001

1420 Worte
Ich stand in meiner Dessous vor dem Ganzkörperspiegel, während die Schneiderin die letzten Maße für mein maßgeschneidertes elfenbeinfarbenes Hochzeitskleid nahm. „Stillhalten, Miss Emerson“, murmelte sie und legte den zarten Stoff vorsichtig über meine Schultern. Der Reißverschluss am Rücken zog sich mit einem leisen Zischen zu und schmiegte das Kleid wie eine zweite Haut an meine Kurven. „Oh, Sie werden die perfekte Luna von Alpha Liam sein“, hauchte die Schneiderin. „In zwanzig Jahren habe ich noch nie eine Braut so strahlen sehen.“ Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf meine Lippen, als ich mein Spiegelbild betrachtete. Der Stylist hatte mein kastanienbraunes Haar zu einer eleganten Kaskade frisiert, die meinen Rücken hinabfloss, die Spitzen streiften die silbern bestickte Schleppe des Kleides wie Herbstblätter auf gefrorener Seide. Mit der Diamant-Tiara, die das Licht einfing, konnte ich fast an Märchen glauben – die verlorene Prinzessin, die zurückkehrt, um ihr vorherbestimmtes Glück zu beanspruchen. Ich konnte es kaum erwarten, dass Liam mich so perfekt sieht. Mein zukünftiger Ehemann, mein Gefährte. Ich schnippte mit den Fingern, damit mir mein Handy gebracht wurde. Liam hätte schon vor dreißig Minuten hier sein sollen. Als hätte meine Ungeduld ihn herbeigerufen, leuchtete der Bildschirm mit seinem Namen auf. „Wo bist du?“ Mein manikürter Daumen tippte gegen die Handyhülle. „Die letzte Anprobe beginnt in—“ „Avery, Notfall im Büro.“ Seine sonst so ruhige, tiefe Stimme klang angespannt. „Kann jetzt nicht sprechen—“ Die Verbindung brach ab. Ich starrte auf den dunklen Bildschirm, mein halbfertiger Protest erstarb auf meinen Lippen. Fünf Jahre zusammen, und noch nie hatte er mich mitten im Satz unterbrochen. Was für ein Notfall konnte das sein? Liam war bereits der gefürchtete Alpha des Silver-Shroud-Rudels, und unsere Verbindung würde seine Stärke nur festigen. Die Ehe war seit meiner Geburt arrangiert. Obwohl ich einst verschwunden war, hatte die Göttin mich zurückgebracht. Und noch überraschender – wir waren nicht nur ein arrangiertes Paar, sondern füreinander bestimmt. Ich werde unsere erste Begegnung nie vergessen. In dem Moment, in dem sich unsere Blicke trafen, spürten wir die Bindung. Die Mondgöttin hatte uns füreinander geschaffen. Jeder wusste das, und beide Rudel warteten sehnsüchtig auf unsere Hochzeit. Aber warum fühlte ich mich jetzt so unruhig? Ich atmete scharf aus und wählte eine andere Nummer. Meine Mutter, die Luna des Frostveil-Rudels. Die andere Person, die mir versprochen hatte, heute hier zu sein. Ich war erst sechs gewesen, als ich entführt wurde, aber ich erinnere mich noch an ihren warmen Duft nach Jasmin und Schnee. Ich hatte immer davon geträumt, wieder in Mamas Armen zu sein, doch als ich mit achtzehn endlich zurückkehrte, lag ihr Arm um die Schultern eines anderen Mädchens. „Willkommen zurück, Avery“, lächelte sie mich an, doch die Wärme in ihrer Stimme galt nicht mir. „Das ist deine Schwester, Riley.“ Riley Emerson. Ein Ersatz, adoptiert, um den Schmerz meiner Mutter nach meinem Verschwinden zu lindern. Riley hatte nicht nur meinen Platz als Tochter eingenommen – sie war mit Liam aufgewachsen und zu seiner engsten Vertrauten geworden. Wäre ich nie zurückgekehrt, wäre sie heute diejenige an seiner Seite. Ich versuchte, mich nicht zu beschweren. Wirklich – besonders nachdem Liam geschworen hatte, dass ich seine Einzige bin, seine wahre Liebe. Ich versuchte, Riley als Schwester zu akzeptieren. Aber Riley… sie hatte mich nie akzeptiert. Für sie war ich eine Eindringlingin, die ihr Leben stahl. Und vor fünf Jahren hätte sie mich beinahe dafür umgebracht. Nein. Ich schloss die Augen fest und verdrängte die Erinnerungen. Riley war bestraft worden. Liam gehörte mir. Unsere Hochzeit würde endlich stattfinden. Sie konnte mir nichts mehr antun. Ich schluckte die Bitterkeit hinunter und rief meine Mutter an. Wir hatten schon so viel verpasst – ich würde diesen Moment nicht auch noch verlieren. „Mom… du bist zu spät.“ Die Worte sprudelten heraus, sobald sie ranging, meine Stimme zu eifrig, zu bedürftig. „Ich komme nicht in die Boutique.“ Ihre Antwort war eisig und zerschnitt meine zerbrechliche Freude. „W-Was?“ Meine Kehle zog sich zusammen, das Gewicht ihrer Ablehnung traf mich hart. „Etwas ist dazwischengekommen. Ruf nicht wieder an.