Kapitel 3 - Kai

1202 Worte
KAI POV „Wir sehen uns dann beim Abendessen, ja?“, rief Reyes hinter mir, nervig fröhlich. „Klar“, murmelte ich, ohne langsamer zu werden. In dem Moment, als die Tür zu Zimmer 214 ins Schloss fiel, atmete ich aus und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. Dieser Junge konnte einem die Farbe von der Wand reden. Summer schnaubte in meinem Kopf. „Er mag dich.“ „Er mag den Klang seiner eigenen Stimme“, korrigierte ich ihn. Ich sah mich im Zimmer um und erwartete, dass es leer oder vielleicht mit dem üblichen Durcheinander gefüllt sein würde. Was ich nicht erwartet hatte – womit ich definitiv nicht gerechnet hatte – war, direkt in die Nachwirkungen eines verdammten Krieges zu stolpern. Es gab drei Himmelbetten, ordentlich angeordnet. Sie sahen hübsch aus, sogar bequem. Aber das Zimmer war alles andere als friedlich. Zwei shirtlose Alphas standen sich in der Mitte gegenüber, die Spannung war zum Greifen d**k. Die Muskeln waren angespannt. Die Nasenflügel bebten. Die Blicke waren scharf genug, um zu schneiden. Sie hatten mich noch nicht gehört. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, sich anzuknurren, als würde ein falsches Wort eine Explosion auslösen. Aber ich kannte sie. Nicht persönlich. Noch nicht. Aber ich hatte mich vor meinem Eintritt in die Akademie informiert. Der große, bärtige Mann mit den dunklen Augen, die wie verschüttete Tinte aussahen, und den Tätowierungen, die sich über seine Brust und seinen Hals zogen? Das musste Derrick sein, der zweitgeborene Erbe der Redfangs. Sein Ruf als Bad Boy war so gefestigt, dass man ihn ihm fast auf die Stirn hätte tätowieren können. Brandstiftung, Schlägereien und Gerüchte aus dem Schlafzimmer, die selbst die frechsten Mädchen erröten ließen. Der andere? Schlanker, etwas hübscher, aber mit einem Grinsen, das einem Lust machte, ihm die Zähne einzuschlagen? Das musste Dalton von den BloodClaws sein. Haselnussbraunes Haar, selbstgefällige grüne Augen und das Aussehen von jemandem, der nur zum Spaß Knochen bricht. Ich hatte gehört, dass sein Rudel ihn „die Schlange“ nannte. Und das nicht nur, weil er gerne von hinten zuschlug. Redfangs und BloodClaws. Öl und Feuer. Und jetzt war ich die glückliche Idiotin, die mit beiden in einem Raum festsaß. Na toll. Wie auf Kommando löste sich die Spannung und beide drehten sich zu mir um – mit gestreckten Schultern und zusammengekniffenen Augen, als hätten sie gerade eine neue Bedrohung gewittert. Nun ja. Technisch gesehen hatten sie das auch. Ich könnte ihnen mit geschlossenen Augen in den Arsch treten. Aber Gott, ich konnte sie sehen. Ich konnte sie wirklich sehen. Und zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, was die anderen Werwölfinnen über meine Brüder oder Gunter sagten. Diese Männer waren zu heiß, um fair zu sein. Und Summer? Sie keuchte praktisch in meinem Hinterkopf. „Sie sehen köstlich aus“, flüsterte sie. „Sie sehen nach Ärger aus“, antwortete ich und ignorierte, dass meine Kehle ein wenig trocken geworden war. Meine Augen verrieten mich, als sie über Derricks trainierte Bauchmuskeln wanderten, über die Tätowierung an seinen Rippen hinunterglitten und auf Daltons schlankem Oberkörper und seinem markanten Kinn verweilten. Sexy, ja. Muskulös, auf jeden Fall. Sicher? Nicht im Geringsten. Ich ließ meine Tasche mit einem dumpfen Schlag fallen. „Hört wegen mir nicht mit eurem Wettstreit auf“, sagte ich mit trockener Stimme. „Ich wollte gerade Wetten abschließen.“ Daltons Kopf schoss zu mir herum wie ein Hund, der eine neue Fährte aufnimmt. „Wer zum Teufel bist du?