2. Der Kampf. – Smart und Dayton.-2

2253 Worte
»Hätte nur mein verdammtes Terzerol nicht versagt« – zischte der Andere – »die Pest über den Krämer, der – so erbärmliche Waaren führt.« »Kommt, Boys, in's Hotel – Smart mag herausrücken, und wenn er's nicht thut, so soll ihm der – Böse das Licht halten –« sagte der Narbige. »In's Hotel – in's Hotel!« jauchzte die Schaar – »er muß tractiren, sonst schlagen wir ihm den ganzen Kram in tausend Stücken!« In jubelndem Chor wälzte sich der zügellose Haufe dem Gasthaus zu, und wer weiß, ob des Advocaten freundlich gemeinte Beilegung des Streites nicht hier zu noch viel ernsthafteren Auftritten geführt hätte. Smart kannte aber seine Leute zu gut und wußte, wie er, sobald er den Schwarm wirklich in sein Haus lasse, gänzlich in den Händen der schon halb Betrunkenen sei und dann auch jedem ihrer Wünsche willfahren müsse, wollte er sich nicht der größten Gefahr an Leben und Eigenthum aussetzen. Als sich daher die Rädelsführer seiner Thür näherten, trat er plötzlich mit gespannter und im Anschlag liegender Büchse ruhig auf die oberste Schwelle und erklärte fest, den Ersten niederzuschießen, der die Stufen seiner Treppe betreten würde. Smart war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt, und sicherer Tod lag in der ihnen drohend entgegen gehaltenen Mündung. Der Advocat trat aber auch hier wieder vermittelnd zwischen den Parteien auf, bedeutete den Yankee, daß die Männer hier keine Feindseligkeiten weiter gegen ihn nährten, und bat ihn, die Büchse fortzustellen, damit auch das Letzte entfernt sei, was auf Streit und Kampf hindeuten könne. »Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whisky,« schloß er dann seine Rede, »und sie werden Eure Gesundheit trinken. Es ist ja doch besser, mit Denen, die unsere Nachbarn in Stadt und Haus sind, friedlich und freundlich beisammen, als in immerwährendem Streit und Hader zu leben.« Der Yankee hatte bei den ruhigen Worten des Advocaten, den er selbst schon seit längerer Zeit als einen ordentlichen und, wenn es galt, auch entschlossenen Mann kannte, den Büchsenkolben gesenkt, ohne jedoch die rechte Hand vom Schlosse zu entfernen, und erwiderte jetzt freundlich: »Es ist recht hübsch von Ihnen, Mr. Dayton, daß Sie nach besten Kräften Streit und Blutvergießen gehindert haben – mancher Ihrer Herren Kollegen hätte das nicht gethan. Damit Sie denn auch sehen, daß ich keineswegs geneigt bin, mit den guten Leuten, gegen die ich ja sonst nicht das Mindeste habe, wieder auf freundschaftlichen Fuß zu kommen, so bin ich gern erbötig, eine volle Gallone zum Besten zu geben, aber – ich will sie hinausschicken. – Ich habe Ladies hier im Hause und die Gentlemen draußen werden gewiß selbst damit einverstanden sein, ihren Brandy im Freien zu trinken und sich nicht dabei durch die Gegenwart von Damen gestört zu wissen.« »Hallo – Brandy?« rief der mit der Narbe – »wollt Ihr uns wirklich eine Gallone Brandy geben und dabei erklären, daß Euch das Geschehene leid sei?« »Allerdings will ich das!« erwiderte Jonathan Smart, während ein leichtes spöttisches Zucken um seine Mundwinkel spielte, »und zwar vom vortrefflichsten Pfirsich-Brandy, den ich im Hause habe – sind die Herren damit einverstanden?« »Ei – Bootshaken und Enterbeile – ja!« nahm der Bleiche das Wort – »heraus mit dem Brandy, – wenn Unterröcke drin sitzen, wird's einem ordentlichen Kerl doch nicht so recht behaglich zu Muthe – aber schnell, Smart – Ihr trefft uns heute in verdammt guter Laune und könnt Euch gratuliren; laßt uns deshalb also auch nicht lange warten.