Der Schmerz in meinen Knien war mittlerweile zu einem stechenden, pulsierenden Rhythmus geworden, der bei jedem Schritt bis in meine Hüften ausstrahlte. Es gab diese Tage in der Queen Bar, an denen die Zeit sich wie zäher Sirup dehnte und die Beine den Dienst versagten, bevor die Schicht auch nur halb vorüber war. Während meine Kollegin Mihri oben im helleren, lauteren Barbereich die Stellung hielt, war ich heute für den Keller eingeteilt – das Casino. Ein Ort aus dunklem Samt, schwerem Tabakrauch und der unterdrückten Gier von Menschen, die mehr zu verlieren hatten, als sie zugaben. Obwohl es noch früh am Abend war, füllten sich die Tische schneller als gewöhnlich. Draußen lieferten sich Donner und Regen ein erbittertes Wettrennen, ein Naturschauspiel, das Hallstatt in eine unheimliche, fast mystische Atmosphäre tauchte. Normalerweise liebte ich den Regen; sein gleichmäßiges Trommeln war wie Balsam für meine aufgewühlte Seele, doch heute schien selbst die Natur mich nicht beruhigen zu können.
Seit Azat das Casino verlassen hatte, kreisten meine Gedanken wie Raubvögel um ein einziges Thema: Woher kannte er mich? Ich kramte in den dunkelsten Winkeln meines Gedächtnisses, suchte nach einem Gesicht, einer Stimme, einem Geruch, der zu ihm passte. Doch jedes Mal stieß ich auf die gleiche, unnachgiebige Mauer – ich hatte diesen Mann noch nie zuvor gesehen. Davon war ich überzeugt. Ein Mann wie Azat, mit dieser beängstigenden Präsenz und diesen Augen, die bis zum Grund der Seele blickten, war niemand, den man einfach vergaß. Und doch kannte er meinen zweiten Namen. Nephthys.
Ein Name, der wie ein dunkles Geheimnis in meiner Geburtsurkunde stand und den niemand kannte. Selbst meine Mutter hatte ihn nur flüstert ausgesprochen, meistens nachts, wenn sie dachte, ich würde bereits tief und fest schlafen. Es war ein Name aus einer anderen Welt, aus einer alten Mythologie, die in unserem modernen Alltag keinen Platz hatte. „Ich bin überall dort, wo du bist, Nephthys“, hatte er gesagt. Diese Worte fühlten sich an wie ein unsichtbares Halsband, das sich langsam zuzog. Woher wusste er etwas, das ich selbst kaum begriff?
Mein Kopf war ein einziges Chaos. In einem Moment sah ich Azats kühles Lächeln vor mir, im nächsten die hasserfüllte Fratze von Pars. Dass er es gewagt hatte, mich als „Schlampe“ zu bezeichnen, brannte tiefer als der Betrug selbst. Jedes Mal, wenn ich daran dachte, loderte der Zorn in mir auf, heiß und unerbittlich. Das Muttermal in meinem Nacken, direkt unter dem Haaransatz, begann zu kribbeln – ein physisches Echo meines emotionalen Zustands. Seit meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich das Gefühl, dass dieser kleine Fleck gewachsen war, dass er sich ausdehnte, wann immer ich von Dunkelheit umgeben war. Glücklicherweise verbarg mein langes, schwarzes Haar dieses Geheimnis vor der Welt.
Ein ungeduldiger Kunde am Tresen riss mich aus meinen Grübeleien. Er wollte ein Bier. Ich funktionierte mechanisch, zapfte das kühle Blonde und stellte es wortlos vor ihn hin. In diesem Moment vibrierte das Handy in meiner Tasche. Es war Fetih. Der einzige Mensch, der mir in diesem Leben geblieben war, mein Chef, der sich mehr wie ein Vater als wie ein Arbeitgeber verhielt. Aufgrund seines Alters mied er den Lärm der Bar meistens und rief nur an, um nach dem Rechten zu sehen.
