Kapitel 3: Wendepunkt

1136 Worte
Das Haus war unheimlich still. Eine Art von Stille, die sich wie eine erdrückende Last auf Isabelle legte. Sie saß in der Küche und starrte auf die Fliesen, während ihre Gedanken rasten. Ihre Wange brannte noch immer von Richards Ohrfeige, doch es war nicht der körperliche Schmerz, der sie so leer und verletzt fühlen ließ. Es war die Erkenntnis, dass dies ihr Leben war – ein vergoldeter Käfig, in dem ihre Stimme keine Bedeutung hatte, ihre Entscheidungen nicht existierten und ihre Würde längst verloren gegangen war. Sie hatte den Fehler gemacht, zu glauben, sie könne mit Richard vernünftig reden, doch alles, was das gebracht hatte, war sein Zorn. Das Zuschlagen einer Tür im Obergeschoss riss sie aus ihren Gedanken, gefolgt von Richards schweren Schritten. Sie versteifte sich und klammerte sich an die Kante der Arbeitsplatte. Als Richard im Türrahmen erschien, war sein Blick kalt und in seinen Augen brannte noch mehr Wut als zuvor. „Steh auf“, bellte er. „Was jetzt schon wieder?“ fragte Isabelle leise, ohne ihn anzusehen. „Nach oben“, fauchte er. „Sofort.“ „Ich bin deine Frau, nicht deine Gefangene!“ fuhr sie zurück – sogar sie selbst war überrascht von der Entschlossenheit in ihrer Stimme. Die Ohrfeige kam aus dem Nichts – ein scharfer Klang, der durch den Raum hallte. Isabelle taumelte, fiel jedoch nicht. Stattdessen hob sie den Kopf und sah ihn trotzig mit ihren haselnussbraunen Augen an. „Leg dich nicht mit mir an, Isabelle“, warnte Richard mit gefährlich leiser Stimme. „Oder was?“ sagte sie zitternd. „Willst du mich jetzt umbringen?“ Er packte ihr Handgelenk und riss sie an sich. „Versuch es nicht herauszufordern.“ Ihr Herz hämmerte in ihrer Brust, als er sie gegen die Wand drückte und seine Hand sich um ihren Hals schloss. Panik stieg in ihr auf, als sein Griff sich fester schloss. „Du glaubst, du kannst mich demütigen und einfach davonkommen? Dass es herauskam, dass ich eine zweite Familie habe – weißt du, wie viel Geld ich ausgegeben habe, um das zu vertuschen?“ zischte er. „Das wirst du bereuen.“ In diesem Moment ging Isabelle die Luft aus. Sie fühlte sich, als stünde sie am Rand des Todes – und etwas in ihr brach. Jahre voller Angst, Schmerz und Unterwerfung lösten sich auf, ersetzt durch einen reinen Überlebensinstinkt. Mit all ihrer verbliebenen Kraft rammte sie ihm ihr Knie zwischen die Beine. Richard stöhnte vor Schmerz, sein Griff lockerte sich gerade genug, dass sie sich losreißen und wegrennen konnte. „Das wirst du büßen“, knurrte er und rannte ihr nach. Isabelle war geschwächt, also hatte Richard sie schon kurz vor der Küchentür wieder eingeholt. Er packte sie an den Haaren und schleifte sie schreiend zurück. „Willst du wirklich durch meine Hand sterben, hm?“ Er warf sie gegen die Arbeitsplatte, sodass sie hart mit dem Bauch dagegen stieß. Isabelle schrie vor Schmerz, hielt sich den Bauch, während Blut aus ihrem Mund und zwischen ihren Beinen tropfte. Richards Augen weiteten sich. „Isabelle... du... du warst schwanger? Warum hast du mir das nicht gesagt?