Alex' Standpunkt
Ich stapfte die Treppe hinunter, in engen Jeans-Shorts, die unangenehm in meinen Bauch schnitten, und einem knappen Crop-Top, das einen Teil meines Bauchs freilegte. Meine Haare waren zu einem unordentlichen Knoten gebunden, wobei einzelne Strähnen wild abstanden. Meine Mutter seufzte, als sie mich ansah. „Du wächst wie Unkraut“, meinte sie trocken und musterte kritisch die Länge meiner Shorts und mein Oberteil. Ich wurde rot. „Ich kann doch nichts dafür“, protestierte ich. Es schien, als wäre ich über Nacht in die Höhe geschossen. Sie schüttelte den Kopf und nahm einen weiteren Bissen von ihrem Salat. „Wir müssen dir neue Klamotten besorgen“, kommentierte sie. „So kannst du jedenfalls nicht herumlaufen. Dein Vater wäre nicht gerade begeistert“, fügte sie hinzu, während ich nach unten schaute und mich fragte, was eigentlich das Problem war. Naja, mir war es eigentlich egal. Trotzdem konnte ich meine Aufregung bei dem Gedanken an neue Klamotten nicht unterdrücken. Meine Augen leuchteten bei der Aussicht auf einen Einkaufsbummel. „Gehen wir ins Einkaufszentrum?“, fragte ich aufgeregt. Meine Mutter schmunzelte. „Ja“, antwortete sie mit einem neckischen Lächeln. „Wir gehen ins Einkaufszentrum. Gott weiß, dass du dringend eine komplett neue Garderobe brauchst“, scherzte sie. Triumphierend streckte ich die Faust in die Luft, und sie lachte. „Du solltest dir aber ein längeres Oberteil anziehen“, riet sie mir. Das war mir nur recht. Ich rannte förmlich die Treppe hoch, durchwühlte meine Schubladen und fand schließlich ein schlichtes, schwarzes T-Shirt, das mir fast bis zu den Knien reichte. Schnell schlüpfte ich in meine Sandalen und stürmte die Treppen wieder hinunter. Meine Mutter stand am Eingang, ihre Autoschlüssel in der Hand, und ihre Augen funkelten amüsiert über meine Eile. „Los, los!“, drängelte ich und zog sie an der Hand. Ich kam nicht oft raus, besonders weil ich zu Hause unterrichtet wurde. Ein Ausflug ins Einkaufszentrum war für mich also ein ganz besonderes Erlebnis. Ich konnte die Male, die ich schon dort gewesen war, an einer Hand abzählen. Meine Mutter ließ sich von meiner Aufregung anstecken und wir verließen das Haus. Nachdem sie die Tür sorgfältig abgeschlossen hatte, stiegen wir ins Auto. Ich nahm auf dem Beifahrersitz Platz, und erst als ich mich angeschnallt hatte, startete sie den Motor und fuhr los. Wir fuhren aus dem Rudelgebiet heraus, die Patrouille schenkte uns wie immer kaum Beachtung, und bald erreichten wir die Hauptstraße. Auf meinem Sitz zappelte ich vor Vorfreude, meine Augen weit aufgerissen, während ich aus dem Fenster starrte und die vorbeiziehende Landschaft in mich aufnahm. Um uns herum wimmelte es nur so von Autos, und ich fühlte mich überwältigt von der Hektik. Ich ließ das Fenster ein Stück herunter und sog tief die frische Luft ein, während der Wind in mein Gesicht wehte. Meine Mutter konzentrierte sich auf die Fahrt, während ich das bunte Treiben draußen bewunderte. Es war ein wunderschöner Tag – die Sonne schien warm vom Himmel, und weiße, flauschige Wolken zogen träge vorbei. Es war ein perfekter Tag, um draußen zu sein. Die Fahrt verging überraschend schnell, und bald standen wir auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums. Ich stieg aus dem Auto und wartete, bis meine Mutter ebenfalls ausgestiegen war. Gemeinsam gingen wir zum Haupteingang, und ich war sofort von der Größe des Gebäudes überwältigt. Es hatte zwei Stockwerke, und überall waren Menschen, die hin und her liefen. Die unzähligen Geschäfte schienen endlos, und ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Die Menschenmassen machten mich ein wenig nervös, doch meine Mutter merkte das sofort. „Lass uns hier anfangen“, sagte sie und zog mich in eine kleine Boutique, deren Schaufenster mit schöner Kleidung dekoriert war. Wir betraten den Laden, und ich atmete sofort erleichtert auf. Die kühle Luft und das geordnete Durcheinander der Kleiderstangen beruhigten mich. Die Kleidung schien auf jüngere Leute ausgerichtet zu sein – coole Designs auf den T-Shirts, zerrissene Jeans mit Löchern. Eine Lederjacke stach mir sofort ins Auge, und ich ging sehnsüchtig darauf zu, um sie in die Hände zu nehmen. Sie war weich, und ihr Lederduft wirkte auf mich betörend. Die Jacke hing auf der Jungen-Seite, aber das störte mich nicht. „Schatz, du solltest auf dieser Seite schauen“, sagte meine Mutter leise und führte mich sanft zu den feminineren Kleidungsstücken zurück.
