Kapitel 8

1364 Worte
8 Marcus Wo zum Teufel ist sie? Ich klingele zum zweiten Mal am Seiteneingang eines hässlichen alten Sandsteinhauses, auch diesmal erfolglos. Emma Walsh ist nicht zu Hause. Ich kenne ihren Nachnamen dank ihres f*******:-Profils, auf das ich durch Antippen des f*******:-Symbols auf ihrem Handy zugegriffen habe. Nach dem gleichen Profil ist sie Single – was ich bereits vermutet habe –, sechsundzwanzig Jahre alt und Absolventin des Brooklyn College. Sie liebt Bücher und arbeitet als freie Lektorin, wenn sie nicht in einer kleinen, familiengeführten Buchhandlung arbeitet. Oh, und sie besitzt definitiv Katzen – drei von ihnen, wenn man ihren häufigen Beiträgen über sie auf f*******: folgt. Da ich das alles über eine Frau weiß, die ich zufällig getroffen habe, fühle ich mich wie ein Stalker, ein Gefühl, das durch meinen unerklärlichen Wunsch, noch mehr zu erfahren, nur noch verstärkt wird. Ich habe unterwegs ein wenig mit ihrem Handy gespielt – um sicherzustellen, dass ich die richtige Adresse habe, habe ich mir gesagt –, und dabei habe ich mir alles von ihren Fotos bis hin zu ihren E-Mails angesehen. Ich habe keine der E-Mails gelesen, weil das wirklich falsch gewesen wäre, aber ich habe mir die Betreffzeilen angesehen. Es scheint, dass der größte Teil ihres Posteingangs aus Nachrichten im Zusammenhang mit ihren Lektoratsjobs besteht, wenngleich es einen Haufen E-Mails von jemandem namens Kendall gibt. Dasselbe gilt für Textnachrichten; obwohl die meisten von »Oma« und »Opa« stammen, von denen ich annehme, dass sie ihre Großeltern sind. Verdammt, ich bin ein Stalker. Angewidert von mir selbst drehe ich mich um, um zu gehen, damit ich morgen meiner Assistentin das Telefon geben und diesen Wahnsinn vergessen kann, aber in diesem Moment nähert sich eine kleine, wohlgeformte Gestalt mit lockigem Haar … und erstarrt an Ort und Stelle, bevor ihre Hände nach oben fliegen, um nach dem Henkel ihrer billigen Tasche zu greifen. Im Handumdrehen dämmert mir, wie ich für Emma aussehen muss, da meine Gesichtszüge von dem kleinen Licht, das über der Tür hängt, im Schatten versteckt sind. Wenn ich eine junge Frau wäre, die vor ihrer Tür mit einem unbekannten, ein Meter achtzig großen Mann im Dunkeln konfrontiert wird, würde ich mir wahrscheinlich gerade in die Hose scheißen. »Ich bin es, Marcus«, sage ich schnell, um sie zu beruhigen. Ich habe mich vielleicht wie ein Stalker verhalten, aber ich will ihr nichts Böses. »Aus dem Café, erinnerst du dich?« Sie tritt einen Schritt zurück und greift immer noch nach ihrem Henkel. »Was … was machst du hier?« Sie klingt atemlos; ich muss sie wirklich erschreckt haben. »Wie hast du mich gefunden?« »Dein Handy«, erkläre ich und ziehe das rosa Smartphone aus meiner Tasche. »Ich habe es auf der Bank gefunden, nachdem du gegangen warst, und wollte es dir zurückgeben.« »Oh.« Sie nähert sich unsicher. Das Licht über der Tür erhellt ihr blasses Gesicht, und ich sehe, dass ihr Gesichtsausdruck eine Mischung aus Erleichterung und Verwirrung ist. Als sie ein paar Meter weiter stehen bleibt, sagt sie mit etwas ruhigerer Stimme: »Danke. Ich habe nach dem Telefon gesucht. Ich war fast zu Hause, als mir klar wurde, dass ich es verloren hatte, also ging ich zurück ins Café, und der Kellner sagte, dass sie nichts gefunden hätten, und …« Sie hört auf zu reden, holt tief Luft und sagt: »Ich bin wirklich froh, dass du es gefunden hast, aber du musstest nicht den ganzen Weg hierherkommen. Ich hätte dich einfach morgen irgendwo treffen können oder …« »Es ist nicht so weit weg von mir«, sage ich. Das ist eine Lüge, aber ich bin nicht im Begriff, das volle Ausmaß meines Wahnsinns zuzugeben. »Ich dachte, du könntest dir Sorgen machen, also habe ich es dir gebracht.« Sie starrt mich an, und ihre grauen Augen sind im Abendschatten dunkel. »Oh. Okay, nun, danke. Das ist sehr nett von dir.« Sie streckt ihre Hand aus, und ich gebe ihr das Telefon. Sie achtet darauf, es so zu nehmen, dass unsere Finger sich nicht berühren – etwas, was mich auf eine irrationale Weise verärgert. Noch schlimmer, in dem Moment, in dem das Telefon nicht mehr in meinen Händen ist, bedauere ich, dass ich es ihr so schnell zurückgegeben habe. Dieses Telefon war das Einzige, was uns miteinander verbunden hat, und jetzt habe ich keinen Grund, hier zu sein – außer meinem unerklärlichen Wunsch, sie kennenzulernen. »Emma«, sage ich, als sie das Telefon mit offensichtlicher Erleichterung einsteckt, »ich glaube, ich habe vorhin einen Fehler gemacht, im Café.