Kapitel 2

505 Worte
Der Erste Warnruf Der nächste Morgen brach kalt und klar an. Der Nebel hing noch in den Tälern wie weiße Tücher, als Elara das Rudel auf dem zentralen Platz versammelte. Hunderte Wölfe saßen in einem weiten Kreis: Jung und Alt, Schwarz-, Grau- und Weißfellige, ehemalige Nomaden neben Schattenwölfen. Kael stand etwas abseits, die eisblauen Augen wachsam – er war geblieben, hatte Buße getan, war zu einem der besten Krieger geworden. Mara, inzwischen grau um die Schnauze, saß neben ihm, ihre Pranke leicht auf seiner. Elara trat in die Mitte. Ihre Stimme trug weit, klar und stark. „Wir haben Frieden geschaffen“, begann sie. „Wir haben Rudel vereint, Flüche gebrochen, Wunden geheilt. Aber Frieden ist kein Geschenk – er ist eine Pflicht. Der Mond warnt uns. Ein alter Feind erwacht. Der Schattenlord. Er nährt sich von Hass, von Verrat, von vergessenen Flüchen. Wir dürfen nicht warten, bis er uns findet. Wir müssen uns vorbereiten.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Einige Welpen winselten leise, Ältere legten die Ohren an. Aron trat vor. Er war jetzt fast so groß wie sein Vater, mit breiten Schultern und einem ruhigen Blick, der Vertrauen einflößte. „Mutter, Vater“, sagte er. „Lasst mich die Grenzen sichern. Ich nehme eine Patrouille mit – Lira, Nyx und zwanzig der besten Krieger. Wir erkunden die alten Pfade, suchen nach Zeichen.“ Elara musterte ihren Sohn lange. Stolz und Sorge mischten sich in ihrer Brust. „Du bist bereit“, sagte sie schließlich. „Aber kehrt zurück. Alle.“ Lira und Nyx traten neben ihn. Lira nickte knapp, Nyx grinste wild – ihre Augen funkelten vor Vorfreude auf den Kampf. Die Patrouille brach auf, verschwand zwischen den Bäumen. Elara wandte sich an den Rest. „Wir verstärken die Wachen. Wir trainieren härter. Und wir erinnern uns: Unsere Stärke liegt nicht in den Krallen allein. Sie liegt in der Bindung – zwischen uns allen.“ Lucian trat neben sie. „Und wir beide“, flüsterte er nur für sie, „werden sie daran erinnern, warum wir nie aufgeben.“ Am Abend kehrte die Patrouille zurück – blutig, aber lebend. Aron berichtete mit ruhiger Stimme: „In den nördlichen Bergen. Riesige Pfotenabdrücke, verbranntes Gras, ein Gestank wie Tod. Und dann kamen sie – Schattenwölfe, größer als alles, was wir je gesehen haben. Wir haben sie besiegt… aber Nyx ist verletzt.“ Nyx humpelte vor, eine tiefe Bisswunde an der Schulter. „Es war nichts“, knurrte sie. „Aber sie waren… falsch. Als wären sie aus Rauch gemacht, bis man sie berührte.“ Elara leckte die Wunde ihrer Tochter sauber. „Das war nur der erste Warnruf“, sagte sie. „Der Lord testet uns. Er will wissen, ob wir noch stark genug sind.“ In dieser Nacht saß sie mit Lucian am Feuer. „Unsere Kinder sind bereit“, sagte er. „Aber sind wir es?“ Elara sah in die Flammen. „Wir müssen es sein. Denn wenn wir fallen… fällt alles.“
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