Kapitel 4

2255 Worte
Leahs Sicht Ich folgte Mia in die von Finn geführte Logistikfirma. Der Ort war nicht schick, nur ein bescheidenes Büro mit verstreuten Papieren und müde aussehenden Möbeln, aber er hatte Potenzial. Obwohl ich gehört hatte, dass das Unternehmen mit Verlust lief, konnte ich erkennen, dass sich noch jemand darum kümmerte. Vielleicht hatte Finn noch nicht aufgegeben. „Ich bin so froh, dass er beschlossen hat, mir diesen Job zu geben“, sagte ich lächelnd, während ich den Raum auf mich wirken ließ. Es war vielleicht nicht viel, aber für mich war es alles. „Ich habe es dir doch gesagt“, meinte Mia und warf mir einen Blick über die Schulter zu. „Finn ist nicht so kaltblütig, wie die Leute denken. Stell nur sicher, dass du deine Arbeit fleißig machst. Er hat keine Geduld für Faulheit.“ „Ich werde das nicht vermasseln“, versprach ich. Meine Brust zog sich leicht zusammen. Ich konnte es mir nicht leisten, irgendetwas zu vermasseln. „Gut.“ Sie stieß die Tür weiter auf und trat zur Seite, damit ich eintreten konnte. „Das ist deine Chance. Vergeude sie nicht.“ Ich atmete tief durch und trat ein. Das war meine Gelegenheit, mich zu beweisen.. Ich ging zum Regal, meine Augen glitten über die ordentlich gestapelten Akten, während ich versuchte, mich zu konzentrieren, versuchte zu atmen. Aber irgendetwas fühlte sich falsch an. Ich griff nach der Schublade des Tisches, zog sie auf – und erstarrte. Zwei Pistolen. Schlank, tödlich und viel zu selbstverständlich neben einem Päckchen Patronen liegend. Ein scharfer Schock aus Angst schoss mir wie Elektrizität durch die Adern. Wie zum Teufel kamen sie an Schusswaffen? Mit klopfendem Herzen schlug ich die Schublade zu, nur um ein Metallblitzen am Boden zu sehen. Noch eine Pistole. Einfach so daliegend, als ob sie dazugehörte. Als wäre sie Teil der Einrichtung. Das konnte keine normale Logistikfirma sein. Kein Logistikunternehmen hat Waffen herumliegen wie Schreibwaren. Meine Gedanken stürzten ins Chaos. Meine Instinkte schrien, dass ich rennen sollte, aber ich zwang mich zu atmen. Ich war nicht hier, um in Panik zu geraten – ich hatte einen Grund, hierherzukommen. Ich musste mich konzentrieren, die Furcht, die sich an meine Brust klammerte, überwinden. Mit steifen Beinen und rasendem Herzen drehte ich mich zurück zum Regal. Eins nach dem anderen nahm ich die Akten heraus und legte sie auf den Tisch, blätterte methodisch jede Mappe durch. Während ich die Dokumente durchging, fiel mir eine Akte mit der Aufschrift „Finanzen“ auf. Ich öffnete sie und begann, den Inhalt zu prüfen. Auf den ersten Blick schien alles gewöhnlich – aber etwas stimmte nicht. Die meisten Menschen würden nichts Ungewöhnliches bemerken. Aber für jemanden wie mich – eine erfahrene Finanzexpertin – waren die Unregelmäßigkeiten unübersehbar. In den Zahlen war etwas Verdächtiges verborgen. Ich beugte mich näher vor, die Augen verengt, während ich die Zahlen Zeile für Zeile überflog. Es gab subtile Unstimmigkeiten – Zahlen, die nicht ganz übereinstimmten, Ausgaben, die unter verschiedenen Überschriften doppelt auftauchten, und eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Bartransaktionen ohne klare Erklärung. Alles war geschickt verschleiert, aber nicht geschickt genug. Obwohl ihr Geschäft zwielichtig wirkt, sieht es nicht nach etwas aus, das gewöhnliche Leute tun würden. Ich werde Mia später fragen, womit sie