Kapitel 10: Wunden der Vergangenheit

2287 Worte
Es war Frühling, und der Vollmond glühte in einem bedrohlichen Rot, hing niedrig über den Baumwipfeln, als wolle er sich auf die Erde stürzen. Sein gespenstisches Licht hüllte die Lichtung und das verfallene Krankenhaus in eine Atmosphäre von Unheil. Die Nacht war kühl und klar, und Jinx blieb vorerst in ihrer Wolfsform. Ihre geschmeidigen Bewegungen und scharfen Sinne schienen eins mit der Dunkelheit, die sich wie ein stiller Beobachter um sie legte. Gemeinsam traten sie über die Schwelle des Krankenhauses, wobei jeder ihrer Schritte Staub aufwirbelte, der in der roten Mondstrahlung wie flimmernde Geister wirkte. Ihre Krallen kratzten leise über die hölzernen Dielen der Eingangshalle, deren Mitte eine altmodische, halbrunde Rezeption einnahm – ein stummer Zeuge des Chaos. Die beiden Stühle lagen umgestürzt, Papiere waren über den Boden verstreut, und ein Aktenschrank war zerborsten, als hätte er einem wütenden Angriff nicht standhalten können. Das Gebäude wirkte wie aus einer vergangenen Ära, seine dunklen Holztöne und die breiten Treppen mit schwungvollen, verzierten Geländern erinnerten an ein anderes Jahrhundert. Doch die einstige Eleganz wurde von Spuren der Zerstörung überschattet: Die stockfleckigen grünen Tapeten mit Wildrosen hingen in Fetzen, ihre einstige Schönheit zerschlagen. Zerbrochene Wandleuchten aus den 1920er Jahren lagen wie verletzte Erinnerungen am Boden, während eingeschlagene Fenster den kalten Luftzug hineinließen. Ihre Schritte waren vorsichtig, jedes Knirschen der Glasscherben unter ihren Klauen hallte wie eine leise Warnung durch die unheimliche Stille. Neben der Treppe und zu beiden Seiten der Eingangshalle befanden sich Türen, deren Messingschilder in der Dunkelheit kaum zu erkennen waren. Die Gravur darauf schien in den Schatten der Nacht fast zu verschwinden und ließ die Wölfe zwangsläufig näherkommen. Zögernd nahmen sie nun doch ihre menschlichen Gestalten an. Jinx spürte die Kühle der Nacht auf ihrer Haut, als ihre geschmeidige Wolfsform sich zurückzog. Es fühlte sich verletzlich an, fast falsch – doch ihre Hände waren für das Öffnen der Türen unverzichtbar. Hinter der rechten Tür fanden sie ein Umkleidezimmer, dessen Staub und verfallene Spinde die Vergangenheit des Ortes widerspiegelten. Erleichtert schlüpfte Jinx in eine Krankenschwesternuniform, die fremd und seltsam schwer auf ihrer Haut lag, wie eine Maske, die sie für einen Augenblick in eine andere Zeit versetzte. Tiberius zog die Kleidung eines Pflegers über, seine Bewegungen ruhig, doch mit einem Hauch von Unsicherheit. Maya hingegen fand eine graue Robe samt Umhang, deren Länge zwar nicht perfekt war, aber ihre zierliche Figur vorteilhaft zur Geltung brachte. Die Stickereien auf dem Stoff schienen wie kleine Geheimnisse, die sie nicht entschlüsseln konnte. Diese Robe, dachte Jinx, musste einer der Hexen gehört haben, die einst das Krankenhaus geführt hatten. Sie fragte sich, ob die Geschichten über ihre Macht wahr waren – Alphas sprachen ihren Namen stets mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Furcht aus. „Was genau suchen wir hier eigentlich?“, durchbrach Tiberius die Stille. Jinx schaute von ihm zu Maya, deren neugieriger Blick inzwischen Aufmerksamkeit und nicht mehr nur Scheu zeigte. In ihrem Kopf tobte ein Sturm. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, die beiden mitzunehmen? Sie kannte ihre Gesichter – mehr nicht. Konnte sie die beiden wirklich zu ihren Verbündeten zählen? War es genug, dass sie verhindert hatte, was Maya offenbar bereits Dutzende Male ertragen hatte? Was, wenn einer von ihnen sie verriet? Allerdings konnte sich Jinx kaum vorstellen, dass sich Aurelia jemals mit so niedrigen Rudelmitgliedern abgegeben hätte. Vermutlich existierten die beiden für sie nicht einmal – ebenso wenig, wie sie nicht einmal vierundzwanzig Stunden zuvor für Jinx existiert hatten. Der Gedanke ließ einen Funken von Reue in ihr aufflackern. Sie wusste, wie schnell sie über andere geurteilt hatte, doch jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als den beiden zu vertrauen – ein Sprung ins Ungewisse. „Es hat sich doch bestimmt herumgesprochen, dass Aurelia und ich kurz nach unserer Geburt vertauscht worden sind, oder?“, begann sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einem Hauch von Zögern. Ihre Augen blieben auf den Geschwistern, auf der Suche nach einem Zeichen von Verständnis. Die beiden nickten, gespannt und ruhig, ohne ein Wort zu verlieren. „Wir wurden damals in diesem Krankenhaus geboren. Valerian, Aurelia und ich“, fuhr sie fort, ihre Worte etwas fester jetzt. „Als das Krankenhaus von Abtrünnigen überfallen wurde, haben sie Aurelia entführt, und der Beta nahm mich als seine Tochter auf.“ „Und... was ist mit deinen Eltern passiert?“, fiel Maya ein, ihre Stimme leise, aber neugierig. Jinx bemerkte, wie die junge Omega sich leicht vorbeugte, ihre Aufmerksamkeit ganz auf sie gerichtet. Ein Lächeln breitete sich über Jinx’ Gesicht aus. Dieser scharfe Verstand ließ sie glauben, dass Maya vielleicht weit mehr Potenzial hatte, als sie zugeben wollte. „Deshalb bin ich hier“, erklärte sie, ihre Stimme entschlossen. „Im Herrenhaus wollte mir niemand sagen, wer meine wahren Eltern waren. Dies hoffe ich hier herauszufinden. Oder zumindest Näheres darüber, was in jener Nacht geschah. Es ist lange her, aber irgendwelche Hinweise müssen doch noch übrig sein.“ „Es sei denn, jemand hat sie beseitigt“, murmelte Tiberius düster. Seine Worte hallten in Jinx wider, wie ein Schatten, der sich nicht abschütteln ließ. Vielleicht war es töricht, hier Antworten zu suchen. Vielleicht war es albern zu glauben, dass Spuren noch existierten. Doch sie schüttelte diese Gedanken entschieden ab. „Möglich wäre es“, sagte sie schließlich mit fester Stimme, „aber lasst uns dennoch nachsehen.“ Damit verließ Jinx den Umkleideraum und marschierte entschlossen auf die Tür auf der anderen Seite der Treppe zu. Hinter ihr lag ein Pausenraum der Belegschaft, der wie die Empfangshalle in einem heillosen Chaos versunken war. Umgestürzte Stühle, zerschmetterte Porzellantassen und ein erloschener Wasserspender erzählten stumm von einer Vergangenheit, die in Eile und Panik zurückgelassen worden war. Hier würden sie wohl kaum etwas Nützliches finden. Mit einem leisen Seufzen zog Jinx die Tür wieder zu und wandte sich den anderen zu. „Sollen wir uns... vielleicht aufteilen?“, schlug Maya vor, ihre Stimme schüchtern, doch ihre Augen blickten wachsam. Jinx überlegte kurz und nickte dann. „In Ordnung. Dann gehe ich nach oben, und ihr sucht jeweils im Ost- und Westflügel.“ Die düsteren, verwüsteten Gänge erstreckten sich vor ihr wie unendliche Tunnel, ihre Schatten flackerten unruhig im Mondlicht, das durch zerbrochene Fenster hereindrang. Ein unangenehmes Kribbeln zog durch Jinx, doch sie unterdrückte die aufkommende Angst. Ihr Puls beschleunigte sich, ein schneller Schlag gegen ihre Rippen, der sich in den Ohren der Wölfe wie ein Donnerschlag anfühlen musste. Ihre Wölfin würde sie warnen – zumindest hoffte sie das. „Aber was genau suchen wir denn?“, fragte Tiberius und warf ihr einen ratlosen Blick zu. Seine Hände zuckten leicht, als würde er versuchen, seine Unsicherheit zu verbergen. Jinx zuckte mit den Schultern und hob ihre Hände in einer hilflosen Geste. „Das weiß ich auch nicht so genau. Nach Akten, Namen, Bildern... irgendwas.