„Eflan, mein Kind, läuft alles glatt? Gibt es Schwierigkeiten?“, dröhnte seine raue Stimme durch den Hörer, unterbrochen von einem heftigen Hustenanfall – das Ergebnis jahrzehntelangen Rauchens.
„Alles bestens, Fetih Amca. Keine Probleme, mach dir keine Sorgen“, antwortete ich und versuchte, meine Müdigkeit zu verbergen.
„Hör zu, Eflan. Heute Abend kommen die Darcys aus der Umgebung von Hallstatt. Es sind sehr wichtige Gäste. Ich möchte, dass du dich persönlich um sie kümmerst. Reserviere den VIP-Raum. Sie sind bereits auf dem Weg und sollten in einer Stunde eintreffen.“
„Ich kümmere mich darum, Fetih Amca. Verlass dich auf mich.“
„Pass gut auf, Eflan. Wenn es auch nur das kleinste Problem gibt, ruf mich sofort an. Diese Leute... man sollte sie nicht warten lassen.“
Als er auflegte, wusste ich, dass die Nacht noch lange nicht vorbei war. Wenn Fetih jemanden so eindringlich ankündigte, bedeutete das meistens Ärger oder zumindest eine Menge Arbeit. Der VIP-Bereich war ein separater Raum mit nur vier Tischen und einer eigenen Bar. Ich übergab meinen Posten an David, eine studentische Hilfskraft, und wechselte in den abgeschirmten Bereich. Ich bereitete alles vor, polierte die Gläser und stellte die teuersten Whiskysorten bereit. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits 01:15 Uhr war. Sie mussten jeden Moment hier sein.
Ich warf einen kurzen, kritischen Blick in den Spiegel, strich meine Haare glatt und trug eine dünne Schicht eines dunklen, kirschroten Lippenstifts auf – eine Farbe, die fast wie geronnenes Blut wirkte. Gerade als ich fertig war, öffnete Mihri die Tür. Sie trat respektvoll zur Seite, um den Gästen Platz zu machen. Und dann sah ich ihn.
Azat.
Er trug eine schwarze Hose und ein königsblaues Hemd, das seine breiten Schultern betonte. Sein Blick fand mich augenblicklich, so sicher, als hätte er einen Kompass in seinem Kopf, der nur auf mich ausgerichtet war. Es war kein Zufall. Es konnte kein Zufall sein. Hinter ihm folgten fünf weitere Männer, die ihm in nichts nachstanden. Sie waren alle groß gewachsen, hatten muskulöse Körper und Gesichter, die wirkten, als wären sie aus gefrorenem Stahl gegossen. Sie alle trugen Schwarz, was den Namen „Darcy“ – was im Dunklen oder Dunkelheit bedeutet – nur allzu treffend untermauerte. Es war eine Gruppe von Männern, denen man nachts nicht allein begegnen wollte. Sie wirkten wie eine Raubtiergruppe auf der Jagd.
Azat setzte sich direkt an den Tisch gegenüber meiner Bar. Sein vorheriges, fast schon spöttisches Verhalten war verschwunden; nun wirkte er hart, konzentriert, die Augenbrauen leicht zusammengezogen. Er behandelte mich wie eine Fremde, würdigte mich nach dem ersten Blick keines weiteren Blickes mehr. Er begann, die Karten zu mischen, während die anderen Männer schweigend Platz nahmen. Die Stille im Raum war so dicht, dass man das Ticken meiner Armbanduhr hätte hören können.
„Wir erwarten noch zwei weitere Gäste für das Spiel“, sagte Azat schließlich. Seine Stimme war tief und klang wie grollender Donner in dem kleinen Raum.
