Warren
Ich kann es einfach nicht fassen, dass Arric und ich in diese verdammte Bärenfalle geraten sind. Verfluchter Brady! Natürlich war er es, der diese Falle aufgestellt hat. Er wusste genau, dass er und sein Rudel sich hier zurückziehen würden. Ich habe alles versucht, bin wie ein Wahnsinniger durch den Wald gerannt, um ihren Fluchtweg abzuschneiden – und trotzdem bin ich am Ende in dieser Falle gelandet.
Mein Rudel wird mich finden, da bin ich mir sicher. Aber sie stecken mitten in einem Kampf, und ich sitze hier seit Stunden fest und warte darauf, dass sie zurückkommen. Als ich Brady nicht aufhalten konnte, sind sie weiter hinter seinem Rudel her, um diese räudigen Köter zu jagen.
Schon im ersten Moment wusste ich, dass ich mich nicht verwandeln kann. Sicher, ich könnte versuchen, die Falle mit meinen Händen zu öffnen, aber das Risiko ist zu groß. Wenn ich mein Bein verliere, verliere ich auch meinen Rang als Alpha. Der Schmerz ist erheblich, das gebe ich zu, aber Arric und ich sind starke Alphas. Wir können das aushalten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mein Rudel mich findet und mich hier rausholt.
Während ich noch verzweifelt versuche, diese verdammte Falle irgendwie loszuwerden, rieche ich es plötzlich. Der Duft trifft mich wie ein Schlag: Zimt und Muskat. Seit über zehn Jahren suche ich nach meiner Gefährtin – und jetzt, hier, mitten in einem blutgetränkten Wald, umgeben von den Überbleibseln eines Kampfes, finde ich sie. Der Duft hüllt mich ein, beruhigt Arric sofort und füllt meine Lungen mit einer betörenden Wärme.
Ihr Wolf ist wunderschön, ihr Fell ein leuchtendes, rötlich-braunes Meer von Energie. Doch sie ist vorsichtig, schreckhaft, wie ein scheues Reh, das in unbekanntem Terrain einen Schritt nach dem anderen wagt. Ich beobachte sie, wie sie sich vorsichtig nähert, jede Bewegung bedacht. Als sie die Falle löst, trete ich zurück und beginne, mich zu verwandeln. Ich will mit ihr sprechen.
Die Verwandlung ist die Hölle. Meine Knochen versuchen, sich neu zu formen, aber mein Bein, zertrümmert, wie es ist, verhindert jede vollständige Anpassung. Ich sehe, wie ihre Augen sich weiten, wie sie instinktiv ein Stück zurückweicht und einen sicheren Abstand hält.
„Ganz ruhig“, sage ich, meine Stimme so sanft wie möglich. „Du hast mich gerade aus einer Falle befreit. Ja, ich bin ein gnadenloser Alpha, wenn es darum geht, die Angreifer meines Rudels zu jagen. Aber ich bin nicht der Typ, der jemanden umbringt, der mir gerade geholfen hat.“
Weil sie mir ihren Namen nicht nennt, zögere ich, meinen preiszugeben. Ich will erst wissen, zu welchem Rudel sie gehört.
„Du hast gesagt, du bist Ärztin?“, frage ich schließlich, meinen Blick auf sie gerichtet.
„Ich studiere, um eine zu werden“, erwidert sie vorsichtig, ohne mich direkt anzusehen.
„Für Menschen und Wölfe?“ Das ist ungewöhnlich. Mein Rudel braucht dringend einen fähigen Arzt, jemanden mit Wissen und Stärke – wie sie.
„Aus welchem Rudel kommst du?“, bohre ich weiter nach, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es mich interessiert. Sie könnte zu einem meiner Feinde gehören. Doch sie ist allein, ohne ein Rudel. Das macht mich stutzig.
„Ich bin nicht aus einem Rudel“, sagt sie schließlich leise. „Ich bin eine Einzelgängerin. Soll ich mir dein Bein ansehen?“ Geschickt lenkt sie das Gespräch von sich weg. Ihre Antworten wecken mein Interesse, aber auch meine Vorsicht. Einzelgänger haben oft einen Grund, warum sie allein sind.
„Ja. Ich würde deine Einschätzung sehr schätzen“, sage ich ruhig, während ich spüre, wie ihr Duft mich erneut einhüllt. Ihre Nähe hat eine beruhigende Wirkung auf mich – etwas, das ich nicht erwartet hätte.