Ich seufzte. Die Lederjacke gefiel mir wirklich gut, aber auf der Mädchen-Seite fand ich keine. „Wo möchtest du anfangen?“, fragte meine Mutter, während wir die Kleider durchgingen. Ich zuckte mit den Schultern. Ich brauchte fast alles neu, einschließlich Unterwäsche. „Wie wäre es mit T-Shirts?“, schlug sie vor und deutete auf einige Ständer. Ich nickte, und wir begannen zu stöbern. Die bunten T-Shirts mit fröhlichen Sprüchen darauf ignorierte ich. Die waren einfach nicht mein Stil. Stattdessen entschied ich mich für welche mit coolen Designs, darunter eines mit einem Totenkopf und einem Dolch. Meine Mutter wurde blass, als sie es sah, und hielt stattdessen ein T-Shirt mit einer niedlichen Katze darauf hoch. Ich warf ihr einen finsteren Blick zu. „Gefällt es dir nicht?“, fragte sie schwach. Ich schüttelte energisch den Kopf, und sie legte es widerwillig zurück. „Es ist dein Stil und deine Wahl“, murmelte sie resigniert. Dafür war ich ihr dankbar. Meine Mutter ließ mir immer die Freiheit, meinen eigenen Stil zu entwickeln, auch wenn sie ihn nicht unbedingt mochte.
Ich ging in die Umkleidekabine und probierte die T-Shirts schnell an. Das Totenkopf-Shirt passte perfekt, und ich liebte es. Ohne viel Zeit zu verlieren, behielt ich es an und ging direkt zur Jeans-Abteilung. Meine Mutter seufzte und half mir, ein paar dunkle Jeans auszusuchen. Die Verkäuferinnen warfen uns ab und zu neugierige Blicke zu, wirkten aber zufrieden, dass wir fleißig einkauften. Ich schnappte mir eine schwarze Jeans mit Rissen und Nieten an einer Seite. Gerade als ich gehen wollte, zögerte ich kurz, drehte um und lief zurück zur Lederjacke. „Alex“, protestierte meine Mutter, „das ist für Jungs.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich sehe keinen Grund, warum ich keine Jungskleidung tragen sollte“, sagte ich. „Mir gefällt sie.“ Meine Mutter verzog das Gesicht, schwieg aber. Ich grinste triumphierend und hüpfte zurück in die Umkleidekabine.
Die schwarze Jeans passte wie angegossen, und überraschenderweise war sie auch sehr bequem. Als ich schließlich die Lederjacke anprobierte, fühlte ich mich richtig cool. Sie war schwarz und reichte bis zu meinen Hüften. Zusammen mit meinem dunkelvioletten Haar, das in lockigen Strähnen auf meinen Rücken fiel, und dem Eyeliner sah ich richtig goth-like aus. Ich drehte mich vor dem Spiegel und bewunderte mein neues Aussehen. Meine Halskette funkelte im Licht, und ich griff nach ihr – sie war mein einziger Schmuck, abgesehen von dem Armreif, den ich immer trug. Während ich mein Spiegelbild betrachtete, fragte ich mich, was mein Vater zu diesem Outfit sagen würde. Doch dann schob ich den Gedanken beiseite. Es war mir eigentlich egal.
In letzter Zeit hatte ich meinen Vater kaum gesehen, und das machte mich wütend. Ich hatte meinen Bruder Logan immer noch nicht kennengelernt, und dieses Geheimnis belastete mich. Ich hasste es, ein Geheimnis zu sein, und dass mein Vater seine „auserwählte Gefährtin“ nicht verlassen wollte. Wir stritten oft darüber. Meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen, indem sie meinte, das seien nur pubertäre Gefühle. Doch ich wusste es besser. Ich wollte einen Vater, der immer für mich da war, und nicht jemanden, der nur alle zwei Wochen mal vorbeischaute. Der Gedanke, einfach ins Rudelhaus zu marschieren und der Luna alles zu erzählen, wurde mit jedem Tag verlockender.
