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Ihr Mantel bauschte sich flatternd hinter ihr, als Rachel durch den dunklen Tunnel eilte. Er war hier. Sie konnte ihn spüren.
Schaudernd tasteten ihre Finger nach dem schweren Stoff, um ihn enger um ihren Körper zu ziehen. Weiße Wölkchen stiegen aus ihrem Mund auf, als sie keuchend versuchte zu Atem zu kommen. Mit jedem Schritt, den sie tat, war es, als würden ihre Engelskräfte mehr und mehr aus ihr herausgesogen. Sie hielt an und ließ sich gegen die feuchte Höhlenwand sinken. Sie konnte keinen Schritt weitergehen. War sie dem hier gewachsen? Selbst wenn sie es schaffte, zu ihm zu gelangen – würde sie noch genug Kraft haben, um ihn zu retten?
Gabrielle hatte sie gewarnt, dass es sich so anfühlen würde, aber Rachel hatte das als Übertreibung abgetan, besonders anfangs, als sie die Hölle betreten hatte. Es hatte genauso ausgesehen wie zuhause! Saftiges Gras und duftende Blumen bedeckten die Landschaft, so weit das Auge reichte.
Schneebedeckte Berge erhoben sich im Hintergrund vor einem klaren blauen Himmel – selbst der Bach befand sich an genau derselben Stelle wie im Himmel. Wäre da nicht das ungute Gefühl in ihrer Magengegend gewesen und die Härchen, die sich ihr im Nacken aufrichteten, hätte sie schwören können, sie sei zuhause.
Wenn man bedachte, dass Luzifer seine Gefangenen am Feuersee festhielt, hätte sie eigentlich erwartet, dass es sich bei der Hölle um ein weites, ödes Land voll drückender Hitze handelte. Erst als sie auf die Höhle. die hinter einem Wasserfall versteckt lag, gestoßen war, hatte sie verstanden, was Gabrielle gemeint hatte, als sie sagte, sie solle sich nicht in falscher Sicherheit wiegen. In der Höhle war es eisig. Die schneidend kalte Luft schien durch ihre Poren bis tief in ihre Knochen vorzudringen und ließ ihre Zähne unkontrolliert klappern.
Sie wünschte, Gabrielle hätte ihr nähere Informationen zu dem gegeben, was sie erwartete. Sie hätte sich wärmer angezogen. Gabrielle war nur einmal hierher gekommen, und sie hatte an der äußeren Grenze der Höhle gewartet. Ihrer Ansicht nach war ein einziges Mal genug gewesen. Sie hatte Tage gebraucht, um sich von der Erfahrung zu erholen.
Nur Raphael wusste, wie es in der Hölle wirklich war. Er hatte Gabrielle angewiesen, auf ihn zu warten, während er mutig die finstersten Tiefen der Höhle durchquert hatte, um zum See zu gelangen. Er war der Einzige, von dem sie wusste, dass er hinabgestiegen und zurückgekommen war – lebend.
Wenn sie Raphael nur hätte fragen können, was sie zu erwarten hatte und wie sie sich darauf vorbereiten konnte. Sie seufzte. Wenn sie das getan hätte, wäre es ihr unmöglich gewesen, unbemerkt zu entwischen. Man hätte sie Michael gemeldet und sie hätte höchstwahrscheinlich Wachschichten schieben müssen, bis es zu spät gewesen wäre.
Beim Gedanken daran, dass er sterben oder schon tot sein könnte entrang sich ihrer Kehle ein Schluchzen. Sie schlug sich entsetzt eine Hand vor den Mund, als das Geräusch in der Dunkelheit von den Wänden widerhallte. Ihr ganzer Körper zitterte, als sie mit dem Gedanken daran kämpfte, dass sie ihn verlieren konnte. Sie musste sich zusammenreißen. Wenn man sie erwischte, wäre das für sie beide das Ende.