Sie kommt näher, ihr betörender Duft erfüllt die Luft zwischen uns. Während sie sich bewegt, fällt mein Blick unwillkürlich auf ihren schlanken Körper. Ihre Bewegungen sind flüssig und anmutig, ihr Blick konzentriert. Sie kniet sich neben mich, ihre Hände vorsichtig, aber bestimmt. Ihr Körper wirkt weich, ungeprägt von den Kämpfen, die mein Rudel so sehr gezeichnet haben.
„Was macht ein Einzelgänger hier draußen ganz allein?“, frage ich mit neutralem Ton, obwohl mein Interesse aufrichtig ist.
„Ich lasse meinen Wolf raus. Es ist nicht einfach, wenn man auf eine menschliche Universität geht“, sagt sie, während sie mein Bein prüft, ohne mich anzusehen. Ich dagegen kann meine Augen nicht von ihr lösen. Ihr Haar – eine dichte Flut von rötlich-braunen Wellen – fällt über ihre Schultern und fängt das schwache Mondlicht ein. Sie wirft es beiläufig zurück, eine Bewegung, die seltsam beruhigend wirkt.
„Du weißt, dass hier in der Gegend Rudelkriege toben“, sage ich ernst. Sie mag noch nicht offiziell zu mir gehören, aber ich spüre das Bedürfnis, sie zu beschützen.
„Es gibt überall Rudelkriege“, entgegnet sie ruhig, ohne aufzublicken. „Wenn ich einen Ort finden wollte, wo kein Krieg herrscht, müsste ich in menschliche Gebiete ziehen und riskieren, dass Jäger Annika erschießen.“
Ihre Antwort ist nüchtern und logisch, doch ihr Ton trägt eine Spur von Müdigkeit. Dann wechselt sie das Thema. „Du wirst eine Operation brauchen. Dein Bein hat mehrere Brüche, darunter offene Frakturen.“
Ich nicke. Das wusste ich bereits. Doch ihre ruhige Stimme und ihr konzentriertes Auftreten geben mir eine seltsame Art von Trost. In ihrem Fokus, ihrer Entschlossenheit liegt eine Stärke, die mich fasziniert. Sie ist anders, als ich es erwartet hatte – und genau das macht sie für mich unersetzlich.
„Annika? Dein Wolf heißt also gnädig? Wie passend für eine Ärztin“, sage ich, während mein Blick weiterhin auf ihr ruht. Ihre Finger bewegen sich vorsichtig über mein verletztes Bein, jede Berührung überlegt und überraschend sanft. Sie scheint instinktiv zu wissen, wo sie drücken kann, ohne unnötigen Schmerz zu verursachen.
„Gütig oder gnädig, ja“, antwortet sie ruhig, fast zärtlich. „Und Annika ist ein wunderbarer Wolf“, fügt sie mit einem Hauch von Stolz hinzu, während ihr Blick weiterhin auf mein Bein gerichtet bleibt.
Ich will ihr gerade sagen, dass Arric ihr vollkommen zustimmt, als das Heulen meines Betas durch die Luft schneidet.
Ihr Kopf schnellt hoch, ihre Augen weiten sich vor Schreck, und ich rieche den plötzlichen, scharfen Duft ihrer Angst. Ihr Herz schlägt schneller, ein Rhythmus, der beinahe mit meinem eigenen resoniert. Doch sie läuft nicht weg. Stattdessen beobachte ich, wie sie sich leicht nach vorne beugt, als ob sie bereit wäre, sich schützend vor mich zu stellen. Eine perfekte Luna, denke ich. Trotz ihrer eigenen Furcht unterdrückt sie diese, um jemand anderem zu helfen. Ein Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Sie ist wirklich perfekt für mich.
„Entspann dich“, sage ich sanft. „Das ist nur mein Rudel, das zurückkommt, um mich zu holen.“
„Oh“, antwortet sie zögerlich, ihre Stimme leicht zittrig. „Na ja, das ist gut. Du musst an einen sicheren Ort gebracht werden. Hoffentlich greifen sie mich nicht an, nur weil ich dir geholfen habe.“
„Ich werde dich beschützen“, verspreche ich, während ich ihr sichtbares Unbehagen mit einem Lächeln zu beruhigen versuche.
