Kapitel 2: Emma, lange nicht gesehen

667 Worte
„Geht es dir gut? Du siehst nicht besonders gut aus.“ Eine vertraute Stimme erklang über ihr, mit einem Hauch von Besorgnis. Als Emma wieder zu sich kam, trat sie rasch einen Schritt zur Seite. Ihr Ton war leicht distanziert. „Wahrscheinlich liegt es an zu wenig Schlaf. Danke.“ Solche Worte der Fürsorge würde sie aus Tylers Mund niemals hören. Ohne Übertreibung – selbst wenn sie vor Tyler ohnmächtig zusammenbrechen würde, hätte er sie vermutlich keines zweiten Blickes gewürdigt und wäre einfach weitergegangen. „Musst du mir gegenüber wirklich so förmlich sein? Kleine Emma, wenn… wenn dich diese Ehe so sehr erschöpft …“ Bevor Caleb seinen Satz beenden konnte, unterbrach Emma ihn mit einem leichten Lachen: „Mr. West, der Aufzug ist da. Gehen wir hinein – alle warten wahrscheinlich darauf, dass Sie das Meeting eröffnen.“ Der Mann vor ihr – Caleb – war ihr Klassenkamerad aus der Mittelstufe und ein alter Freund. Darüber hinaus war er auch der Geschäftsführer der Lovelace Brautkleid-Designfirma. Emma war sich Calebs Gefühle für sie bewusst. Und dennoch liebte sie stur einen Mann namens Tyler. Vielleicht hatte jener flüchtige, unvergessliche Blick von vor vielen Jahren ihr Schicksal besiegelt – ein Zauber, dem sie niemals entkommen konnte. Nach einem langen Arbeitstag fuhr Emma noch in ein nahegelegenes Einkaufszentrum, um Geschenke für Tylers Eltern und seine Großmutter zu besorgen. Schon bald würde sie im Anwesen der Familie Brooks mit der Großmutter zu Abend essen. Trotz ihres hohen Alters liebte diese ein lebendiges, belebtes Zuhause. Deshalb kehrten sie und Tyler häufig gemeinsam zum Abendessen zurück. Tyler mochte Emma nicht besonders, doch seine Familienmitglieder waren ihr gegenüber sehr herzlich. Heute jedoch wirkte die Atmosphäre im Brooks-Anwesen etwas merkwürdig. Die Gesichtsausdrücke aller schienen… seltsam. Ein leises Unbehagen machte sich in Emmas Herzen breit, als sie bemerkte, dass neben dem Sofa ein Geschenk in einer roten Schachtel auf dem Tisch lag. Waren heute noch andere Gäste hier gewesen? Die vernünftige Emma fragte jedoch nicht weiter nach, sondern überreichte die Geschenke, die sie mitgebracht hatte. „Mama, Papa, das sind die Geschenke für euch. Und dieses hier ist für Großmutter.“ Die Großmutter lachte, doch in ihrem Lächeln lag eine Spur von Nachdenklichkeit. „Emma, du musst dir beim nächsten Besuch nicht so viel Mühe machen.“ Dann blickte sie über Emmas Schulter und fragte: „Übrigens, wo ist Tyler? Ist er nicht mit dir gekommen?“ Diese Frage zog sofort die Aufmerksamkeit von Tylers Eltern auf sich. Ihre Blicke ruhten nun ebenfalls auf Emma, als warteten alle gespannt auf ihre Antwort. „Tyler ist mit der Arbeit beschäftigt. Er meinte, er würde später kommen, deshalb bin ich zuerst hergekommen.“ Obwohl ihre Ehe mit Tyler voller Spannungen war, sprach Emma vor den Älteren nie schlecht über ihn. Im Gegenteil – sie half ihm sogar, das Bild eines guten Ehemannes aufrechtzuerhalten. „Ist das so?“ fragte Tylers Vater zögernd. „Womit ist Tyler in letzter Zeit so beschäftigt? Ist es wirklich nur die Arbeit?“ „Ja“, antwortete Emma mit einem sanften Lächeln. „Tyler ist schließlich dafür bekannt, ein Workaholic zu sein.“ Doch in Wahrheit war dieser Arbeitseifer nur eine Ausrede, um nicht nach Hause kommen zu müssen. Die heutigen Reaktionen aller und die vielen Fragen wirkten ungewöhnlich und bedrückend auf Emma. Als sie spürte, dass alle weiter nachhaken wollten, sagte sie hastig: „Ich rufe kurz an und frage, wann Tyler kommen kann.“ Nach diesen Worten verließ sie vor aller Augen die Villa. Ihr Gang blieb anmutig, doch ihre Brust fühlte sich eng an, als müsste sie erst wieder zu Atem kommen. Draußen ging Emma in den Garten im Hinterhof. Gerade als sie den Teich erreichte, ließ das Geräusch von High Heels hinter ihr sie abrupt stehen bleiben. „Emma, lange nicht gesehen.“ Noch bevor sie sich umdrehen konnte, begrüßte die Person hinter ihr sie. Diese vertraute Stimme ließ Emmas Wimpern leicht erzittern. Ihre Hände, die locker an ihren Seiten hingen, ballten sich unbewusst zu Fäusten.
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