Kapitel Vier
Die Fahrt vom Flughafen zum Haus von Dominics Eltern war kurz, aber luxuriös. Er sagte die ganze Zeit kein Wort, starrte einfach nur aus dem Fenster.
Chloe fand das ein wenig seltsam, beschloss aber, dass er vermutlich einfach nur Heimweh hatte – nichts Ungewöhnliches.
Er hatte gesagt, sein Vater sei reich, aber das hier war nicht nur „reich“. Das war ein riesiges Anwesen, ein echtes Herrenhaus auf einem Hügel. Sie fuhren durch das Tor auf das Grundstück, und ein Butler öffnete ihnen die Autotür, verbeugte sich tief und bat sie beide hinein.
Chloe trat in das Anwesen – den Mund vor Staunen offen. Sie konnte es nicht fassen. Noch vor ein paar Stunden war sie an ihrem Schreibtisch in Manhattan gesessen, müde von einem langweiligen Montagmorgen. Und jetzt? Jetzt war sie in einem wahren Märchenschloss – dem prachtvollsten Haus, das sie je gesehen hatte.
„Oh Dominic“, rief sie aus, drehte sich zu ihm um, während er ein paar Schritte hinter ihr stand und sie mit ausdruckslosem Blick beobachtete. „Es ist wunderschön! Deiner Familie gehört das hier?“
Er nickte, sein Gesichtsausdruck war merkwürdig – kalt, ohne jeglichen Humor. „Ja“, sagte er, „es ist seit Generationen in unserem Besitz.“
Sie ging auf ihn zu, überglücklich. „Es ist so schön hier, ich bin so froh, dass ich mit dir gereist bin.“
Ein humorloses Lächeln zuckte über seine Lippen. „Natürlich.“
„Und…“, fragte sie und schmiegte sich leicht an ihn, „wo sind sie?“
„Wer?“
„Na, deine Eltern!“
„Du wirst sie so bald nicht sehen, Chloe“, sagte er, sein Gesicht jetzt wie aus Stein.
Chloe runzelte die Stirn. „Geht’s dir gut?“
Er antwortete nicht. Starrte sie nur an.
„Dominic?“ fragte sie vorsichtig. „Wo sind deine Eltern? Was geht hier vor sich?“
Dominic sah sie nun mit einem völlig anderen Blick an – kalt, abwertend.
„Meine Eltern kennenlernen? Ach, Chloe… du bist noch dümmer, als du aussiehst. Ich habe dich die ganze Zeit über belogen. Ich bin ein Werwolf, Teil einer königlichen Blutlinie. Glaubtest du wirklich, jemand wie ich würde sich mit jemandem wie dir abgeben?“
Ihre Augen weiteten sich vor Schock, alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Seine Worte trafen sie wie ein Schlag in die Magengrube.
„Was… was redest du da, Dominic?“ flüsterte sie.
Er lächelte – überheblich, kalt – und da sah sie es zum ersten Mal: Unter seinen makellosen weißen Zähnen blitzten Fänge auf, wo eigentlich Eckzähne sein sollten.
Seine Stimme war triefend vor Arroganz, als er sprach.
„Du warst nur ein Spielzeug. Eine Ablenkung. Aber dieses Schauspiel ist vorbei. Du warst nichts weiter als ein bequemer Zeitvertreib, Chloe. Werd endlich wach und begreif deine Bedeutungslosigkeit.“
Chloes Sicht verschwamm. Was zum Teufel redete er da? Was geschah hier?
Sie schwankte, als eine plötzliche Welle der Übelkeit sie überkam.
„Was?“ hörte sie sich selbst fragen. „Was sagst du da?“
Er sagte nichts – sah sie nur weiter an, dieses grausame Lächeln auf seinen Lippen. Und plötzlich wurde alles schwarz.
Das Letzte, was sie hörte, war das dumpfe Geräusch, wie ihr Körper auf den Boden schlug.
