Ashlyn mochte die Art, wie er stand. Seine Wirbelsäule blieb gerade, und seine Schultern ruhten leicht zurückgelehnt, als würde der Raum sich erst für ihn zurechtrücken, bevor er überhaupt sprach. Wenn er sie ansah, fühlte es sich an, als würde man ausgewählt.
„Dir ist schon klar, dass die Leute starren, wenn wir irgendwo reinkommen“, murmelte Grant, seine Finger strichen über ihren unteren Rücken, als sie das Restaurant betraten. „Sie starren dich an“, sagte sie. „Sie starren, weil du mit mir hier bist.“
Er sagte es wie ein Versprechen. Das gefiel ihr mehr, als sie zugeben wollte. Neben ihm zu sein fühlte sich wie Aufstieg an, als wäre sie allein dadurch aufgewertet, dass sie neben ihm stand. Grant Holloway sprach über Disziplin so, wie andere Jungs über Träume sprachen. Routine, Opfer, Ehre, Einsatz.
„Vielleicht ziehen sie das Datum vor“, sagte er eines Abends und lehnte an ihrer Kommode, als würde er dorthin gehören. „Könnten nur noch ein paar Wochen sein.“
„So bald?“, fragte sie und sah zu, wie er sich auszog.
„Dafür habe ich unterschrieben.“
Er trug es wie etwas Heiliges, als würde Dringlichkeit ihn edel machen.
„Ich will nicht, dass du gehst“, gab sie zu.
„Dann mach es nicht schwerer, als es sein muss.“
Das Wort schwerer blieb wie ein Vorwurf in der Luft hängen. Als wäre sie das Hindernis. Später begann er, die Zeit laut auszurechnen.
„Ich habe nicht viel davon“, sagte er. „Das verstehst du doch, oder?“
„Ich weiß.“
Grant gab sofort zurück. „Tust du das?“
Ihr Kopf suchte nach der richtigen Antwort, der korrekten, der, die ihn nicht enttäuschen würde. Sie mochte klare Linien. Sie mochte es zu wissen, wo Dinge hingehörten. Das hier fühlte sich schief an.
„Entweder du vertraust mir oder nicht“, sagte er.
„Das tue ich.“
„Warum ziehst du dich dann immer zurück?“
„Das tue ich nicht.“
„Du frierst ein“, sagte er und trat näher. „Als wäre ich irgendein Fremder.“
Sie fror nicht ein. Sie dachte nach.
„Ich brauche einfach Zeit.“
„Die habe ich nicht, bitte Ashlyn, ich liebe dich.“
Die Worte waren flach und endgültig, voll von Kalkül und Täuschung.
„Ich gehe gleich für etwas weg, das größer ist als wir beide“, sagte er. „Und du machst dir Sorgen, ob du bereit bist?“
Bereit klang in seinem Mund kindisch. Klein.
„Ich versuche nicht, dir weh zu tun“, fügte er hinzu, seine Stimme nun weicher. „Aber du kannst nicht ständig zurückhalten.“
Zurückhalten, als wäre Vorsicht egoistisch.
„Du vertraust mir“, sagte er noch einmal.
Es war keine Frage.
Ashlyn nickte, weil Widerspruch dramatisch gewirkt hätte, weil Zweifel sich wie Verrat anfühlten und weil sie nicht der Grund sein wollte, warum etwas endete.
Später klickte der Deckenventilator über ihnen in einem langsamen, sich wiederholenden Rhythmus. Sie starrte auf einen Riss in der Farbe und verfolgte ihn mit den Augen, weil das leichter war, als nachzuverfolgen, was sie fühlte.
Grant rollte sich zuerst von ihr weg. „Siehst du?“, sagte er leichthin. „War doch gar nicht so schwer.“
Ihr Hals brannte von dem Weinen und den Schreien, die er übergangen hatte.
„Ich war nicht bereit.“
„Doch, warst du. Du denkst einfach über alles zu viel nach.“
Zu viel nachdenken, als wäre Zögern ein Makel.
Er küsste sie auf die Stirn. „Mach das jetzt nicht komisch.“
Komisch, als wäre sie falsch, wenn es sich falsch anfühlte.
An der Tür blieb er stehen. „Du gehörst mir, okay?“
Beschützend und besitzergreifend, als wären das Synonyme. Sie nickte.
Nachdem er gegangen war, strich sie die Decke glatt. Sie zog die Ecken straff und richtete den Stoff so, bis alles unberührt aussah.
Eins. Zwei. Drei. Vier.
Wenn sie es gewählt hatte, dann konnte es ihr nicht einfach passiert sein.
Am nächsten Nachmittag vibrierte ihr Handy.
Eine Gruppenchat-Anfrage.
Toby hat dich hinzugefügt.
Sydney hat dich hinzugefügt.
Ashlyn runzelte die Stirn.
Gesichter aus dem Camp. Keine Freunde.
Ashlyn: Was ist das?
Toby: Dreh nicht durch.
Sydney: Du musst das sehen.
Ein Screenshot erschien. Grants Name stand oben. Anderer Kontakt. Derselbe Ton. Ein weiterer Screenshot folgte, wieder dieselben Sätze. „Ich will nichts Unverbindliches.“ „Du bist anders.“ „So habe ich noch nie empfunden.“ Ihr Magen sackte ab.
Ashlyn: Das ist nicht lustig.