Als ich die Umkleidekabine verließ, trug ich meine neuen Sachen. Die Verkäuferin kam zu mir, und ich gab ihr die Preisschilder. „Ich würde die Sachen gerne anbehalten“, sagte ich höflich. „Natürlich“, antwortete sie lächelnd. „Ich packe deine alten Sachen zusammen mit den neuen ein.“ Meine Mutter gesellte sich zu uns, und wir gingen zur Kasse. Nachdem wir bezahlt hatten, trugen wir vollgepackte Tüten aus dem Laden. Meine Mutter hatte während meiner Anproben noch Shorts und Röcke für mich ausgesucht. Jetzt fehlte nur noch die Unterwäsche, und dafür wollte sie mit mir in ein Dessous-Geschäft gehen.
Als wir aus dem Laden traten, stieß ich plötzlich gegen etwas Hartes und hätte fast den Halt verloren. Starke Arme griffen nach mir und hielten mich aufrecht. „Alles in Ordnung?“, fragte eine Stimme, und ich blickte hoch in die besorgten Augen eines Jungen, der nicht älter als fünfzehn sein konnte. Er hatte sandblondes Haar und strahlend blaue Augen. Verdammt, war der groß, dachte ich benommen. „J…ja“, stammelte ich. „Entschuldigung, ich habe nicht aufgepasst.“ „Alles gut“, sagte er locker. „Coole Klamotten übrigens“, fügte er hinzu, während ich errötete.
„Logan!“, hörte ich eine Stimme rufen, und dann kam mein Vater aus der Menge, ging hinter dem Jungen vorbei und klopfte ihm auf den Rücken. „Ich habe dich überall gesucht. Wo zum Teufel warst du?“ forderte er. Mein Mund fiel vor Schock auf. Das war Logan? Mein Bruder, den ich so lange nicht getroffen hatte? Direkt vor mir? Mein Herz begann in meiner Brust zu rasen. Mein Vater bemerkte vielleicht, dass etwas nicht stimmte, und sah mich an. Er erstarrte, als er erkannte, mit wem Logan gesprochen hatte. Meine Mutter wurde blass.
„Ich habe aus Versehen dieses arme Mädchen umgestoßen, Dad“, sagte Logan leise. „Ich habe mich bei ihr entschuldigt.“ Mein Vater war still, jetzt blass. Er zitterte. Meine Mutter zog an meiner Hand, aber ich weigerte mich zu gehen; meine Füße waren wie festgefroren. Logan schaute verwirrt auf uns alle und fragte sich, warum wir so angespannt aussahen. Wage ich es, ihm die Wahrheit zu sagen? Ich könnte vielleicht nie wieder die Chance bekommen, mit meinem Bruder zu sprechen. Ich werde ihn vielleicht nie wiedersehen. Ich öffnete meinen Mund, unsicher, was ich sagen sollte, als eine andere Stimme dazwischenkam: „Logan, Liebling, wir haben dich überall gesucht. Du weißt, dass du nicht einfach von uns weglaufen sollst“, tadelte eine musikalische Stimme.
Ich erstarrte, als eine Frau mit langen, eisblonden Haaren in einem Zopf herüberkam. Ihre blauen Augen funkelten, als sie Logan anlächelte. Mein Vater legte seinen Arm um ihre Taille, und meine Mutter erstarrte. „Entschuldigung, Mutter“, entschuldigte sich Logan. „Ich wollte mir die Klamotten in diesem Laden anschauen.“ Meine Mutter senkte den Kopf in Unterwerfung. Ich tat dasselbe, obwohl mein Körper zitterte. Das war die Luna, Logans Mutter und die Frau meines Vaters. Diejenige, auf die er betrogen hatte. Diejenige, von der er nicht loskam. Diejenige, die ich verachtete und hasste, weil sie ihn für sich hatte. Ich starrte sie an. „Wer sind diese Leute?“, sagte die Frau scharf. „Ich bin auf das Mädchen gestoßen und habe mich gerade entschuldigt“, sagte Logan hastig.
Ich schaute auf und traf den Blick der Frau, während mein Vater mich entschuldigend ansah. Er schüttelte den Kopf, um mich davor zu warnen, etwas zu sagen. Ich biss so fest auf meine Lippe, dass sie blutete. Meine Hände ballten sich zu Fäusten. Meine Mutter griff nach meiner Hand und drückte sie. Sie kannte mich so gut. Sie wusste, wie sehr mich meine Wut beherrschte. „Ich heiße Alex“, sagte ich gelassen.
Logan lächelte mich an. „Jetzt tut es mir leid, Alex.“ Er reichte mir seine Hand und ich schüttelte sie langsam. Ich spürte die Wärme seiner Hand und zögerte, sie loszulassen.
„Komm schon, Logan, lass uns gehen. Das tut mir leid genug“, sagte seine Mutter scharf und sah verächtlich auf meine Mutter und mich herab.