« Fünf Minuten später erschien ein starker, breitschulteriger Neger, mit achtem Wollkopf und fast ungewöhnlich streng ausgeprägten äthiopischen Gesichtszügen, in der offenen Thür und trug – während er die Versammlung, jedoch noch immer mißtrauisch, bald links bald rechts zu betrachten schien – in dem linken Arme eine große, breitbäuchige Steinkruke, in dem andern ein halbes Dutzend Blechbecher. Die Schaar empfing ihn aber jubelnd, untersuchte vor allen Dingen das Getränk, ob es auch wirklich der gute, ihnen versprochene Stoff sei, und zog dann jauchzend dem Fluß zu, wo sie an Bord eines dort liegenden Flatbootes gingen und bis in die späte Nacht hinein zechten und tobten. Dayton dagegen blieb noch eine Weile stehen und blickte den Davontobenden still und, wie es schien, ernst sinnend nach. Smart aber störte ihn bald aus seinem Nachdenken auf; – er lehnte die Büchse oben an einen Pfosten der Veranda und stieg zu dem ihm so freundlich zu Hülfe gekommenen Richter nieder. »Dank' Euch, Sir,« sagte er hier, während er ihm freundlich die Hand entgegenstreckte, »dank' Euch für Euer sehr zeitgemäß eingelegtes Wort – Ihr hättet zu keinem gelegeneren Moment dazwischen treten können.« »Nicht mehr als Bürgerpflicht,« lächelte der Richter; »die Menge läßt sich gern von einem entschlossenen Manne leiten, und wenn man den richtigen Zeitpunkt auch richtig trifft, so vermag ein einzelnes ernstes Wort oft Gewaltiges.« »Nun, ich weiß nicht« – meinte Smart kopfschüttelnd, während er einen nichts weniger als freundlichen Seitenblick nach dem Fluß hinab warf, »dergleichen Volk läßt sich sonst nicht leicht, weder von freundlicher Rede, noch von feindlicher Waffe zurückschrecken. Es sind meistens Leute, die nichts weiter auf der Welt zu verlieren haben als ihr Leben, und deshalb der Gefahr, da sie das Leben keinen Pfifferling achten, trotzig entgegengehen. Ich bin übrigens doch froh, so wohlfeilen Kaufes losgekommen zu sein, denn – Blut zu vergießen ist immer eine häßliche Geschichte. Aber so tretet doch einen Augenblick in's Gastzimmer, ich komme gleich nach – muß nur erst einmal nach meiner Alten in der Küche sehen und alles Nöthige bestellen.« »Ich dank' Euch,« sagte der Richter, »ich muß nach Hause. – Es sind mit dem letzten Dampfboot heut Briefe angekommen, und vom Fluß herunter habe ich auch – mehrerer Geschäftssachen wegen – einen Besuch zu erwarten. Wollt Ihr mir aber einen Gefallen thun, so kommt Ihr nachher ein bischen zu mir herüber. – Bringt auch Eure alte Lady mit – ich habe überdies noch Manches mit Euch zu besprechen.« »Meine Alte wird wohl daheim bleiben müssen,« sagte der Yankee lächelnd, »wir haben das Haus voll Leute, aber ich selbst – ei nun, ich bin überdies recht lange nicht bei Mrs. Dayton gewesen – die – Burschen werden doch nicht etwa noch einmal kommen?« – »Habt keine Angst,« beruhigte ihn der Richter – »das Volk ist wild und hitzköpfig, auch wohl ein wenig roh – aber überdachter Schlechtigkeit halte ich sie nicht für fähig. Sie hätten Euch vielleicht im ersten wilden Zorn das Haus über dem Kopfe angesteckt; den aber erst einmal verraucht, so wird auch Keiner mehr daran denken, Euch zu belästigen.« »Desto besser,« sagte Jonathan Smart, »Angst hätte ich übrigens auch nicht – mein Scipio hält, wenn ich fort bin, Wacht, und der Hornruf aus dem Fenster kann mich überall in Helena erreichen. – Also auf Wiedersehen – in einem halben Stündchen komme ich hinüber.