KAPITEL 3 – Zwischen Licht und Eis

1399 Worte
Liora saß an Kaels Bett, lange nachdem die anderen Heiler den Raum verlassen hatten. Die Halle war still, nur der schwache Duft von Kräutern schwebte in der Luft. Rings um die Liege brannten mehrere kleine Lichtkugeln, die ihre Magie verstärkt hatten, um die Kälte in seinem Körper einzudämmen. Doch nichts davon reichte aus. Kael lag so reglos da, dass er beinahe leblos wirkte. Die schwarzen Eisrisse zogen sich wie Spinnennetze über seine Brust, seinen Hals, seine Arme. In manchen Momenten schienen sie zu pulsieren. „Es ist kein gewöhnlicher Fluch“, flüsterte sie in die Stille hinein. Der alte Heilermeister Darios hatte es bestätigt, bevor er sie mit einer Mischung aus Sorge und Überraschung angesehen hatte. „Ich habe so etwas noch nie gesehen, Liora. Und ich habe mehr als fünfzig Jahre Krankheiten, Magien und Flüche behandelt.“ „Kann ich etwas tun?“, hatte sie gefragt. „Du… vielleicht“, hatte er geantwortet. „Deine Magie reagiert auf ihn wie auf keinen anderen Patienten. Aber… sei vorsichtig.“ Sei vorsichtig. Als wüsste sie nicht selbst, wie gefährlich Flüche sein konnten. Aber etwas in ihr ließ sie nicht davon ab — ein Ziehen, als hätte eine unsichtbare Hand eine Saite in ihr berührt, die nur für Kael existierte. Liora beugte sich näher über ihn. „Wer bist du?“, murmelte sie. Er war nicht einfach ein Wanderer oder ein Flüchtling. Das spürte sie. Sein Körper erzählte eine Geschichte voller Kampf und Einsamkeit. Und etwas Dunklem… etwas, das er vermutlich seit Jahren mit sich trug. „Warum spielt meine Magie verrückt wegen dir?“ Natürlich bekam sie keine Antwort. Kael rührte sich nicht. Liora legte vorsichtig ihre Fingerspitzen auf seine Brust, direkt über den stillen Herzschlag. Ihre Magie flackerte sofort auf — wie eine Flamme, die plötzlich Sauerstoff bekam. Sie biss sich auf die Lippe. „Ich verstehe das nicht.“ Normalerweise war ihre Gabe vorsichtig, fast zögerlich. Doch jetzt drängte sie vorwärts, wollte berühren, wollte heilen, wollte hinein. Als würde Kaels Körper sie rufen. Sie schloss die Augen und ließ ihre Magie fließen. Einen Moment lang fühlte sie Wärme in ihren Händen. Dann — Kälte. Tiefe, schneidende Kälte, die wie Nadeln durch ihre Adern wanderte. Lioras Atem stockte, doch sie zog ihre Hand nicht zurück. Stattdessen drückte sie die Fingerspitzen fester gegen Kaels Haut und schickte mehr Energie hinein. Ein Knacken. Ein Riss. Nicht in seinem Körper — in der Magie. Wie ein dünnes Eisfeld, das unter großem Druck zu splittern begann. Liora keuchte. In ihrem Geist tauchten Bilder auf, verschwommen, chaotisch, wie Schatten hinter Glas. Ein Schwert. Ein Mond. Schnee. Schreiende Stimmen. Und jemand — Kael? — der durch einen Wald rannte. Dann brach die Verbindung ab. Liora riss die Hand zurück und schnappte nach Luft. Ihr Herz raste. Schweiß perlte auf ihrer Stirn. „Was war das?“, hauchte sie. Sie sah auf Kael. Sein Gesicht wirkte weniger angespannt. Eine der dunklen Eislinien an seiner Schulter war schwächer geworden — nicht weg, aber weniger scharf. Es hatte funktioniert. Ein bisschen. „Also hängt der Fluch an deinen Erinnerungen?“, murmelte sie. „Oder an deinem Herzen?“ Ihm schien etwas genommen worden zu sein. Vielleicht war es nicht nur sein Herz, das erstarrt war… Vielleicht war es ein Teil von ihm selbst. Liora lächelte schwach, erschöpft, aber erleichtert. „Wir kommen weiter. Langsam.“ Die Tür zur Halle öffnete sich leise, und Sareen steckte den Kopf herein. „Da bist du! Ich habe überall nach dir gesucht.“ Liora winkte sie herein, aber hob warnend einen Finger. „Leise.“ Sareen trat näher und warf einen kritischen Blick auf Kael. „Er sieht nicht so aus, als würde er bald aufstehen.“ „Er wird“, sagte Liora. „Er muss.“ Sareen verschränkte die Arme. „Du klingst, als hättest du vor, ihn zu retten.“ „Habe ich“, erwiderte Liora schlicht. Sareen starrte sie an, dann seufzte sie. „Du hast dieses Leuchten in den Augen.“ „Welches Leuchten?