Die Nachricht

1479 Worte
Marina schlief in dieser Nacht kaum. Das warnende Gefühl, das sich auf dem Dach in ihre Brust geschlichen hatte, weigerte sich zu verschwinden. Selbst Stunden später lag es noch immer unter ihrer Haut, wie ein Echo von etwas Gefährlichem, das sich knapp außerhalb ihres Blickfeldes bewegte. Die Bindung, die sie mit Dominic, Asher und Rafael teilte, pulsierte schwach in ihr — warm, lebendig, beschützend. Doch unter dieser Wärme lag Spannung. Wie die Ruhe vor einem Sturm. Sie starrte an die Decke der Gästesuite, in der Dominic darauf bestanden hatte, dass sie übernachtete. Der Raum war still, nur schwach erleuchtet vom sanften Glühen der Stadtlichter, die durch die hohen Fenster hereinfielen. Für einen Moment überzeugte sie sich beinahe selbst, dass sie sich alles nur einbildete. Dann pulsierte die Bindung erneut. Diesmal scharf. Ihr Atem stockte. Jemand anderes hatte es auch gespürt. Ein Klopfen ertönte an der Tür und sie setzte sich sofort auf. „Herein.“ Die Tür öffnete sich und Dominic trat zuerst ein, bereits gekleidet in einem makellosen schwarzen Hemd und dunklen Hosen. Sein Gesichtsausdruck war ruhig, doch seine Augen waren wachsam. Hinter ihm kam Asher, ungewöhnlich ernst wirkend, gefolgt von Rafael, dessen Blick sofort weicher wurde, als er auf Marina fiel. „Du hast das gespürt“, sagte Rafael leise. Es war keine Frage. Marina nickte langsam. „Ja.“ Asher rieb sich den Nacken. „Gut. Ich hatte gehofft, dass das nicht nur mein Wolf ist, der paranoid wird.“ Dominic ging durch den Raum und blieb nahe dem Fenster stehen. „Die Bindung hat reagiert“, sagte er. „Das bedeutet, dass etwas sie ausgelöst hat.“ Marina zog die Decke fester um sich. „Ausgelöst wie?“ Dominics Blick wanderte zurück zu ihr. „Wie eine Bedrohung.“ Das Wort legte sich schwer in den Raum. Rafael trat näher an das Bett. „Du bist hier sicher“, sagte er sanft. „Unsere Sicherheitsmaßnahmen sind strenger als in einem Militärkomplex.“ Marina glaubte ihm. Wirklich. Doch die Unruhe in ihr wollte nicht verstummen. „Ich glaube nicht, dass es um das Gebäude geht“, murmelte sie. Asher hob eine Augenbraue. „Sondern?“ Marina zögerte. Sie konnte es nicht richtig erklären. „Es fühlt sich…“ sie suchte nach dem richtigen Wort, „…gezielt an.“ Dominics Kiefer spannte sich leicht an und bevor jemand antworten konnte, vibrierte Ashers Telefon laut in seiner Hand. Das Geräusch schnitt wie eine Klinge durch die Spannung. Er runzelte die Stirn und sah auf den Bildschirm. „Das ist seltsam.“ „Was?“ fragte Rafael. Asher hielt das Telefon leicht schräg, als wolle er sicherstellen, dass er es richtig sah. „Es ist eine verschlüsselte Datei.“ Dominics Augen wurden sofort scharf. „Von wem?“ „Das ist der seltsame Teil“, antwortete Asher langsam. „Kein Absender.“ Marina spürte, wie eine Kälte ihre Wirbelsäule hinaufkroch. „Öffne sie.“ Asher zögerte einen kurzen Moment, bevor er auf den Bildschirm tippte. Die Datei lud schnell. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. Rafael trat näher. „Was ist es?“ Statt zu antworten, drehte Asher das Telefon, damit sie es alle sehen konnten. Marina beugte sich leicht vor. Ihr Magen sackte ab. Der Bildschirm zeigte ein Foto. Es war aus der Entfernung aufgenommen. Ein Dach. Vier Gestalten, die dicht beieinander standen. Sie. Dominic. Asher. Rafael. Der exakte Moment von früher in dieser Nacht. „Jemand hat uns beobachtet“, murmelte Rafael düster. Dominics Gesichtsausdruck wurde eiskalt. „Zoom hinein.“ Asher spreizte die Finger auf dem Bildschirm. Das Bild wurde schärfer. Marinas Herz begann stärker zu schlagen. Ein schwaches rotes Leuchten umgab ihren Körper in der Wärmebildüberlagerung. Heller als die anderen. Genau wie auf dem Monitor im Van in der Gasse. Unter dem Bild stand eine kurze Nachricht. Nur vier Worte. Wir haben die Sirene gefunden. Stille erfüllte den Raum. Dann fluchte Rafael leise. Asher atmete langsam aus. „Nun… das ist überhaupt nicht unheimlich.“ Dominics Stimme war gefährlich ruhig. „Verfolge es.“ „Versuche ich schon“, sagte Asher, während seine Finger über den Bildschirm flogen. „Aber wer auch immer das geschickt hat, weiß genau, was er tut.“ Marina sah zwischen ihnen hin und her. „Jäger?“ Dominic schüttelte langsam den Kopf. „Nein.“ Asher blickte auf. „Diese Verschlüsselung ist militärische Qualität.“ Rafael verschränkte die Arme. „Also… keine zufälligen Jäger.“ Dominics Blick verdunkelte sich. „Das ist organisiert.“ Marina spürte, wie ihr Puls schneller wurde. „Was wollen sie von mir?