“ Die Leitung brach ab, bevor ich protestieren konnte. Das Freizeichen summte in meinem Ohr wie eine wütende Hornisse. Mein Arm sank schlaff herab, das Handy glitt aus meinen tauben Fingern und fiel dumpf auf den weichen Teppich. Was zum Teufel passierte hier? Eine nagende Unruhe breitete sich in meiner Brust aus. Mein Wolf, Lydia, knurrte warnend. Etwas stimmte nicht. Ohne nachzudenken rannte ich aus der Boutique, meine Schleppe vergessen. Ich musste Liam finden. Ich nahm den privaten Aufzug nach oben, mein Spiegelbild in den Wänden zeigte eine zukünftige Braut mit Feuer in den Augen. Die Türen waren noch nicht ganz offen, als ich hinausstürmte. Liаms Sekretärin sprang auf. „Miss Avery, bitte, er ist in einem privaten—“ „Geh zur Seite.“ Die zwei Worte tropften vor Warnung. Ich bin ein ausgewachsener Alpha-Wolf und bald ihre Luna. Sie konnten es sich nicht leisten, mich zu verärgern. Sie schluckte und wich zurück. Die Eichentür flog unter meiner Hand auf. Ich hatte mir vieles vorgestellt. Liam könnte in Schwierigkeiten sein, vielleicht wollte er mich nur nicht beunruhigen. Doch was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren – Liams breiter Rücken, über eine schlanke Gestalt gebeugt, ihre Lippen in verzweifelter Leidenschaft vereint. Die manikürten Finger der Frau waren in seinem Haar vergraben. Dann traf mich der Duft. Vanille und Verrat. „Riley.“ Der Name riss sich aus meiner Kehle, und Lydia knurrte in mir. Die Zeit zerbrach. Liam fuhr herum, sein sonst perfektes Haar leicht zerzaust. Riley – diese hinterhältige Schlange – hatte die Dreistigkeit, mich über seine Schulter hinweg anzulächeln. Ihre rosa Zunge fuhr über ihre Lippen und schmeckte noch nach Liam. Lydia explodierte. Meine Krallen zerrissen den Türrahmen, als ich nach vorn sprang. „DU WAGST ES, MEINEN GEFÄHRTEN ANZUFASSEN?“ Mein Brüllen ließ die Fensterscheiben erzittern. Zu seiner Ehre – Liam war schneller, als ich ihn je gesehen hatte. Er stellte sich zwischen uns, die Hände erhoben. „Avery, warte—“ „Warten?“ Ich hätte beinahe an dem Wort erstickt. „Du hast unsere letzte Anprobe dafür verpasst? Nach allem, was sie getan hat?“ Meine Stimme sank zu einem tödlichen Flüstern. „Vor fünf Jahren ließ sie mich blutend im Schnee zurück. Und jetzt lässt du zu, dass sie dich berührt?“ Liams Gesicht verzog sich vor Schmerz. „Es ist nicht das, was du—“ Genau in diesem Moment wimmerte Riley dramatisch und drückte sich an seinen Rücken. „Bitte, Liam… sie macht mir Angst.“ Ihre Stimme zitterte, doch ihre Augen – kalt und berechnend – trafen meine mit stillem Triumph. Lydia knurrte in mir, meine Krallen fuhren mit einem hörbaren Geräusch aus. Der Wolf in mir erkannte die Herausforderung. Diese Schlange spielte mit uns beiden. „Du hast drei Sekunden, um deine Hände von ihm zu nehmen“, knurrte ich, meine Stimme durchzogen von der Drohung meines Wolfs. Liams Kiefer spannte sich an. „Genug.“ Seine Alpha-Macht erfüllte den Raum, drückte gegen meine Haut wie eine Warnung. Doch ich war keine Untergebene, die sich beugen ließ. Ich war ihm ebenbürtig. „Dann entscheide dich.“ Meine Worte schnitten durch die schwere Stille. „Jetzt sofort. Sie oder ich.“ Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, zögerte Liam. Ein Herzschlag. Zwei. Mehr brauchte es nicht. Seine Antwort war eindeutig. Die Bindung zwischen uns – die seit dem Tag unseres Kennenlernens voller Gewissheit gewesen war – zerbrach. Lydia heulte in meinem Inneren auf, und etwas in mir ging kaputt. Ich trat einen Schritt zurück, meine Krallen zogen sich zurück. Das Feuer in meinen Adern wurde zu Eis. „Nein.“ Liam kam endlich auf mich zu, die Hand ausgestreckt. „Avery, es ist nicht das, was du denkst—“ „Spar dir das.“ Meine Stimme war unheimlich ruhig, der Sturm war verschwunden und hatte etwas viel Gefährlicherem Platz gemacht – Endgültigkeit. Ich zog den Diamant-Verlobungsring von meinem Finger und ließ ihn klirrend auf seinen Schreibtisch fallen. „Die Hochzeit ist abgesagt.“ Rileys Atem stockte – nicht vor Angst, sondern vor Triumph. Liams Augen verdunkelten sich, seine Alpha-Instinkte flammten auf. „Du kannst diese Entscheidung nicht allein treffen.“ Ich lächelte bitter. „Hab ich gerade.“ Dann drehte ich mich um und ging – mit erhobenem Kopf, zerbrochenem Herzen und einem heulenden Wolf in mir. Leb wohl für immer, meine Liebe.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN