002

1318 Worte
In einer geräumigen und luxuriösen Suite wachte Amelia mit einem Kater auf, ihr Kopf pochte wie eine unerbittliche Trommel und ihr Körper war in fremde Laken gehüllt. Verwirrt runzelte sie die Stirn, ihre Kehle war trocken, ihre Sicht verschwommen, aber der Schmerz in ihrer Brust war es, der sie wirklich in die Realität zurückholte. Erinnerungen an die letzte Nacht strömten wie ein Sturm in ihren Kopf, der Verrat, die Bar, die Drinks und ... er. Sie warf einen kurzen Blick auf das Bett, auf seinen muskulösen Arm, der fest um ihre Taille gelegt war, seinen Rücken, der ihr zugewandt war, und sein Gesicht, das sie nicht richtig sehen konnte. Ihre Erinnerung an ihn aus der vergangenen Nacht war sehr vage, und sie wollte ihm auch nicht gegenübertreten, da sie wusste, dass es ihre leichtsinnige Haltung war, die sie hierher gebracht hatte. Sie presste ihre Lippen zu einer tiefen, dünnen Linie zusammen, bewegte langsam seine Arme und wand sich aus seiner Umarmung. Sie setzte sich langsam auf, jede Bewegung war schmerzhaft, und in ihrem Kopf spielten sich die Bilder der vergangenen Nacht ab – sein süßer, berauschender Duft, die Wärme seiner Arme, sein Kuss, der sie zum Schmelzen gebracht und alles vergessen lassen hatte, auch wenn es nur für diesen einen Moment war. Amelias Wangen glühten vor Scham. Was hatte sie sich nur gedacht? Was hatte sie getan? Mit nur einem Gedanken im Kopf – zu gehen. Sie rappelte sich auf und hob ihr Kleid auf, das zerknüllt auf einem Stuhl in der Nähe lag. Sie schlüpfte hastig hinein, ihre Hände zitterten und ihr Herz pochte heftig gegen ihre Brust. Sie schaute nicht einmal in den Spiegel, sondern öffnete langsam und leise die Tür und spähte in den Flur, der zu einem Hotel zu gehören schien. Niemand war zu sehen, sie schloss die Tür hinter sich, ging auf Zehenspitzen und floh. ***** Das Haus von Harpers Familie lag am Rande der Stadt. Es dauerte nicht lange, bis Amelia dort ankam. Als sie zu Hause ankam, war die Atmosphäre fast erstickend, schwer und voller Spannung. Ihre Schritte hallten auf dem Marmorboden wider und konnten das Chaos, das sie empfing, kaum übertönen. Ihre Stiefmutter Eileen stand in der Mitte des Wohnzimmers, die Arme verschränkt und mit einem selbstgefälligen Ausdruck im Gesicht. Valencia saß auf der Couch, nippte an ihrem Tee und verzog die Lippen zu einem boshaften Lächeln, als Amelia hereinkam. Und dort, neben ihr, saß Liam. Seinen Anblick in ihrem Haus zu sehen, löste eine Welle von Übelkeit und Wut in ihr aus. Sie hatte keine Zeit für sie oder für das, was sie gerade taten, sie musste sich noch waschen und ein Glas Wasser holen. Doch bevor sie am Wohnzimmer vorbeigehen konnte, hielt Valencias spöttische Stimme sie auf. „Na, na“, sagte sie gedehnt und stellte ihre Tasse mit absichtlicher Trägheit ab. „Sieh mal an, wer sich entschlossen hat, aufzutauchen. Wo warst du die ganze Nacht, Schwesterchen? Mit irgendeinem Mann unterwegs?“ Amelia runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen, doch bevor sie etwas sagen konnte, mischte sich Eileen mit einem spöttischen Lächeln ein: „Dein Verhalten ist inakzeptabel, Amelia. Du bist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen, und jetzt werden Gerüchte die Runde machen. Willst du den Ruf dieser Familie ruinieren? Sieh dir deine Schwester an, ist sie jemals die ganze Nacht weggeblieben und nicht nach Hause gekommen?“ Amelia war an dieses Verhalten gewöhnt, dass Mutter und Tochter sich gegen sie verbündeten. Sie sagte nichts zu Eileen und warf einen Blick auf ihren Vater, der still auf seinem Stuhl saß, sein Gesicht und seine Haltung wie aus Stein. Schließlich blickte er auf, sein Gesichtsausdruck kalt und unnachgiebig. „Ist es wahr, was sie sagen? Hast du die ganze Nacht mit einem Mann verbracht?“ Amelia schluckte schwer und war völlig sprachlos. Als sie den Mund öffnete, um zu antworten, unterbrach Valencia sie und stand mit theatralischer Geste auf. „Oh liebe Amelia, tu nicht so unschuldig. Bist du wirklich so verzweifelt, dass du dich nach Liam und mir an einen anderen Mann ranmachst ...