war.
„Es tut mir so leid, Sir, das war keine Absicht. Leo, entschuldige dich bei ihm.“
„Es tut mir so leid. Ich werde Ihren Schuh sofort reinigen“, sagte er sanft und wollte gerade den Kopf senken, als der Mann ihn packte.
„Es ist okay, es ist nur ein Schuh.“ Er lächelte freundlich und strich ihm über das Haar.
Amelia lächelte verlegen: „Danke, Sir.“
Er nickte und hob den Blick, um sie anzusehen. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, er war für einen Moment verblüfft, dann wanderte sein Blick zu dem Ausweis, der um ihren Hals hing. „Oh mein Gott, Sie sind Amelia Harper von DZY Co-operations?“
Amelia runzelte überrascht die Stirn. „Ja, das bin ich“, nickte sie.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, ich bin Asad Tramell von der Lior-Gruppe.“
„Oh, ich meine, das ist toll. Ich wollte Sie gerade treffen.“
Asad lächelte freundlich und einladend. „Mein Chef ist dort drüben“, sagte er und zeigte in eine Richtung, in die Matteo sich instinktiv umdrehte. Er erstarrte für einen Moment und runzelte die Stirn.
Unmöglich, es war unverkennbar.
Er lächelte schwach und ging in ihre Richtung, obwohl seine Gedanken in Aufruhr waren. Sie war es. Die Frau von damals. Er würde ihr Gesicht nie vergessen können. Dieses blonde Haar. Er schob seine Gedanken beiseite und schüttelte ihr die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Miss Harper. Ich werde bei diesem Projekt eng mit Ihnen zusammenarbeiten.“
Ein unbehagliches Gefühl beschlich Amelia, er kam ihr bekannt vor, aber sie konnte nicht sagen, woher. Vielleicht aus den Nachrichten oder Klatschmagazinen, er war beliebt, dachte sie und schüttelte den Gedanken ab.
„Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Lior“, sagte sie und reichte ihm die Hand. „Ich hätte nicht erwartet, dass mich jemand wie Sie persönlich begrüßt.“
„Ich glaube daran, dass der erste Eindruck zählt“, sagte Matteo geschmeidig, obwohl seine Stimme eine Schwere hatte, die sie nicht deuten konnte.
Bevor Amelia antworten konnte, zupfte Leo an ihrem Ärmel. „Mama, ist das der Chef, für den du arbeiten wirst?“
Matteos Blick huschte zu dem Jungen und er runzelte die Stirn. War sie bereits verheiratet und hatte ein Kind? Er dachte nach und ein Kloß bildete sich in seinem Hals.
„Ja, mein Schatz“, antwortete Amelia mit leichter Stimme.
„Wow, er ist super gutaussehend und cool. Onkel Chef, sehen wir uns nicht ähnlich?“, lächelte er und kämmte sich mit seinen kleinen Fingern die Haare, um wie Matteo auszusehen.
„Leo!“, Amelia warf ihm einen strengen Blick zu und lächelte Matteo nervös an. „Das tut mir leid, Sie wissen ja, Kinder neigen dazu, Unsinn zu reden.“
Matteos Blick verweilte eine Weile auf Leo, bevor er sich wieder fasste: „Er ist Ihr Kind?“
Amelia nickte, und ein Hauch von Abwehr schwang in ihrer Stimme mit: „Ja, er ist mein Sohn. Ich hoffe, das ist kein Problem für das Projekt?“
„Nein, überhaupt nicht.“ Matteo antwortete ruhig, obwohl seine Gedanken rasend schnell kreisten. Sie war bereits verheiratet und hatte sogar ein Kind geboren. Er wollte mehr fragen, er musste es wissen, aber er wusste, dass es besser war, nicht zu viele Fragen zu stellen.
„Ich habe ein Auto organisiert, das Sie zur Gästeunterkunft des Unternehmens bringt“, sagte er und deutete zur Tür.
„Was ist mit meinem Eis?“, fragte Leo, ziemlich unbeeindruckt von dem, was sie besprachen.
„Ich hole dir ein Eis, sobald wir zu Hause sind“, sagte Amelia, tätschelte ihm den Rücken und sah Matteo an. „Danke, aber ich werde bei meiner Großmutter übernachten“, antwortete sie höflich.
Matteo kniff leicht die Augen zusammen. „Wir können unseren Gast nicht woanders übernachten lassen, du kannst deine Großmutter jederzeit besuchen. Außerdem ist es zu deiner Sicherheit. Ich hole auch Eis für deinen Sohn, da er eins haben möchte“, fügte Matteo hinzu, als er die Ablehnung in ihren Augen bemerkte.
Und das reichte. „Ja, Mama, lass uns mit ihm gehen, wir können Oma das nächste Mal besuchen“, jammerte Leo und zerrte unerbittlich an seiner Mutter.
Schließlich willigte Amelia ein und ging mit Matteo zum Auto.