Es war mir egal, wer noch kam. Ich wollte nur meine Arbeit machen und diesen Tag hinter mich bringen. Ich begann, die Gläser zu polieren, um meine Hände zu beschäftigen. Plötzlich hob Azat die Hand und bedeutete mir mit einer knappen Geste, zu ihm zu kommen. Ich beschloss, sein Spiel mitzuspielen. Wenn er den Unbekannten mimte, würde ich die professionelle Barfrau sein. Ich ging auf ihn zu, das Klackern meiner Absätze war das einzige Geräusch im Raum. Er verlangte Whisky.
Gerade als ich zurück zur Bar gehen wollte, öffnete sich die Tür erneut. Die Wut stieg wie kochendes Wasser in mir auf, vom kleinen Zeh bis in die Haarspitzen. Pars betrat den Raum, seinen Arm besitzergreifend um die Taille von Çisem gelegt. Sie stolzierte herein, ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen, das sie mir direkt entgegenwarf. Beim Einschenken des Whiskys zitterten meine Hände so sehr, dass die Flüssigkeit über den Rand des Glases lief. Ich musste tief durchatmen, nahm ein neues Glas und füllte es erneut.
Als ich Azat den Drink brachte, geschah es. Gerade als ich das Glas abstellen wollte, legte er seine Hand auf meine. Es war kein flüchtiges Berühren, sondern ein bewusster, fester Griff. Seine Haut war eiskalt, fast schon unnatürlich kühl, doch der Kontakt löste in mir eine Hitze aus, die mich fast verbrannte. Pars, der direkt gegenüber saß, fixierte unsere Hände mit einem Blick, der vor Eifersucht und Hass sprühte. Niemand sonst schien es zu bemerken, außer Çisem, deren Augen vor Bosheit blitzten.
Als ich versuchte, mich zu entfernen, packte Pars mein Handgelenk. „Das Gleiche für mich“, sagte er mit einem dreckigen Grinsen.
Das Brennen in meinem Nacken wurde unerträglich. Ich wollte ihm das Glas am liebsten über den Kopf gießen. Azat räusperte sich leise, eine gefährliche Warnung in seinem Tonfall, und Pars ließ mein Handgelenk augenblicklich los. Ich bemerkte, wie Azats Blick für einen Sekundenbruchteil zu meinem Nacken huschte. Hatte er das Muttermal gesehen? Nein, das war unmöglich. Mein Haar verdeckte alles.
Ich brachte Pars den Whisky und knallte das Glas so heftig vor ihn hin, dass ein Teil des Inhalts auf den Tisch spritzte. Die Blicke der anderen Männer folgten mir, schwer und forschend. Ich hielt es nicht mehr aus. Ich flüchtete kurz in den Waschraum, um mein Gesicht mit kaltem Wasser zu kühlen. Die Erschöpfung und der emotionale Stress standen mir ins Gesicht geschrieben. Als ich den Waschraum verlassen wollte, stand Pars plötzlich im Gang. Er stieß mich hart gegen die Wand und versperrte mir den Weg.
„Es muss hart für dich sein, Eflan“, lachte er hämisch.
„Geh mir aus dem Weg, Pars!“, zischte ich.
„Diese zornige Art wird auf Dauer niemand ertragen, hast du das schon vergessen? Ohne mich bist du nichts. Du wirst zu mir zurückkriechen.“
„Du bist so erbärmlich, dass es fast schon wieder lustig ist“, konterte ich, obwohl ich innerlich bebte.
„Dein kleiner Lover von gestern scheint ja auch schon genug von dir zu haben. Er tut so, als würde er dich nicht einmal kennen. Tut das weh, Eflan?“, er grinste und entblößte dabei seine Zähne.
Er wollte gerade gehen, doch dann besann er sich anders. Er presste mich fester gegen die Wand, seine Hand schlang sich um meinen Hals, und bevor ich reagieren konnte, drückte er seine Lippen hart auf meine. In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Pars wich plötzlich zurück, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Er starrte meinen Hals an, seine Pupillen waren geweitet vor Entsetzen. Ich wusste nicht, was er gesehen hatte, aber ich war froh über die Distanz.