« Er trat bei diesen Worten, während der Richter seiner eigenen Wohnung zuschritt, in's Haus zurück und stand gleich darauf vor seiner »besseren Hälfte«, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, die er übrigens, theils durch die überhäufte Arbeit, theils durch die vorgegangene Scene, in der übelsten Laune von der Welt fand. Mrs. Smart war denn auch keineswegs die Frau, die irgend einen Groll lange und heimlich mit sich herum getragen hätte. Was ihr auf dem Herzen lag, mußte heraus, mochte es sein, was es wollte. So schob sie sich denn auch, als sie ihren Herrn und Gemahl nahen hörte, das Sonnenbonnet, das sie der Kamingluth wegen auch in der Küche trug, zurück, stemmte beide Arme – in der Rechten noch immer den langen hölzernen Kochlöffel haltend – fest in die Seite und empfing den langsam herbeischlendernden Gatten mit einem scharfen: »So – was hat der Herr denn heute wieder einmal für ganz absonderlich gescheidte Streiche angerichtet? Man darf den Rücken nicht mehr wenden, so ist irgend ein Unglück in Anmarsch, und kein Kuchen kann im ganzen Neste gebacken werden, ohne daß Mr. Smart seinen Finger und seine Nase hineinstecken müßte.« »Mrs. Smart,« sagte Jonathan, der gerade jetzt viel zu guter Laune war, um sich diese durch den Unwillen seiner Gattin verderben zu lassen – »ich habe heut ein Menschenleben gerettet, und das, sollte ich denken –« »Ach was da, Menschenleben« – unterbrach ihn in allem Eifer Mrs. Smart – »Menschenleben hin, Menschenleben her – was geht Dich das Leben anderer Leute an. An Deine Frau solltest Du denken, aber die mag sich schinden und quälen, die mag sich mühen und placken, das ist diesem Herrn der Schöpfung ganz einerlei. Er wirft auch die Gallonen guten Pfirsich-Brandy gerade so auf die Straße hinaus, als ob er sie da draußen gefunden hätte, während ich hier im Schweiße meines Angesichts arbeiten und unser Aller Brod verdienen muß –« – »wäre mit der gehabten Mühe keineswegs zu theuer erkauft gewesen« – fuhr Smart ruhig, ohne die Unterbrechung seines Weibes auch nur im Mindesten zu beachten, fort. »Ich sage Dir aber: es wäre zu beachten gewesen,« eiferte die hierdurch nur noch mehr erzürnte Frau – »es wäre zu beachten gewesen, wenn Du nur so viel Gefühl für Dein eigen Fleisch und Blut hättest. Aber Philippchen kann heranwachsen und groß werden – das kümmert Dich nicht. – Nach Deiner Wirthschaft geht Alles zu Grunde und muß Alles zu Grunde gehen, und wenn der arme Junge einmal das Alter hat, so wird er wohl nicht einmal eine Stelle haben, wohin er sein Haupt legt – Du Rabenvater.« »Der Rabenvater hatte auch keine Stelle, wo er sein Haupt hinlegen konnte, als er heranwuchs« – lächelte Mr. Smart gutmüthig und rieb sich dabei die Hände – »Mr. Smart senior gab ihm aber allerlei gute Lehren, und die haben denn auch so gute Früchte getragen, daß sich Smart junior nach mehrmaliger Ernte das schönste Gasthaus in ganz Helena bauen konnte. – Smart senior ist nun todt, und Smart junior ist Smart senior geworden; wenn also in natürlicher Folge Smart junior jetzt –« »Nun hör' einmal auf mit all' dem Unsinn von senior und junior – geh an Dein Geschäft, besorge die Pferde, die draußen im Stalle stehen – schick' mir den Neger her und laß ihn Bohnen aus dem Felde bringen. Zum Kaufmann muß er auch hinübergehen, um das Faß Zucker zu holen – Mann, Du wirst mich mit Deinem Leichtsinn noch in die Grube bringen.