Entschlossen holte sie Luft und stieß sich von der Wand ab. Ich kann das schaffen. Ich werde ihn nicht verlieren.
Ihre Füße schlurften über den Boden der Höhle als sie mühsam in der Dunkelheit voranstapfte. Als sie um eine Biegung trat, öffneten sich vor ihr zwei Gänge.
Wo lang soll ich gehen? Ihre Augen tränten und sie biss sich verzweifelt auf die Unterlippe. Sie war müde. So müde. Wenn sie den falschen Gang wählte, wusste sie nicht, ob sie noch in der Lage wäre, es durch den zweiten zu schaffen. Die Zeit wurde knapp. Sie musste sich entscheiden, sofort!
Sie wollte gerade in den Tunnel zu ihrer Linken einbiegen, als sie von rechts ein Stöhnen hörte.
Das war er!
Mit frischen Kräften eilte sie auf das Geräusch zu und erreichte innerhalb weniger Minuten eine große Höhle. Hitze prallte auf ihren Körper. Sie verzog vor Schmerz das Gesicht bei dem plötzlichen Temperaturwechsel. Ruckartig hielt sie an und ruderte mit den Armen, während sie versuchte, das Gleichgewicht wiederzufinden und nicht in die geschmolzene Lava zu stürzen, die sich plötzlich vor ihr befand und ihr die Zehen zu versengen drohte.
Der See!
Sengende Hitze ließ alles vor ihren Augen verschwimmen. Sie rieb sich die Augen. Alles, was sie wahrnehmen konnte, war ein Meer aus rotglühender Hitze. Wo ist er?
Ihre Augen durchsuchten den Dunst und schließlich entdeckte sie kaum wahrnehmbar einen bewegungslosen Umriss. Sie blinzelte erneut. Als sich ihre Sicht langsam klarte, verschlug es ihr den Atem.
Nein! Das konnte er nicht sein.
Auf der anderen Seite des Sees an die Wand gekettet befand sich die einzige Person in ihrem Leben, ohne die sie nicht sein konnte. Die einzige Person, für die sie die Befehle der ranghöchsten Erzengel missachtete, nur damit sie ihn retten konnte.
Uriel.
Tränen rannen ihr über die heißen Wangen, als ihre Augen über seinen einst atemberaubenden Körper fuhren, der von der Lava verbrannt war, die auf seine Haut gespritzt war. Seine wunderschönen daunenweißen Flügel hatten jetzt ein unheimliches Schwarz angenommen. Bei jeder Bewegung, die er machte, verbrannten Federn zu Asche und wehten leblos zu Boden.
»Uriel«, krächzte sie.
Uriel hob den Kopf und schmerzerfüllte Augen erwiderten ihren Blick, ein erschreckendes Blau in der Schwärze seines verbrannten Gesichts. »Nein«, stöhnte er. »Geh. Geh jetzt. Er wird jeden Moment hier sein – «
Ein Poltern erklang in der Höhle und Lava schoss in die Luft. Spritzer der glühenden Flüssigkeit fielen auf seine Brust. Er bog den Rücken durch und schrie.
»Ich komme, Uriel!« Sie riss ihren Umhang herunter und breitete ihre Schwingen aus.
»Für mich ist es zu spät«, krächzte er. »Tu das nicht.«
»Nein, das ist es nicht. Es ist mir egal, was die anderen sagen. Du hast deine Schuld abgegolten. Du verdienst eine zweite Chance.«
Er sah ihr tief in die Augen. »Vergib mir. Ich habe dich nicht verdient.«
»Da gibt es nichts zu vergeben. Ich liebe dich.«
In der verzweifelten Hoffnung einen Weg zu finden, um zu ihm zu gelangen, blickte sich Rachel in der Höhle um. Sie schluckte schwer und flatterte mit den Flügeln. Mit der ganzen Kraft, die sie aufbringen konnte, wirbelte sie in die Luft. Sie schaffte es gerade mal, sich wenige Fuß über den Boden zu erheben. Es war, als drückte eine unsichtbare Barriere sie nach unten. Panisch sah sie sich nach einem anderen Weg um, auf dem sie zu ihm gelangen konnte, und entdeckte einen schmalen Steinpfad, der von Lava überspült wurde. Einen anderen Weg zu ihm gab es nicht.
Mit ihrer ganzen Kraft zwang sie sich in die Höhe und versuchte, Abstand zwischen sich und die feurige Flüssigkeit zu bringen. Die Höhle erbebte erneut und eine Woge aus Lava schlug gegen die Wände. Lavatropfen stoben in die Höhe und auf ihre Flügel.
Sie schrie vor Schmerz auf und begann zu fallen.
»Nein, Rachel!«, stöhnte Uriel. »Dreh um.«
Bevor Rachel ihm antworten konnte, dass sie ihn auf keinen Fall zurücklassen würde, fühlte sie einen Lufthauch an ihrem Rücken. Ein Arm schlang sich eng um ihre Taille und riss sie vom See zurück, weg von Uriel.
»Nimm sie mit… Gabrielle«, keuchte Uriel. »Bring sie... in Sicherheit.«
»Darauf hast du mein Wort«, antwortete Gabrielle und verstärkte ihren Griff um Rachel.
»Nein!«, kreischte Rachel und wand sich in Gabrielles stahlharten Armen. »Lass mich los! Lass. Mich. Los!«
Rachel streckte ihre Arme aus, als ob sie sich so an ihm festhalten könnte. »Uriel! Uriel!«
In dem Moment, als Gabrielle aus der Höhle flog, erschütterte ein lauter Donnerschlag die Höhle und der Klang seiner Schreie durchfuhr sie und mischte sich mit ihren eigenen.
Dann – Stille.
Er war fort.
Kraftlos sank sie in Gabrielles Armen zusammen, als sie durch den eiskalten Tunnel zurückflogen. Die Kälte breitete sich auf ihrem Gesicht aus, auf ihren Händen. Dann kroch sie in ihr Herz und den tiefsten Teil ihrer Seele, bis nichts mehr übrig war als dunkle Taubheit. Es war nicht wichtig. Nichts war mehr wichtig.
Als sie aus dem Wasserfall heraus ins Sonnenlicht flogen, starrte sie gleichgültig die Wolken an, die über ihnen dahinzogen. Und obwohl ihr die Sonne ins Gesicht schien, konnte sie die Wärme nicht spüren. Sie bezweifelte, dass sie sie jemals wieder fühlen würde. Die kalte Leere in ihrem Herzen würde dort für immer herrschen, denn Uriel war tot.
»Moment mal! Uri war tot? Du meinst so tot, dass er nicht mehr existiert hat?« Naomi starrte Rachel an und warf dann einen Blick auf Uri. Sein Grübchen vertiefte sich, als er grinste. »Aber du bist… du bist hier.«
Rachels Blick verlor sich in der Ferne und ihr Gesicht nahm einen so traurigen Ausdruck an, als befände sie sich noch in der Höhle.
»Rachel? Geht’s dir gut?« Naomi rüttelte an ihrer Schulter und runzelte besorgt die Stirn. Sie war es nicht gewohnt, ihre Freundin so traurig zu sehen. Von all den Engeln, die sie während ihrer kurzen Zeit im Himmel kennengelernt hatte, war Rachel die Fröhlichste und hatte immer Engel-Tratsch zu teilen. Sie wünschte, sie hätte Rachel nicht danach gefragt, wie sie und Uri sich begegnet waren. Naomi hatte keine Ahnung von ihrer tragischen Vergangenheit gehabt oder davon, dass Rachel und Uri jemals von einander getrennt gewesen waren. Uri, der seinen Namen Uriel verkürzt hatte, war immer an Rachels Seite.