„Fass mich nie wieder an!“, schrie ich ihn an. Mein ganzer Körper schien in Flammen zu stehen, die Wut war fast greifbar.
Plötzlich wurde Pars von hinten an den Schultern gepackt und weggerissen. Azat stand da, sein Gesicht war eine Maske aus purer, mörderischer Wut. „Ich werde dich nie wieder in Eflans Nähe sehen, Pars!“, seine Stimme war so dunkel und hohl, dass sie direkt aus der Unterwelt zu kommen schien.
Pars schüttelte die Überraschung ab. „Ein paar Küsse werden für Eflan wohl kein Problem sein, Ateş!“, rief er provozierend.
Ateş? Hatte Azat zwei Namen? Und woher kannte Pars ihn? Mein Gehirn fühlte sich an, als würde es gleich explodieren.
„Es frisst dich auf, dass du Eflan an mich verloren hast, nicht wahr?“, entgegnete Azat mit einem gefährlichen Funkeln in den Augen.
Pars lachte gehässig. „Ich brauche nicht länger als eine halbe Stunde mit ihr, wenn sie erst einmal merkt, wie sehr sie unsere Nächte vermisst.“
Das war der letzte Tropfen. Bevor Azat reagieren konnte, holte ich aus und verpasste Pars einen gezielten, harten Tritt zwischen die Beine. Er sackte stöhnend zusammen.
„Vielleicht hältst du ja nicht einmal fünf Minuten durch, Pars. Was sagst du dazu?“, zischte ich.
Azat begann leise zu lachen, ein tiefes, ehrliches Lachen, während Çisem herbeieilte, um sich um ihren „veretzten“ Liebhaber zu kümmern. Ich ließ sie einfach stehen. Um 03:00 Uhr morgens war das Casino endlich leer. Nachdem ich mit Mihri und David sauber gemacht hatte, schlossen wir ab.
Der Regen hatte nicht nachgelassen. Mihri fuhr mit David, ich entschied mich, trotz der Nässe zu laufen. Der Weg durch den Wald bot mir die Einsamkeit, die ich jetzt brauchte. Ich war innerhalb von Minuten klatschnass, doch das kühle Wasser auf meiner Haut fühlte sich gut an. Plötzlich spürte ich eine Präsenz hinter mir.
Ich wirbelte herum. Azat stand da. Der Regen lief an seinen Schläfen hinunter, sein Hemd klebte an seinem muskulösen Oberkörper. Er sah perfekt aus, während ich wahrscheinlich wie eine ertrunkene Ratte wirkte.
„Du bist ziemlich unvorsichtig, wenn man bedenkt, dass ich dich schon seit der Bar verfolge“, sagte er ruhig.
„Ich weiß nicht, warum du das tust, und ehrlich gesagt ist es mir egal!“, rief ich gegen den Regen an. Jedes Mal, wenn er in meine Nähe kam, stellten sich meine Nackenhaare auf. Er trat näher, seine Augen fixierten meinen Hals. Warum starrten heute alle auf meinen Hals?
Er blieb direkt vor mir stehen, seine Hand hob sich langsam. Er schob einige nasse Strähnen meines Haares zur Seite und legte seine langen, eiskalten Finger auf mein brennendes Muttermal. Ein heftiger Schauer durchlief mich.
„Du wirst mit jedem Funken deines Zorns nur noch schöner, Nephthys“, flüsterte er.
Bevor ich antworten konnte, beugte er sich vor und presste seine kühlen Lippen fest auf die empfindliche Haut meines Nackens. In diesem Moment blieb die Welt stehen. Der Regen, der Schmerz, der Zorn – alles verschwand in der eisigen, elektrisierenden Berührung dieses Mannes, der mein tiefstes Geheimnis kannte.