“ Er wandte sich ab und fuhr sich durch die Haare. Isabelles Blick fiel auf die kleine Pfanne auf der Theke. Ohne zu zögern packte sie sie und schlug sie Richard gegen die Schulter. Richard schrie auf, hielt sich den Arm. Isabelle sah nicht nach, was als Nächstes geschah – sie rannte. Barfuß rannte sie durch den Flur und zur Tür hinaus. Die kühle Nachtluft traf sie wie ein Schlag, doch sie hörte nicht auf zu laufen. Ihre Atemzüge kamen kurz und gehetzt, ihre Beine zitterten. Sie wusste nicht, wohin sie lief – nur weg. Die Straßen waren gespenstisch leer, nur vereinzelt erleuchtet von Straßenlaternen. In einer Gasse lehnte sie sich keuchend an eine Wand. Doch das Geräusch von schnellen Schritten ließ ihr Herz in Panik schlagen. Sie kannte denjenigen, der kam. „Isabelle!“ Richards Stimme klang kalt und voller Zorn. Sie schluckte ihr Schluchzen herunter und rannte weiter. Richard jagte sie unerbittlich. Erst am Stadtrand gaben ihre Beine nach – sie fiel zu Boden. Ihr Körper fühlte sich an wie aus Blei. Ein quietschendes Bremsgeräusch schnitt durch die Nacht, und im nächsten Moment blendeten Scheinwerfer ihr Gesicht. Ein Mann stieg aus dem Wagen. „Miss?“ rief eine tiefe Stimme, dann trat er näher. „Isabelle?“ fragte er ungläubig, als er ihr Gesicht erkannte. „Hilfe…“ flüsterte sie, bevor sie das Bewusstsein verlor. „Das ist meine Frau. Wer zum Teufel bist du?“ knurrte Richard, als er näherkam. Der Mann blieb ruhig. „Jemand, der es hasst, wenn Frauen misshandelt werden.“ Richard lachte spöttisch. „Das geht dich nichts an, Held. Verschwinde.“ Der Mann trat vor, seine Stimme ruhig, aber gefährlich: „Richard Carter. Du willst sicher nicht, dass die Welt erfährt, wie du deine Frau behandelst – bis hin zur Blutung.“ „Woher kennst du meinen Namen? Du Mistkerl—“ Richards Augen weiteten sich in Schock. Sein Ruf war ihm heilig. „Verschwinde“, knurrte der Mann. „Bevor ich meine Meinung ändere.“ Richard fauchte, atmete schwer. „Das ist noch nicht vorbei.“ „Doch“, sagte der Mann kalt. „Verschwinde.“ Mit einem letzten finsteren Blick verzog sich Richard in die Dunkelheit. --- Isabelle erwachte zum Piepen eines Monitors. Ihr Körper schmerzte, als wäre sie von einem Lastwagen überfahren worden. „Du bist wach.“ Sie drehte langsam den Kopf zur Stimme und sah den Mann – groß, breitschultrig, offensichtlich trainiert, dunkles Haar und Augen, die direkt in ihre Seele blickten. „Wer…?“ flüsterte sie. „Liam Anderson“, sagte er ruhig. „Ich habe dich auf der Straße gefunden. Du bist jetzt im Krankenhaus.“ Die Erinnerungen kamen zurück: Richard, der Kampf, die Ablehnung ihrer Familie, ihre Flucht. Tränen füllten ihre Augen, als ihr klar wurde, dass sie allein war – und nirgends hingehen konnte. „Hey“, sagte Liam sanft, trat näher. „Du bist jetzt in Sicherheit.“ „Nein“, flüsterte sie, ihre Stimme brach. „Bin ich nicht. Er findet mich. Er tut’s immer.“ „Hör mir zu“, sagte Liam und nahm behutsam ihre Hand. „Ich werde dafür sorgen, dass er dir nichts mehr antun kann. Selbst wenn er dich findet.“ Isabelle schüttelte den Kopf, panisch. „Du kennst ihn nicht. Er hört nicht auf. Er sagt, ich gehöre ihm. Er wird nicht aufhören, bis er mich zerstört – oder tötet.“ Der Monitor begann plötzlich lauter zu piepen, was sogar Liam erschreckte. Was hatte Richard Carter ihr nur angetan, dass sie so verängstigt war? Er drückte schnell den Notfallknopf und hielt ihre Hand fester. „Isabelle, bleib bei mir. Bitte.“
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN