Langsam erwachte ich aus meiner Bewusstlosigkeit. Mein Kopf dröhnte und ich hatte Schwierigkeiten meine Augen zu öffnen. Ich merkte das ich auf dem Boden saß, meine Hände waren mir gebunden und meine Beine fühlten sich taub an. Ich zog die Augenbrauen angestrengt zusammen und schaffte es meine Augen einen kleinen Spalt weit zu öffnen.
,,Schau einer an, wer da aus seinem Tiefschlaf erwacht ist.", hörte ich eine fremde Stimme, nicht weit von mir entfernt. Sein Ton hörte sich weich an und doch konnte ich die scharfe Note wohl erkennen.
Ich blinzelte schwach und bemerkte vor mir einen großen, breiten Schreibtisch. Dahinter breitete sich ein riesiges Fenster über die gesamte Wand aus und ließ goldenes Licht in das Zimmer hinein. Doch davor, sah ich verschwommen die Silhouette eines Mannes stehen.
Er wirkte wie ein Adliger. Er trug einen sauberen, feinen, dunklen Mantel um die Schultern und einen kleinen, vornehmen Hut auf dem Kopf. Ich bemerkte das er einen Gehstock mit sich herum trug. Mein Herz pochte, wer ist er? War er es gewesen der die Gesetzlosen rettete?
Er sah mich nicht an. Er hatte mir den Rücken zugewandt und schaute aus dem Fenster.
,,Mary Tailor. ", begann er, mit rätselhafter Stimme, ,,Du begibst dich in Gebiete die für dich nicht vorgesehen sind."
Nun drehte er sich zu mir um. Er trug einen gepflegten Schnurrbart und seine hellen, grauen Augen ruhten auf mir. Langsam umrundete er seinen breiten Schreibtisch.
,,Da hättest du beinahe meinen Plan durchkreuzt, meine Liebe und das erfreut mich sichtlich wenig.", sprach er mit vornehmer und dennoch mächtiger Stimme.
Schließlich blieb er vor mir stehen und blickten, von weit oben auf mich herab.
,,Was soll ich denn nun mit dir anstellen?"
,,Sie hat damit nichts zu tun.", mischte sich eine brummende Stimme ein, sie erklang von weiter hinten.
Ich zuckte zusammen, Clintch. Ich hatte nicht bemerkt das er mit im Raum war, wie sollte ich mich ihm gegenüber verhalten? Wie wird er sich verhalten? Jim saß neben mir. Ihm waren ebenfalls die Hände gebunden, doch er hatte bisher noch nichts gesagt und ich wusste nicht ob es ihm gut ging.
Der Fremde, vornehme Herr sah mich noch ein paar Sekunden schweigend an und murmelte dann:,, Sieh an, sieh an, nun ist wohl doch noch jemand bereit zu sprechen." Er warf mir einen vielsagenden Blick zu und wandte sich dann an Clintch. Auch ich drehte meinen Kopf und wagte es zu ihm nach hinten zu sehen.
Clintch saß ganz hinten an der Wand auf einen Stuhl gefesselt und begegnete den Blick des Mannes ruhig. Mich übersah er vollkommen.
,,Sie hat mit der Sache nichts zu tun.", wiederholte Clintch nocheinmal, ,,Das geht nur dich und mich etwas an, Monroe."
,,Solange sie sich nicht einmischt, kann ich mich nicht beschweren, mein lieber, guter Francis."
Francis?
,,Clintch.", korrigierte Clintch knapp und der Monroe genannte Mann setzte seine Rede fort:,, Doch, wenn mich nicht alles täuscht, so hätte sie beinahe meinen Plan zunichte gemacht und du kannst dir sicher vorstellen das mich das nicht entzückt, Francis." Clintch seufzte kurz genervt.
,,Clintch.", korrigierte er ihn ein zweites mal.
Mit geradem Rücken schritt Monroe einige Schritte auf Clintch zu und blieb schließlich vor ihm stehen. Dabei sprach er:,, Aber Francis, du willst mir doch nicht allen Ernstes erzählen, das du den Namen, den deine verrückte Mutter dir gab, deinem jetzigen Namen vorziehst." Monroe bückte sich ein Stück weit zu ihm herunter und sah Clintch ins Gesicht.
,,Clintch ist deiner doch nicht würdig.", murmelte er leicht bemitleidend. Doch Clintch sah ihm nicht in die Augen, er grummelte nur:,, Ich heiße Clintch und nicht Francis."
,,Du kannst deinen Namen nicht einfach ändern.", widersprach Monroe standfest. Mir kam es vor als diskutierte der Vater mit seinem Sohn.
,,Natürlich kann ich das.", entgegnete Clintch und funkelte Monroe herausfordernd ins Gesicht, ,,Ich bin im ganzen Land als Clintch bekannt und nicht als Francis."
Schließlich seufzte Monroe langgezogen und richtete sich wieder auf. Er schien sich geschlagen zu geben.
,,Als ich dich eingesammelt habe, da hast du dich mir als Francis vorgestellt. Für meine Wenigkeit bist und bleibst du Francis und nicht Clintch.", Monroes Stimme war ruhig, doch ein ernster Ton lag darunter.
,,Jedoch...", Monroe wandte den Blick von Clintch ab und ließ ihn wieder zurück auf mich fallen. Ein paar Sekunden schaute er mich an, ohne etwas zu sagen. Dann öffnete er wieder den Mund, doch er redete plötzlich von etwas ganz anderem:,, Da du momentan so redebedürftig bist, wird es doch bestimmt auch kein Problem für dich sein, mir endlich zu sagen wo der Schatz liegt."
Ein Schatz? Clintch wich dem Blick Monroes aus.
,,Du glaubst doch nicht wirklich, das ich es dir jemals sagen werde.", brummte der Bandenanführer.
,,Nun, andernfalls,", entgegnete Monroe, ,,weiß ich zufällig die passenden Leute, die deine kleinen Freunde zu gerne einmal über's Knie legen wollen." Monroe bekam einen drohenden Unterton, doch Clintch ließ sich davon nicht beeindrucken. Er erwiderte:,, Ich weiß das du bluffst, Monroe. Du würdest meine Leute nicht töten lassen, weil du dann genau weißt, das ich dir noch weniger sagen werde, als jetzt schon."
Der feine Herr setzte ein nachdenkliches Gesicht auf und ging einige bedächtige Schritte um Clintch herum.
,,Na schön, mein Freund.", murmelte er, ,,Ich gebe zu, das du Recht hast." Monroe blieb wieder, in einiger Entfernung vor Clintch stehen und legte seine behandschuhten Hände gelassen auf seinem Gehstock ab. Sein Blick war nun freundlich, beinahe bittend.
,,Aber bitte ich dich um einen Gefallen, wenn ich dich nun demnächst frei lasse, dann sorge bitte dafür, das deine kleinen Freunde, nicht allzuviele von meinen Leuten erschießen, ja? Das wäre wirklich zu freundlich." Gerade als Monroe diesen Satz noch sagte, riss Clintch sich die Fesseln vom Handgelenk und ich runzelte die Stirn.
Monroe musste ihm die Fesseln gelöst haben, als er ihn umrundete. Die beiden haben wirklich eine merkwürdige Beziehung.
Gerade als Monroe seinen Satz beendete, platzte die Tür auf und die Gesetzlosen stürmten herein. Sie hatten alle die Waffen gezogen und zielten auf Monroe, doch sie blieben wie erstarrt im Raum stehen. Sie wechselten einige Blicke mit Clintch und schienen verunsichert was sie nun tun sollten. Doch Clintch blieb auf dem Stuhl sitzen.
,,Was bekomme ich dafür?", fragte er Monroe, als wäre seine Bande gar nicht in den Raum gestürzt. Ein leichtes Lächeln bog sich kurz auf Monroes Lippen und er demonstrierte kunstvoll eine elegante Verbeugung, dabei antwortete er:,, Meine Gunst."
Clintch stand auf, er lachte leicht.
,,Deine Gunst kann ich mir sparen.", murmelte er finster und schritt langsam zu seinen Kameraden. Monroe entfloh ein Seufzer und er wanderte hinter ihm her.
,,Nun denn.", sagte er leise und betrachtete kurz die Gesetzlosen mit einem abschätzigen Blick, ehe er zwischen ihren Reihen hindurch schritt, ,,Ich erlaube mir, mich für den heutige Tag zu entziehen.", kurz blieb er wieder stehen und bedachte Gustav von Kopf bis Fuß, ,,Ihr könnt eure Waffen wieder herunter nehmen, Jungs. Ich stelle keine Gefahr für euch dar.", er setzte seinen Weg fort und erlaubte es sich kurz, dem Frank beschwichtigend auf die Schulter zu klopfen, ,,Bitte achtet ein wenig darauf, das ihr das Haus nicht allzu sehr beschädigt.", als er an der großen Tür ankam drehte er sich noch einmal um, ,,Obwohl, die Waffen würde ich, an eurer Stelle, nun wieder ziehen, Au revior!"
Er verschwand hinter der Tür. In diesen Moment stürzten sich Männer und Frauen aus den Seitentüren und eine Schießerei entstand.
Ich drückte mich auf den Boden und ich roch Rauch. Flammen züngelten an der Wand des Raumes hinauf und das Haus knarrte. Hitze stieg mir in die Augen. Plötzlich spürte ich jemanden neben mir. Jim schnitt mir die Fesseln an meinen Handgelenken durch und machte mich frei. Ich drehte mich zu ihm um, wollte mich bei ihm bedanken und mit ihm so schnell wie möglich von hier verschwinden, doch seine Augen blickten gläsern in meine.
Ich stieß erschrocken die Luft aus. Drei Löscher klafften in seinem Körper, sein rotes Blut lief an seinem Leib herab. Kaum konnte ich einen Schrei unterdrücken, ich griff nach seiner zitternden Hand.
,,Jim..", stöhnte ich verzweifelt und Tränen rollten mir über das rußbedeckte Gesicht. Doch Jim behielt mich im Auge und ich glaubte er wolle etwas sagen, aber er bekam keinen Ton heraus. Letztendlich lächelte er nur und seine Augen wurden bleich.
Mein Herz verzog sich schmerzhaft. Ich hörte um mich herum die Gesetzlosen. Sie schrien sich etwas zu und schossen auf ihre Feinde, während das Feuer das Haus übernahm. Rauch stieg mir in die Lunge, ich konnte heiße Funken auf meiner Haut spüren und ich wusste ich musste hier weg.
Ich gehörte nicht mehr zu den Gesetzlosen, sie werden mich erschießen wenn ich länger hierbleiben sollte. Also raffte ich mich auf, nahm meine Kraft zusammen und stürzte blindlinks nach vorn.
Ich duckte mich, rannte im Zickzack und befahl meinen Beinen in jeder Sekunde schneller zu laufen. Die Hitze drückte mich halb zu Boden, ich konnte die Flammen spüren, die an meiner Kleidung leckten, doch ich erreichte die große Tür und preschte hindurch.
Ein großer, breiter Flur bot sich mir. Meine Beine zitterten, ich verlor den Halt und stolperte. Doch ich fing mich wieder auf und rannte weiter, ohne irgendwas zu sehen. Der Ruß und der Rauch verklebte meine Augen, ich spürte wie das Bewusstsein mir erneut entschwand, ich brauchte frische Luft. Doch das Feuer knisterte um mich herum. Hinter mir hörte ich einen lauten Knall und Schreie, als das hölzerne Haus dem Feuer langsam nachgab.
Verzweiflung packte meinen Geist, ich sah weiß vor Augen und plötzlich krachte etwas in mich hinein. Brennender Schmerz pulsierte in meiner Seite und man schleuderte mich direkt in einen anderen Raum.
