Episode 16

1948 Worte
Kapitel 16: Sommerhitze Der Sommer kam wie ein Schlag. Nicht allmählich. Nicht mit der Vorsicht des Frühlings, der sich an den Winter klammerte. Er kam mit Gewalt, mit Feuchtigkeit, mit einer Hitze, die keine Erinnerung an Kälte zuließ, die den Schnee auslöschte, als ob er nie gewesen wäre, die die Narben sichtbar machte, nicht durch Enthüllung, sondern durch Schweiß, durch Glanz, durch das schiere Unvermeidliche der Haut. Esther stand im Komposit-Suite des NYPD in Brooklyn. Die Klimaanlage war defekt, wie sie seit drei Wochen defekt war, wie sie immer defekt war, wenn die Hitze kam. Die Luft roch nach Kaffee, der zu heiß war, um getrunken zu werden, nach Schweiß, der nicht verdunstete, nach Papier, das sich wellte, nach Tinte, die lief. Sie zeichnete ein Gesicht. Nicht das Gesicht eines Opfers. Nicht das Gesicht eines Täters. Nicht das Gesicht, das jemand vermisste, das jemand suchte, das jemand brauchte. Sie zeichnete ein Gesicht, das niemand vermisste. Ein Gesicht, das niemand suchte. Ein Gesicht, das — »Sie sind nicht hier.« Die Stimme gehörte Detective Morales. Sie kannte ihn seit vier Jahren. Seit dem ersten Fall, seit dem ersten Gesicht, seit dem ersten Mal, dass sie jemandem Identität zurückgegeben hatte, die er nicht haben wollte, die er nicht verloren hatte, die er — »Wo bin ich?«, fragte Esther. Morales zuckte mit den Schultern. Nicht gleichgültig. Ermüdet. Die Hitze machte ihn alt, älter als er war, älter als die Fälle, die er trug, die Gesichter, die er suchte, die er nie fand. »Irgendwo zwischen der Brücke und dem Nirgendwo. Sie zeichnen seit drei Stunden. Das Gesicht hat sich nicht verändert. Der Zeuge hat sich nicht verändert. Sie haben sich nicht verändert. Aber Sie sind nicht hier.« Esther legte den Stift ab. Sie sah auf das Gesicht, das sie gezeichnet hatte. Es war — ihr eigenes. Nicht das, das sie jetzt trug. Das andere. Das vor dem Feuer. Das, das verbrannt war, das verschwunden war, das sie nicht gepinnt hatte, nicht gezeichnet hatte, nicht angesehen hatte. Sie hatte es gezeichnet. Ohne zu wissen, dass sie es zeichnete. Ohne zu wollen. Ohne zu — »Es ist nicht der Fall«, sagte Morales. Nicht als Frage. »Nein.« »Es ist —« »Es ist nichts.« Esther zerknüllte das Papier. Nicht langsam. Nicht schnell. Mit der Geschwindigkeit von jemandem, der nicht mehr weglaufen kann, der nicht mehr wegsehen kann, der nicht mehr wegzeichnen kann. »Es ist nichts, was jemand braucht. Nichts, was jemand sucht. Nichts, was —« »Es ist etwas, was Sie brauchen.« Esther sah ihn an. Direkt. Nicht mit der Vermeidung, die zur Intimität wurde. Nicht mit der Intimität, die aus Vermeidung entstand. Einfach direkt. Ein Blick, der nichts verlangte, nichts bot, nur sah, nur zeugte, nur blieb. »Ich brauche es nicht. Ich habe es nicht gebraucht. Ich —« »Sie haben es gezeichnet. Drei Stunden. Während der Zeuge wartete. Während das Opfer wartete. Während die Stadt wartete. Sie haben es gezeichnet, also brauchen Sie es. Oder es braucht Sie. Oder —« Morales hielt inne. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Hitze machte alles sichtbar, alles glänzend, alles — nackt. »Oder die Unterscheidung zählt nicht mehr.« --- Levi war nicht in seinem Studio. Er war in einem anderen Raum, einem Raum, den er nicht kannte, den er suchte, der ihn suchte. Es war ein Lagerhaus in Red Hook. Nicht das von Noah. Nicht das von Markus. Ein anderes. Größer. Heller. Die Fenster waren zerbrochen, aber das Licht kam durch die Lücken, scharf, schneidend, unbarmherzig. Er stand vor einer Wand. Nicht aus Ton. Nicht aus Fotografien. Aus Spiegeln. Hunderte von Spiegeln. Kleine, große, zerbrochene, ganze. Spiegel, die Gesichter reflektierten, die keine Gesichter waren. Spiegel, die leer waren. Spiegel, die voll waren. Spiegel, die — »Sie sind gekommen.