wirklich zu tun haben, aber zuerst muss ich der Sache auf den Grund gehen. Ich zog mein Notizbuch hervor und begann, Notizen zu machen, Daten und Kontencodes zu vergleichen. Wer auch immer das gemacht hatte, wusste genug, um es sauber aussehen zu lassen – aber nicht genug, um jemanden wie mich zu täuschen. Ein bestimmter Eintrag stach hervor: eine Überweisung mit der Bezeichnung „Beratungsgebühren“ an eine Scheinfirma, die ich nicht kannte. Der Betrag war groß – zu groß für eine routinemäßige Zahlung – und der Zeitpunkt stimmte verdächtig mit einer ins Stocken geratenen internen Prüfung überein. Ein Schauer kroch mir den Rücken hinunter. Das war nicht einfach nur schlampige Buchführung. Es war Absicht. Langsam schloss ich die Akte, mein Kopf raste bereits vor Fragen. Wer hat diese Zahlungen genehmigt? Warum die Vertuschung? Und am wichtigsten – wie tief ging das alles? Ich musste das Finn zeigen. Das konnte sehr wohl der Grund sein, warum das Geschäft den Bach runterging. Die Akte fest in meiner Hand haltend, verließ ich das Firmengebäude, mein Kopf voller Möglichkeiten und Konsequenzen. Ich machte mich auf den Weg zu Finns Wohnung und klopfte fest an die Tür. Fast sofort schwang sie auf. Mein Herz setzte einen Schlag aus, als ich sein tödliches Gesicht sah. Ich muss zugeben, Finn ist derjenige, der mir in diesem Leben am meisten Angst macht. „Was ist das Problem?“ fragte er, seine Stimme tief und angespannt. Eine tiefe Stirnfalte zeichnete sich in seinem Gesicht ab, und für einen Moment war ich fast wie gelähmt. „Ich muss etwas mit dir besprechen – und mit dem Rest der Gang“, sagte ich vorsichtig und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten. Aber Finn starrte mich nur an, musterte mich von Kopf bis Fuß, als spräche ich eine Sprache, die er nicht ganz verstand. Nach einer langen Pause sprach er schließlich. „Komm mit mir.“ Ohne ein weiteres Wort folgte ich ihm hinein, die Akte fest unter meinen Arm geklemmt, als enthielte sie ein lebendiges Geheimnis. Wir gingen durch den düsteren Flur, unsere Schritte hallten leise auf den Holzdielen wider. Die Luft drinnen war d**k von Zigarettenrauch und dem schwachen Geruch von abgestandenem Kaffee. Finn sagte kein Wort, während er mich in einen Hinterraum führte, in dem sich der Rest der Gang normalerweise traf – ein zusammengewürfelter Haufen von Stühlen um einen abgenutzten Tisch, übersät mit Aktenordnern, leeren Tassen, Patronen und Pistolen. Als wir eintraten, drehten sich Köpfe. Jeder erhob sich, um ihn zu begrüßen, mit einer Mischung aus Angst und Respekt, als wäre er die Hauptfigur in einem Mafiafilm. Ich kann ihnen nicht die Schuld geben – ich habe auch Angst vor ihm. Finns bester Freund und Stellvertreter, immer der Skeptiker, hob eine Augenbraue. Einer der Gangmitglieder, den ich als Philip kannte. Philip ist der Späher in der Gang, seine Arbeit ist es, die Umgebung zu überwachen und Informationen zu sammeln. Ich schaute von seinem Telefon auf, sein Ausdruck war undurchschaubar. Ben lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Arme verschränkt, und beobachtete mich mit vorsichtiger Neugier. Finn gab mir mit einer Handbewegung zu verstehen, dass ich sprechen sollte. Ich trat vor, legte die Akte vorsichtig auf den Tisch und schlug sie bei den markierten Seiten auf. „Ich habe etwas in den Finanzunterlagen gefunden“, begann ich, meine Stimme fest, aber leise. „Auf den ersten Blick sieht alles sauber aus. Aber es gibt Muster – versteckte Überweisungen, falsche Rechnungen, Scheinfirmen. Es ist subtil, aber absichtlich.