Kapitel 2

1560 Worte
„Du bist eingestellt“, sagte die schmallippige Frau mit den stechenden Augen hinter dem Tresen. „Du kommst jeden Morgen um neun und gehst um zwei. Das Restaurant muss sauber gehalten werden, und du bist hier, um zu arbeiten. Keine Zeit für Klatsch oder Flirten. Ist das klar?“ Ich nickte, ein breites Lächeln zog sich über mein Gesicht. „Ja, Ma’am! Ich werde mein Bestes geben.“ Sie nickte. „Wie war dein Name noch gleich?“ „Elena Johnson, Ma’am.“ Die Lüge glitt glatt heraus – wahrscheinlich, weil ich sie schon unzählige Male geübt hatte. Sie nickte und ging davon. Ich blieb stehen und ließ den Blick durch das Restaurant schweifen. Es war klein, aber gepflegt und blitzsauber. Ich strich mir die Haare aus dem Gesicht und stieß einen kleinen Seufzer aus. Der zweite junge Herr der Volkov-Familie sollte sich irgendwo hier herumtreiben, in diesem Restaurant versteckt. Es lag in einer unscheinbaren Ecke von Vorstadt-Berlin, in einer versteckten Gasse, die man nur fand, wenn man Einheimischer war oder gezielt danach suchte. Er schien genau der Typ Mann zu sein, der dem Gewicht seines Familiennamens entkommen wollte. Moretti und Volkov… das waren Nachnamen, die einem im ganzen Land Respekt einbrachten. Deshalb war es keine Option, meinen echten Namen zu benutzen. Und ich rechnete auch nicht damit, dass er seinen benutzen würde. „Hier“, sagte die Frau und reichte mir eine Uniform. „Zieh dich hinten um. Die anderen sind schon in der Küche, ich stelle dich gleich vor.“ „Ja, Ma’am!“ Ich ging nach hinten, zog die Uniform an, band mir die Haare zu einem lockeren Dutt und kehrte dann in die Küche zurück. Mrs. Melissa wartete bereits auf mich. Sie drehte sich zu den schweren Küchentüren um, öffnete sie und trat ein. Ich folgte ihr sofort. Mein Blick glitt über die anderen, während Mrs. Melissa mich vorstellte. „Das ist Elena Johnson. Sie ist die neue Küchenhilfe. Helft ihr und zeigt ihr, wie alles läuft. Verstanden?“ „Ja, Ma’am“, kam es im Chor zurück. Ich sah mich um, musterte sie. Eine große, schlanke Frau mit einem ehrlichen Lächeln, eine kleinere, die schon aussah, als würde sie gleich losplaudern, ein mittelalter Mann, der vom vielen Kochen erschöpft wirkte, und… Mein Blick blieb an ihm hängen. Er war groß, das dunkelblonde Haar nach hinten gestrichen und unter einem Haarnetz versteckt. Er beobachtete mich ebenfalls – aber nicht so wie die anderen. Seine hellgrünen Augen, vom Neonlicht darüber angestrahlt, musterten mich mit leiser Neugier. Genau der gleichen Neugier, die ich auch spürte, während ich ihn ansah. Ich ließ mein Lächeln etwas länger auf ihm ruhen, bevor ich mich abwandte. Seine Familie hatte nicht gelogen, was das Attraktive anging. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Die kleine Frau, die sich als Jane vorgestellt hatte, zeigte mir sofort, was zu tun war, und streute nebenbei Geschichten über Stammgäste und häufige Bestellungen ein. „Elena, ja?“ Ich drehte mich um, überrascht von der tiefen, rauchigen Stimme. Der zweite junge Herr stand direkt hinter mir, leicht gegen die Kante des Arbeitstisches gelehnt, ein großes, unbefangenes Lächeln im Gesicht. „Ja. Und du…“ Er wischte sich sofort die Hände an der Schürze ab und streckte mir die Hand entgegen. „Christian Woods. Du kannst Chris zu mir sagen, aber bitte nicht Tian.“ Ich lachte unwillkürlich auf, als ich seine Hand nahm. Den Vornamen hatte er sich also nicht mal die Mühe gemacht zu ändern. „Hat dich schon mal jemand Tian genannt?“ „Ein besoffener Idiot in einem Club. Deshalb traue ich niemandem.“ Ich lachte wieder, spürte, wie meine Deckung sofort nachließ. „Dann bleibe ich bei Chris. Tian hebe ich mir für den Fall auf, dass ich mal richtig betrunken bin.“ Er lachte ebenfalls. „Du musst eine ziemlich fiese Betrunkene sein, Elena, wenn du schon jetzt meine Gefühle verletzen willst.“ Ich lachte noch einmal, und er grinste breit. Ich hatte nicht erwartet, dass er so zugänglich sein würde – aber es war angenehm. Auf eine unerwartet andere Art. „Was machst du so, Elena? Außer Teig kneten und eine fiese Betrunkene sein?“ Ich kicherte. „Na ja, mal hier, mal da. Ich versuche, mich um meine Familie zu kümmern, weißt du?“ „Oh, das kenne ich. Ich bin hier runtergekommen, um mal Luft zu holen.“ „Wovor?“ „Vor einem ziemlich anspruchsvollen Master in Kunst.“ Ich hob eine Braue. Er hatte sorgfältig ausgelassen, dass er im Ausland studiert hatte – und dass er dort zu den Besten gehört hatte. „Kann ich dann bald mit einem Porträt von diesem Teig rechnen?“ Er lachte wieder, der Klang voll und hallend in der Küche. „Hochkunst, muss man sagen. Du knetest ihn ziemlich gut.