« Die Stimme gehörte einer Frau. Er kannte sie nicht. Er kannte sie. Beides. Wie alles, was er in den letzten Monaten getroffen hatte, wie alles, was ihn traf, ohne dass er es suchte. Sie trat aus dem Schatten. Ihr Gesicht war — intakt. Vollständig. Nicht leer. Nicht voll. Nicht unfertig. Etwas anderes. Etwas, das er nicht kannte, das er nicht verstand, das er einfach — sah. »Wer sind Sie?« »Ich bin —« Sie hielt inne. Sie berührte ihr Gesicht. Nicht mit Stolz. Nicht mit Scham. Mit der Berührung einer Frau, die wusste, was ein Gesicht kostete, was es bedeutete, was es verlangte. »Ich bin jemand, der Spiegel sammelt. Nicht wie Noah Gesichter sammelte. Nicht wie Voss Gesichter nahm. Ich sammle das, was zurückbleibt, wenn das Gesicht weggeht. Das Spiegelbild. Die Reflexion. Das — Nichts, das alles ist.« »Warum?« »Weil ich kein Gesicht habe. Nicht im Sinne von Voss. Nicht im Sinne von — leer. Ich habe ein Gesicht, das nicht meins ist. Ein Gesicht, das mir gegeben wurde. Ein Gesicht, das —« Sie hielt inne. Sie suchte das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das sie alle suchten, das sie alle fanden, das sie alle verloren. »Ein Gesicht, das mich trägt. Nicht das ich trage.« Levi trat näher. Er sah in die Spiegel. Er sah sich. Nicht das Gesicht, das er nicht ertragen konnte. Nicht das Gesicht, das er formte, das er nicht vollendete. Ein anderes. Ein Gesicht, das er nicht kannte, das er nicht verstand, das einfach — da war. »Sie haben mein Gesicht«, sagte er. »Ich habe alle Gesichter. In den Spiegeln. Die, die sich zeigen. Die, die sich verbergen. Die, die —« Sie hielt inne. Sie zeigte auf einen Spiegel. Er war klein, rund, zerbrochen an einem Rand. Darin war — nichts. Nicht das Nichts von Voss. Nicht das Nichts von Noah. Ein anderes Nichts. Ein Nichts, das alles enthielt. Ein Nichts, das — wartete. »Der ist für Sie.« »Was zeigt er?« »Noch nichts. Er wartet. Auf das Gesicht, das Sie werden. Nicht das, das Sie waren. Nicht das, das Sie sind. Das, das Sie —« »Werden?« »Ja. Wenn Sie aufhören, wegzulaufen. Wenn Sie aufhören, wegzusehen. Wenn Sie einfach — in den Spiegel schauen.« --- Esther fand das Lagerhaus. Nicht weil sie suchte. Weil sie nicht mehr wusste, wo sonst. Weil die Stadt sie dorthin führte, wie sie immer dorthin führte, wo sie nicht hinwollte, wo sie hinmusste, wo sie — Sie trat ein. Die Hitze war draußen. Drinnen war — anders. Nicht kühl. Nicht warm. Einfach — anders. Ein Zustand, der keiner war. Levi stand vor der Wand der Spiegel. Die Frau stand neben ihm. Sie waren nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. Näher als Fremde, weiter als Freunde. Das dazwischen, das alles war. »Wer ist sie?«, fragte Esther. »Sie hat keinen Namen«, sagte die Frau. Nicht arrogant. Nicht bescheiden. Einfach — feststellend. »Oder sie hat alle Namen. Die Unterscheidung zählt nicht mehr. Ich bin — die, die Spiegel sammelt. Die, die reflektiert. Die, die —« »Die was?« »Die wartet. Auf das Gesicht, das nicht mehr wegläuft. Auf das Gesicht, das sich selbst sieht. Nicht im Spiegel. In dem anderen. In dem, der —« »In dem der was?« Die Frau lächelte. Nicht das Lächeln von jemandem, der weiß. Das Lächeln von jemandem, der nicht mehr sucht, weil er gefunden hat, was nicht zu finden ist. Was nicht verloren war. »In dem der andere ist. Der andere, der Sie sind. Der andere, der nicht Sie sind. Der andere, der —« Sie hielt inne. Sie berührte einen Spiegel. Er war groß, ganz, unzerbrochen. Darin war — Esther. Nicht das Gesicht, das sie jetzt trug. Nicht das vor dem Feuer. Nicht das nach dem Feuer. Ein anderes. Ein Gesicht, das sie nicht kannte, das sie nicht verstand, das einfach — da war. »Das bin nicht ich«, sagte Esther. »Nein.« »Das bin ich.« »Ja.« »Das ist —« »Das ist das Gesicht, das Sie werden. Wenn Sie aufhören, zu zeichnen, was andere sind. Wenn Sie anfangen, zu sehen, was Sie sind. Nicht im Spiegel. Im anderen. Im —« »Im was?