Logan seufzte und ging, blickte über seine Schulter. Ich kochte, als mein Vater sich umdrehte, den Arm immer noch um die Taille dieser schrecklichen Frau gelegt, und nie über seine Schulter blickte, nicht einmal, als sie weggingen. Ich starrte meinen Bruder sehnsüchtig an und spürte, wie mir die Tränen in die Augen stiegen. Ich war ihm so nahe gewesen und doch hatte er keine Ahnung, wer ich war.
„Es tut mir leid, Liebling“, murmelte meine Mutter mit heiserer Stimme und ich drehte mich zu ihr um und sah, dass auch sie den Tränen nahe war.
„Ich hasse ihn“, knurrte ich und sie seufzte.
„Nein, das tust du nicht“, sagte sie müde. „Du bist nur verärgert. Lass uns die Unterwäsche und BHs aussuchen, die du brauchst, und dann etwas essen gehen“, schlug sie vor.
Ich hatte es satt, Kleidung zu kaufen, aber ich stimmte zu, nur meiner Mutter zuliebe. Aber die ganze Zeit konnte ich nur an Logan denken. Warum hatte ich nicht einfach den Mund aufgemacht und die Wahrheit gesagt? War es, weil ich meinen verdammten Vater beschützen wollte, oder beschütze ich Logan, der in diesem ganzen Schlamassel der wahre Unschuldige war?
Als wir endlich nach Hause kamen, war ich richtig schlecht gelaunt und stürmte nach oben und schlug die Tür hinter mir zu. Meine Mutter ließ mich allein, um mir etwas Zeit für mich selbst zu geben. Die Stunden vergingen und meine Wut wuchs. Später klopfte es an meiner Tür und mein Vater steckte seinen Kopf herein. Ich sah rot, als ich aufsprang und ihn wütend anstarrte. Er hatte genug Verstand, um sich schuldig zu fühlen. Aber das reichte nicht, um mich zu besänftigen.
„Kürbis“, begann er, und ich schüttelte den Kopf.
„Nenn mich nicht so“, sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen. „Nenn mich nie so.“
Er seufzte und ging weiter hinein. „Das mit heute tut mir leid“, sagte er, „aber ich konnte ihnen nicht sagen, wer du bist, das weißt du.“
Ich sah ihm in die Augen. Ich hatte es satt, Geheimnisse zu haben, hatte es satt, dass er herumschlich. „Dann komm nicht mehr rüber“, sagte ich leise, „denn das ist unfair Mutter und mir gegenüber.“
Er schwieg. Meine Mutter schnappte in der Tür nach Luft, Tränen strömten ihr aus den Augen.
„Das ist nicht dein Ernst“, sagte mein Vater heiser.
Ich schwieg. Das war nicht mein Ernst, ich war nur wütend. Er strich mir übers Haar. „Pass auf, ich verspreche, wenn du älter bist, kommt die Wahrheit ans Licht, du musst nur warten.“
Ich nickte traurig. Er griff in seine Tasche, zog etwas heraus und gab es mir. Ich sah auf die kleine Schachtel, während er mich anlächelte. „Mach sie auf“, sagte er leise.
Ich öffnete sie. Es war ein Ring, ein Totenkopfring, der zu dem Hemd passte, das ich trug. Ich steckte ihn an meinen Finger und bewunderte ihn, während meine Mutter laut stöhnte. Ich kicherte. „Er ist wunderschön“, sagte ich bewundernd.
Mein Vater grinste. „Mir ist das Outfit aufgefallen“, sagte er mir aufrichtig, „und du siehst umwerfend aus. Ich liebe deinen Stil, Baby“, sagte er mir.
Ich fühlte mich ein bisschen besser. Meine Mutter wischte sich Tränen aus den Augen.
„Ich mag Logan“, sagte ich ernst. „Er scheint nett zu sein.“
Nun, zumindest fühlte ich mich so. Wenigstens hatte er sich dafür entschuldigt, dass er mich angerempelt hatte.
Mein Vater sah erleichtert aus. „Er ist nett“, stimmte er zu, „und ich bin sicher, er wird dich lieben, wenn er dich besser kennenlernt.“
Ich lehnte mich an meinen Vater und war müde, als er mich fest an seinen Körper drückte. Er küsste meine Stirn. „Zieh dich um“, sagte er, als ich stöhnte. „Wir müssen vor dem Abendessen noch trainieren.“
Ich zog mich um, weigerte mich jedoch, den Ring abzunehmen, egal wie albern er mit dem goldenen Armreif und dem Medaillon aussah. Er wurde auch zu einem Schmuckstück, das ich nie ablegte.