“ „Genug, Valencia!“ Amelias Stimme brach, ihr Körper zitterte vor kaum unterdrückter Wut. Du hast kein Recht, mir Vorträge zu halten, du bist diejenige, die –“ „Die Liam liebt?“, unterbrach Valencia sie scharf und tat unschuldig, während sie ihre Arme um seine schlang. „Und er liebt mich, du hast ihn letzte Nacht verlassen. Gestern Abend war eigentlich euer zweijähriges Jubiläum und sein Geburtstag, aber nein, du dachtest, es wäre besser, zu einem anderen Mann zu laufen. Ich war für ihn da, während er die ganze Nacht auf dich gewartet hat, aber du warst nirgends zu finden, wahrscheinlich hast du deinen Moment mit irgendeinem zufälligen Mann genossen. Amelia, wie grausam!“ Was für eine Lüge? Amelia stockte der Atem, sie konnte nicht glauben, wie leicht Valencia die Wahrheit verdreht hatte und Liam und sie zu Opfern machte. Ihr Blick huschte zu Liam, um ihm eine letzte Chance zu geben, die Wahrheit zu sagen, aber er wich ihrem Blick aus und tat so, als würde er ihren Blick nicht bemerken, was die selbstgefällige Zufriedenheit auf Valencias Gesicht unerträglich machte. „Genug von diesem Unsinn!“, bellte ihr Vater und schlug mit der Faust auf die Armlehne des Stuhls. „Amelia, hast du diese Familie nicht schon genug in Verlegenheit gebracht? Erst verlierst du die Gesellschaft deiner Mutter und dann das hier – wie viel Schande willst du uns noch bringen?“ Tränen stiegen Amelia in die Augen, ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen, aber sie kämpfte gegen die Tränen an. „Die Firma meiner Mutter verloren? Nein, du hast sie mir weggenommen! Seit ihrem Tod hast du gegen mich intrigiert, und jetzt hast du vor, meine Anteile an Valencia zu übertragen, indem du Liam benutzt hast, um mich zur Unterzeichnung der Dokumente zu bewegen. Was für ein Vater bist du eigentlich?“ Sie erwiderte wütend, ihre Tränen verwandelten sich in Zorn und Wut. Auf allen Gesichtern stand ein schockierter Ausdruck, Liam tauschte Blicke mit Valencia und ihrer Mutter. Der Gesichtsausdruck ihres Vaters verdüsterte sich: „Deine Mutter würde sich schämen, wenn sie sehen könnte, was aus dir geworden ist. Alles, was ich getan habe, war zum Wohle und zum Besten dieser Familie.“ „Zum Wohle und zum Besten dieser Familie?“, spottete Amelia mit zitternder Stimme. „Du meinst für sie.“ Sie deutete auf Eileen und Valencia. „Du hast dich nie um mich gekümmert, dir war nur wichtig, was du von mir bekommen konntest.“ Valencia zischte: „Oh bitte, Amelia, sei nicht so dramatisch. Dad hat sein Bestes gegeben und sich den Arsch aufgerissen, damit alle glücklich sind. Sei nicht undankbar. Wir haben versucht, dich einzubeziehen, aber du warst immer so ... distanziert. Liam sollte dir auch helfen, aber du hast es ruiniert, indem du zu einem anderen Mann gelaufen bist.“ „Mich einbeziehen? Mir helfen?“ Amelia lachte bitter, und endlich liefen ihr die Tränen über das Gesicht. „Indem ihr intrigiert habt, um mir das zu nehmen, was mir gehört? Indem ihr eine Affäre mit ihm hattet?“ Eileen trat vor, ihr Gesicht zu einer spöttischen Grimasse verzogen. „Amelia, kannst du die Wahrheit nicht sehen? Du bist nicht geeignet, das Erbe deiner Mutter fortzuführen, deine Gefühle sind ständig überall. Nur jemand wie Valencia könnte das Unternehmen leiten, gib ihr einfach die Aktien.“ Amelia presste die Kiefer aufeinander, ballte die Fäuste und grub sie in ihre Handflächen. „Lieber würde ich meine Aktien den Konkurrenten des Unternehmens geben als Valencia. Glaub bloß nicht, dass ich mich von dir zerstören lasse.“ Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und stürmte die Treppe hinauf, ohne auf ihre Sticheleien und Anschuldigungen zu reagieren. „Schatz, hörst du sie? Ich habe dir doch gesagt, dass sie grausam ist!“ Eileens Stimme hallte nach, als Amelia ging.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN