Kapitel 2

1198 Worte
In der Residenz des Generals war das Lachen kaum begonnen, als es bereits verstummte. General Gao, der gerade das Hochzeitsgewand seines ältesten Sohnes zurechtgezupft hatte, starrte in die Gesichter der beiden Boten, die von ihren Pferden abgestiegen waren—Staub in ihrem Atem und Panik in ihren Worten. Es gab kein Zögern. „Sattelt die Pferde.“ General Gao verlor keine Sekunde. Er schwang sich sofort auf sein Pferd, gefolgt von seinen beiden Söhnen. Der eine war noch immer als Bräutigam gekleidet, der andere band hastig seine Stiefel. Sie ritten in höchster Eile zum Palast. Im Thronsaal hing eine schwere Stille. Prinzessin Min Yan saß da wie eine aus Stein gemeißelte Figur. Ihr Hochzeitsschleier lag achtlos beiseitegeworfen. Ihre Augen, geschwollen vom Weinen, hielten nun nur noch blanke Furcht. Die beiden königlichen Leibwächter des Kaisers standen hinter ihr, reglos, ihre Mienen undurchdringlich. General Gao trat mit der Wucht eines Sturms durch das erste Tor und befahl seinen beiden Söhnen sofort, zur Residenz des Kaisers zu gehen und dort Nachforschungen anzustellen. „Vertraut dem Amt nicht. Ich will eigene Augen in diesem Gemach.“ Nachdem seine Söhne gegangen waren, wandte er sich Berater Yang zu—dem loyalsten Ratgeber des Kaisers, der bereits vor dem verschlossenen Thronsaal wartete. Gemeinsam traten sie ein. Sofort sahen sie, dass alle hohen Beamten des Reiches bereits anwesend waren. Sie standen wie Statuen, keiner wagte zu sprechen. Nur das Kratzen des Windes an den Palasttoren erinnerte sie daran, dass die Zeit noch weiterlief. Die Sonne stieg höher am Himmel. Schließlich öffnete sich die Tür zum Thronsaal erneut. Eunuch Li erschien. Seine Gewänder waren zerknittert, und seine Hände zitterten, als er vortrat. In seinen Armen hielt er zwei Gegenstände, die jedem im Saal das Blut aus dem Gesicht weichen ließen. Das kaiserliche Tigersiegel. Und das goldene Edikt. Sofort erfüllten Flüstern und Murmeln die Luft. Prinzessin Min Yan erhob sich abrupt, ihr Stuhl schabte scharf über den Marmorboden. Alle Augen richteten sich auf den Eunuchen, der der kaiserlichen Linie länger gedient hatte, als manche der Anwesenden überhaupt lebten. Eunuch Lis Lippen zitterten. Seine Kehle bewegte sich lautlos, als weigerten sich die Worte selbst, hervorzukommen. Langsam hob er den Blick, sah zur Zwillingsschwester des Kaisers. In diesem Moment zerbrach seine Fassung. Das Pergament bebte in seiner Hand. „…Vergebt mir“, flüsterte er, kurz bevor Tränen frei über sein vom Alter gezeichnetes Gesicht liefen. Er stand in der Mitte der goldenen Halle, sein schmaler Körper verloren zwischen gewaltigen Säulen, in die Drachen und Phönixe geschnitzt waren. Das Morgenlicht strömte durch die Fenster und tauchte den Hof in warmes, feierliches Gold. Doch nichts konnte das Zittern seiner Hände stoppen. Eunuch Li presste die Lippen zusammen. Er hatte dem Thron unter drei Herrschern gedient. Er hatte Kaiser in ihren letzten Atemzügen gehalten, königliche Tränen getrocknet und jedes Ritual und jedes Gesetz des kaiserlichen Kodex auswendig gelernt. Doch nichts in seinem langen Leben hatte ihn auf diesen Augenblick vorbereitet. Seine Stimme brach, als er sich zum Sprechen zwang. „Mit allen Anwesenden als Zeugen…“ Er hielt inne, holte zitternd Luft und kämpfte gegen seine Schluchzer an. Seine Kehle zog sich erneut zusammen, doch er sprach weiter. „Seine Majestät… vertraut Berater Yang die Aufgabe an, das letzte kaiserliche Edikt zu verlesen.“ Ein erschrockenes Aufatmen ging durch den Saal wie ein Schwarm aufgeschreckter Vögel. Eunuch Li sah niemanden an. Mit bedachter Vorsicht trat er vor, das versiegelte Edikt in der einen Hand, das kaiserliche Tigersiegel in der anderen. Seine Tränen verbarg er nicht. „Berater Yang“, sagte er. „Der Kaiser befiehlt, dass Ihr dies vor dem gesamten Hof verlest.