Die Nacht, in der alles zerbrach-1c

429 Worte
Der Sitz ist warm. Das Auto riecht nach Leder und etwas Sauberem, etwas Unbeschreiblichem. Draußen sieht die Straße anders aus als hier drinnen – weiter weg, wie ein Film auf einer Leinwand, als würde es gerade jemand anderem passieren. Damien steigt ein und schließt die Tür. Er startet den Wagen nicht sofort. Er wirft einen Blick in die Spiegel – links, rechts, hinten. Seine Hände ruhen auf dem Lenkrad. Dann fährt er los, und der sichere, dunkle SUV gleitet durch den Regen, und die Birch Street verschwindet hinter uns. Er fragt mich nicht, wie es mir geht. Er sagt mir nicht, dass alles gut wird. Er versucht überhaupt nicht, die Stille mit irgendetwas zu füllen. Ich auch nicht. Der Regen prasselt in langen, diagonalen Streifen auf die Windschutzscheibe, und die Scheibenwischer wischen ihn immer wieder weg, gleichmäßig und rhythmisch. Ich halte meinen nassen Skizzenblock im Schoß und sehe der Stadt nach, die an mir vorbeizieht. Ich denke darüber nach, wie ich vor nur zwanzig Minuten noch gerannt bin und jetzt hier sitze, und wie seltsam und gewaltig der Abstand zwischen diesen beiden Zuständen ist. Ich sehe ihn einmal von der Seite an, aufmerksam. Sein Profil ist klar und konzentriert. Er beobachtet die Straße mit derselben fokussierten Ruhe, die er Daniel entgegengebracht hat – als gäbe es für alles vor ihm eine richtige Antwort, und er suche sie nur noch. „Wo fahren wir hin?“, frage ich. „Sicheres Haus. Ostseite.“ Er gibt ein Zeichen und wechselt die Spur. „Dort kann dich nichts erreichen.“ *Dort kann dich nichts erreichen.* Ich weiß nicht, warum diese vier Worte meine Augen so brennen lassen. Ich presse die Lippen zusammen und schaue wieder aus dem Fenster. „Ich bin Mara“, sage ich nach einer Weile. „Ich weiß.“ Ich drehe mich zu ihm um. „Wie?“ Er antwortet einen Moment lang nicht. Dann, ohne den Blick von der Straße zu wenden, sagt er: „Er hat deinen Namen gesagt. Vierzehn Mal. Auf offener Straße. Im Regen.“ Stille. „Ich habe mitgezählt.“ Ich starre ihn an. Er blickt nicht zurück. Der Regen fällt weiter. Die Stadt dreht sich weiter. Die Tür ist geschlossen, die Fenster sind an den Rändern beschlagen, und die Stille zwischen uns ist unangenehm, noch nicht – zwei Fremde sitzen in derselben Frage, keiner von ihnen bereit, sie auszusprechen. Aber mir ist warm. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten renne ich nicht. Das Kapitel endet hier, still wie eine ins Schloss fallende Tür – und keiner von uns sagt ein weiteres Wort.
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