“ „Mitbewohner Nummer drei“, sagte ich und schlenderte herein, als wäre ich nicht gerade mit einer brennenden Zündschnur in ein Pulverfass getreten: „Beachtet mich nicht. Ich bin nur euer emotional unzugängliches drittes Rad am Wagen“, fügte ich hinzu, ging an ihnen vorbei und sah mir die Betten an. Eines war bereits ein Chaos – die Laken waren zerknüllt, ein Hoodie lag auf dem Kissen. Auf dem zweiten lag ein Laptop, unter dem Gewichte gestapelt waren. Das dritte war unberührt. Dann also meines. Derricks Mund verzog sich leicht. Dalton nicht so sehr. „Name?“ „Kai Savage.“ Derrick hob eine Augenbraue. Dalton schnaubte. „Passend.“ Ich warf ihm einen ausdruckslosen Blick zu. „Soll das ein Witz sein, oder bist du immer so originell?“ Dalton trat näher und neigte den Kopf. „Du bist der Neue, richtig? Der minderjährige kleine – sehr kleine – Erbe des Winter-Rudels? Der Fünftgeborene oder so?“ „Wow“, sagte ich und neigte den Kopf. „Du hast dir meine Rudelbiografie gemerkt. Ich fühle mich geschmeichelt.“ Derrick grinste. Daltons Blick wurde scharf. Strike eins. „Hör zu, Junge“, sagte Dalton und drehte sich leicht im Kreis. „Das hier ist nicht dein Spielplatz. Mit deiner Einstellung und deinen weiten Klamotten beeindruckst du niemanden. Du hast kein Gewicht, keinen Ruf und siehst ganz sicher nicht so aus, als gehörst du hierher.“ Und das war Strike zwei. Ich bewegte mich, bevor er blinzeln konnte. Ein Schritt. Eine Bewegung. Ich packte ihn am Kragen und schlug ihn so hart gegen die Wand, dass das Fenster wackelte. Mein Unterarm drückte gegen seine Kehle – nicht stark genug, um sie zu zerquetschen, aber stark genug, um ihn daran zu erinnern, wie sich Angst anfühlt. Seine Hände schossen zu spät hoch. Ich beugte mich bereits zu ihm hinunter. Mein Mund streifte sein Ohr. „Willst du das noch einmal sagen?“, flüsterte ich. Seine Augen blitzten. Überraschung. Und... Interesse? Ich drückte etwas fester: „Ich bin nicht das, was ich zu sein scheine. Und ich habe schon vor dem Frühstück größere Arschlöcher als dich fertiggemacht.“ Ein erstickter Laut entfuhr ihm – eine Mischung aus Knurren und erstickter Luft. Ich trat geschmeidig zurück. Er blieb einen Moment zu lange an der Wand stehen. Gut. Lass es brennen. Derrick pfiff leise. „Verdammt. Vielleicht wird dieses Jahr doch nicht so scheiße.“ Dalton rieb sich den Nacken und starrte mich an. „Hast du einen Todeswunsch oder was?“ Ich streckte mich und knackte mit dem Nacken. „Nur, wenn ich mir weiterhin deine Stimme anhören muss. Ehrlich gesagt hoffe ich, dass du früh nach Hause gehst. Mit eingezogenem Schwanz und allem.“ „Er ist lustig“, schnurrte Summer fast. „Er ist ein Idiot“, gab ich zurück. Dalton sagte nichts, aber sein Blick war so scharf, dass er mir fast die Haut abgezogen hätte. Ich warf mich auf das leere Bett. „Also“, sagte ich beiläufig. „sind wir uns einig, dass wir uns nicht im Schlaf umbringen, oder soll ich ein Auge offen halten?“ Derrick lachte leise. Es war ein tiefes, langsames und volltönendes Lachen, wie schwarzer Kaffee in einer schlechten Nacht. „Keine Versprechen.“ Dalton schnappte sich ein Handtuch und ging wortlos ins Badezimmer. „Genieß die Ruhe, solange sie dauert, Baby“, murmelte er. Baby? Ich grinste. Großer Fehler. „Nenn mich noch einmal so, und du wirst Blut pissen.“ Sein Rücken versteifte sich, aber er antwortete nicht. Ich lehnte mich auf der Matratze zurück und starrte an die Decke. Zimmer 214 würde die Hölle werden. Aber zumindest würde es nicht langweilig werden.
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