« Die Frau drehte sich um. Sie ging. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — weg. Durch die Tür, durch die Hitze, durch die Stadt, die atmete, die sah, die nichts bemerkte, die alles überlebte. Sie ließ die Spiegel zurück. Hunderte von ihnen. Gesichter, die keine waren. Reflexionen, die leer waren, die voll waren, die warteten. Esther und Levi standen da. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. Näher als früher, weiter als in der Cabin, weiter als auf der Brücke in den Nächten zuvor. »Was sehen Sie?«, fragte Levi. Esther sah in den Spiegel. Das große, das ganze, das unzerbrochene. Sie sah — sich. Nicht das Gesicht, das sie zeichnete. Nicht das Gesicht, das sie wiederherstellte. Nicht das Gesicht, das sie verlor, das sie fand, das sie nie hatte. Sie sah das Gesicht, das wartete. Das Gesicht, das nicht mehr weglief. Das Gesicht, das nicht mehr suchte. Das Gesicht, das einfach — war. »Ich sehe —« Sie hielt inne. Das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das sie suchte, das sie fand, das sie verlor, das sie wiederfand. »Ich sehe das Gesicht, das ich nicht zeichnen kann. Das ich nicht formen kann. Das ich nur — sein kann. Oder nicht sein. Das einfach — ist.« Levi berührte ihre Hand. Nicht die Narbe. Die Hand. Die Finger. Die Stelle, wo sie lebendig war, wo sie warm war, wo sie hier war. »Ich sehe es auch«, sagte er. »In dem kleinen, zerbrochenen Spiegel. Das Nichts, das alles enthält. Das Warten, das nicht mehr aufhört. Das —« »Das was?« »Das wir sind. Wenn wir nicht mehr weglaufen. Wenn wir nicht mehr wegsehen. Wenn wir einfach — in den Spiegel schauen. Und den Spiegel weglassen.« --- Sie gingen hinaus. Nicht zusammen. Nicht getrennt. Einfach — hinaus. Durch die Hitze, durch die Stadt, durch das Vorbeigehen, das nicht mehr aufhörte. Esther ging zum NYPD. Nicht weil sie musste. Weil sie wollte. Weil sie nicht mehr wusste, was Wollen bedeutete, was Nicht-Wollen bedeutete, was die Unterscheidung bedeutete. Sie setzte sich an den Tisch. Sie nahm den Stift. Sie zeichnete. Nicht ihr eigenes Gesicht. Nicht das Gesicht des Opfers. Nicht das Gesicht des Täters. Sie zeichnete ein Gesicht, das sie nicht kannte, das sie kannte, das einfach — da war. Morales sah zu. Er sagte nichts. Er fragte nichts. Er wartete. Als sie fertig war, nahm er das Blatt. Er betrachtete es. Er kannte das Gesicht nicht. Er kannte es sofort. »Wer ist das?« »Ich weiß es nicht«, sagte Esther. »Aber Sie haben es gezeichnet.« »Ja.« »Warum?« Sie hob ihr Handgelenk. Die Narbe war nicht mehr rot. Nicht mehr weiß. Nicht mehr sichtbar. Nicht mehr unsichtbar. Einfach — da. Ein Zustand, der keiner war. Eine Geschichte, die keine Erzählung mehr brauchte. »Weil es sich zeigen wollte«, sagte sie. »Weil es sich nicht mehr verstecken wollte. Weil es —« »Weil es was?« »Weil es lebt.« Morales nickte. Nicht verstehend. Nicht nicht-verstehend. Einfach — anerkennend. Das Nicken von jemandem, der gesehen hat, was er nicht versteht, was er nicht verstehen will, was er einfach — anerkennt. Er ging. Mit dem Gesicht. Mit der Identität. Mit dem Leben, das sich zeigen wollte, das sich nicht mehr verstecken wollte, das einfach — war. Esther blieb. Sie sah auf ihre Hände. Sie waren tonverfärbt. Nicht von Ton. Von etwas anderem. Von dem, aus dem Gesichter gemacht werden, aus dem Identitäten gemacht werden, aus dem — Sie lächelte. Nicht das alte Lächeln. Nicht das neue. Ein drittes. Ein viertes. Ein unzähliges. Das Lächeln von jemandem, der wusste, dass es kein Lächeln mehr gab, dass es nur noch — gab. Nur noch war. Nur noch atmete, ohne zu atmen, lebte, ohne zu leben, war, ohne zu sein. Die Hitze kam. Die Hitze blieb. Die Hitze machte alles sichtbar, alles glänzend, alles — nackt. Die schöne Narbe b....
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