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Langsam öffnete Chloe die Augen und verzog schmerzhaft das Gesicht – ein stechender Kopfschmerz pochte in ihren Schläfen. Verwirrt blickte sie sich um. Sie befand sich in einer kleinen, schwach beleuchteten Steinzelle, die Luft war stickig und schwer. Die Angst kroch in ihre Brust.
War das alles… wirklich passiert? Was zur Hölle ging hier vor? Wo war sie?
In Panik rief sie laut: „Hallo? Ist da jemand? Hilfe! Bitte!“
Ein Wächter trat in die Zelle, in Uniform gekleidet, sichtlich genervt von ihrem Geschrei.
„Hör auf zu schreien, Mensch“, knurrte er, „du machst mir Kopfschmerzen.“
Chloes Herz raste, ihre Stimme bebte, als sie flehend sprach: „Bitte, ich weiß nicht, wie ich hierhergekommen bin. Ich will einfach nur nach Hause. Können Sie mir helfen?“
Die Augen des Wächters musterten sie – kalt und grausam. Chloe schauderte. Hatten alle diese Werwölfe diesen unheimlichen Blick? Er rollte genervt mit den Augen – das erste Anzeichen echter Emotion – aber seine Miene blieb hart.
„Du gehst nirgendwohin, bis du dich entschieden hast, Mensch“, spuckte er förmlich, das letzte Wort mit so viel Abscheu, dass Chloe unwillkürlich zurückwich. „Der Meister wird dich gleich sehen.“
Fast wie auf Kommando hörte Chloe Schritte, und kurz darauf trat Dominic ein – kühl und distanziert, ganz anders als der Mann, den sie einst kennengelernt hatte.
„Bequem?“ fragte er kalt.
Chloe schüttelte den Kopf, ihre Angst deutlich sichtbar.
Er trat näher, hockte sich vor sie und sah ihr direkt in die Augen. „Gut. Chloe, du hast zwei Möglichkeiten: Werde Teil des königlichen Hauspersonals oder verrotte für den Rest deines Lebens in dieser Zelle.“
Chloes Augen weiteten sich. Angst und Unglaube mischten sich in ihrem Blick. Sie musste ihn irgendwie umstimmen.
„Dominic, bitte… das ist nicht mehr witzig“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Hör auf mit dem Scherz. Ich flehe dich an.“
Doch Dominic blieb regungslos, seine Stimme eiskalt:
„Oh, das ist kein Scherz“, sagte er mit tödlichem Ernst. „Die Entscheidung ist real. Als Mensch bist du entweder von Nutzen – als Dienstmagd – oder du bleibst hier. Für uns sind Menschen wertlos, wenn sie keine Werwölfe sind.“
Chloe streckte die Hand aus, ihre Stimme bebte, Tränen liefen ihr über das Gesicht.
„Aber Dominic… erinnerst du dich nicht? Wir hatten etwas Besonderes… Bitte, tu das nicht. Lass mich wenigstens nach Hause gehen.“
Dominic lachte – laut, spöttisch, grausam. Es war ein Lachen, das Chloe zerreißen wollte. Sie wollte sich die Ohren zuhalten, den Kopf gegen die Wand schlagen – alles, um dieses Geräusch zu beenden.
„Diese Gefühle?“ fragte er schließlich, packte sie am Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. „Die waren eine Illusion. Eine, die du dir eingebildet hast. Ich bin ein Werwolf von königlichem Blut, Mensch“, knurrte er, seine Augen gefährlich funkelnd. „Du bist mir in keiner Weise ebenbürtig.“
Er erhob sich, deutete um sich. „Das hier ist dein Platz. Dass wir dich überhaupt dienen lassen, ist Gnade.“
Er ging zur Tür der Zelle. „Überleg es dir gut. Du bekommst keine zweite Chance.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging.
Chloe blieb allein zurück – in der dunklen, kalten Zelle, verzweifelt und gebrochen. Sie sackte zu Boden, übermannt von Schmerz und Kummer.
„Wie konnte sich alles so schnell ändern?“ schluchzte sie. „Was habe ich nur getan, um das zu verdienen?“
Tränen strömten über ihr Gesicht, als sie sich zusammenrollte – allein in der Tiefe ihrer Verzweiflung.