Hart knallte ich mit dem Kopf gegen die Wand, mir entfloh ein Schrei. Blut quoll mir aus der Seite. Jemand hatte mir etwas spitzes in den Körper gerammt, ich röschelte und rang vergeblich nach Luft. Mein Gegner war ebenfalls gestürzt. Ich konnte ihn kaum erkennen durch den dichten Rauch, doch gerade als er sich wieder erhob, ertönte ein Schuss und er taumelte zur Seite.
Meine Kräfte waren fort, ich konnte mich nicht rühren und mein Blut floh aus meinem Körper. Ich hörte den Fremden schreien, doch er schien noch nicht aufzugeben, denn ich glaubte das er mit jemandem kämpfte.
Plötzlich donnerte etwas riesiges gegen mich und drückte mir beinahe die Luft aus dem Körper. Ich stöhnte schmerzvoll und hob die Hand, berührte seinen breiten Rücken, damit er mich bemerkte. Er tat es auch.
Doch ich wusste nicht ob er mir helfen würde, nach allem was ich ihm angetan hatte. Mir entfloh ein Husten, denn der Rauch reizte meine Lunge.
Clintch drehte sich zu mir um und stieß schließlich seinen Gegner mit Wucht von sich. Er rollte sich wieder nach vorn und stach ihm, mit dem eigenen Messer ins Herz.
Danach wandte er sich erneut zu mir um. Sein hartes Gesicht war rußüberdeckt und seine steinigen, dunklen Augen waren matt. Doch dennoch legte er seine große Hand auf meine klaffende Wunde, ich zuckte kaum zusammen, mein Bewusstsein war schon beinahe fort. Schließlich legte er seine Arme unter mich und hob mich hoch. Er war grob und ich konnte es ihm nicht verübeln. Und als er mich hochhob, entschwand mir mein Bewusstsein und ich fiel für kurze Zeit in Ohnmacht.
Als ich kurzzeitig wieder erwachte, rannte er immer noch durch das Haus. Ich konnte hören wie er schoss, ich konnte seine donnernden Schritte spüren.
Mir wurde übel. Ich hang in seinen Armen wie ein lebloser Körper. Ich hörte ihn schwer atmen, ich spürte wie sich seine Brust krampfhaft einzog und wieder ausdehnte. Mehrmals durchschüttelte ihn ein Reizhustenanfall und ich konnte nicht glauben das er das für mich tat.
Er hätte schon längst aus dem Haus fliehen können, doch stattdessen opferte er sich für mich, für einen Verräter.
Doch jeh länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, das er mich vielleicht gar nicht aus Mitleid oder der gleichen rettete, sondern aus Rache. Und sobald wir draußen im freien waren, würde er mich erschießen oder Schlimmeres mit mir anstellen.
Mein Kopf dröhnte, was könnte ihn davon abhalten? Oder meine ehemaligen Bandenfreunde. Was würden sie tun, wenn sie mich sahen? Ich hatte all ihre Herzen gebrochen.
Jim war tot, einen Sinn gab es nicht mehr und ich hatte keine Lust mehr. Clintchs Bande konnten mich zerreißen, wenn sie das wollten, mir wäre es egal.
Insgeheim wusste ich, das der Plan meines Vaters bereits schief gegangen war, als Clintch mir das erste mal näher kam. Es hätte nicht sein dürfen, aber ich hatte mich in den Bandenführer verliebt, den ich eigentlich an den Galgen bringen sollte. Mein Vater hatte die falsche Wahl mit mir getroffen, hätte er einen meiner Brüder gewählt, würde die ganze Bande womöglich bereits am Seil baumeln. Doch, bereute ich die Verbindung zwischen mir und Clintch?
Sicherlich nicht. Doch soviel ich mir auch einredete das diese Gefühle falsch waren und das ich meinen Vater enttäuschen würde, desto stärker fühlte ich mich zu Clintch hingezogen.
Doch nun könnte ich wohl nie wieder sein Vertrauen erlangen.