Die Luft im Raum war schwer, erfüllt von der Wärme der Nacht und dem leisen Atem der Schlafenden. Jinx' Blick fiel sofort auf das Bett: Dort lag niemand anderes als Aurelia – und neben ihr, tief schlafend, Valerian.
Der mächtige Alpha erwachte sofort, als Jinx den Raum betrat. Seine grünen Augen weiteten sich erschrocken, doch sein Blick verschloss sich augenblicklich abwehrend, noch bevor Aurelia sich neben ihm regte. Die Müdigkeit der Nacht lag schwer auf ihm, doch seine Haltung blieb wachsam und angespannt.
„Jinx“, grollte er, seine tiefe, sonore Stimme belegt von Scham. „Was tust du hier?“
„Dasselbe wollte ich dich gerade fragen, Vale“, konterte sie empört. Doch hinter ihrer Empörung lauerte Angst. Hatte Aurelia es wirklich geschafft, Valerian auf ihre Seite zu ziehen?
„Ach, Jinx, du weißt wirklich nicht, wo dein Platz ist“, spottete Aurelia kalt. Von Schlaftrunkenheit war bei ihr keine Spur – ihre Worte waren wie Gift, getränkt mit Hass und Abscheu.
Jinx zuckte zurück, als hätte Aurelias schneidende Worte sie körperlich getroffen. Die Heftigkeit ihrer Abneigung ließ sie erstarren.
„Bitte, Aurelia, nicht…“, begann Valerian mit leiser, fast flehender Stimme, doch seine Worte wirkten schwach und verloren gegen die Wucht ihres Zorns.
„Du hättest niemals hier sein dürfen, Jinx. Wegen dir wurde mir alles genommen – alles, was mir rechtmäßig zustand. Während du alles hattest, was mir gehörte, bin ich unter Umständen aufgewachsen, die du dir in deinen schlimmsten Träumen nicht ausmalen kannst. Und doch weißt du nichts davon zu schätzen.“
Aurelia erhob sich langsam, das seidene Laken wie eine zweite Haut um ihren schlanken Körper geschlungen, und schritt mit unheilvoller Ruhe auf Jinx zu. Die Luft im Raum war schwer, geladen mit der Spannung zwischen den beiden Frauen, während Aurelias Worte wie Gift in Jinx’ Gedanken brannten.
„Du hattest diesen Gefährten, Jinx, und er hat dich geliebt – trotz deines unreinen Blutes. Selbst als die Welt erfuhr, dass du von niederem Blut bist, hielt er zu dir und wollte dich beschützen. Alles andere verwässert das Blut und führt zu schwachen Nachkommen. Das musst du doch selbst einsehen.“
Aurelias Ton war kalt und herablassend, durchdrungen von einer Überheblichkeit, die keinen Raum für Zweifel ließ.
Unsicher suchte Jinx mit ihrem Blick Valerian, doch er wich ihr aus und sah nicht einmal in ihre Augen.
„Im Gegensatz zu dir, die du deinen Gefährten Nacht für Nacht aus eurem Schlafzimmer verbannt hast, habe ich Valerian als meinen wahren Seelenverwandten erkannt. Unsere Wölfe haben sich gefunden. Sie sind die Bindung eingegangen." Mit einem grausamen Grinsen, das Jinx wie ein Dolch traf, schritt Aurelia ins Nebenzimmer, das seidene Laken hinter sich herziehend.
Jinx blieb wie versteinert stehen, ihr Blick auf das Bett gerichtet, wo Valerian saß – seine Augen voller Traurigkeit, die mehr sprach als Worte je könnten. "Also verstößt du mich?“ Jinx’ Stimme zitterte, trotz ihres verzweifelten Versuchs, Festigkeit hineinzulegen.
„Nein, das würde ich nie tun.“ Valerian sprach sanft, als wäre sie ein Kind – nicht seine Luna, nicht seine Gefährtin, mit der er vor so kurzer Zeit den Bund geschlossen hatte.
„Aber bitte verstehe, dass ich unsere Nächte nicht mehr mit dir teilen kann.“
Jinx’ entsetzter Blick traf ihn, ein stiller Schrei, der die beklemmende Stille des Raumes durchbrach.
Valerian senkte den Blick und fügte hinzu: „Das geschieht zu deinem eigenen Schutz. Die Ältesten und fast alle meiner Offiziere haben sich gegen dich ausgesprochen, seit Aurelia zurückgekehrt ist. Sie fürchten, dass ein Alpha mit verwässertem Blut die Stärke des Rudels zerstören würde. Aber da du offiziell meine Luna bist, hätten unsere Kinder gesetzlich Vorrang auf den Rang des Alpha.“
„Also dürfen wir keine Kinder zeugen“, flüsterte Jinx. Ihre Stimme war leer, müde. „Ich verstehe."
Mit schweren Schritten begab sie sich zur Tür, innerlich zerrissen zwischen dem Gefühl des Verrats, der Niederlage und einer erdrückenden Leere. Ein Gedanke traf sie wie ein Blitz: Milo hatte es gewusst. Er hatte sie gewarnt. Alle im Rudel mussten es längst gewusst haben – alle, außer ihr. Sie allein war im Dunkeln geblieben.
Kaum hatte Jinx die Türklinke berührt, wurde sie nach innen aufgestoßen. Die Wucht ließ sie zurück stolpern, bis sie hart auf dem Boden landete. Über ihr ragte die gebeugte Gestalt des strengen Ältesten auf, seine Augen funkelten kalt.
Jinx spürte die Demütigung wie einen Schlag, während sie zu der gebeugten Gestalt des Ältesten aufsah.
„Ach, Jinx, verzeih diesen Fauxpas. Ich hoffe, das Gespräch mit Aurelia war zu deiner Zufriedenheit. Komm jetzt bitte mit – wir haben eine Verabredung im Konferenzsaal.“
Mit einem knappen Blick zu Valerian fügte er hinzu. „Bitte, mein Alpha, mach dir nicht die Mühe, dich zu beeilen. Es handelt sich nur um eine Familienangelegenheit, bei der mich Ascan um Unterstützung gebeten hat.“
Valerian erhob sich langsam, um sich anzuziehen, doch seine Bewegungen waren träge, fast gleichgültig. Offenbar vertraute er den Worten des Ältesten, dass die Angelegenheit nichts mit ihm zu tun hatte.
Die Seitentür zum Badezimmer öffnete sich, und Aurelia trat heraus, gekleidet in eine figurbetonte, blassgrüne Tunika, die ihre Silhouette betonte, und ein schwarzes Samtband, das wie ein stilles Versprechen um ihren Hals lag. Ein Hauch von Lavendel, durchzogen von etwas Dunklerem, Geheimnisvollem, schwebte in der Luft, als sie den Raum betrat. In ihrem Outfit wirkte sie jugendlich unschuldig, doch hinter dieser Fassade lauerte eine stille Bedrohung, die Jinx wie ein Schatten zu umhüllen schien.
Jinx’ Herz hämmerte so heftig in ihrer Brust, dass sie fürchtete, jeder Schritt durch die engen Flure würde sie verraten. Die drückende Enge des Herrenhauses lastete schwer auf ihren Schultern und verstärkte ihre Unsicherheit – vor allem, als sie bemerkte, dass Milo nicht mehr wie gewohnt im Gang auf sie wartete.
Milo, der stumme Wächter ihrer Kindheit, der sie seit ihrem sechsten Lebensjahr beschützt hatte. Seit jenem Tag, an dem sie die Villa zum ersten Mal mit Valerian verlassen hatte. Er war ihr Leibwächter gewesen, der treue Schatten, den ihre Eltern ihr zur Seite gestellt hatten, um sie, die zukünftige Luna, zu beschützen. Nicht aus Liebe, sondern aus Berechnung – um ihre Machtstellung zu sichern und Ascan einen Platz im Rat der Ältesten zu verschaffen, selbst wenn ihn seine Kräfte eines Tages im Stich ließen. Und jetzt? Nun war sie scheinbar keinen Schutz mehr wert.
Würde Milo jetzt Aurelia beschützen? Der Gedanke ließ Jinx unwillkürlich auf der Stelle verharren. Sie blickte sich um, suchte nach dem Schatten, der sie so lange begleitet hatte, doch sie konnte ihn nirgends entdecken. Doch das bedeutete nichts – Milo konnte sich wie kein anderer im Rudel unsichtbar machen.