“ „Ich schätze, wir werden es wissen, wenn wir es sehen“, sagte Maya nüchtern, und Jinx nickte erleichtert. Die Treppenstufen knirschten unter Jinx’ Tritt, ein unheimliches Echo, das durch die kühle Dunkelheit hallte. Ihre Augen glitten aufmerksam über die zerbrochenen Stellen der Stufen, die wie stumme Zeugen von Körpern wirkten, die mit großer Wucht dort aufgeschlagen waren. Jeder Schritt musste bedacht sein, denn die Treppe schien unter ihren Füßen mit den Schrecken der Vergangenheit zu ächzen. Als sie den obersten Treppenabsatz erreichte und einen Blick nach unten warf, wurde sie von den Schatten der Erinnerung erfasst. Vor ihrem inneren Auge entfaltete sich eine Schlacht – so heftig, dass sie die Grenzen von Realität und Vorstellung verwischte. Schreie hallten, ein Sturm aus Körpern, Blut und Magie tobte durch die Nacht und zerriss den Ort, der jetzt nur noch ein Schatten seiner selbst war. Die Angreifer mussten zahlreich gewesen sein, verzweifelt genug, um alles zu riskieren. Sie hatten es nicht nur mit dem Alpha des Rudels zu tun gehabt, sondern auch mit seinem Beta und einem Dutzend erfahrener Krieger. Das Hospital wurde zudem von Hexen geführt, deren Magie eine Macht darstellte, die selbst die stärksten Alphas nicht einzuschätzen vermochten. Doch selbst diese Herausforderung hatten die Abtrünnigen angenommen. Wozu? Jinx ließ ihren Blick erneut nach unten gleiten, als könnte der Ort selbst die Antworten bergen. Was hofften sie zu gewinnen? Die Macht des Alphas? Den Einfluss seines Nachfolgers, der in jener Nacht zur Welt kam? Doch warum dann ein kleines Mädchen? Jede Frage, die sie stellte, schien die Antworten weiter von ihr wegzuschieben. Die Wahrheit war hier, irgendwo verborgen – oder sie war längst zu Staub geworden. Tief in Gedanken versunken starrte Jinx vor sich hin, ehe sie sich einen Ruck gab und die Schilder an der Wand entzifferte. Rechts lagen das Büro der Hospitalleitung, der OP-Saal, ein Besprechungszimmer und der Bereitschaftsraum. Links führte der Gang zum Kreißsaal und zu den Krankenzimmern eins bis zwölf. Mit klopfendem Herzen wandte sie sich nach links, als ein fremder Geruch ihre Nase durchdrang. Beißend und unerklärlich, schien er wie aus der Dunkelheit selbst emporzusteigen. Ihre Augen suchten den Gang ab, ihre Muskeln angespannt, jede Faser ihres Körpers auf Alarm gestellt. Hinter sich glaubte sie, eine Bewegung zu erkennen – ein dunkler Schemen, der geschmeidig über den Korridor huschte, lautlos und unwirklich. Jinx' Atem stockte, als sie das Gefühl hatte, etwas nicht Menschliches vor sich zu haben. Der Schatten hielt kurz inne, dann setzte er sich wieder in Bewegung, schneller jetzt, als hätte er bemerkt, dass sie ihn gesehen hatte. Obwohl sie die Angst wie ein Gewicht in der Brust spürte, eilte sie dem Schatten hinterher. Ihre Schritte hallten durch den leeren Gang, während ihre Gedanken rasten. Sie wollte nach Tiberius und Maya rufen, doch die Furcht, ihren Verfolger aus den Augen zu verlieren, hielt sie stumm. Die Tür zum Besprechungszimmer knarrte leise, dann fiel sie mit einem dumpfen Laut ins Schloss. Der Schemen war verschwunden – und doch konnte Jinx das Echo ihres rasenden Herzschlags noch spüren, als würde es sie vor einer unsichtbaren Gefahr warnen. Sie lauschte angestrengt, doch das einzige, was sie hörte, war ihr eigener schneller Atem und ein leises, hallendes Geräusch, das wie entfernte Schritte klang, die sich im weitläufigen Gebäude zu verlieren schienen. Eilig schlüpfte Jinx wenige Sekundenbruchteile später durch die Tür hinterher. Sofort schlug ihr eine eisige Kälte entgegen, und der modrige Geruch von Schimmel drang dicht und unerbittlich in ihre Nase, wie ein Echo der