Plötzlich tauchen meine Krieger zwischen den Bäumen auf. Sie eilen herbei und umringen uns, ihre Präsenz wie eine undurchdringliche Mauer gegen mögliche Gefahren. Mein Beta, Charlie, tritt vor und verwandelt sich zurück in seine menschliche Form. Sein Blick ist hart, und ein leises Knurren entweicht seiner Kehle, bevor er meine Gefährtin direkt anspricht. „Wer bist du?“
Ein tiefes, drohendes Knurren entkommt meiner Kehle, das sowohl ihn als auch sie überrascht. „Sie ist diejenige, die mich aus der Bärenfalle befreit hat. Zurücktreten!“, befehle ich mit scharfer Stimme. Meine Worte lassen keinen Raum für Diskussionen. Niemand wird meine Gefährtin respektlos behandeln, nicht einmal mein Beta.
Charlie mustert sie mit einem misstrauischen Blick, bevor er sich mir zuwendet. Seine Stirn legt sich in tiefe Falten, während er sich niederkniet, um mein Bein zu begutachten.
„Wie schlimm ist es?“, fragt er nüchtern.
„Schlimm“, antworte ich knapp.
„Gut. Bringen wir dich zurück zum Rudel“, sagt er und weist zwei Krieger an, mir aufzuhelfen. Die beiden treten vor, stützen mich unter den Armen und helfen mir, mein verletztes Bein anzuheben. Der Schmerz durchzuckt mich wie ein Blitz, doch ich beiße die Zähne zusammen und halte durch.
„Bereit, Alpha?“, fragt Charlie.
„Ja, los geht’s“, antworte ich, bevor ich nicke.
Charlie verwandelt sich zurück in seinen Wolf und nimmt die Spitze des kleinen Trupps ein. Die Krieger, die mich stützen, setzen sich langsam in Bewegung, doch nach wenigen Schritten rufe ich: „Wartet!“
Sofort halten alle inne und drehen sich fragend zu mir um.
„Holt die Ärztin“, sage ich.
„Die Ärztin?“ Einer der Krieger wiederholt meine Worte, sichtlich verwirrt.
„Das Mädchen! Holt das Mädchen her“, belle ich und drehe den Kopf, um sie anzusehen. Sie steht da, angespannt, als würde sie sich jeden Moment davonschleichen. Ihr Blick gleitet nervös durch die Dunkelheit, als würde sie abwägen, wie weit sie rennen könnte.
„Denk nicht mal daran“, sage ich scharf, meine Stimme durchdringend.
Charlies Wolf, Gregor, bewegt sich blitzschnell an ihre Seite. Mit einem leichten Stoß seines Kopfes drängt er sie nach vorne. Ein leises Knurren von Arric dringt in meinen Geist – er missbilligt die Nähe eines anderen Wolfs zu unserer nackten Gefährtin. Ich kann es ihm nicht verdenken.
Ihre Augen treffen meine, und ein Funken Trotz leuchtet darin auf. „Ich sollte gehen“, sagt sie leise. „Wie du schon gesagt hast, hier gibt es viele Rudelkriege. Ich sollte wahrscheinlich nach Hause gehen.“
„Nach Hause?“ Meine Stimme ist ungläubig und ein wenig spöttisch. Sie ist ein einzelner Wolf, der zur Schule geht. Wo genau soll ‚nach Hause‘ für sie sein?
Ich lasse sie nicht zurückgehen, egal wohin sie will. Wenn sie jetzt geht, werde ich sie wahrscheinlich nie wiedersehen. Und nach diesem Vorfall wird sie ihren Wolf sicher nie wieder in diesen Wäldern laufen lassen. Wenn ich versuche, sie später zu finden, wird sie längst fort sein, an einem Ort, den ich nicht kenne.
„Schule“, erklärt sie schließlich und gibt damit ihre Absicht preis.
„Hmm“, murmle ich, meine Augen verengt, während ich sie mustere. „Wie du selbst gesagt hast, ist es hier draußen nicht sicher, besonders nicht für einen einsamen Wolf. Was für ein Alpha wäre ich, wenn ich dich dir selbst überlassen würde? Nein“, füge ich hinzu, meine Stimme fest und autoritär, „ich denke, du solltest mit uns kommen.“
Ihre Lippen pressen sich zu einer schmalen Linie zusammen, und sie zögert einen Moment. Dann steht sie langsam auf, nickt widerwillig und folgt uns mit unsicheren Schritten.