“ Ich sah mich im Raum um. „Das ist nicht nur schlechte Buchhaltung. Jemand saugt das Unternehmen von innen aus.“ Eine Stille fiel über den Raum wie ein herabfallender Vorhang. Ben, einer der Soldaten, die Aufgaben ausführten und Befehle durchsetzten, war der Erste, der sich bewegte. Er beugte sich vor, um die Zahlen genauer zu betrachten. „Bist du dir da sicher?“ fragte er, seine Stimme jetzt leiser. Ich nickte. „Ganz sicher. Das sind keine Fehler. Das sind Züge.“ Leon fluchte leise vor sich hin. Philip legte schließlich sein Telefon weg. Finn schwieg einen Moment, sein Kiefer spannte sich an. „Wenn das stimmt, was du sagst“, sagte er, „dann haben wir irgendwo in der Nähe einen Verräter sitzen.“ „Ja, das denke ich auch“, erwiderte ich. In einer schnellen, furchteinflößenden Bewegung erhob er sich vom Stuhl, zog eine Waffe aus seiner Tasche und feuerte einen Schuss direkt in die Wand. Der ohrenbetäubende Knall hallte durch den Raum. Ich zuckte zusammen, packte meinen Kopf, mein Herz raste. Was zum Teufel habe ich mir da eingebrockt? Finn drehte sich um, die Augen lodernd, und richtete die Waffe nacheinander auf die Gangmitglieder. „Wer von euch hat das getan?“ knurrte er, seine Stimme kalt und tödlich. Ohne zu zögern fielen sie alle auf die Knie, zitternd vor Angst. Die Stille, die folgte, war dicht – so schwer, dass es sich anfühlte, als sei die Luft selbst gefroren. Niemand wagte zu sprechen. Das einzige Geräusch war das leise Summen des Deckenventilators und das Verhallen des Schusses, das mir noch in den Ohren klingelte. Finns Blick glitt durch den Raum, die Waffe immer noch erhoben, sein Finger ruhte leicht auf dem Abzug. Schon seine bloße Präsenz konnte einen Mann ersticken. „Ich sagte“ – seine Stimme sank zu einem Flüstern, kälter als ein Schrei – „wer war es?“ Eines der Gangmitglieder, ein Kerl, den ich kaum wiedererkannte, begann unkontrolliert zu zittern. Schweiß lief ihm das Gesicht hinunter, während er langsam die Hand hob. „I-ich wusste nichts davon“, stotterte er. Bang! Ein weiterer Schuss hallte, dieses Mal schlug er nur wenige Zentimeter von dem Fuß des Kerls entfernt in den Boden ein. Er schrie auf und fiel mit dem Gesicht voran hin, schluchzend. „Ich habe nicht nach deinen Ausreden gefragt“, sagte Finn tonlos. „Ich habe nach der Wahrheit gefragt.“ Ich stand wie erstarrt, versuchte meinen Atem zu beruhigen, versuchte unsichtbar zu bleiben. Mein Kopf raste – Was mache ich hier? Warum habe ich jemals ja zu diesem Job gesagt? Finn senkte schließlich die Waffe und warf mir einen Blick zu. „Denkst du immer noch, dass du für dieses Leben bereit bist?“ fragte er, die Stimme leise, aber scharf wie eine Klinge. Ich schluckte hart und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. Kein Zurück mehr. Der Raum schien sich um uns herum zu verengen. Und plötzlich fühlte sich der Einsatz viel, viel höher an. „Finn, du musst dich beruhigen“, sagte Mia, ihre Stimme fest, aber vorsichtig. „Die Kontrolle zu verlieren wird nichts lösen. Denkst du nicht, es ist klüger, erst den Schaden zu beheben… und den Verräter später zu finden?“ Die anderen Gangmitglieder nickten stumm zustimmend, ihre Gesichter bleich vor Angst. „Gut, vergessen wir den Verräter fürs Erste“, sagte Finn, seine Stimme angespannt vor Dringlichkeit. „Was denkst du, können wir tun, um das Geschäft wieder normal laufen zu lassen? Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie die Firma zusammenbricht.“ An seinem Tonfall konnte ich erkennen, dass er mir vollkommen vertraute – und unter der Anspannung lag ein Funken Hoffnung. Er war wirklich zufrieden mit dem, was ich bisher herausgefunden hatte. „Ich glaube, ich habe eine Idee“, murmelte ich, mein Kopf bereits voller Möglichkeiten. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und rieb sich die Schläfen. „Sprich mit mir, Leah. Ich brauche etwas Handfestes. Jeden Tag verlieren wir mehr Geld, und die Kunden verschwinden wie Rauch. Wenn wir nicht schnell handeln, wird es nichts mehr geben, was man retten kann.“ Ich holte tief Luft. „Mir ist etwas bei den Kundenrechnungen aufgefallen. Einige unserer größten Accounts… sie zahlen uns nicht mehr.“ Sein Kopf schnellte hoch. „Wie meinst du, sie zahlen uns nicht mehr? Zahlen sie nicht?“ „Nein“, sagte ich entschieden. „Sie zahlen nicht. Sie zahlen jemand anderem.“ „Was?“ Seine Stimme war jetzt scharf, Wut verdrängte die Verzweiflung. Ich zog eine Kopie des Hauptbuchs hervor, das ich bei mir hatte. „Sieh hier. Es gibt doppelte Rechnungen – eine von unserer Firma geschickt, und eine fast identische von einer Scheinfirma. Die Kunden denken, sie arbeiten immer noch mit uns, aber die Zahlungen werden umgeleitet.“ Finn starrte auf die Papiere, sein Gesicht erblasste. „Also… jemand hat unsere Einnahmen abgeschöpft. Und sie haben mit unserer eigenen Kundenbasis ein Konkurrenzgeschäft aufgebaut.“ „Ja“, sagte ich. „Deshalb sind unsere Zahlen eingebrochen. Es sind nicht nur Marktkräfte – es ist Sabotage von innen.“ Einen langen Moment lang hing Stille zwischen uns. Dann spannten sich Finns und der anderen Kiefer an, Finns Knöchel wurden weiß, als er die Tischkante umklammerte. „Wer auch immer das getan hat, wird es bereuen, ich werde dafür sorgen, dass die Person sich wünscht, nie geboren zu sein“, sagte er durch zusammengebissene Zähne. „Aber zuerst müssen wir die Blutung stoppen. Was tun wir?“ „Ich habe einen Plan“, sagte ich ruhig. „Zuerst nehmen wir Kontakt zu den ClieFinn auf, machen sie auf den Betrug aufmerksam und holen sie wieder unter unsere Fittiche. Zweitens sperren wir alle Finanzkonten und prüfen jede Abteilung. Und drittens…“ Ich zögerte. „Finden wir heraus, wer hinter der Scheinfirma steckt, und sorgen dafür, dass sie uns nicht vollständig zerstören können.“ Finn nickte langsam, seine Augen verhärteten sich vor Entschlossenheit. „In Ordnung. Gehen wir an die Arbeit. Was immer es kostet, wir werden uns diese Firma zurückholen.“ „Wow, Leah, wir wussten nie, dass du für uns so wertvoll sein würdest. Wir sind wirklich froh, dich hier zu haben“, sagte eines der Gangmitglieder, und die anderen nickten zustimmend, ihre Gesichter brachen in Lächeln aus. Mia stand von ihrem Stuhl auf und klatschte in die Hände. „Bruder, du musst jetzt stolz sein, oder? Ich habe dir gesagt, du würdest es nicht bereuen, Leah zu vertrauen. Sieh dir an, was sie schon an ihrem allerersten Tag aufgedeckt hat und welche Lösung sie vorgeschlagen hat!“ Ein schwaches Lächeln schlich sich über Finns Gesicht, als er mich ansah. „Du hast ausnahmsweise recht, Mia“, erwiderte er, seine Stimme leichter als zuvor.
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