***KAYLA***
Der Morgentau kitzelte meine Füße, als ich weiterlief – ohne ein Ziel, ohne Plan. Die Dämmerung brach an, und ich war immer noch auf der Flucht. Die ganze Nacht über war ich gejagt worden wie eine Kriminelle. Mein Körper war erschöpft, aber ich wusste, dass ich nicht anhalten durfte.
Ich rannte durch die Wälder, hatte längst jede Orientierung verloren. Die Männer, die mir einst Schutz versprochen hatten – Nachbarn, Freunde – wollten mich nun fassen und für einen Mord bestrafen, den ich nicht begangen hatte.
Aufzugeben war keine Option. Sie würden mich töten, bevor ich ein einziges Wort zur Verteidigung sagen könnte. Also rannte ich weiter, so schnell meine Wölfin mich tragen konnte.
Ich hatte die Anzahl der Rudelgebiete, durch die ich gerannt war, längst verloren. Doch eins war klar: Ich befand mich noch immer innerhalb der Grenzen von Rudeln, die mit Ravenclaw verbündet waren – deshalb konnten sie mich offen verfolgen, selbst in fremden Territorien.
Die einzig vernünftige Lösung war nun, ins Feindesland zu fliehen – ins Gebiet des Crescent-Rudels. Dort wäre ich vielleicht eine Sklavin, aber wenigstens am Leben. Und das war mehr, als ich im Moment hatte.
Ich blieb stehen und versuchte mich zu erinnern – in welche Richtung lag das verbotene Gebiet?
„War’s Norden? Oder Süden?“ Ich knurrte frustriert. Ich hatte im Unterricht nie aufgepasst – und jetzt hing mein Leben von einer Lektion ab, die ich verpasst hatte.
„Da ist sie!“ rief ein Mann. Ein anderer heulte, um den anderen zu signalisieren, dass ich gefunden worden war.
„Verdammt, wie sind die so schnell?“ Mein Körper war am Limit, mein Hunger nagte an mir, mein ungeborenes Kind schwächte mich zusätzlich – aber ich musste weiterlaufen. Für mich. Für mein Baby.
Ich rannte los. Doch plötzlich trat ich auf etwas Scharfes – ein Metallteil bohrte sich durch meinen Fuß. Ich schrie auf. Es war eine Falle. Beide Füße waren gefangen. Ich blutete stark. Die Schmerzen waren unerträglich. Ich konnte mich nicht bewegen. Meine Augen wurden schwer, aber keiner kam näher. In meinem letzten Blick sah ich die Männer stillstehen… und dann umdrehen. Sie zogen sich zurück.
Ein schwaches Lächeln huschte über meine Lippen. Ich wusste, was das bedeutete. Und dann übernahm die Dunkelheit.
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„Sie wacht auf.“ Eine weibliche Stimme durchdrang den Nebel in meinem Kopf, als ich langsam die Augen öffnete. Ich blinzelte gegen das grelle Licht im Raum – einmal, zweimal, vielleicht dreimal. Ich war mir nicht sicher.
„Wer bist du? Und warum hast du unsere Grenzen übertreten?“ fragte ein junger, gut aussehender Mann mit rauer Stimme. Neben ihm stand eine Frau in meinem Alter, die mich freundlich anlächelte. Ich vermutete, dass sie es gewesen war, deren Stimme ich zuerst gehört hatte.
„Komm schon, Caleb. Das arme Mädchen ist gerade erst nach 13 Tagen aufgewacht“, sagte die Frau tadelnd.
13 Tage?
Ich war 13 Tage lang bewusstlos gewesen?
Ich versuchte, mich aufzusetzen – doch Ketten hielten mich zurück. Ich war gefesselt.
„Ich hab’s doch gesagt! Ich wusste, sie würde weglaufen wollen, sobald sie wach wird“, grinste Caleb selbstzufrieden. Die Frau – Carla, wie ich jetzt wusste – schenkte ihm einen strengen Blick.
„Hilf mir, sie zu befreien“, forderte Carla.
„Aber warum, Carla?“, stöhnte Caleb wie ein trotziges Kind.
Ihr Blick reichte – ohne ein weiteres Wort machte er sich daran, die Fesseln zu lösen.
Ich rieb meine Handgelenke, als ich endlich frei war.
„Erinnerst du dich, wie du hierhergekommen bist?“, fragte Carla.
„N… nein“, krächzte ich. Kein Wunder – ich hatte zwei Wochen lang kein Wort gesprochen.
„Du bist auf eine meiner Fallen getreten“, erklärte Carla, „sie haben deine Füße schwer verletzt. Wir dachten, du würdest es nicht schaffen, als wir dich mittags bewusstlos im Wald fanden. Aber du und dein Baby – ihr habt überlebt.“ Sie lächelte.
Ich verspürte keinen Schmerz mehr. Als ich auf meine Füße sah, waren sie geheilt. Auch mein Baby schien wohlauf. Alles, was ich tun musste, war, aufzustehen und zu gehen.
Carla reichte mir eine Schale Wasser. Ich trank – und fühlte mich sofort besser.
„Danke“, murmelte ich. Sie hörte es trotzdem – und lächelte.
„Warum hast du unsere Grenzen übertreten? Dein Kleid verrät deine Herkunft – du bist aus dem Feindesland“, sagte sie sanft.
„Ja, ich bin aus Ravenclaw. Aber ich bin eine Waise… und nun eine Gesetzlose. Ich wurde verstoßen“, antwortete ich bitter. Tränen stiegen in meine Augen.
Carla nahm mich wortlos in den Arm, wiegte mich wie ein Kind.
„Wie heißt du?“ fragte Caleb.
„Kayla. Mein Name ist Kayla.“
„Wenn du keinen Ort zum Leben hast – du bist hier willkommen“, sagte Carla leise, während sie meinen Rücken streichelte.
„Und auf wessen Befehl hin? Der Alpha hat wohl nichts mehr zu sagen?“ knurrte Caleb. Er verzog das Gesicht.
Also war er der Alpha? Er sah gar nicht danach aus.
„Wenn sie bleiben will, muss sie zahlen. Wir haben ihr das Leben gerettet. Jetzt auch noch ein Dach über dem Kopf? Wie will sie sich revanchieren?“, fuhr Caleb fort. Jedes Wort betonte er, als wäre Rückzahlung das Einzige, was zählte.
Aber ich hatte zu viel durchgemacht, um mir das gefallen zu lassen. Ich blickte ihm fest in die Augen und fragte:
„Wie willst du bezahlt werden?“
Carla wollte etwas sagen, doch Caleb kam ihr zuvor:
„Heirate mich.“
Oder hatte ich mich verhört?