Als Naomi Uri zum ersten Mal begegnet war, hatte die Art und Weise wie er ihr zuzwinkerte und sich über sie lustig machte, sie abgeschreckt. Und er war jemand, der gern Umarmungen austeilte, genau wie Rachel. Sie hatte erwartet, dass Lash eifersüchtig darauf sein würde, wie Uri mit ihr flirtete. Aber dann war ihr aufgefallen, dass er sich allen gegenüber so verhielt, sogar gegenüber Gabrielle.
Im Himmel herrschte kein Mangel an umwerfend gutaussehenden Engeln. Obwohl Lashs dunkler, schweigsamer Typ mehr ihr Fall war, musste sie zugeben, dass Uri attraktiv war. Sein dunkelblondes Haar trug er kurz mit einem langen Pony, der ihm in die Stirn fiel und spöttische blaue Augen hervorhob. Das Bestaussehende an ihm waren seine vollen Lippen, die ständig leicht vorgeschoben zu sein schienen. Viele der weiblichen Engel begannen jedes Mal zu sabbern, wenn Uri ihnen zum Gruß die Hand küsste oder schmolzen dahin, wenn er sie anlächelte. Und wenn Uri sie wirklich in den Wahnsinn treiben wollte, legte er für gewöhnlich seinen schweren russischen Akzent auf.
Trotz all der Aufmerksamkeit, die er auf sich zog, war es offensichtlich, dass sein Herz Rachel gehörte. Jedes Mal, wenn sie den Raum betrat, leuchtete sein Gesicht auf und wurde noch atemberaubender. Es war, als käme all die Energie, die er verströmte, von ihr.
Rachel blinzelte ein paarmal und schüttelte den Kopf, als ob sie mühsam wieder in die Gegenwart zurückfinden müsste. »Oh, sorry. Ich habe mich kurz in Erinnerungen verloren. Was hast du gesagt?«
»Ah, mein Schatz, lass mich Naomi meine wundersame Auferstehung erklären«, wandte sich Uri an Rachel.
Er lehnte sich über den Tisch und ergriff Naomis Hand. Er hielt kurz inne und warf dann Lash einen Blick zu. »Darf ich?«
Lash nickte und lehnte sich auf seinem Sitz zurück. »So lange du nicht ganz so viel von deinem Charme spielen lässt.«
Naomi verdrehte die Augen. »Er hält einfach nur meine Hand. Wieso hältst du meine Hand, Uri?«
»Sag mir, meine liebreizende Naomi - was fühlst du?« Uri zwinkerte Rachel zu.
Naomi blinzelte verwirrt. »Ich...na ja… ich fühle deine Hand.«
»Ja, du fühlst Uris Hand«, bestätigte er und rollte das »R«, als er sprach. »Aber wer ist Uri?«
»Was?« Sie sah kurz zu Lash hinüber und wusste nicht, was sie davon halten sollte. Er zuckte mit den Schultern.
»Ist das hier Uri, in Fleisch und Blut?« Er strich mit ihrer Hand seinen muskulösen Arm hinauf. »Oder ist das hier Uri?« Damit legte er ihre Hand auf seine wie gemeißelte Brust.
Lash fuhr von seinem Platz hoch. »Hey, jetzt pass bloß auf.«
»Schhhh.« Naomi winkte ab. »Ich glaube, ich fange an zu begreifen.«
»Sieht für mich aus, als ob du Uri befummelst«, murmelte er.
Rachel kicherte und nahm die Karten von der Mitte des Tischs. »Naomi hat recht. Du bist niedlich, wenn du eifersüchtig bist.«
»Ich bin nicht… ach, jetzt gib die Karten schon her.« Er schnappte sich das Kartenspiel von ihr.
Naomi konnte fühlen, wie Lash schmollte, während er die Karten mischte. Sie wollte seine Bedenken zerstreuen, aber andererseits stand sie kurz davor, herauszubekommen, was Uri ihr zu erklären versuchte. Es wollte sich ihr ins Bewusstsein drängen.