Zerstörung, das sich in die Wände des Raumes gefressen hatte. Im Dach klaffte ein Loch, die schwarzen Balken ragten in die Nacht wie die Rippen eines gefallenen Riesen, dessen Körper von der Zeit selbst ausgehöhlt worden war. Die Wand war zur Hälfte herausgebrochen und gab den Blick auf den Waldrand frei, wo die Dunkelheit wie ein stiller Wächter lauerte, nur wenige Meter vom Hospital entfernt. Im gleichen Moment, in dem Jinx über die Schwelle des Raumes trat, glitt der Schatten durch das Dachloch nach draußen, lautlos und erschreckend schnell. Fassungslos stürzte Jinx hinterher, ihre Schritte stockten jedoch an der offenen Mauer. Ihre Augen suchten die Dunkelheit, doch die Gestalt war fort – ein flüchtiger Hauch von Bewegung, der die Distanz zum Waldrand mit unmöglicher Geschwindigkeit überwunden hatte. Jinx blinzelte und ein kaltes Zittern zog durch ihren Körper. Wie konnte jemand sich so schnell bewegen? Selbst ein Werwolf war dazu nicht in der Lage. Doch da war noch etwas – dieser eigenartige Geruch. Er war nicht menschlich, nicht wie ein Werwolf, sondern etwas völlig anderes. Ein Gedanke formte sich in ihrem Kopf, unwillkommen und beunruhigend: Hexe. Oder Vampir. Ein eisiger Schauer kroch über ihre Haut, als sie merkte, dass sie allein war. Der Schatten war fort, doch die Gefahr fühlte sich nicht weniger greifbar an. Sie musste sich den anderen anschließen – zusammen waren sie stärker. Immerhin schien ihr Verfolger sie nicht angreifen zu wollen. Wäre es ein Hinterhalt gewesen, wäre er nicht einfach verschwunden. Maya und Tiberius reagierten merklich nervös, als Jinx ihnen von ihrem Verdacht berichtete. „Wir sollten sofort verschwinden“, drängte Tiberius mit angespannter Stimme, seine Augen huschten unruhig über die dunklen Gänge, als erwartete er, dass sich die Schatten jeden Moment bewegen würden. Maya stimmte ihm offenbar zu – ihr Gesichtsausdruck verriet ihre Besorgnis. Dennoch sagte sie: „Lasst uns einfach zusammenbleiben. Jinx hat Recht. Offensichtlich wollte dieser Jemand auf keinen Fall erkannt werden und kommt sicher nicht zurück.“ Ihre Stimme war fester als zuvor, doch leiser fügte sie hinzu: „Es wäre mir trotzdem recht, wenn wir uns beeilen.“ Da musste Jinx ihr zustimmen. Ein Gefühl, ungreifbar und doch überwältigend, lag in der Luft – als würde die Dunkelheit des Ortes selbst etwas verbergen. Sie einigten sich darauf, die vielversprechendsten Orte gemeinsam zu durchsuchen. Zuerst nahmen sie die Aktenschränke hinter der Aufnahme ins Visier. Da sie bei ihrer bisherigen Suche auf kein Archiv gestoßen waren, vermuteten sie, dass wichtige Fälle direkt hier abgelegt worden waren. Und tatsächlich wurden sie schnell fündig. Eine Akte lag direkt auf dem Tresen der Rezeption, seltsam hervorgehoben wie eine Einladung. Jinx zögerte, bevor sie das Dokument aufhob, und ihre Finger zitterten leicht, als sie die ersten Seiten aufschlug. Das Papier fühlte sich kalt und feucht an, und an einigen Stellen waren die Buchstaben von dunklen Wasserflecken verschluckt, als hätte die Wahrheit selbst versucht, sich zu verbergen. War es Ascan gewesen, der vor achtzehn Jahren hier gestanden hatte, dieselben Seiten in der Hand, auf der Suche nach dem Kind, das er mitnehmen würde? Ein Schauer kroch über ihren Rücken. Hatte er in diesem Moment über ein Schicksal entschieden, das sie noch immer nicht ganz verstand? Die Worte auf der Seite verschwammen vor ihren Augen, während ein Knoten aus Angst und Wut in ihrem Magen wuchs. Ihre Hände begannen unwillkürlich zu zittern, und sie musste sich setzen. Mit einem leisen Scharren stellte sie einen der umgestürzten Stühle auf und ließ sich schwer darauf sinken.
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