« »– dem Rathe des Smart senior so folgt, wie Smart senior damals dem Rath seines Vaters folgte,« fuhr der unverwüstliche Yankee ruhig und unbekümmert fort – »so ist alle Hoffnung vorhanden, daß auch ohne unser Zuthun Smart junior schon seinen Lebensunterhalt auf anständige Weise gewinnen werde.« »Scipio soll hierher kommen,« schrie jetzt Mrs. Smart, wirklich zur äußersten Wuth getrieben, während sie mit dem Fuße stampfte und den Stiel des Löffels auf den einzigen kleinen Tisch niederstieß – »hörst Du, Jonathan? – Scipio soll herkommen, und nun fort mit Dir, Mensch, der Du meinen Tod willst, oder ich gebrauche, so wahr mich unser lieber Herrgott erhören soll, mein Küchenrecht.« [Das hier gemeinte und in Nordamerika so geltende Küchenrecht, was nicht selten, besonders auf Dampfbooten, seine Anwendung findet, besteht darin, einen Kochlöffel voll siedenden Wassers gerade über dem, den man aus der Küche haben will, an die Decke zu schleudern, daß, wenn er sich nicht rasch durch die Flucht den Folgen entzieht, die heiße Fluth auf ihn hinabträufelt.] – Und mit raschem Griff erfaßte sie den kupfernen langstieligen Schöpfer und fuhr damit in den Kessel voll siedenden Wassers, der über dem Feuer zischte und sprudelte. Nun wußte Mr. Smart allerdings, daß es zwischen ihnen, trotz dem von Seiten Madames oft hitzig geführten Zungenkampf, nie zu Tätlichkeiten kam, denn Madame kannte zu gut den ernsten und festen Sinn ihres Mannes, so etwas je zu wagen. Um aber auch jedem Wortwechsel ein Ende zu machen und die erzürnte Ehehälfte, die ihm sonst eine brave und treue Gattin war, freundlicher zu stimmen, zog er sich ruhig zur Thür zurück und frug nur hier, die Klinke in der Hand, »ob Mrs. Smart sonst noch etwas zu bestellen habe da er ein paar Geschäftswege abmachen müsse.« Diesen Rückzug nahm Madame übrigens als ein still schweigendes Zeichen der Anerkennung ihrer Autorität, um bedeutend milder gestimmt, goß sie das kochende Wasser wieder zurück in sein Gefäß, wischte sich mit der Schürze den Schweif von der gerötheten Stirn und sagte in noch halb ärgerlichem aber doch nicht mehr heftigem Tone: »Nein, Mr. Smart – wenn Sie Ihre Geschäfte außer dem Hause haben, so brauchen Sie sich auch nicht um die meinigen zu kümmern. – So viel sage ich Ihnen aber, die Pferde –« »Sind sämmtlich gefüttert und besorgt,« bemerkte Smart. – »Und das Faß Zucker –« »Steht in der Bar.« »Aber die Bohnen –« »Sind von Scipio schon vor einer halben Stunde gepflückt worden.« »Und die beiden Zimmer, die noch für die letztgekommenen Gäste geräumt werden sollten –« »Können jeden Augenblick bezogen werden,« lächelte Jonathan – »Mr. Smart und Scipio haben das Alles besorgt – sonst noch etwas?« Madame – jetzt wirklich ärgerlich, daß weiter gar nichts zu bemerken war, arbeitete mit immer größerem Eifer und immer röther werdender Physiognomie in den Kohlen herum auf die sie sich schon zweimal vergebens bemüht hatte, den schweren eisernen Kessel zu heben. Jonathan aber, dies bemerkend, sprang rasch hinzu – ergriff die Haken und schwang das mächtige Gefäß mit leichter Mühe auf seinen Ort, wandte sich dann lächelnd nach seiner kaum noch schmollenden Ehe Hälfte um, drückte ihr einen raschen, aber nichtsdestowenige derbgemeinten Kuß in das rothe, gutmüthige Gesicht und stieß im nächsten Augenblick – aus Leibeskräften den Yankeedoodl pfeifend und die Hände tief in die Beinkleidertaschen vergraben – mit raschen Schritten zur Thür hinaus in's Freie.
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