“ „Das ‚Ich werde diesen Fremden retten, egal was es kostet‘-Leuchten. Du hattest es auch, als du den jungen Hofmagier geheilt hast, der sich im Kräutergarten vergiftet hatte.“ „Das war etwas anderes“, sagte Liora trocken. „Er war ein Idiot, der auf eine giftige Pflanze gefallen ist.“ Sareen grinste. „Trotzdem. Du lässt nicht locker.“ Liora senkte den Blick. „Ich kann einfach nicht erklären, warum meine Magie so auf ihn reagiert.“ „Dann erklär’s nicht. Tu, was du immer tust — vertrau deinem Gefühl.“ Liora blickte wieder zu Kael. Sein Körper wirkte entspannt in diesem Moment. Seine Haare fielen ihm über die Stirn, dunkel und widerspenstig. Sein Gesicht hatte harte Linien, aber in Ruhe sah er fast… verletzlich aus. Eine seltsame Mischung. „Wenn er aufwacht“, sagte Sareen, „wird er wahrscheinlich misstrauisch sein. Und vielleicht gefährlich.“ „Ich weiß.“ „Und dennoch bleibst du hier bei ihm.“ Liora lächelte ein wenig traurig. „Ja.“ Sareen seufzte, schüttelte den Kopf und verließ die Halle. „Ich bringe dir später etwas zu essen. Und wenn du wieder vergisst zu schlafen, rufe ich Meister Darios.“ „Danke“, rief Liora ihr hinterher. Als sie wieder allein war, betrachtete sie Kael aufmerksam. Sein Atem ging flach, aber er ging. Einige der Schatten auf seiner Haut waren schwächer geworden. Und ganz schwach, wie ein kaum hörbarer Ruf, vibrierte seine Seele gegen ihre Magie. „Du kämpfst“, flüsterte sie. „Gib also nicht auf.“ Liora legte ihre Hand wieder auf seine Brust — vorsichtig, fast zärtlich — und schloss die Augen, um ihre Magie erneut zu spüren. Ein leises Pochen antwortete ihr, viel zu schwach für einen gesunden Menschen, aber da. Ein Herzschlag. Seiner. Einer, nicht mehr. Aber es war schon mehr als vorhin. Die Kälte kroch ihr entgegen, scharf und fremd. Dieses Mal war sie vorbereitet. Sie ließ ihr Licht nicht nur in ihn fließen, sondern baute eine schützende Schicht um ihre eigenen Nerven, wie Darios es sie einst gelehrt hatte. Doch der Fluch war alt. Und intelligent. Er spürte sie. Ein dunkler Puls stieß ihr entgegen—wie eine Hand, die sie wegstoßen wollte. Liora atmete ruhig. „Nein“, sagte sie. „Du bekommst ihn nicht.“ Sie drückte fester zu. Die Lichtkugel über ihnen flackerte und wurde größer, heller. Die Eisrisse reagierten. Einige pulsierten schneller, andere schienen zu schrumpfen. Es war ein Tanz zwischen Licht und Dunkel, Wärme und Kälte, Leben und Tod. Und dann — ein Riss. Diesmal nicht in der Magie. In Kael. Er stieß einen rauen Atemzug aus und wand sich, als würde er gegen etwas unsichtbares ankämpfen. Seine Finger krümmten sich, seine Lippen formten Worte, die sie kaum verstand. „…nicht… noch einmal…“ Liora beugte sich über ihn. „Kael. Hör auf meine Stimme.“ Sein Gesicht verzog sich, als hätte er Schmerzen, die tiefer lagen als körperliche Wunden. „…geh weg…“, flüsterte er. „Nein.“ „…ich… brenne…“ Liora schüttelte den Kopf. „Du erfrierst.“ Seine Augen öffneten sich einen Spalt — dunkelgrau, fast schwarz in diesem Licht. Ein Sturm darin. Doch nur für einen Moment. Dann schlossen sie sich wieder. „Kael“, sagte sie leise, während sie weiter Magie in seinen Körper drückte, „ich bleibe hier. Du bist nicht allein.“ Erneut dieses Zucken, dieses kleine, kaum sichtbare Zeichen, dass er sie hörte. Oder zumindest ihre Präsenz spürte. Und dann, ganz plötzlich — die Eislinien auf seinem Brustkorb lösten sich ein Stück. Ein kleines Stück. Doch für einen Fluch, der seit Jahren in ihm steckte, war das gewaltig. Liora sackte vor Erleichterung zusammen. „Es funktioniert“, flüsterte sie. „Wir machen Fortschritte.“ Sie öffnete die Augen und sah auf Kael hinab, dessen Atem jetzt etwas tiefer ging. Der Fluch war nicht besiegt, nicht einmal gebrochen — aber er hatte einen feinen Riss bekommen. Liora berührte seine Hand, nur kurz. „Ich weiß nicht, warum ich dir helfen muss“, sagte sie leise. „Aber ich weiß, dass ich es werde.“ Kaels Finger bewegten sich schwach. Nur ein Hauch. Doch Liora spürte es — und ihr Herz schlug schneller. Vielleicht… war da mehr als Magie zwischen ihnen. Doch das würde die Zeit zeigen.
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