« »Du wolltest eine Frau namens Emmeline treffen?« Ein kleines Lächeln erscheint auf ihren Lippen, und ich weiß, dass sie es auch herausgefunden hat. »Das ist richtig.« Ich grinse sie an. »Lass mich raten. Du wolltest Mark treffen?« »Ja.« Ihr Lächeln wird breiter und zeigt kleine, weiße Zähne und die gleichen süßen Grübchen, die ich auf dem Selfie gesehen habe. »Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit dafür?« »Wenn du willst, kann ich einen meiner Analysten bitten, das herauszufinden«, sage ich, nur halb im Scherz. Die Recherche nach der Antwort auf ihre rhetorische Frage würde mir eine Ausrede geben, um in Kontakt zu bleiben – etwas, was ich unbedingt will. Mit diesem Grübchen, wenn sie lächelt, sieht der kleine Rotschopf so verdammt bezaubernd aus, dass ich sie wie ein Eis lecken möchte. »Ich bin mir sicher, wir können es herausfinden, wenn wir einige Statistiken über die Trends bei der Namensvergabe in der Bevölkerung durchführen«, füge ich hinzu. Emma blinzelt, und ihr Lächeln verblasst. »Einer deiner Analysten? Leitest du eine Denkfabrik oder so was?« »Einen Hedgefonds«, sage ich. »Wir setzen eine Vielzahl von Strategien ein, um dem Markt immer einen Schritt voraus zu sein, von der traditionellen Aktienanalyse bis hin zum quantitativen Handel.« Die Grübchen verschwinden vollständig. »Oh, ich verstehe.« Sie sieht enttäuscht aus, eine Reaktion, die das genaue Gegenteil von derjenigen ist, die ich bekomme, wenn Frauen erkennen, dass ich wirklich Knete haben muss. Mit einem neuen, weniger aufrichtigen Lächeln sagt sie: »Nochmals vielen Dank, dass du das Telefon zurückgebracht hast, Marcus. Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass du den ganzen Weg hierhergekommen bist. Wenn du mich jetzt entschuldigst …« Sie schaut mich erwartungsvoll an, und ich merke, dass ich immer noch vor ihrer Tür stehe und den Eingang blockiere. Ich sollte mich wegbewegen – das wäre höflich und gentlemanlike –, aber das tue ich nicht. Stattdessen frage ich unverblümt: »Hasst du die Wall Street?« Ich weiß, dass ich an der Grenze bin, das Mädchen zu belästigen, aber ich kann sie nicht so gehen lassen. Sobald sie in ihre Wohnung gelangt – ein Drecksloch, dem heruntergekommenen Zustand der Tür nach zu urteilen –, ist alles vorbei. Sie wird in ihr Leben zurückkehren und ich in meines, und ich bin nicht bereit, das geschehen zu lassen. »Ähm, nein. Ich habe nichts gegen deinen Beruf. Ich meine, nicht wirklich.« Sie schaut mich vorsichtig an. »Ich …« Sie atmet ein. »Schau, Marcus, ich weiß das wirklich zu schätzen, aber ich habe Hunger, bin müde, muss noch meine Katzen füttern und ein paar E-Mails beantworten. Wir können ein anderes Mal über die Ethik der Wall Street diskutieren.« Ein anderes Mal? Etwas Angespanntes in mir entspannt sich. Obwohl sie ihre Worte zweifellos als höfliche Abfuhr gemeint hat, werde ich sie für bare Münze nehmen. Ich werde Emma wiedersehen und herausfinden, was es ist, was mich so anzieht. Ich trete zur Seite und sage: »Klingt gut. Gute Nacht, Emma. Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen.« »Mich auch. Auf Wiedersehen, Marcus, und nochmals vielen Dank«, sagt sie und zieht ihre Schlüssel aus ihrer Tasche, während sie um mich herumgeht. Ich beobachte, wie sie die Tür öffnet, um sicherzugehen, dass Emma gut nach Hause kommt, und als sich die Tür hinter ihr schließt, bestelle ich ein weiteres Uber und notiere mir auf meinem Handy die nächsten Schritte. Mein Puls rast vor Aufregung, und meine Muskeln sind wegen der neuen Herausforderung angespannt. Ich benehme mich völlig anders als mein normales Ich, aber das ist mir egal. Emma ist vielleicht nicht das, was ich langfristig brauche, aber sie ist das, was ich im Moment will, und zum ersten Mal in meinem Leben werde ich in der Gegenwart leben. Ich werde die üppige kleine Rothaarige zum Nachtisch haben und mich später um die Folgen kümmern.
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