Im Konferenzsaal warteten Ascan und Merula bereits, ihre ungeduldigen Mienen ließen keinen Zweifel daran, dass sie Besseres zu tun hatten.
Durante ging ohne ein weiteres Wort auf die beiden zu und neigte höflich den Kopf vor dem Beta – ein Zeichen des Respekts, das Jinx bei ihrem Ziehvater deutlicher bemerkte als jemals bei Valerian. Merula ignorierte er indes vollständig, als er sich wortlos zwischen sie und Ascan stellte.
Mit einer knappen Geste bat er Aurelia, Platz zu nehmen, und bedeutete Jinx, sich vor die drei Ältesten zu stellen. Die beklemmende Enge des Raumes und die unnachgiebigen Blicke ihrer Zieheltern ließen Jinx’ Nacken prickeln. Sie spürte das Gewicht der Erwartung, das wie ein Schatten auf ihren Schultern lastete.
Zögernd tat Jinx, wie ihr geheißen, und klammerte sich an die Hoffnung auf das Beste, als Ascan – nicht Durante – das Wort an sie richtete.
„Jinx, wie du weißt, bist du nicht unser richtiges Kind. Wir haben dich damals als unsere Tochter angenommen und das Rudel im Glauben gelassen, du wärst unser eigenes Kind, dessen Geburt einer Tragödie gleichkam.“
Seine Worte waren ruhig, fast sachlich, und doch schnitten sie wie kalte Messer durch Jinx’ Seele.
„Wie du weißt, wurde Merula bei dem Überfall schwer verletzt und kann seitdem keine Nachkommen mehr zeugen. Doch unsere tiefe Bindung hielt mich davon ab, sie zu verstoßen. Also benötigten wir ein anderes Mädchen, das wir dem Alpha als zukünftige Luna anbieten konnten. Deshalb nahmen wir dich auf. Wir ahnten ja nicht, dass unser eigenes Blut überlebt hat.“
Mit der gleichen unerschütterlichen Ruhe, die seinen Worten jede Spur von Wärme nahm, wandte sich Ascan an Durante.
„Bitte, Ältester, verzeih meiner Gefährtin und mir diese Verfehlung, die wir offen eingestehen, und lass uns Abbitte leisten.“
Die kühle, drückende Luft im Konferenzsaal ließ die Worte noch schwerer wirken.
Durante konnte das triumphierende Grinsen, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete, kaum verbergen.
„Ich denke, dass es Strafe genug sein wird für euch beide, wenn ihr euch vor mir als Zeugen offiziell von Jinx abwendet und ihr damit jegliche Rechte und Privilegien innerhalb des Rudels entzieht. Sie bleibt die Gefährtin des Alphas, da die Bindung der beiden nur durch ihren Tod aufgehoben werden kann. Doch ohne eine Blutlinie wird sie keinen echten Rang mehr besitzen und ist kein Mitglied des Rudels mehr. Sogar die niederste Omega wird über ihr stehen und kann mit ihr verfahren, wie es ihr beliebt.“
Jinx spürte, wie die Worte des Ältesten wie ein kalter Sturm durch ihre Seele fegten. Die Welt um sie schien zu verschwimmen, während die Realität ihrer völligen Entmachtung sie wie ein Schlag traf.
„So sei es“, erwiderten Ascan und Merula wie aus einem Munde. Sie würdigten das Mädchen, das sie einst ihre Tochter genannt hatten, keines Blickes mehr, bevor sie wortlos den Raum verließen – ihre Schritte hallten wie ein endgültiges Urteil durch die Stille.
Durante blieb stehen, und für einen Moment glaubte Jinx, er würde sich verwandeln. Sein Mund verzog sich zu einem bösartigen Grinsen, das jede Spur von Menschlichkeit verlor.
Betäubt versuchte die herabgesetzte Luna ihre Gedanken zu ordnen, als ein brennender Schmerz ihren Rücken durchzog, als würde er in zwei Teile gerissen. Der Schmerz war überwältigend, und Jinx spürte, wie ihre Beine unter ihr nachgaben. Ihre Schreie hallten durch den Raum, doch sie wirbelte herum, um den Ursprung der Qualen zu sehen – ein fataler Fehler.
Die Peitsche traf sie mit voller Wucht mitten im Gesicht und warf sie zurück. Sie fiel direkt vor Durantes Füße, und mit einem sadistischen Lächeln trat er über sie hinweg, als wäre sie nichts weiter als ein Hindernis auf seinem Weg. „Dann wünsche ich den Damen noch einen schönen Tag.“
Jinx starrte fassungslos auf die Tür, selbst nachdem sie sich längst hinter dem Ältesten geschlossen hatte.
Es war, als würde die Realität um sie herum zerbrechen – sie konnte nicht begreifen, was mit ihr geschah. Wie hatte sie so blind sein können, die Intrigen hinter ihrem Rücken nicht zu bemerken?
Wie hatte Aurelia es geschafft, das gesamte Rudel gegen sie aufzubringen?
War wirklich niemand geblieben, der an sie glaubte?
Das Knallen der Peitsche riss sie aus ihren Gedanken.
Sie zuckte erneut herab, und Jinx rollte sich im letzten Moment zur Seite. Doch das Ende der Schnur traf sie mit voller Wucht in die Seite, und ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Körper. Die Qual raubte ihr den Atem, ließ sie für einen Moment alles um sich herum vergessen, während das grausame Echo der Peitsche den Raum erfüllte.
„Warum tust du das?“, wollte sie matt wissen.
Ihre Kraft hatte sie verlassen. Der erneute Schock war mehr, als sie ertragen konnte. Selbst die Wut, die sie sonst angetrieben hätte, war verschwunden – zurück blieb nur eine lähmende Leere.
Als die Peitsche erneut auf sie niederging, durchzuckte sie ein brennender Schmerz – fast willkommen, weil er das Chaos ihrer widersprüchlichen Gefühle für einen Augenblick auslöschte
„Na, weil ich es kann.“, lachte Aurelia und fuhr damit fort, ihrer Rivalin ihre Macht und Überlegenheit aufs Grausamste zu beweisen.
Einmal hielt Aurelia inne, nur um zu zischen: „Glaube ja nicht, dass es Valerian schert, was ich mit dir mache. Er wird nicht einmal nach dir sehen – dafür ist er mir viel zu sehr verfallen.“ Ihre Worte kamen keuchend, unterbrochen von schwerem Atem, doch ihre Augen funkelten vor ungebrochener Entschlossenheit.
Das Knallen der Peitsche hallte durch den Raum, begleitet von Aurelias keuchendem Atem und dem dumpfen Aufprall der Hiebe. Außer Atem von den unbarmherzigen Schlägen, die sie mit all ihrer verbliebenen Kraft auf ihre Widersacherin niederregnen ließ, schien sie in einem Rausch aus Wut und Überlegenheit gefangen.
Als Aurelia endlich von ihr abließ, lag Jinx reglos da, unfähig, auch nur einen Finger zu bewegen. Ihr Körper fühlte sich an wie eine zerschlagene Masse, jeder Atemzug schien ihre zerschundenen Nerven erneut zu quälen. Der metallische Geruch von Blut hing in der Luft, vermischt mit dem beißenden Aroma von Schweiß und Verzweiflung.
Ihre Kleidung hing in Fetzen an ihrem Körper, und sie rollte sich wimmernd zusammen, zitternd vor Schmerz und Kälte, während sie auf die erlösende Regeneration wartete.
Und Aurelia sollte Recht behalten. Valerian kam nicht, um nach ihr zu sehen. Stattdessen kam Aurelia. Wieder und wieder. Sie verhöhnte sie, schlug sie, und manchmal zwang sie Jinx, ihrem endlosen Geschwafel zuzuhören – eine Qual, die fast schlimmer war als die Schläge.
Niemand kam.
Nicht ein einziger Freund, nicht ein vertrautes Gesicht. Für das Rudel war sie bereits tot – ein Geist, den niemand mehr sehen wollte.
Der Gedanke traf sie wie ein Blitz: Sie musste nicht bleiben. Sie konnte gehen, konnte sich aus dieser Hölle befreien – egal, was es bedeutete. Zwar war sie die Luna und damit an Valerian gebunden, doch das scherte sie nicht. Sollte er doch mit Aurelia glücklich werden. Sie musste sich das nicht länger antun.
Und so entschied sie sich zur Flucht. Doch was sie nicht ahnte, war, dass Aurelia sie nicht gehen lassen durfte.