“ Niemand antwortete sofort. Denn sie kannten alle die Wahrheit. Ihre Macht. Und ihre Identität als letzte Sirene. Ashers Telefon vibrierte erneut. Eine weitere Datei. Diesmal wurde der Bildschirm vollständig schwarz. Dann erschien Text. Eine Videonachricht. Dominics Stimme wurde scharf. „Spiel es nicht ab.“ Doch Asher hatte bereits darauf getippt. Der Bildschirm flackerte. Dann erschien eine Frau. Sie saß ruhig in einem Raum, der wie ein schwach beleuchtetes Kontrollzentrum aussah. Mehrere Monitore leuchteten hinter ihr. Sie wirkte elegant. Gefasst. Aber tödlich. Ihr dunkles Haar war ordentlich zurückgebunden und ihre Augen trugen eine kalte Intelligenz, die Marina sofort unruhig machte. Die Frau lächelte leicht. „Guten Morgen, meine Herren.“ Ihre Stimme war glatt, höflich und berechnend. Ihr Blick verschob sich leicht, als würde sie direkt durch die Kamera schauen. „Und Marina.“ Marinas Magen zog sich zusammen. „Sie kennt meinen Namen“, flüsterte sie. Asher murmelte: „Fantastisch.“ Die Frau faltete ruhig die Hände auf dem Tisch. „Erlauben Sie mir, mich vorzustellen.“ Sie machte eine absichtliche Pause. „Mein Name ist Dr. Selene Voss.“ Dominics Haltung versteifte sich sofort. Rafael bemerkte es. „Du kennst sie?“ Dominics Stimme wurde leise. „Ja.“ Die Frau auf dem Bildschirm sprach weiter. „Ich habe viele Jahre damit verbracht, übernatürliche Evolution zu studieren.“ Hinter ihr zeigte einer der Monitore biologische Scans. Wolfstransformationen. Energiesignaturen. Und eine leuchtende Wellenform, die Marina instinktiv erkannte. Sirenenresonanz. Selene lächelte schwach. „Ihr vier seid sehr interessant.“ Ihr Blick wanderte über die Kamera, als würde sie jeden von ihnen untersuchen. „Drei Alpha-Werwölfe…“ Ihre Lippen krümmten sich leicht. „…und die letzte überlebende Sirene.“ Marinas Brust zog sich zusammen. Selene lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Jahrhundertelang behaupteten Mythen, Sirenen seien ausgestorben.“ Sie legte den Kopf schief. „Es stellt sich heraus, dass Mythen manchmal… ungenau sind.“ Rafaels Kiefer spannte sich an. „Schalte es aus.“ Doch Marina schüttelte den Kopf. „Nein.“ Sie musste das hören. Selenes Ausdruck wurde leicht weicher, fast amüsiert. „Ich nehme an, ihr fragt euch, wie wir euch gefunden haben.“ Ihre Augen funkelten. „Eure Bindung.“ Dominics Blick verhärtete sich. Selene tippte auf eine Taste. Ein digitales Diagramm erschien hinter ihr. Energiespitzen. Frequenzmuster. „In dem Moment, in dem eure Bindung erwachte“, erklärte sie ruhig, „erzeugte sie ein Signal, wie es die moderne Welt noch nie gesehen hat.“ Asher runzelte die Stirn. „Ihr habt eine übernatürliche Paarungsbindung verfolgt?“ Selene lächelte. „Technologie hat sich seit dem Mittelalter ziemlich weiterentwickelt, Mr. Kane.“ Marina fühlte sich plötzlich eisig. „Also jagt ihr mich.“ Selenes Lächeln wurde etwas breiter. „Nicht jagen.“ Sie machte eine Pause. „Forschung.“ Rafael knurrte leise. Dominic trat näher an das Telefon. „Wenn du dich ihr näherst, werde ich alles zerstören, was du aufgebaut hast.“ Selene sah nicht im Geringsten bedroht aus. Im Gegenteil. Sie wirkte amüsiert. „Genau deshalb interessieren Sie mich, Alpha Grey.“ Sie tippte auf einen weiteren Bildschirm. Vier Dateien erschienen. Jede mit ihren Namen beschriftet. Dominic Grey. Asher Kane. Rafael Torres. Marina Vale. „Ihr repräsentiert etwas Beispielloses“, sagte sie leise. „Eine gebundene übernatürliche Allianz, die das Machtgleichgewicht neu formen kann.“ Marinas Puls donnerte. „Das wollen wir nicht.“ Selene legte den Kopf schief. „Es mag nicht das sein, was ihr wollt.“ Ihr Lächeln wurde kälter. „Aber es ist das, was die Welt bald sehen wird.“ Ashers Stimme wurde scharf. „Was genau willst du?“ Selene stand langsam auf. „Für den Moment?“ Sie ging zu einem der Monitore. „Beobachtung.“ Der Bildschirm hinter ihr wechselte erneut. Diesmal zeigte er eine Satellitenansicht der Stadt. Dominics Gebäude war rot markiert. Marinas Atem stockte. Selene sah zurück zur Kamera. „Und einen Test.“ Bevor jemand reagieren konnte— schnitt das Video zu statischem Rauschen. Dann vibrierte das Telefon heftig in Ashers Hand. Dominics Instinkte explodierten. „Bewegt euch.“ Eine donnernde Explosion erschütterte das ganze Gebäude. Die Fenster zersplitterten mit einem ohrenbetäubenden Krachen nach außen. Marina keuchte, als Rafael sie sofort packte und zu Boden zog. Rauch und Alarmgeräusche erfüllten das Penthouse.
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