“ Berater Yang nahm das Edikt mit einer tiefen Verbeugung entgegen. Als er das goldgeränderte Pergament entrollte, zog sich seine Stirn langsam zusammen. Er las die Zeilen. Die Stille dehnte sich aus. Schließlich hob er den Blick zu Eunuch Li, der mit einem schwachen Nicken antwortete. Prinzessin Min Yan, die nicht verstand, was geschah, erhaschte einen Blick auf das Edikt—und ihre Augen weiteten sich sofort. Ihre zitternden Finger erhoben sich zu ihrem Mund. Dann sank sie zurück auf den silbernen Stuhl und brach in lautes, kindliches Schluchzen aus. Als die Anwesenden ihre Reaktion sahen, breitete sich Verwirrung im Saal aus. General Gao Yuan trat vor, seine Augen verengten sich. „Warum ein Edikt?“, fragte er. Niemand antwortete. Berater Yang trat vor, und die Aufmerksamkeit des gesamten Hofes richtete sich auf ihn wie Pfeile auf ein einziges Ziel. Er hob die Schriftrolle und begann ohne Zögern laut vorzulesen, seine Stimme hallte unter den geschnitzten Balken der großen Halle. „Aus der Hand von Kaiser Bai Yun, erstem Sohn des verstorbenen Kaisers Sung Jun Yun und der verstorbenen Kaiserin Huang Sung Jin, Herrscher der Tandang-Dynastie.“ Sofort begannen die Leute zu murmeln, doch Berater Yang erhob seine Stimme weiter. „Hiermit erkläre ich das Ende meiner Herrschaft. Mit sofortiger Wirkung ernenne ich Tie Gen zum Kronprinzen von Tang in den nördlichen Territorien, Prinzessin Min Yan zur Kronprinzessin, und General Gao Yuan zum neuen Kaiser der Tandang-Dynastie.“ Der Schock traf den Hof wie eine Klinge. Füße bewegten sich unruhig. Gesichter wurden blass. General Gao stand wie erstarrt. Berater Yang hob eine Hand und fuhr fort. „Jeder, der diesem Edikt widersteht oder dem neuen Souverän die Treue verweigert, wird ohne Gnade hingerichtet. Seine gesamte Blutlinie wird gemäß den Gesetzen des Reiches bestraft.“ Der Saal verstummte. Selbst die mutigsten Stimmen wagten sich nicht zu erheben. Berater Yang ließ seinen Blick durch den Hof schweifen. „Wer hier wagt es, den Willen Seiner Majestät in Frage zu stellen?“ Niemand antwortete. Niemand wagte es auch nur, sich zu bewegen. „Niemand?“ Die Stille wurde noch schwerer. Schließlich wandte sich Berater Yang an General Gao. „Eure Majestät“, sagte er. „Ihr müsst euren Hof begrüßen.“ Gao blieb reglos stehen, seine Miene angespannt, als überlegte er, wie er den Titel zurückweisen könnte, der ihm aufgezwungen worden war. Als Berater Yang sein Zögern sah, fiel er plötzlich auf die Knie und rief laut: „Lang lebe Eure Majestät! Lang lebe der Kaiser! Lang lebe die Tandang-Dynastie!“ Einer nach dem anderen knieten auch die versammelten Beamten nieder und verneigten sich tief. Ihre Stimmen erhoben sich gemeinsam wie eine donnernde Welle gegen Stein. „Lang lebe Eure Majestät! Lang lebe der Kaiser! Lang lebe die Tandang-Dynastie!“ Erst dann schien General Gao wieder zu sich zu kommen. Er blinzelte, als tauche er aus einem langen, unausgesprochenen Traum auf. Sein Blick wanderte über die Marmorsäulen und bestickten Banner hinweg zu den großen Palasttoren. Dort standen zwei Gestalten im Sonnenlicht. Seine beiden Söhne. Sie waren gerade rechtzeitig von der Residenz des Kaisers zurückgekehrt. Der jüngere, Alhan Wu, kniete langsam mit den anderen nieder, sein Gesicht erfüllt von Stolz. Seine Bewunderung für seinen Vater brannte offen in seinen Augen. Doch die Gestalt im Hochzeitsgewand rührte sich nicht. Tie Gen. Der Kindheitsgefährte des Kaisers. Sein ältester Sohn. Er sagte nichts. Er sah seinen Vater nur an, seine Augen voller Verwirrung und Schmerz. Kein Vorwurf lag darin. Nur der scharfe, stille Schmerz eines Verrats. Ohne ein Wort wandte er sich um und ging fort. Kein Gruß. Nur Schweigen.
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