“ Ich lachte erneut – genau in dem Moment, als der Ruf zum Servieren kam. „Komm, wir servieren. Jane übernimmt dein Kunstwerk.“ Ich lachte noch einmal, nickte, wusch mir schnell die Hände. Wir gingen nebeneinander nach vorne, wo er sofort die freien Tabletts nahm und ich einfach nur aus Spaß mitlief. Gerade als er die nächste Runde Tabletts holen wollte, flog die Tür auf. Ich drehte mich um, die Augen weit aufgerissen, als acht Männer in schwarzen Anzügen hereinkamen. Christian erstarrte neben mir. „Was ist los?“, fragte ich, doch bevor Christian oder sonst jemand antworten konnte, traten die Männer vor. Zwei packten Christian jeweils an einem Arm. „Wartet“, sagte ich, als sie ihn wegzerren wollten. Die Tabletts, die er getragen hatte, krachten laut zu Boden. Niemand im Restaurant rührte sich – wahrscheinlich, weil alle Männer bewaffnet waren, Pistolen deutlich sichtbar. Christian drehte sich einmal um, die Augen weit vor einer Mischung aus Angst und… etwas anderem. Eine Entführung? Für Leute wie uns nicht unüblich – vor allem, wenn sie irgendwie herausgefunden hatten, wer er wirklich war. Bevor ich weiter nachdenken konnte, sprang ich vor und trat dem ersten Mann, der Christian festhielt, mit voller Wucht vor die Brust. Er taumelte zurück. Bevor ein anderer eingreifen konnte, bückte ich mich, riss ihm die Pistole aus dem Holster und richtete sie auf die Gruppe. „Lasst ihn los.“ Sie ließen sofort los und traten zurück. Ich überbrückte die Distanz zu Christian, die Waffe weiter geradeaus haltend. „Bist du okay?“ Christian schluckte schwer, seine Brust hob und senkte sich schnell, während ich vor ihm stand. „Verschwindet. Oder ich schieße. Jetzt!“ Die Männer zogen sich sofort zurück, ließen die Tür offen. Ich sah zu, wie sie in zwei schwarze Autos stiegen und davonfuhren. „Christian“, sagte ich und drehte mich zu ihm. Er schenkte mir ein kleines, angespanntes Lächeln. „Du hast mir geholfen.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Jemand musste es ja tun. Bist du okay? Willst du heute nach Hause?“ Er nickte. Und weil ich mich plötzlich verpflichtet fühlte, ihn zu beschützen, begleitete ich ihn zur Tür und dann nach draußen, die Waffe noch immer nah bei mir, um sicherzugehen, dass ihm nichts passierte. Ein paar Meter entfernt stand ein schwarzer Maybach, makellos und imposant. Der Fahrer wartete daneben, die Hände respektvoll vor dem Körper gefaltet. Ich drehte mich zu Christian um, die Stirn gerunzelt, als mir langsam dämmerte, was wirklich passiert war. Es war keine Entführung gewesen. Das waren nur die Leibwächter der Volkov-Familie, die ihn abholen wollten. „Junger Herr“, sagte der Fahrer und verneigte sich. „Bitte steigen Sie ein.“ Christian lächelte, dann wandte er sich mir zu. In seinen Augen mischten sich Schuld und ein Hauch von Stolz. „Sie sollten mich abholen. Deine Schicht ist sowieso fast vorbei. Möchtest du mitkommen?“ Ich schluckte, riss die Augen auf und spielte die Überraschte, die ich gar nicht war. „Ich… ich gehe erst mal wieder rein. Pass einfach auf dich auf.“ Christian betrachtete mich eine Weile, bevor er langsam nickte. „Dann sehe ich dich morgen, Elena?“ Ich nickte etwas unbeholfen und trat vom Auto zurück. Er stieg hinten ein, die Fenster fuhren hoch. Ich blieb stehen, bis der Wagen anfuhr, dann drehte ich mich zurück zum Restaurant. Bevor ich die Tür öffnen konnte, zerriss eine gewaltige Explosion die stille Gasse. Ich schrie leise auf, klammerte mich an den Türgriff und wirbelte herum, die Augen vor Schock und einem Hauch von Angst weit aufgerissen. Christians Wagen lag einige Meter weiter auf dem Dach, Flammen breiteten sich langsam darunter aus. Ich keuchte auf und rannte sofort los, alles andere ignorierend. Ich erreichte das Auto, riss die verbeulte hintere Tür auf. Christian hing kopfüber, Blut lief ihm von Schläfe und Lippen, seine Augen flatterten zwischen Bewusstsein und Ohnmacht. Ich zerrte die Tür weiter auf, um mehr Platz zu schaffen, und zog ihn heraus, bis er sicher auf dem Boden lag. Mit zitternden Fingern griff ich nach meinem Handy, rief sofort einen Krankenwagen und gab die Adresse durch. Christians Finger schlossen sich langsam um mein Handgelenk. Er sah schwach aus, das Licht in seinen Augen gedimmt, die Lippen lautlos geöffnet. Ich blickte zu ihm hinunter, ließ das Handy fallen und nahm sein Gesicht in mich auf. „Du wirst wieder gesund. Der Krankenwagen ist unterwegs und…“ „Du…“, brachte er hervor, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Wer bist du?“
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