Toby: Ist kein Witz. Schau auf die Daten.
Sie tat es und bemerkte, dass sich die Wochen überschnitten. Wiederverwertete Ausreden. Nächte, in denen er gesagt hatte, er wäre beschäftigt.
Ashlyn: Wer ist sie?
Sydney: Sie heißt Lila.
Toby: Sie war auch im Camp.
Ashlyn: Wie alt?
Es dauerte einen Moment, bis die Antwort erschien.
Sydney: Vierzehn.
Die Zahl kam zuerst nicht bei ihr an. Vierzehn.
Ashlyn: Das ist nicht möglich.
Toby: Ist es.
Sydney: Er redet seit Monaten mit ihr.
Ashlyn schluckte.
Ashlyn: Habt ihr ihren Eltern Bescheid gesagt?
Toby: Sie glaubt uns nicht.
Sydney: Sie denkt, wir lügen.
Sie starrte auf den Bildschirm.
Ashlyn: Fügt mich zum Anruf hinzu.
Das Telefon klingelte einmal. Dann zweimal. Eine kleine Stimme meldete sich.
„Hallo?“
„Lila“, sagte Toby vorsichtig. „Hier ist Toby. Sydney ist da. Ashlyn auch.“
„Ich hab euch gesagt, ich mache das nicht mit“, fauchte das Mädchen.
Ashlyn hielt ihren Ton ruhig. „Lila, ich bin nicht hier, um dich anzugreifen. Ich bin hier, weil Grant mit mir zusammen war.“
Stille.
Dann ein sprödes Lachen.
„Er hat gesagt, du bist verrückt“, sagte Lila. „Er hat gesagt, du bist besessen.“
Das Wort traf sauber.
„Das hat er über Sydney auch gesagt“, erwiderte Ashlyn.
„Das stimmt nicht. Du bist nur eifersüchtig.“
Eifersüchtig. Sauberer als manipuliert.
„Schau dir die Screenshots an“, sagte Sydney leise.
„Screenshots interessieren mich nicht“, schoss Lila zurück. „Man kann alles fälschen.“
Ashlyn schloss die Augen. „Wie alt bist du?“, fragte sie.
„Du weißt, wie alt ich bin.“
„Sag es.“
Eine Pause.
„Vierzehn.“
Die Zahl fiel schwer.
„Er hat gesagt, du wärst neunzehn“, fügte Lila schnell hinzu. „Er hat gesagt, du hättest ihn unter Druck gesetzt.“
Etwas in Ashlyn wurde ganz still.
„Er hat mir gesagt, du wärst achtzehn“, sagte sie. „Er hat gesagt, du wärst reif.“
Stille füllte die Leitung.
„Er würde mich nicht anlügen“, flüsterte Lila.
Da war es. Die Verteidigung.
„Lila“, sagte Ashlyn leise, „das habe ich auch gedacht.“
„Du verstehst das nicht. Er liebt mich.“
Das Wort klang geliehen.
„Wenn er dich liebt“, fragte Ashlyn vorsichtig, „warum sagt er dir dann, du sollst Dinge geheim halten?“
Stille.
„Er hat gesagt, die Leute würden es nicht verstehen.“
„Das hat er mir auch gesagt“, erwiderte Ashlyn. „Immer wenn ich Fragen gestellt habe.“
„Erzähl es deiner Mom“, drängte Sydney.
„Nein“, schnappte Lila, Angst schärfte ihre Stimme. „Ihr wollt das kaputtmachen.“
„Wir wollen ihn stoppen“, sagte Toby.
„Ihr könnt ihn nicht aufhalten.“
Da lag Stolz darin. Geliehener Stolz. Ashlyn spürte das Gewicht davon, die Art, wie er sich selbst ins Zentrum gesetzt hatte, die Art, wie Zweifel zu Verrat wurde.
„Lila“, sagte sie ein letztes Mal, „das ist nicht deine Schuld.“
Die Leitung brach ab.
Ashlyn starrte auf ihren Bildschirm.
Sydney: Sie hat aufgelegt.
Toby: Sie hat mich blockiert.
Ashlyn: Sie glaubt uns nicht.
Sydney: Ich weiß.
Toby: Er war schneller bei ihr.
Ashlyn legte das Handy langsam hin. Nur ein vierzehnjähriges Mädchen, das den Mann verteidigte, der ihr schadete. Ihr Handy vibrierte wieder.
Grant: Du musst aufhören, mit Leuten zu reden.
Grant: Die verdrehen alles.
Grant: Du kennst mich.
Sie kannte ihn. Sie kannte die Art, wie er stand und wie er sprach, wie Dringlichkeit wie Hingabe klang. Irgendwo in der Stadt starrte ein vierzehnjähriges Mädchen auf ihr eigenes Handy und redete sich ein, Geheimhaltung bedeute Liebe.
Ashlyn atmete ein.
Eins. Zwei. Drei. Vier.
Er war nicht edel gewesen. Er war strategisch gewesen.
Ashlyn nahm ihr Handy wieder in die Hand.
Ashlyn: Wir behalten die Screenshots.
Ashlyn: Wir hören nicht auf.
Denn Wahrheit verschwand nicht einfach, nur weil jemand sich weigerte, sie zu sehen.
Zum ersten Mal fühlte Ashlyn sich nicht ausgewählt.
Sie fühlte sich wach.